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Jan Hiller, Armin Lude u.a.: Expedition Stadt + Natur

Rezensiert von Prof.in Dr.in Daniela Cornelia Stix, 20.03.2024

Cover Jan Hiller, Armin Lude u.a.: Expedition Stadt + Natur ISBN 978-3-98649-046-1

Jan Hiller, Armin Lude, Stephan Schuler: Expedition Stadt + Natur. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2023. 134 Seiten. ISBN 978-3-98649-046-1. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

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Thema

Das Handbuch „ExpeditioN Stadt + Natur“ will vermitteln, wie digitale Themenrallyes als mobile Lernangebote an außerschulischen Lernorten in Stadt (und Natur) mit der App Actionbound gestaltet und umgesetzt werden können. Dazu werden spielerische Elemente mit einer digital unterstützten Exkursionsdidaktik verküpft und an konkreten Praxisbeispielen, die thematisch an Nachhaltigkeitsthemen angebunden sind, verdeutlicht. Es richtet sich (aufgrund der eingebrachten Beispiele) vornehmlich an Lehrkräfte der Sekundarstufe I (S. 8). Als didaktischer Leitfaden für eigene digitale Themenrallyes hat das Handbuch aber für Bildungsakteur:innen und Multiplikator:innen aller Arten und Altersgruppen Mehrwert.

Entstehungshintergrund und Autoren

Das Handbuch ist den Autoren zufolge die Abschlusspublikation eines Praxisforschungsprojekts mit ähnlich lautendem Titel, bei dem das mobile ortsbezogene Lernen in Heilbronn/​Ludwigsburg im Zentrum stand. Die Autoren, die an der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg im Bereich Geographie(-didaktik) bzw. Biologie tätig sind, hatten zuvor bereits Erfahrung mit ähnlichen Projekten, welche ebenfalls in einer Vorgängerauflage dieses Handbuchs veröffentlicht wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert.

In Kapitel 1 werden die zentralen Begriffe bzw. Kategorien bereits eingeführt sowie ein Überblick über den Hintergrund des Praxisforschungsprojekts gegeben. In größerem Umfang wird anschließend der forschungsmethodische Ansatz des Design-Based Research (sic!) dargelegt. In diesem Abschnitt wird deutlich, dass Projekt – und Handbuch – auf zwei Ziele ausgerichtet sind: Es sollen sowohl anwendbare Bounds (Begriff siehe nachfolgende Zusammenfassung von Kapitel 2) entwickelt werden, „die unmittelbar im schulischen Alltag angewendet werden können“ (S. 11) als auch empirisch fundierte Erkenntnisse zur optimalen didaktischen Entwicklung und Ausgestaltung von Bounds weitergegeben werden.

„Mobiles Lernen in der BNE“ lautet das 2. Kapitel. Wenngleich in 2.1 einleitend – und in Anbetracht des nachfolgenden dritten Kapitels relativ oberflächlich – zunächst auf die BNE eingegangen wird, werden im 2. Kapitel ausschließlich das mobile Lernen und digitale Themenrallyes behandelt. Mobiles Lernen wird dabei verstanden als „Lernen mit tragbaren Lerngegenständen“ (S. 17), da dies auch Hefte und Bücher sein könnten, wird dies konkretisiert auf „mobile elektronische Geräte“ (S. 17). Zentral sind des Weiteren die Lernorte. Während der primäre Lernort die Schule ist, sind die aufgesuchten Orte sekundäre Lernorte. Da diese nicht beliebig sein sollten, wird sich das im Handbuch vorliegende didaktische Material letztlich auf mobiles ortsbezogenes Lernen mit elektronischen Geräten fokussieren. Auf diese Eingrenzung folgt ein Abschnitt zum Thema Verbreitung von Smartphones und BYOD. Ehe auf digitale Themenrallyes eingegangen wird, wird das Lernen mit Smartphones theoretisch im SAMR-Modell verortet. Hier wird erneut deutlich, dass es den Autoren mit dem Handbuch darum geht, eine empirisch fundierte Anleitung für den didaktisch wertvollen Einsatz von digitalen Geräten im Allgemeinen und Actionsbounds im Besonderen zu präsentieren. Serious Games werden definiert, Risiken & Grenzen (durch Akkulaufzeiten, Netzabdeckung, Wetterbedingungen etc.) thematisiert und verschiedene Software zur Durchführung von Smartphone-Rallyes vorgestellt. Die nachfolgenden Kapitel 2.2, 2.3. und 2.4 umfassen mehrere Lernmodelle und konzepte. Unter dem Motto „Digitale Bildung braucht spezifische Kompetenzen“ (S. 21), z.B. das TPACK-Modell zu den technologiebezogenen fachdidaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte, außerdem ein Modell zu exkursionsdidaktischen Grundmustern oder die Gamification-Pyramide. Am umfangreichsten ist das Kapitel 2.5 in dem die Software Actionbound inkl. seiner detaillierten Bedienung vorgestellt wird. Auch werden hier bereits erste hilfreiche Hinweise für eine eigene Entwicklung von Bounds gegeben. Das Kapitel 2.6 schließt den Themenkomplex zum digitalen Lernen mit dem von den Autoren entwickelten „didaktischen Rahmenmodell für die Gestaltung digitaler mobiler Lernumgebungen“ (S. 34 f.) ab.

Im dritten Kapitel wird Nachhaltigkeit als Lerngegenstand vorgestellt und die Bedeutung von urbanen und ländlichen Räumen als Lernorte für BNE dargelegt. Das Kapitel ist zu Beginn eher theoretischer Art: Zunächst werden die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der UN vorgestellt. Diese SDGs können den Autoren zufolge mittels des Hauptgutachtens aus dem Jahr 2016 des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen (WBGU) sowie der Leipzig Charta 2020 und zusätzlich der im SDG-Portal abrufbaren städtebezogenen Daten mit dem Lernraum Stadt verknüpft werden. Hieraus lassen sich dann wiederum zahlreiche Themenfelder ableiten, die in digitalen Themenrallyes bearbeitet werden können. Es folgen Ideen (bezogen auf Heilbronn und Ludwigsburg) wie Themenfelder in Actionsbounds umgesetzt werden können. Zum Themenfeld nachhaltige Mobilität beispielsweise wird empfohlen besonders belastete Orte finden zu lassen, an Bahnhöfen das Ineinandergreifen von verschiedenen ÖPNV-Angeboten zu erkunden oder hinsichtlich der Fahrradinfrastruktur benachteiligende und vorbildliche Radwegelösungen zu erforschen. In Kapitel 3.3 wird anschließend – verhältnismäßig knapp – dargelegt wie die Natur und das Umland einer Stadt als Lernräume dienen können.

In Kapitel 4 wird es praktisch, da in vier Unterkapiteln konkrete Hinweise gegeben werden, wie digitale Themenrallyes konzipiert werden sollten. Zuerst wird die Berücksichtigung der Kontextbedingungen (Ziele, Zielgruppe,Vorwissen etc.), sog. „didaktische Drehbücher“ thematisiert. Die Didaktik der Aufgabengestaltung, die an die BNE-Kompetenzbereiche Erkennen, Bewerten und Handeln anknüpfen sollte, wird darauf folgend dargelegt und mit zahlreichen Beispielen und Screenshots verdeutlicht. Um die Qualität der eigenen Bounds überprüfen zu können, stellen die Autoren anschließend ihre Merkmalsspinne vor und benennen weitere Qualitätskriterien. In Kapitel 4.4 legen die Autoren sehr ausführlich in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung dar, wie man sich selbst optimal vorbereiten sollte, bevor man einen eigenen Bound entwickelt und geben anschließend noch einmal gesammelt zahlreiche Praxistipps für die Erstellung und Durchführung von Bounds. Das vierte Kapitel schließt mit dem Angebot, die von den Autoren entwickelten kopierfähigen Actionbound-Bausteine und Lehrvignetten zu übernehmen (S. 86 f.).

Kapitel 5 greift die in Kapitel 1.3 genannte Absicht, empirisch fundierte Erkenntnisse zur optimalen didaktischen Entwicklung und Ausgestaltung von Bounds vorlegen zu wollen, auf. Hier gibt eine Grafik einen guten Überblick, wie komplex die Gestaltung von digitalen Themenrallyes sein kann: Die sechs Elemente, die berücksichtigt werden müssen, umfassen auf inhaltlicher Ebene die Themenkomplexe BNE und nachhaltige Stadtentwicklung. Auf didaktischer Ebene müssen Überlegungen zum situierten Lernen, zur Aufgabenkultur, zum mobile Learning und zur Exkursionsdidaktik in die Gestaltung einfließen. In Kapitel 5.2 wird der Evaluationsprozess des Forschungsprojekts dargelegt, ehe in Kapitel 5.3 aufgezeigt wird, wie eigene In-Bound-Evaluationen als Aufgaben gestaltet werden können.

Das Handbuch schließt mit Umsetzungsbeispielen für digitale Themenrallyes jeweils für die Städte Heilbronn und Ludwigsburg bzw. Anregungen für den Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald und den Lahnpark in Mittelhessen in Kapitel 6.

Diskussion

Das Werk „ExpeditioN Stadt + Natur“ ist ein Handbuch, das allen, die beabsichtigen selbst digitale Stadtrallyes zu gestalten, sehr hilfreich sein wird. Insbesondere wenn die Stadtrallyes sich inhaltlich auf Nachhaltigkeitsthemen fokussieren sollen, finden die Lesenden in diesem Handbuch zahlreiche Anregungen, Beispiele und sogar Bausteine, die übernommen werden können. Das Handbuch bietet darüber hinaus zahlreiche Praxis- und Umsetzungstipps, die die eigenen Erfahrungen der Autoren widerspiegeln: z.B. darauf zu achten, dass vor Ort verfügbare Informationen nicht zu schnell veralten oder entfernt werden können (S. 62), dass bei Passant:innenbefragungen zu konfliktträchtigen Themen besondere Vorsicht geboten ist (S. 70) oder dass Aufgabenstellungen mittels der Technik des lauten Denkens auf ihre Verständlichkeit überprüft werden sollten (S. 75).

Allerdings versuchen die Autoren zugleich den Spagat zwischen Projektdokumentation und Handbuch. Leider gelingt diese Verknüpfung nur bedingt und führt zusammen mit inhaltlichen Vorgriffen und uneinheitlichen Begriffsverwendungen zu Irritationen.

Zum Spagat: Exemplarisch sei hier auf die Kapitel 1 und Kapitel 5 verwiesen. In Kapitel 1.1 wird in das Thema eingeführt, sodann die ZG des Buchs definiert, anschließend Stadt als Lernort eingeordnet und abschließend ein Ausblick auf die didaktischen Werkzeuge, die in einem späteren Kapitel vorgestellt werden sollen gegeben. Dem schließt sich in 1.2 und 1.3 eine Darlegung des Projekthintergrunds und eine ausführliche Darlegung des methodischen Designs an. Nicht immer ist in Kapitel 1 ganz klar, ob das durchgeführte Projekt oder das Handbuch beschrieben wird.

Kapitel 5 bzw. dessen Überschrift „didaktische Prinzipien und Evaluation“ ließ mich als Lesende erwarten, dass ich nun Evaluations- und Reflexionsmethoden meiner eigenen durchgeführten Actionsbounds erwarten dürfe. In der Unterüberschrift wird allerdings angekündigt, dass mir erneut die Design-Prinzipien für Actionsbounds, die das Team aus der Evaluation abgeleitet hat, aufgezeigt werden. Letztlich erhalte ich eine Zusammenfassung, der in den vorherigen Kapiteln dargelegten Praxistipps und Design-Prinizpien, die in einem dreistufigen Modell verortet werden. Bevor ich Hinweise für die Gestaltung meiner eigenen Evaluation erhalte, die dann weniger als eine Spalte (!) umfassen, wird der Evaluationsprozess des Forschungsprojekts dargelegt.

Zu den inhaltlichen Vorgriffen und uneinheitlichen Begriffsverwendungen: Der Einführungsteil 1.1 ist dadurch verwirrend, dass zahlreiche Begriffe eingeführt und – wenn überhaupt – nur oberflächlich erklärt werden. Allein im Untertitel werde ich mit drei Begriffen konfrontiert: „mobiles außerschulisches Lernen“, „digitale Themenrallye“ und „(digitaler) Lehrpfad“. Bereits im ersten Satz des Vorworts wird die digitale Themenrallye mit „Bound“ synonymisiert. Im ersten Absatz des Einführungskapitels (1.1) werden die Begriffe knapp definiert, aber erst auf S. 27 in Kapitel 2.5 wird der Begriff „Bound“ ausführlich erläutert und eingeordnet. Der Begriff Lehrpfad dagegen spielt eine völlig nachrangige Rolle, stattdessen wird der Begriff Smartphone-Rallyes ab und an verwendet. Für Personen, die sich erst am Beginn der Auseinandersetzung mit dem Thema befinden, dürfte dies zu Irritationen führen. Günstiger wäre gewesen, durchgängig mit einem einzigen Begriff zu arbeiten und in dem entsprechenden späteren Buchkapitel eine Differenzierung vorzunehmen. Auch Kapitel 2 macht an einigen Stellen immer wieder einen „Rundumschlag“ (zu z.B. BNE, Serious Games, Risiken/​Grenzen der Nutzung der Geräte) statt fokussiert zunächst ausschließlich die Facetten des mobilen Lernens darzulegen und diese erst im Anschluss mit den Inhalten BNE und nachhaltige Stadtentwicklung zu verknüpfen.

Das Handbuch macht optisch einen sehr ansprechenden Eindruck durch Grafiken und Visualisierungen. Die Kapitelübergänge werden auf grünem Papier hervorgehoben, leider wird die gleiche Papierfarbe für ganzseitige Grafiken genutzt, was dann jedoch die Orientierung im Buch wiederum erschwert. Viele Screenshots aus der App Actionsbound geben den Lesenden eine Vorstellung davon, wie die spätere eigene digitale Stadtrallye gestaltet werden könnte. Hier führen allerdings teilweise die Druckqualität bzw. schmale Schriftart in Kombination mit Schwarz als Hintergrundfarbe zu Herausforderungen beim Lesen/​Entziffern der Beispiele.

Fazit

Das Handbuch „ExpeditioN Stadt + Natur“, ist das Ergebnis eines Praxisforschungsprojekts zu mobilem ortsbezogenem Lernen in Heilbronn und Ludwigsburg. Es präsentiert hilfreiche Informationen und praktische Tipps zur Gestaltung digitaler Themenralleys mit inhaltlichem Fokus auf Nachhaltigkeitsthemen. Insgesamt ist „ExpeditioN Stadt + Natur“ als Wertvolle Anleitung für diejenigen, die sich für innovative Lehrmethoden interessieren, zu empfehlen.

Rezension von
Prof.in Dr.in Daniela Cornelia Stix
Daniela Cornelia Stix ist Dipl.-Sozialpädagogin/-arbeiterin und Medienwissenschaftlerin (M.A.) und als Professorin für Soziale Arbeit an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Themen Digitalität und Digitalisierung der Sozialen Arbeit, Naturpädagogik sowie die Kinder- und Jugendarbeit.
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Es gibt 19 Rezensionen von Daniela Cornelia Stix.

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Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 20.03.2024 zu: Jan Hiller, Armin Lude, Stephan Schuler: Expedition Stadt + Natur. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2023. ISBN 978-3-98649-046-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31572.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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