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Lilian Schwerdtner: Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt

Rezensiert von Franziska Weiser, 28.03.2024

Cover Lilian Schwerdtner: Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt ISBN 978-3-96042-103-0

Lilian Schwerdtner: Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt. Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung. edition assemblage (Münster) 2021. 173 Seiten. ISBN 978-3-96042-103-0. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.

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Thema

Mit ihrer Veröffentlichung ‚Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt. Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung‘ widmet sich Lilian Schwerdtner einem gesellschaftlich relevanten und hochaktuellen Thema, welches durch feministische Mobilisierungen wie #MeToo mehr Aufmerksamkeit erlangt. Neben einer facettenreichen Analyse sprachlicher Gewalt in diesem Zusammenhang, wird die Autorin nicht müde, immer wieder die strukturelle Dimension sexualisierter Gewalt zu betonen. Die Autorin verbindet theoretische Konzepte mit praxisnahen Beispielen, übt Kritik am derzeitigen Sprechen über sexualisierte Gewalt, beschreibt aber auch Positivbeispiele und formuliert eingehend, welche Bedingungen ein gelingendes Sprechen über sexualisierte Gewalt hat.

Autorin

Lilian Schwerdtner hat ein Studium der Philosophie und Soziologie abgeschlossen und wohnt in Berlin. Ihr Engagement gegen sexualisierte Gewalt zeigt sich unter anderem durch ihre Mitgliedschaft im Kollektiv ‚Actions against Rape Culture‘ sowie in der Produktion des Podcasts ‚Not your Opfer‘.

Aufbau & Inhalt

Die Publikation ist in fünf Kapitel mit Unterkapiteln gegliedert und ist gerahmt durch eine Einleitung und einen Schlussteil und beinhaltet darüber hinaus ein Postskriptum. Im Folgenden werden die Inhalte der einzelnen Kapitel zusammengefasst und dargestellt:

Die Einleitung verdeutlicht, dass sich Menschen bei Sprechen über sexualisierte Gewalt zwischen einer Offenbarung und einer Anklage, also in einem Spannungsfeld befinden. Dieses Sprechen ist nach Lilian Schwerdtner immer eingebettet in bestehende Vergewaltigungsdiskurse der jeweiligen Gesellschaft und kann, soweit es öffentlich ausgeübt wird, politisches Potenzial haben. Bereits an dieser Stelle macht die Autorin ihre Haltung deutlich, dass es nicht die Verpflichtung Betroffener ist, sich mit ihren Gewalterfahrungen zu artikulieren. Vielmehr hängt nach ihr gelingendes Sprechen über sexualisierte Gewalt von den Zuhörer*innen ab.

Das Kapitel Sexualisierte Gewalt und sprachliche Gewalt – eine Annäherung stellt ein Grundlagenkapitel dar, in welchem zentrale Begriffe wie Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt sowie für die Publikation bedeutsame theoretischen Ansätze näher erläutert werden. Hierbei führt die Autorin anhand von Heinrich Popitz und Judith Butler die Konzepte von Verletzungsmacht und -offenheit aus. Anschließend werden die Subjektivationstheorie nach Judith Butler und die Überlegungen von John L. Austin zu Sprechakten sowie unsprechbaren Akten beschrieben. Hierbei sind vor allem die lokutionäre Ebene (die Ausformulierung von verstehbaren Worten), die illokutionäre Ebene (die mit dem Sprechen verbundene soziale Interaktion) sowie die perlokutionäre Ebene (die Auswirkung des Gesagten) für die Veröffentlichung von Lilian Schwerdtner maßgebend. Anhand dieser sprechakttheoretischen Ebenen nach John L. Austin sind auch die nachfolgenden Kapitel gegliedert und mit den Überlegungen von Rae Langton wie Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, ‚entstimmlicht‘ werden verknüpft.

Im Kapitel Keine Worte: Nicht sprechen können oder nicht sprechen wollen, analysiert Lilian Schwerdtner verschiedene Formen sprachlicher Gewalt im Zusammenhang mit dem Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt (lokutionäre Ebene des Sprechaktes). Darüber hinaus wird vor allem jenes Schweigen thematisiert, in dessen Sinne die Betroffenen entweder nicht sprechen können oder es nicht wollen. In Unterkapiteln wird auf Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt und sowie auch Kritik an der Pathologisierung dieser in Bezug auf die Versprachlichung sexualisierter Gewalt eingegangen. Anschließend findet eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Scham auf zwei Ebenen statt, zum einen als internalisierte Schuldumkehr und zum anderen in Verbindung mit der Subjekttheorie Judith Butlers.

Das nachfolgende Kapitel Achtlose Ohren: Sprechen, aber nicht gehört werden behandelt jenes Sprechen, welches von den Adressat*innen aus verschiedenen dargestellten Gründen nicht angehört wird (illokutionäre Ebene des Sprechaktes). Die Autorin thematisiert in diesem Kapitel und dessen Unterkapitel zwei Arten jener sprachlichen Gewalt, welche zur ‚Entstimmlichung‘ der Betroffenen führen. Nach einer theoretischen Erläuterung des Konzepts der ‚Entstimmlichung‘ nach Rae Langton sowie einem Exkurs zur Verharmlosung sexualisierter Gewalt durch Begrifflichkeiten folgt die Ausführung der zwei Grundformen sprachlicher Entmachtung: Abwehr und Umdeutung. Diese werden anhand von anschaulichen und teils bekannten Beispielen wie das der Odenwaldschule ausgeführt.

Das Kapitel Legitimes Sprechen – Instrumentalisierung und Opfer*diskurs beschäftigt sich mit der Instrumentalisierung des Sprechens Betroffener. In diesem Kapitel geht es um die intendierten und die tatsächlichen Folgen des Gesagten (perlokutionäre Ebene des Sprechaktes). Lilian Schwerdtner zeigt in den nachfolgenden Unterkapiteln zu Sexismus und Rassismus die Instrumentalisierung des Sprechens über sexualisierte Gewalt entlang dieser Diskriminierungskategorien auf. In einem weiteren Unterkapitel werden die Verschränkungen dieser in einem intersektionalen Sinn erläutert. Vor allem kritisiert die Autorin hierbei, dass häufig über Betroffene gesprochen wird und sie nicht Teil der (öffentlich-politischen) Debatte sind, wodurch es zum ‚Othering‘ der Betroffenen kommen kann. Warum dies sowie die Vereinheitlichung des Opfer*diskurs höchst problematisch sind, wird in einem weiteren Unterkapitel ausgeführt. Zum Abschluss des Kapitels findet sich noch ein Exkurs zur Verwendung von Triggerwarnungen und aus welchen drei Gründen die Autorin dies als nicht förderlich betrachtet.

Abschließend nutzt die Autorin im Kapitel Gelingend(er)es Sprechen – Politisierung des Zuhörens die aus dem vorherigen Kapitel gewonnenen Erkenntnisse und benennt insgesamt acht Bedingungen, welche ein gelingend(er)es und selbstbestimmtes Sprechen über sexualisierte Gewalt ermöglicht werden kann. Diese acht Bedingungen sind in drei übergeordnete Kategorien unterteilt, welche die Autorin als strukturelle Bedingungen, auf Zuhörende bezogene Bedingungen und auf Betroffene bezogene Bedingungen betitelt. Eine dieser Bedingungen ist beispielsweise, dass mit den Betroffenen gesprochen werden soll statt über sie. Diese Art des Sprechens über sexualisierte Gewalt gibt den Betroffenen laut Lilian Schwerdtner Handlungsmacht zurück und verhindert Paternalisierung oder Instrumentalisierung der Gewalterfahrung für andere, z.B. sexistische oder rassistische Diskurse. Zu Ende des Kapitels führt sie noch zwei Beispiele, ‚DefMa‘ und #MeToo als Beispiele gelingenden Sprechens über sexualisierte Gewalt aus.

Im Schluss Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung kommt Lilian Schwerdtner zum Ergebnis, dass die wichtigste Bedingung, um ein selbstbestimmtes Sprechen über sexualisierte Gewalt zu ermöglichen, das Bilden von Kollektiven ist. Sie fasst in ihrer Stellungnahme hierzu noch einmal die wichtigsten Argumente aus den vorhergehenden Kapiteln auf wenigen Seiten zusammen.

Im Rahmen eines nachfolgenden Postskriptum: Was ich zum Thema Prävention noch sagen möchte, folgen einige abschließende Bemerkungen der Autorin. Da sie in ihrem Buch immer wieder betont, dass es sich bei sexualisierter Gewalt um ein strukturelles Problem handelt, fordert sie in diesem Kapitel folglich auch, dass gesellschaftliche und patriarchale Machtstrukturen aufgebrochen werden müssen, um sexualisierte Gewalt erfolgreich(er) zu verhindern.

Diskussion

Die Publikation von Lilian Schwerdtner ermöglicht den Lesenden eine umfassende Auseinandersetzung mit sexualisierter und sprachlicher Gewalt auf verschiedenen Ebenen, wobei es ihr gelingt, ein breites Publikum anzusprechen. Sie arbeitet besonders gut heraus, dass das Erleben von sprachlicher Gewalt, was auf viele Betroffene sexualisierter Gewalt zutrifft (vgl. S. 39) von besonders großer Tragweite für ebendiese Menschen ist. Davon kann deshalb ausgegangen werden, da die sprachliche Gewalt wie eine zweite, manchmal schlimmere Gewalterfahrung zum initialen Gewalterlebnis hinzukommt (vgl. S. 39). Lilian Schwerdtner kritisiert an dieser Stelle mit Bezugnahme auf die Subjekttheorie nach Judith Butler treffend, dass mittels sprachlicher Gewalt Betroffenen der Subjektstatus aberkannt wird (vgl. S. 40). Dieser Gesichtspunkt wird häufig vernachlässigt in entsprechenden Veröffentlichungen und Diskurse, ist aber besonders wichtig. Ein weiterer Aspekt, der ebenfalls zu wenig Beachtung findet, aber in der rezensierten Publikation schön herausgearbeitet wird, ist die strukturelle ‚Entstimmlichung‘ (vgl. S. 66 ff.). Hierbei bezieht sich die Autorin auf Rae Langton (siehe Inhalt) und zeigt damit auf, wie bestimmte sprachliche Praktiken dazu dienen, Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen subtil zum Schweigen zu bringen, indem Aussagen delegitimisiert, ignoriert oder bagatellisiert werden. Gelungen ist darüber hinaus auch die Versammlung von aktuellen Debatten rund um die Thematik sexualisierter Gewalt wie die Kölner Silvesternacht 2015/16, der Trigger-Warnungs-Diskurs (vgl. S. 115 ff.) sowie #MeToo (vgl. S. 137 ff.). Bemerkenswert ist, dass die Publikation nicht bei einer Kritik daran verweilt, dass Sprechen über sexualisierte Gewalt häufig sprachliche Gewalt ist, sondern sehr praxisnahe Beispiele liefert, wo nach Meinung der Autorin Sprechen über sexualisierte Gewalt bereits gelungen ist (vgl. S. 135 ff.). Das fünfte Kapitel eignet sich besonders für alle Lesenden, die für sich selbst als Teil der Gesellschaft, in Institutionen oder als Betroffene oder Angehörigen von Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen ein selbstbestimmtes Sprechen ermöglichen wolle. Diese Passage kann meiner Ansicht nach auch ohne das mitunter sehr theoretische Wissen aus den vorhergehenden Kapiteln gelesen werden.

Kritisch betrachtet werden kann aus meiner Perspektive vor allem das Fehlen von vertieften Ausführungen gendertheoretischen Überlegungen. Gerade weil Lilian Schwerdtner viele theoretische Konzepte und Theorien ausführlich erläutert, ist nicht ersichtlich, warum sie Grundlagen der Gendertheorien nicht ausführlicher erläutert. Lilian Schwerdtner spricht zwar davon, dass sexualisierte Gewalt mit sozialen Normen und Machtverhältnissen korreliert (vgl. S. 31 ff.), was hierbei fehlt, ist aber die Betonung der sozialen Konstruktion von Gender. In Anlehnung an Judith Butlers Werk ‚Das Unbehagen der Geschlechter‘ (1991) könnte die Performanz in der Herstellung der Geschlechter deutlicher ausgeführt werden. Diese Perspektive könnte meiner Meinung nach in der Analyse Lilian Schwerdtners noch dazu beitragen, dass sexualisierte Gewalt zudem als Ausdruck und Verstärkung von Geschlechterdynamiken verstanden werden kann. Auch Carol Hagemann-Whites Ansatz (1992), geschlechtsspezifische Gewalt nicht nur als individuelles ‚Problem‘ aufzufassen, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen (vgl. Hagemann-White, 1992), was von Lilian Schwerdtner durchaus postuliert wird, fehlt aber gänzlich in der theoretischen Einordnung sowie in den Quellenangaben in dem rezensierten Buch.

Des Weiteren muss angemerkt werden, dass einige Unterkapitel und Abschnitte der Publikation recht anspruchsvoll bezüglich des theoretischen Abstraktionsniveaus sind. Lilian Schwerdtners Ausdrucksweise hingehen darf an dieser Stelle deutlich gelobt werden, denn sie bleibt auch in den theoretischen Kapiteln klar und leicht verständlich. Einige dieser anspruchsvolleren Kapitel setzten ein gewisses Vorwissen voraus, welches nicht an allen Stellen durch die hilfreichen Fußnoten ersetzt werden kann. Allerdings denke ich, dass einige theoretische Kapitel übersprungen werden könnten und sich die wichtigsten Forderungen Lilian Schwerdtners dennoch erfassen lassen.

Abschließend kann festgehalten werden, dass vor allem der Appel der Autorin, dass hauptsächlich die Gesellschaft sich mit den gewaltvollen Strukturen, die sie immer wieder (beispielsweise im Sprechen über sexualisierte Gewalt) reproduziert, auseinandersetzen muss. Die fundierte Analyse Lilian Schwerdtners und ihre praxisnahen Ideen fördern die Reflexion auf vielfältige Weise, weshalb das Werk einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Diskussion und Sensibilisierung für dieses drängende gesellschaftliche Problem leistet.

Fazit

Die Autorin Lilian Schwerdtner verdeutlicht mit ihrer Publikation die komplexe Dynamik des Sprechens über sexualisierte Gewalt und betont die signifikante Rolle der Zuhörenden und Adressat*innen in diesem Prozess. Durch eine Analyse auf verschiedenen Ebenen des Sprechakts sowie die Einbindung relevanter theoretischer Ansätze wie die Subjektivationstheorie nach Judith Butler und das Konzept der 'Entstimmlichung' von Rae Langton bietet die Autorin einen fundierten Einblick in das Thema. Hierbei liefert die Publikation einen sinvollen Beitrag zur Sensibilisierung und Diskussion über sexualisierte Gewalt.

Literaturangaben

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Gender Studies. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hagemann-White, Carol (1992): Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis. Pfaffenweiler: Centaurus.

Rezension von
Franziska Weiser
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Es gibt 2 Rezensionen von Franziska Weiser.

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Zitiervorschlag
Franziska Weiser. Rezension vom 28.03.2024 zu: Lilian Schwerdtner: Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt. Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung. edition assemblage (Münster) 2021. ISBN 978-3-96042-103-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31585.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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