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Christa Hubrig, Peter Herrmann: [...] Systemisches Denken in Unterricht, Beratung und [...]

Cover Christa Hubrig, Peter Herrmann: Lösungen in der Schule. Systemisches Denken in Unterricht, Beratung und Schulentwicklung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 271 Seiten. ISBN 978-3-89670-454-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Einführung in das Thema

Systemisches Arbeiten gewinnt in pädagogischen und beraterischen Kontexten immer mehr an Bedeutung. Die Erfahrung der letzten Jahre hat insbesondere in der Sozialen Arbeit gezeigt, dass mit systemisch-lösungsorientierten Beratungsformen wirkungsvolle und nachhaltige Veränderungen möglich gemacht werden können. Inzwischen ist auch bei den unterschiedlichen Schulformen das Interesse an systemischen Ansätzen gewachsen. Welche Möglichkeiten sich hier für alle Beteiligten ergeben - seien es Lehrer/-innen, Eltern, andere Erziehungsberechtigte, Schüler/-innen sowie für weitere im schulischen Rahmen tätige Personen - zeigt dieses Buch auf. Insbesondere die doppelte Rolle von Beratungslehrern/-innen (Unterricht und Beratung) wird ins Blickfeld gerückt.

Autorin/Autor

Christa Hubrig ist Diplom-Psychologin und unterrichtet als Lehrerin Deutsch, Geschichte und Politik. Sie arbeitet als Beratungslehrerin an einem Gymnasium und leitet seit 1993 zusammen mit dem Co-Autor Peter Herrmann das Kölner ISIS für Lehrerfortbildungen (Institut für systemische Lösungen in der Schule). Sie ist ausgebildete Supervisorin und hat den NLP- Master. Gemeinsam mit Peter Herrmann verfügt sie über Ausbildungen in Gesprächspsychotherapie, systemischer Familientherapie und Hypnotherapie.

Dr. Peter Herrmann ist Diplom-Pädagoge, verfügt neben den genannten Ausbildungen noch über eine Ausbildung als Gestalttrainer und NLP- Trainer und ist seit 1981 beraterisch in unterschiedlichen ambulanten bzw. klinischen Kontexten tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in die folgenden fünf Bereiche unterteilt:

  1. Systemische Lösungsdynamik in der Schule
  2. Systemtheorie und Schule
  3. Systemisches Denken und Handeln im Unterricht
  4. Systemisch-lösungsorientierte Arbeit von Beratungslehrern
  5. Die Organisation "Schule" aus systemischer Sicht

Die Teile 3 und 4 nehmen dabei mit über 150 Seiten die weitaus größte Bedeutung ein - sowohl inhaltlich als auch von der Menge her.

  1. Im ersten Abschnitt wird die Lösungsorientierung anschaulich gemacht, wobei "Lösung kein Handlungsrezept, sondern die Auflösung einer Problemkonstruktion im Kopf" (S. 33) sei. Anhand eines Beispiels aus einer Supervision wird veranschaulicht, wie z.B. eine Systemaufstellung zu konkreten Lösungsschritten führen kann. Wer hier direkt nur "Strukturaufstellungen nach Hellinger" vermutet, wird in den weiteren Ausführungen schnell merken, dass die Darstellung eines Systems mittels Personen, Figuren, o.ä. nur eine von sehr vielen Interventionsmethoden der systemischen Beratung ist. Gerade in den weiteren Teilen des Buches zeigt sich, dass das Autorenduo mehr an einer weiten Bandbreite systemischen Denkens interessiert ist.
  2. Im zweiten 50seitigen Teil des Buches werden die Lesenden mit den unterschiedlichen Richtungen system- bzw. familientherapeutischen Arbeitens und der jeweiligen Entwicklung vertrauter gemacht. Hier wird die Bedeutung von wegweisenden Therapeuten/-innen und Forschern/-innen kurz aufgezeigt, ob es nun Watzlawick, Stierlin, Bowen, Bateson, Maturana, Erickson sind oder auch von Foerster, Luhmann, Singer, Sartier, de Shazer, Minuchin, Bandura und viele andere. Es gelingt dem Autorenduo auf relativ engem Raum die Facettenvielfalt systemischer Theorie und Praxis darzustellen.
  3. Mit Hilfe dieser Übersicht vermag man dann auch die Hintergründe für den dritten Teil des Buches verstehen. Dieser beschäftigt sich vornehmlich mit Haltungen und Handlungen auf systemischer Weise. Christa Hubrig und Peter Herrmann stellen hierbei Herausforderungen, die an Schulen gestellt werden, in einen weiten Gesamtzusammenhang; wobei sie institutionelle, politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und familiäre Aspekte auf den Ebenen Individuum, Zweier-Beziehung und Gruppenbildung übertragen und hierbei auch psychische Gesichtspunkte mit ins Feld ziehen. So werden neurobiologische Lernaspekte, die Lehrerrolle, Schülerverhalten, Elterngespräche, die Lehrerhaltung und der Berufsstand Lehrer aus systemischen Blickwinkeln betrachtet.
  4. Im vierten Teil des Buches wird dann die konkrete systemisch-lösungsorientierte Arbeit von Beratungslehrern/-innen mit zahlreichen Fallbeispielen erläutert. Der Erstkontakt mit Auftragsklärung, das Rollenverständnis und Interventionsmethoden werden dargestellt und reflektiert. Spezielle Schulprobleme und Suchtsymptomatiken werden noch einmal gesondert beschrieben hinsichtlich ihrer möglichen Kontexte. Mit einem eher organisationspsychologischen Aspekt, wie Beratung an einer Schule installiert werden kann und welche Vielfalt an Herausforderungen sich für alle Beteiligten ergeben kann, endet dieser Abschnitt.
  5. Im fünften Teil des Buches wird noch einmal kurz die Schule hinsichtlich ihrer Organisation aus systemischer Sicht betrachtet. Dieser sehr kurze Abschnitt untersucht noch einmal die unterschiedlichen Ebenen (individuelle, interindividuell und institutionell) und macht deutlich, wie sehr allein schon die Betrachtungsweise von Problemen die Veränderungsmöglichkeiten beeinflussen.

Das 15seitige Literaturverzeichnis ist sehr sorgfältig aufbereitet und berücksichtigt sowohl neuere als auch bewährte Literatur. Allgemeine Standardwerke finden sich hier genauso wie auch eine spezifische Thematik behandelnde Fachbücher.

Zielgruppen

Die Lektüre dieses Buches ist eigentlich jedem zu empfehlen, wer in irgendeiner Weise mit dem "Leben der Schule" befasst ist. Insbesondere natürlich Lehrer/-innen, Beratungslehrer/-innen, Schulpsychologen/-innen und Jugendsozialarbeiter/-innen an Schulen können viele Impulse aus der Lektüre gewinnen. Darüber hinaus eignet sich "Lösungen in der Schule" auch für Schulleitungen, Seminarleiter/-innen und Verantwortliche in Schulämtern und in der Lehreraus- bzw. fortbildung tätige Personen.

Aber auch außerhalb des schulischen Kontextes, z.B. in Beratungsstellen, Kinder- und Jugendkliniken, Jugendämtern oder auch in freien Praxen werden viele Sozialarbeiter/-innen, Psychologen/-innen und Familientherapeuten/-innen vielfältige Informationen und Handlungsimpulse aus dem Buch gewinnen können.

Diskussion

Dieses Buch könnte sich schon rasch zum Klassiker entwickeln. Denn es ist sehr gut gegliedert und gibt im ausgewogenen Maße sowohl theoretische Inputs als auch praktische Hilfestellungen. Plausible, realistische Fallbeispiele werden gut in den theoretischen Ausführungen integriert. Praktisch-reflexiv werden ungemein viele systemische Haltungen und Interventionsstrategien berücksichtigt. Das Autorenpaar hat dabei weder auf einseitig kognitiv geprägte Formen noch auf Strukturaufstellungen nach Bert Hellinger allein Wert gelegt, sondern durchweg ausgewogen auch körperbezogene und hypnotherapeutische Ansätze einbezogen.

Die breitgefächerte Literatur- und Autorenauswahl ist ebenso hilfreich wie auch das angemessene Verhältnis von Eigentext, Zitierung und Graphiken. Letztere wirken leider manchmal starr und theoretisch. Hier hätten die durchaus ja vorhandenen systemischen Cartoons auflockernd wirken können. Bei einzelnen Textabschnitten merkt man dem Autorenduo die "psychologische Herkunft" an. Hier wären es hilfreich gewesen, bei der Benutzung von spezifisch psychologischen bzw. systemischen Termini diese zu erläutern. Im Gesamten aber noch brauchbarer wäre sicher auch ein Fachterminiregister am Ende des Buches gewesen oder/und auch ein Sachwortregister.

Ansonsten merkt man den Fallbeispielen und auch den Formulierungshilfen für systemische Interventionen nicht an, dass das Autorenpaar einen gymnasialen Hintergrund hinsichtlich ihres praktischen Erfahrungsfeldes hat.

Fazit

Es gelingt Christa Hubrig als auch Peter Herrmann in ausgezeichneter Weise, schulische und beraterische Arbeit systemisch zu betrachten und auch ein integratives Vorbild zu sein für eine sinnvolle, lösungsreiche Zusammenarbeit sowohl innerhalb der Schule, als auch in Bezug auf Elternhäuser und diverse Hilfs- und Beratungsstellen. Diese Integrationsleistung von Schule, Psychologie, Sozialer Arbeit und Systemischen Denken ist exzellent gelungen; zumal auch ein realistisches Bild der jeweiligen Bereiche vermittelt wird. Bei dem ein oder anderen Fall wäre es sicherlich sinnvoll gewesen, noch einmal explizit darauf hinzuweisen, dass die Fälle verkürzt dargestellt sind und nicht immer so schnell zum Erfolg führen. Grandios ist vor allem die leicht verständliche Darstellung der systemischen Interventionsstrategien; auch wenn noch einmal hätte ausdrücklich betont werden sollen, dass für die Durchführung systemischer Praktiken nicht allein die Lektüre des Buches nötig ist, sondern eine fundierte Ausbildung unbedingt erforderlich.

Im Gesamten ist dieses Werk fast schon ein Lehrbuch über systemische Arbeit an Schulen, wenn die systemischen Methoden und Hintergründe ausführlicher beschrieben worden wären. So aber ist zu wünschen, dass das Buch entscheidend mit dazu beiträgt, dass "Lösungen in der Schule" mehr Raum gewinnen - zum Nutzen aller.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 22.11.2005 zu: Christa Hubrig, Peter Herrmann: Lösungen in der Schule. Systemisches Denken in Unterricht, Beratung und Schulentwicklung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. ISBN 978-3-89670-454-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3155.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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