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Inke Hummel, Julia Theeg u.a.: Wir erwachsenen Trennungskinder

Rezensiert von Alexandra Großer, 13.03.2024

Cover Inke Hummel, Julia Theeg u.a.: Wir erwachsenen Trennungskinder ISBN 978-3-407-86705-6

Inke Hummel, Julia Theeg, Jana Hauschild: Wir erwachsenen Trennungskinder. Prägende Kindheitserfahrungen verstehen und eigene Wege gehen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 271 Seiten. ISBN 978-3-407-86705-6. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR.

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Thema

Wenn Eltern sich trennen bricht für Kinder eine Welt auseinander. Ihre Familie, wie sie bisher bestand, gibt es nicht mehr. Oft sind Trennungen mit Umzügen und veränderten Lebensumständen verbunden. Manchmal sind Elterntrennungen konfliktreich, manchmal leise und plötzlich ist ein Elternteil einfach nicht mehr da. Elterntrennungen können im Leben eines Kindes Spuren hinterlassen, die das spätere Erwachsenen leben und Beziehungen zu Partner*innen, Freund*innen und Kindern beeinträchtigen können. Die Autorinnen bieten anhand von Übungen zur Selbstreflexion und Beziehungsarbeit sowie „neuesten Erkenntnissen aus Entwicklungspsychologie und Familienforschung“ (Buchcover) Unterstützung und Möglichkeiten der Bearbeitung an.

Autorinnen

Inke Hummel ist Pädagogin, M.A., Familienbegleiterin, Erziehungsberaterin, pädagogischer Coach, Fortbildnerin und Autorin.

Julia Theeg ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Dozentin und Supervisorin, Gründerin und Inhaberin von Traumaimpuls Hannover.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Das Vorwort zum Buch hat Jana Hauschild verfasst. Danach folgt mit Prägung, Erinnerung, Befreiung ein persönlicher Bericht von Inke Hummel zu ihrer eigenen Trennungsgeschichte nach der Trennung ihrer Eltern. Julia Theeg berichtet in Die Selbstzweifel bleiben zunächst aus ihrem Arbeitsalltag als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bevor sie darauf eingeht, worum es im Buch geht und worum nicht. Das Buch „ist eine Einladung“ (S. 28) an die Leser*innen sich mit der eigenen „Vergangenheit auseinanderzusetzen und [..] aus den Schilderungen anderer erwachsener Trennungskinder mitzunehmen, was du für deinen eigenen Weg gebrauchen kannst“ (ebd.). Damit einhergeht die fürsorgliche Aufforderung der Autorinnen, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn „die Auseinandersetzung mit den alten Themen noch zu schmerzhaft ist“ (ebd.) oder den Alltag belastet (vgl. ebd.). Das Buch ist im Autorinnen-Ich geschrieben und die Leser*innen werden mit du angeredet. Impulse und Übungen laden zum Weiterdenken und zu Veränderungen ein.

Erster Teil: Blick auf meine Gefühle

Geringer Selbstwert

Elterntrennungen können bei Kindern verunsichernde Grundgefühle auslösen. Daraus können prägende Glaubenssätze entstehen wie „Ich bin nicht wertvoll. Ich mache Fehler.“ (S. 33). Diese Glaubensätze entstehen, wenn Kinder sich fragen, ob sie an der Trennung der Eltern Schuld haben, ob sie nicht liebenswert sind, sich die Eltern gegen sie entschieden haben. Ein geringes Selbstwertgefühl, veränderte Lebensumstände nach der Trennung der Eltern, zum Beispiel durch geringeres Einkommen, kann dazu führen, dass Trennungskinder Mobbingerfahrungen machen. Negative Glaubenssätze, Mobbingerfahrungen im Kindes- und Jugendalter, wirken auch im Erwachsenenalter noch nach. Oft entwickeln Kinder dann Strategien zur Steigerung des Selbstwerts, die sich im Erwachsenenalter ungünstig auswirken, wie „beispielsweise Harmoniebedürftigkeit bzw. Konfliktscheu sein, das Spielen einer Rolle (oder Aufsetzen einer Maske) oder der ständige Versuch, Anerkennung über Leistung zu erhalten“ (S. 40). Diese Strategien wirken sich ungünstig auf das eigene Selbstwertgefühl und das Lebensumfeld aus. Inke Hummel und Julia Theeg geben Anregungen und Impulse, um sich selbst wieder mehr wertzuschätzen.

Verlustangst

Erwachsene Trennungskinder können später Verlustängste entwickeln, die sie in Beziehungen zu anderen Menschen hemmen und blockieren. „Verlustängste bei erwachsenen Trennungskindern sind also häufig verbunden mit dem extremen Kindheitserlebnis, verlassen und alleingelassen zu werden, sich nicht mehr geliebt zu fühlen“ (S. 56). Diese Gefühle können erwachsene Trennungskinder lange begleiten und unbewusst in ihre Beziehungen zu Freunden, Partner*innen und ihren Kindern hineinwirken. Die Autorinnen beschreiben einige der Auswirkungen auf Beziehungen und den guten Grund, der hinter Verlustängsten steckt. Situationsbeispiele und Impulse helfen, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren.

Trauer und emotionaler Rückzug

In diesem Kapitel gehen Julia Theeg und Inke Hummel der Frage nach, was es mit der Trauer aus der Vergangenheit auf sich hat, die viele erwachsene Trennungskinder immer wieder einholt. Die Autorinnen zeigen auf, dass die Trauer, die Kinder durch die Elterntrennung erleben, „Verlusterfahrungen durch Tod“ (S. 65) ähneln. „Auch wenn es Kinder gibt, die die Elterntrennung gut und schnell bearbeiten, braucht es den Blick für den individuellen Schmerz derjenigen, die den Verlust betrauern“ (S. 66). Für Kinder, deren Eltern sich trennen, bricht eine Welt zusammen. Die Familie, wie sie bisher bestand, wird es so nicht mehr geben. Manche Kinder und später erwachsene Trennungskinder reagieren mit Rückzug. Manche versuchen die Trauer wegzuschieben und auszusperren. Andere ziehen sich nach und nach aus dem sozialen Leben zurück aus Sorge wieder verletzt zu werden. Eine Aufgabe im Erwachsenenalter kann sein, die alte Trauer zuzulassen, die alten Strategien und Muster, die als Kind nützlich waren, zu bearbeiten und „Abstand von der Vergangenheit zu gewinnen“ (S. 81) und die Angst vor Verletzungen zu überwinden (vgl. ebd.).

Übersteigerte Wut

Die Autorinnen zeigen auf, dass eine Trennung bei Kindern zu tiefsitzenden Verletzungen führen können, die, wenn sie nicht durch „Eltern oder andere liebevolle Bezugspersonen“ versorgt und verarbeitet werden, sich zu einem Trauma entwickeln können. Nicht verarbeitete Gefühle, wie Wut, können dann im Erwachsenenalter wieder auftreten und die Beziehungen zu Partner*innen, den Kindern, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen beeinflussen. Doch auch „der Umgang der Eltern untereinander und mit den Kindern“ (S. 89) prägen unsere Verhaltensmuster, welche bis ins Erwachsenenalter hineinwirken. Die Autorinnen zählen dazu verschieden Erfahrungsmöglichkeiten auf, aus denen sich ungünstige Verhaltensmuster entwickeln können. Verhaltensmuster sind, wenn sie erkannt werden, veränderbar. Doch das „braucht viel Zeit“ (S. 90), so die Autorinnen, da Verhaltensmuster aus der Vergangenheit sehr stabil sind (vgl. ebd.). Ebenso wie Verhaltensmuster prägen innere Überzeugungen, sogenannte Glaubenssätze, die eigene „Gefühlswelt“ (S. 92).

Scham wegen vermeintlicher Schuld

Schuldgefühle sind eigentlich ganz normale Gefühle in Beziehungen, wenn man das Gefühl hat Beziehungs- oder Verhaltensregeln verletzt zu haben. „Schuldgefühle können durchaus sinnvoll sein, gute Gründe haben und die Beziehung zu deinen Mitmenschen verbessern […] Quälende Schuldgefühle hingegen sind begleitet von der Angst jemanden zu verlieren, und dem inneren Drang eigene Fehler wiedergutmachen zu wollen“ (S. 99). Wenn Eltern sich trennen, kann es bei Kindern, vor allem kleinen Kindern, zu Schuldgefühlen kommen, indem sie sich die Schuld geben, dass Vater und Mutter streiten, sich trennen. Auch aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen mit und in Trennungssituationen kann es passieren, dass Kinder sich schuldig fühlen. Beispielsweise, wenn ein Elternteil schlecht über den anderen Elternteil redet. Kinder fühlen sich schnell schuldig, weil sie beide Elternteile lieben, jedoch glauben, dass sie das Elternteil, über das schlecht geredet wird, nicht mehr liebhaben dürfen. Manchmal kommt es auch zu Schuldgefühlen, weil „Kinder versuchen, die fehlende Elternrolle einzunehmen“ (S. 102) und dieser Rolle nicht gerecht werden können. Auch nicht sollten. Kinder haben andere Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. In der Kindheit entstandene Schuldgefühle bleiben im Erwachsenenalter als „innere Stimmen bestehen“ (S. 103) und können dazu führen, dass erwachsene Trennungskinder sich „häufig infrage stellen“ (ebd.). Die Autorinnen weisen darauf hin, dass hinter Schuldgefühlen „häufig Verlustängste stehen“ (S. 104) und ein Schutzmechanismus der Psyche ist (vgl. ebd.). Die Fragen dahinter: Was kann ich tun, damit ich nicht verlassen werde? Wie kann ich nachbessern? (vgl. S. 105). Bei der Bearbeitung von Schuldgefühlen, die aus der Kindheit stammen, kann es hilfreich sein, therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Zweiter Teil: Blick auf mein Verhalten

Harmoniebedürftigkeit

Erwachsene Trennungskinder haben in Beziehungen oftmals den Drang nach Harmonie und stellen oftmals ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurück, anstatt bei Uneinigkeiten Konflikte konstruktiv zu lösen. Auch Eltern, die Konflikte in der Beziehung vermeiden, vermitteln ihren Kindern „streitvermeidendes Verhalten“ (S. 115). Harmoniebedürftigkeit kann zu emotionaler Abhängigkeit führen. Es anderen „nett und leicht“ (S. 117) machen, für „Sicherheit und Ruhe“ (ebd.). „Dahinter kann die Angst vor Ablehnung, Zurückweisung und Verlust stecken“ (ebd.). Dies bedeutet Dauerstress, der sich irgendwann ein Ventil sucht, entweder indem man förmlich explodiert oder sich die Wut nach innen richtet in Form von „Gedankenschleifen aus Argumentationen und Vorwürfen“ (S. 118). Konflikte können Angst machen und bedrohlich auf erwachsene Trennungskinder wirken, daher ist es wichtig neues Konfliktverhalten zu erlernen.

Maske gegen Unsicherheit

Verunsicherungen können dazu führen, dass Kinder, jedoch auch Erwachsene, Rollen spielen, eine Maske aufziehen, um „die wahren Gefühle und Bedürfnisse [zu] verbergen“ (S. 125). Masken und Rollen zu spielen können zunächst ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, lenken jedoch von den „eigentlichen Problemen“ (S. 128) ab. Auf Dauer kann dies viel Energie kosten. Mithilfe professioneller Unterstützung können die Themen, die hinter der Maskerade stecken, angegangen und bearbeitet werden.

Helfen ohne Grenzen

Manche Trennungskinder möchten nach der Trennung der Eltern die Belastung der Eltern verringern und versuchen ihnen zu helfen, indem sie beispielsweise „gute Schulleistungen erbringen, viel im Haushalt helfen oder sich um die Geschwister oder Eltern kümmern“ (S. 139), um „wieder Beachtung und Anerkennung“ (S. 135) zu bekommen. Dies kann sich bis ins erwachsene Alter ziehen und dazu führen, ein Helfersyndrom zu entwickeln. Nicht Nein sagen zu können, über seine eigenen Grenzen zu gehen. Dies kann mit dem Glauben zusammenhängen, dass andere Menschen einen nur lieben und anerkennen, wenn man Leistung erbringt. Dies kann möglicherweise damit einhergehen, dass man sich selbst nur wertvoll fühlt, wenn man hilft. Um diese Muster zu unterbrechen, ist es wichtig zu lernen, sich selbst zu lieben und anzunehmen, wie man ist.

Pseudoreife und verfrühte Sexualität

In den geführten Interviews mit erwachsenen Trennungskinder wurde öfter der Begriff „Frühreif“ (S. 142) erwähnt. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass der Begriff „Frühreif“ (ebd.) sich auf das Handeln der Personen bezieht, welches nach außen „reif und erwachsenentypisch“ (S. 142) wirkt und weniger auf die biologische Reife. Daher verwenden sie den Begriff: Pseudoreife. Manche Trennungskinder suchen Zuneigung „in zwischenmenschlichen Beziehungen“ (ebd.) und „gehen verfrüht sexuelle Beziehungen ein, häufig gekoppelt mit dem Wunsch nach Bindung und einem verbesserten Selbstwertgefühl“ (ebd.). Dies kann überfordern und im erwachsenen Leben zu problematischen (Liebes)Beziehungen führen.

Anerkennung über Leistung

Trennen sich Eltern kann es zunächst sein, dass die Sorgen und Bedürfnisse der Kinder nach Liebe und Anerkennung von den Eltern nicht beachtet werden, weil sie zu sehr mit dem eigenen Schmerz beschäftigt sind. Haben Kinder keine Bezugspersonen, die sie durch die Trennung begleiten, ihnen Wertschätzung, Liebe und Anerkennung geben, kann es sein, dass sie versuchen sich diese über Leistung zu verschaffen. Es ist eine Kompensationsstrategie mit der (erwachsene) Trennungskinder versuchen, das unangenehme Gefühl der innerlichen Leere zu füllen (vgl. S. 150). „Ein übermäßig starkes Streben nach Leistung oder Arbeitserfolg kann schlimmstenfalls zu einer Sucht werden“ (S. 155). Die unter Umständen zu eher oberflächlichen sozialen Beziehungen führt, als zu echter Nähe. Kurzfristig kann Leistung und Erfolg das Selbstwertgefühl steigern. Man bleibt jedoch abhängig von der Bewertung anderer. Reflexion und professionelle Unterstützung können aus dem Leistungsstreben führen.

Von der Trennung zur Diagnose Depression

Trennungen können, müssen jedoch nicht, psychisches Leid bei Kindern und erwachsenen Trennungskinder auslösen. Die Autorinnen widmen dieses Kapitel dem Krankheitsbild der Depression, welches in seiner „Komplexität so viele Mechanismen von psychischen Erkrankungen beinhaltet“ (S. 157). Ob eine Elterntrennung, die als traumatisch oder sehr konfliktreich wahrgenommen, zu einer psychischen Erkrankung führt, hängt von vielen weiteren Faktoren ab, die das Leben beeinflussen. Die Autorinnen weisen bereits zu Beginn des Kapitels hin, sich bei „Verdacht“ (ebd.) auf eine depressive Erkrankung professionelle Hilfe bei „Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen“ (ebd.) zu suchen.

Dritter Teil: Blick auf meine Beziehungen

Beziehungen in der Familie – damals und heute

Die Beziehungserfahrungen, die wir als kleine Kinder in unseren Familien machen, beeinflussen unsere heutigen Beziehungen. Durch Elterntrennungen kann es vorkommen, dass Kinder Verantwortung für ihre Eltern übernehmen. Eltern „nehmen die Einladung [der Parentifizierung] unbewusst und als Mechanismus zur Überlebenssicherung an“ (S. 176). Daraus kann sich eine Überforderung der Kinder entwickeln „und eine Verantwortungsübernahme, die sich später in partnerschaftlichen Beziehungen nicht nur vorteilhaft ausdrückt“ (ebd.). In ihren weiteren Ausführungen gehen die Autorinnen auf die besonderen Beziehungen zu Mutter und Vater, unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Rollenbilder in der Vergangenheit und Gegenwart, ein. Manch Glaubenssatz, den (Trennungs)Kinder von ihren Eltern hörten, verinnerlichten und vielleicht noch heute leben, stammt unter Umständen aus einer gesellschaftlichen Zeit mit „patriarchalen Rollenbildern“ (S. 180). Im letzten Abschnitt des Kapitels greifen Inke Hummel und Julia Theeg die besonderen Geschwisterbeziehungen von Trennungskindern auf. Während für manche Trennungskinder die Geschwister zu Ankern werden und sich die Beziehungen vertiefen, können sich die Beziehungen bei anderen Geschwistern destabilisieren und auch hier zu Trennungen kommen.

Partnerschaft

In diesem Kapitel beleuchten die Autorinnen, wie Kindheitserfahrungen die eigene Partnerschaft erwachsener Trennungskinder beeinflussen. Oft ist es fehlende Bindungssicherheit, die Verlustängste in Partnerschaften auslösen und sich „auf verschiedene Arten und Weisen“ (S. 212) zeigen. Beispielsweise indem man mit „der Partnerperson“ (ebd.) verschmelzen möchte, sie angreift, kontrolliert oder die eigenen Bedürfnisse verbirgt. Diese Dynamiken können die Beziehung zusätzlich belasten und das Gefühl nach Sicherheit noch mehr bedrohen. Gemeinsam ins Gespräch zu gehen, über die eigenen „Erfahrungen, Gefühle und Gedanken“ (S. 229), Schmerzen und Bedürfnisse zu reden und gemeinsam Lösungen zu finden, können helfen Heilung zu finden und gemeinsam neue Wege zu gehen.

Kinder

Viele Eltern haben bei den eigenen Kindern den Wunsch es anders machen zu wollen als ihre Eltern. Die eigenen Trennungserfahrungen können dazu führen, dass man „viel zu lange an unglücklichen Partnerschaften“ (S. 234) festhält. Vielleicht auch die Kinder überbehütet, Konflikte vermeidet und „zu überfürsorglich agiert“ (S. 236). Daraus können sich problematische Folgen in der Erziehung der Kinder entwickeln. Es kann jedoch auch sein, dass man sich durch die Trennungserfahrungen von den eigenen Kindern distanziert und „Nähe und Verantwortung genauso wenig zulassen [kann] wie [die] eigenen Eltern damals“ (S. 241). Die eine Verhaltensweise kann zu Konfliktvermeidung führen, die andere zu vermehrten Streitigkeiten. Beide Verhaltensweisen können die Beziehungen zu den Kindern belasten. Sich selbst und die eigenen Themen zu reflektieren, die eigenen „Konfliktbewältigungsstrategie zu ändern“ (S. 242) kann das Familienleben zu „aller Wohl verbessern“ (ebd.). Die Autorinnen weisen abschließend darauf hin, dass die alten Muster und Strategien ihre guten Gründe hatten, es „Zeit und viel Verständnis“ (S. 247) für sich selbst braucht, um die „Muster zu durchbrechen“ (ebd.) und neue, andere Verhaltensweisen zu etablieren. Wichtig ist es sich selbst liebevoll zu betrachten und verständnisvoll zu begleiten (vgl. S. 248).

Diskussion

Was mir an diesem Buch beim Lesen sofort auffiel und wertschätze, ist die wohlwollende, wertschätzende und einfühlsame Begleitung der Autorinnen, mit der sie die Leser*innen an die Impulse und Themen heranführen. Es ist ein wenig als würde man in einem ihrer Praxisräume sitzen, mit der Erlaubnis sich mit den Themen auseinandersetzen zu dürfen, sie aber auch noch ein Weilchen ruhen zu lassen, wenn sie zu schmerzhaft sind oder dabei „schwummrige“ Gefühle entstehen. Als Leser*in, beziehungsweise erwachsenes Trennungskind, darf jede*r für sich prüfen, ob die Ausführungen für ihn oder sie ebenfalls zu treffen, ob man den damit verbundenen Impulsen nachgehen mag, sich dafür lieber professionelle Unterstützung holt oder das Ganze doch lieber noch ein wenig Ruhen lässt, bis man bereit dafür ist.

Die Autorinnen haben das Buch aus den Erfahrungen ihrer eigenen Therapie- und Beratungspraxis geschrieben, sowie aus den Erfahrungen erwachsener Trennungskindern, die in den einzelnen Kapiteln zu Wort kommen. Dadurch wird das Buch sehr authentisch, lebendig und praxisnah. Als erwachsenes Trennungskind erfährt man, ich bin nicht allein, es gibt auch andere, die ähnliche Trennungserfahrungen gemacht haben und es gibt Lösungswege.

Im Buch selbst liegt der Fokus auf den Beziehungen zwischen den Trennungskindern und ihren Eltern. Zahlreiche Impulse und Reflexionsfragen laden ein sich mit dieser Beziehung zu beschäftigen. Auch wenn in einem Kapitel die Geschwisterbeziehungen aufgenommen werden, werden diese nur am Rand behandelt. Dies mag daran liegen, dass es zu Geschwisterbeziehungen zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, wie sich Trennungen „auf Geschwister und ihr Miteinander“ (S 195) auswirken. Vielleicht ist auch dies der Grund dafür, dass hier kaum Impulse zur Reflexion zur Beziehung zwischen Geschwistern zu finden sind.

Fazit

Das Buch ist eine Bereicherung für alle, die sich mit dem Thema Trennung beschäftigen beziehungsweise eigene Trennungserfahrungen gemacht haben. Im Buch finden sich wertvolle Impulse, Hinweise und Informationen für die Selbstreflexion sowie die Begleitung von Erwachsenen und Kindern in Trennungssituationen und deren Bedürfnisse.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 27 Rezensionen von Alexandra Großer.

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Zitiervorschlag
Alexandra Großer. Rezension vom 13.03.2024 zu: Inke Hummel, Julia Theeg, Jana Hauschild: Wir erwachsenen Trennungskinder. Prägende Kindheitserfahrungen verstehen und eigene Wege gehen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-407-86705-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31586.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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