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Martin Krenn (Hrsg.): Saving Democracy

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 14.12.2023

Cover Martin Krenn (Hrsg.): Saving Democracy ISBN 978-3-941295-30-8

Martin Krenn (Hrsg.): Saving Democracy: Teilhaben, Demokratisieren und Umverteilen. Ein Kunstprojekt untersucht den aktuellen Zustand der Demokratie. Fruehwerk e.V. HAWK Fakultät Gestaltung (Hildesheim) 2023. 128 Seiten. ISBN 978-3-941295-30-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

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Demokratie radikal

Die politische Gesellschafts- und Lebensform der „Herrschaft des Volkes“ ist die beste, freie, friedliche, humane institutionalisierte und verfasste Einrichtung für menschliches Dasein. In der „globalen Ethik“, wie die von den Vereinten Nationen 1948 proklamierte „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ bezeichnet wird, kommt zum Ausdruck, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnende( ) Würde und ihre ( ) gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“. Dieser ethische, moralische und lebensweltliche Anspruch ist eine Sollens-Verpflichtung und fordert die Menschheit heraus, freies, gleichberechtigtes, demokratisches Leben für alle Menschen zu ermöglichen. Es ist noch nicht gelungen. Diktaturen, Kriege und Konflikte dominieren und verhindern immer noch das humane Zusammenleben. Es zeigt sich sogar, dass global rund zwei Drittel der Menschheitsbevölkerung in undemokratischen Gesellschaftssystemen leben. Die Forderungen, Hoffnungen, Erwartungshaltungen und Wünsche nach einem demokratischen Dasein bedürfen der individuellen und kollektiven, privaten und institutionalisierten Förderung und Unterstützung: Demokratisch leben ist sinnvoll und notwendig, ist existentiell und verfasst machbar. In der Menschheitsgeschichte gibt es immer wieder Visionen und politische Konzepte, einen „ewigen (demokratischen) Frieden“ zu schaffen. Es sind die einfachen, logischen Einstellungen, wie sie im sprichwörtlichen Kant’schen Imperativ deutlich werden – „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu!“ – und es ist der Anspruch – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – der individuelles und kollektiven, lokales und globales, demokratisches Dasein ermöglicht.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Mit dem Anspruch „Mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt,1969) verbindet sich die Einsicht, dass demokratisches Denken und Handeln unverzichtbar verbunden ist mit dem aktiven, individuellen und kollektiven Bewusstsein von Teilhabe und Teilnahme an den bürgerlichen, zivilisatorischen, demokratischen Prozessen. Es sind die intellektuellen, alltäglichen und bildenden Anforderungen, die Türen hin zur demokratischen Erkenntnis öffnen; etwa zum ästhetischen, künstlerischen Schaffen und Gestalten. Der Künstler und Kunstwissenschaftler Martin Krenn von der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste (HBK) lehrt und forscht zu Fragen der Kunstvermittlung. Im Auftrag des Niedersächsischen Landtags entwickelte und koordinierte er das Kunstprojekt „enlightenning the parliament“ im Mai 2022 zum 75-jährigen Jubiläum. Mit dem Projekt sollte gleichzeitig „eine Debatte über das Zusammenspiel von Beteiligungsmodellen wie jenem des Bürger:innenrats mit Formen des kreativen Aktionismus und über die Forderung nach Umverteilung von ökonomischem, sozialem und kulturellen Reichtum“ initiiert werden. 

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort des Herausgebers kommen die an der Konzeption und Realisation des Kunst- und Aktionsprojekts Beteiligten – Josephin Ackermann, Andreas Baumgartner, Janis Binder, Lina Bramkamp, Leevi Ervat, Lena Götzinger, Gio-Lina Heike, Clara Mannott, Jonas Meyburg, Carlotta Oppermann, Paula Andrea Knust Rosales, Ayliz Tonsuna, Iris Wegner – zu Wort. Die Darstellung und Dokumentation des Projektes wird ergänzt durch Feststellungen wie: „Mit Kunst sieht man mehr“ (Dorothea Hilliger), mit Fragen und Auseinandersetzungen darüber: „Wer legt die Spielregeln fest?“, wenn es um Planungen, Vorhaben und Zusammenhängen zwischen Demokratie und Kunst in öffentlichen Räumen geht (Thomas Kaestle), Diskussionen über die „Kunst der Teilhabe“ (Martin Krenn). Mitbestimmung, Mitverantwortung und Teilhabe am gesellschaftlichen, demokratischen Leben ist mit innovativen, konstruktiven Entwicklungen und Perspektivenwechsel möglich, z.B. der Einrichtung von Bürger:innenräten (Lukas Hübler, Claus Leggewie, Patrizia Nanz). Die Hildesheimer Sozialarbeiterin Tanja Abou plädiert mit ihrem Beitrag „Politik des Ent-Powerments“ für „eine Politik der Anerkennung und des Empowermets statt Spott, Häme und Schuldzuschreibungen“. Der Osnabrücker Soziologe und Bildungswissenschaftler Aladin EL-Mafaalani hat im Diskurs von gelingender und misslingender gesellschaftlicher Integration den Begriff „Integrationsparadox“ eingeführt. Er thematisiert in einem Interview „Öffnungsprozesse und Schließungstendenzen“ (2018, www.socialnet.de/rezensionen/2884.php). In einem Gespräch mit der Soziologin und Sprachforscherin Ruth Wodak werden die Gründe und Situationen herausgearbeitet, wie „Antidemokratische Rhetorik“ entsteht und wirkt, und wie man ihr mit demokratischen, dialogischen Mitteln beikommen kann.

Das Projekt „enlightening the parliament“ wird im bebilderten Teil veranschaulicht. Die medialen Aktionen und Reaktionen von Besucher:innen, Bürger:innenrät:innen und Abgeordneten beim Projekt variieren in der Spannweite von Ängsten zur Bedrohung der Demokratie, bis zu Hoffnungen und Aktivitäten zur politischen Mitgestaltung.

Diskussion

Die Ausstellungsstücke und Installationen in diesem öffentlichen, politischen Raum und im Areal des Landtagsgebäudes faszinieren und informieren über politische und gesellschaftliche Machtansprüche und -delegierung. Visuelle und akustische Signale verweisen auf staatsbürgerliche, demokratische Anforderungen und Pflichten. Wenn das Beuys’sche Wort stimmt, dass jeder Mensch ein Künstler ist (sein kann), ist auch richtig und logisch, dass jeder Mensch ein „zôon politikon“ (Aristoteles) ist. Er ist fähig, ein Demokrat zu sein! Es ist die staatsbürgerliche Verantwortung des Individuums und der gesellschaftlichen Gemeinschaft, Demokratie dort, wo sie ist, zu erhalten und zu verteidigen, und dort, wo sie fehlt, zu verwirklichen, konsequent und substanziell! 

Fazit

Mit dem Dokumentationsband „Saving Democracy“ wird auf die gestalterischen, künstlerischen, ästhetischen, zivilisatorischen Möglichkeiten aufmerksam gemacht, dass demokratisches Denken und Handeln die natürlichsten, menschlichen Eigenschaften sind.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.12.2023 zu: Martin Krenn (Hrsg.): Saving Democracy: Teilhaben, Demokratisieren und Umverteilen. Ein Kunstprojekt untersucht den aktuellen Zustand der Demokratie. Fruehwerk e.V. HAWK Fakultät Gestaltung (Hildesheim) 2023. ISBN 978-3-941295-30-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31593.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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