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Bruno Hildenbrand: Fallverstehen, Begegnung und Verständigung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 11.03.2024

Cover Bruno Hildenbrand: Fallverstehen, Begegnung und Verständigung ISBN 978-3-98740-060-5

Bruno Hildenbrand: Fallverstehen, Begegnung und Verständigung. Grundlagen berufsfachlichen Handelns im Kinderschutz. Ergon Verlag (Würzburg) 2023. 183 Seiten. ISBN 978-3-98740-060-5. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
Reihe: Kindheit, Familie, Pädagogik - 10.

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Thema

Staufen in Baden-Württemberg und Lüdge in Nordrhein-Westfalen stehen für die größten Missbrauchsskandale im Kontext von Jugendhilfe der letzten Jahre. Der Frage, wie dem Einhalt geboten werden kann und den Antworten darauf ist dieses Buch gewidmet. Ziel ist es, die Berufsfachlichkeit im Kinderschutz zu steigern. Ein dafür geeignetes, in eigener Forschung entdecktes Handlungsmuster wird vorgestellt. Diese Ergebnisse entstanden im Rahmen eines bundesweit über zwölf Jahre angelegten Forschungsprojekts. Projektleiter war der Autor, damals Klinischer Soziologe an der Friedrich Schiller-Universität Jena. Dieses Buch richtet sich, so der Verlag, an Fachkräfte der Jugendhilfe, solche der Sozialpädagogik, der Rechtspflege und der Medizin – auch an politisch Verantwortliche.

Autor

Bruno Hildenbrand ist ein deutscher Soziologe und ehemaliger Hochschullehrer. Hildenbrand habilitierte sich an der Universität Frankfurt am Main und war seit 1994 Professor für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 

Entstehungshintergrund

Diese Ergebnisse entstanden im Rahmen eines bundesweit über zwölf Jahre angelegten Forschungsprojekts. Projektleiter war der Autor, damals Klinischer Soziologe an der Friedrich Schiller-Universität Jena. Dieses Buch richtet sich an Fachkräfte der Jugendhilfe, solche der Sozialpädagogik, der Rechtspflege und der Medizin – auch an politisch Verantwortliche.

Aufbau und Inhalt

Neben den üblichen Formalia besteht das Buch aus fünf Kapiteln.

1. Eine Skizze zur Geschichte der Entwicklung des hier verwendeten Konzepts zu den Grundlagen berufsfachlichen Handelns im Kinderschutz

In diesem Kapitel werden die theoretischen Rahmungen eingeführt, wobei ein besonderer Fokus auf das Meilener Konzept systemischer Beratung und Therapie gelegt wird, das vom Fallverstehen in der Begegnung mit Menschen ausgeht.

2. Berufsfachliches Handeln im Alltag des Jugendamtes (ASD)

In diesem Kapitel werden zwei interessante und lehrreiche Vorgehensweisen von ASD-Fachkräften beschrieben.

3. Handlungsmuster bei Kindeswohlgefährdung

Bruno Hildenbrand führt in diesem Kapitel fünf Handlungsmuster zum Umgang mit Kindeswohlgefährdungen ein: „das Wachsame Abwarten“, „Reingehen, rausholen, stationäre Unterbringung: ein Muster aus vergangener Zeit“, „Minimale Reaktion aus der Distanz, abwarten“, „Minimale Reaktion, abwarten und in Vernetzungsgremien viel darüber reden“ sowie „Verwalten, kontrollieren, Schuld zuweisen“

4. Was stellt man sich im Jugendamt unter einer Familie vor? Die folgenreiche Reduktion der Familie auf die Dyade (Mutter-Kind-Beziehung)

In einer großen Zahl an Unterkapiteln beschreibt Bruno Hildenbrand, warum er zu dem Schluss kommt, dass es bezüglich der Familienbilder im Jugendamt dringenden Renovierungsbedarf gibt.

5. Wie wird Fallverstehen in der Begegnung dokumentiert?

Dokumentation und Soziale Arbeit scheint häufig nicht unbedingt zusammenzupassen – aber ist das wirklich so? Was gibt es dabei gerade unter Berücksichtigung der in den vorherigen Kapiteln erarbeiteten Erkenntnisse zu berücksichtigen? Was ist wichtig?

Diskussion

Haltung ist ein Begriff, dessen Bedeutung Studierende der Sozialen Arbeit immer und immer wieder vermittelt wird: ‚Das ist eine Frage der Haltung‘ ist da oft zu hören. Gerade im Kinderschutz gehört die Haltung sicherlich zu den Grundausrüstungen des berufsfachlichen Handelns. Sie hat große Bedeutung, ist aber definitiv nicht das Maß aller Dinge. Es geht um viel mehr, ist doch gerade im Kinderschutz und bei den Jugendämtern das Machtgefälle zwischen Adressat:innen und Fachkräften enorm. Um damit umgehen zu können und im Dilemma zwischen zu viel und zu wenig Handeln zu bestehen, zeigt Bruno Hildenbrand Wege auf, die er aus eigener Forschung entwickelt hat und das Interesse geweckt. Es geht dabei, wie der Untertitel verrät, auf der einen Seite um die Bedeutung des Fallverstehens. Als Fachkraft muss ich in der Lage sein, die Dimensionen des vor mir liegenden Falls zu verstehen. Das ist im Kinderschutz so, aber sicherlich auch ganz grundsätzlich in der Arbeit mit Menschen. Nur so können letztlich Begegnung und Verständigung entstehen. Auch wenn es um Kinderschutz geht, muss es nicht immer die Brechstange sein, mag man in manchem Fall den Kolleg:innen zurufen. In den Kontakt zu gehen, den ‚Fall‘ als Möglichkeit zur Begegnung zu sehen, erschließt oft ganz andere Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit den Menschen, mit denen man zu tun hat. Geht es doch letztlich nicht ums Recht haben, sondern darum, das Beste für ein Kind zu erreichen: Und während gerade Eltern da natürlich mit sehr viel Emotionalität herangehen, haben die Fachkräfte einen (gesetzlich normierten) Auftrag zu erfüllen.

Es spricht an dieser Stelle Bände, dass Bruno Hildenbrand bei seiner Untersuchung auf ganz verschiedene Typen von Sozialarbeiter:innen gestoßen sind. Auf der einen Seite die, die sich über jede Kritik erhaben sehen und keinerlei Notwendigkeit erkennen (können oder wollen), in ihrer Kinderschutzarbeit etwas zu ändern, auf der anderen Seite die, die sich hinterfragen, die versuchen, einen Perspektivwechsel eingehen. Es mag sich jede*r selbst Gedanken zu machen, wen von diesen Fachkräften man selbst als zuständige Sachbearbeitung haben möchte.

Besonders ans Herzen legen möchte der Rezensent an dieser Stelle den Leser*innen die fünf Handlungsmuster bei Kindeswohlgefährdung. Man mag es fast kaum glauben, dass manches davon noch weit verbreitet ist. Aber beim Lesen dürfte jedem/​jeder klar werden, dass es auch in seinem/​ihren ASD manchmal nicht viel anders zugeht.

Fazit

Ein lesenswertes Buch, das hält, was es auf dem Cover verspricht: Es liefert Grundlagen für das berufsfachliche Handeln im Kinderschutz. Auch wenn die theoretischen Ausführungen manchmal durchaus anspruchsvoll zu lesen sind, entwickelt sich aus den praktischen Beispielen eine gut lesbare und nachvollziehbare Konzeption zum berufsfachlichen Handeln im Kinderschutz. Beim Lesen denkt man an mancher Stelle: Es könnte doch so einfach sein!

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Es gibt 48 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 11.03.2024 zu: Bruno Hildenbrand: Fallverstehen, Begegnung und Verständigung. Grundlagen berufsfachlichen Handelns im Kinderschutz. Ergon Verlag (Würzburg) 2023. ISBN 978-3-98740-060-5. Reihe: Kindheit, Familie, Pädagogik - 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31568.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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