Harald Volker Sommer: Das chorische Prinzip
Rezensiert von Michael Christopher, 20.08.2025
Harald Volker Sommer: Das chorische Prinzip. Ein Arbeitsbuch für Theater, Pädagogik und Lehre. ibidem-Verlag (Hannover) 2023. 333 Seiten. ISBN 978-3-8382-1733-8. D: 24,90 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 29,20 sFr.
Thema
Die Theaterpädagogik ist ein mächtiges Mittel in der Gruppenarbeit. Mit der Integration des Chorischen, einem klassischen antiken Element des Theaters, und seiner modernen Interpretation in die theaterpädagogische Arbeit beschäftigt sich Harald Volker Sommer in seinem Buch „Das chorische Prinzip. Ein Arbeitsbuch für Theater, Pädagogik und Lehre“. Dabei geht es dem Autor um das Erleben in einem Kollektiv sowie der Arbeit und Kommunikation in einer Gruppe.
Autor
Harald Volker Sommer ist Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge und bietet seine Arbeit verschiedenen Bildungsorganisatoren an. Dieses Buch ist das Ergebnis seiner Tätigkeiten.
Aufbau
„Das chorische Prinzip“ versteht sich als Arbeitsbuch und behandelt kleinteilig in verschiedenen Kapiteln Aspekte des Chors, seiner Theorie und seiner praktischen Umsetzbarkeit in der pädagogischen Arbeit. Nach einer kurzen Einführung bewegt er sich zuerst um den Begriff und die Organisation der Arbeit mit dem Chor. Darauffolgend benennt er verschiedene Bausteine des Chores, mit denen er die theoretischen Bedingungen seiner theaterpädagogischen Arbeit erklärt. Die folgenden zwei Kapitel führen den Leser in die praktische Arbeit ein, zuerst in Form von Interviews mit Praktikern, dann als Werkstattbeispiel. Als Fortführung zum Buch hat der Autor in einem Downloadbereich vier weitere Werkstattbeschreibungen bereitgestellt.
Inhalt
Zu Beginn des Buches stellt der Autor die theoretische Auseinandersetzung mit dem Chor in seiner Didaktik und Historie, über die des klassischen Griechenlands hinaus, vor. Dabei steht weniger die theaterwissenschaftliche Analyse des Themas Chor als Taktgeber im Vordergrund, sondern eher das Philosophieren über das Wesen des Chors. Harald Volker Sommer sieht den Chor als Stammzelle des Theaters und betrachtet ihn in der Rolle eines Protagonisten. Hervorgehoben wird dabei die Arbeit im und als Kollektiv. Dabei betrachtet er auch „die Macht der Massen“, „die Dynamik der Meute“ und „die Logik des Schwarms“.
Nach der ersten philosophierenden Auseinandersetzung zeigt Sommer in seiner ersten Praxisfrage (Wer?), dass der Chor von Kindern, Jugendlichen, Schauspieler und Schauspielschülern als auch von Opernschauspielern gebildet werden könne und dass in der Ausbildung von Theaterpädagogen das chorische Prinzip einen festen Platz habe. Auch, dass dem Chor etwas politisches inhärent sei, kommt zur Sprache.
Seine zweite Praxisfrage (Was?) stellt sich dem Raum, der Größe des Chores, der Ausstattung sowie der Frage nach den Arbeitszielen. Hierbei werden Checklisten in den Text integriert, die dem Leser bei der Anwendung helfen sollen. Die dritte Praxisfrage (Wie?) widmet sich der Antwort, inwiefern der Chor geleitet oder autark auftreten solle. Dabei führt Sommer inszenatorische Fragen aus und beendet den ersten größeren Sinnzusammenhang mit einem auf Englisch geführten Interview mit Marta Górnicka, einer polnischen Schauspielerin.
Der zweitere größere Sinnzusammenhang des Buches betrachtet die Bausteine des Chores und kombiniert die Beschreibung der einzelnen Aspekte mit Übungen. Hierbei geht es um den Körper, die Wahrnehmung, den Raum, den Atem, den Rhythmus, die Stimme, die Sprache, das Spiel, die Szene und die Rückmeldung (auch als Feedback). Dieser Bereich ist theaterpädagogisch geprägt und gibt kurze Anweisungen für die verschiedene Übungen innerhalb der jeweiligen Aspekte.
Im dritten Abschnitt des Buches reflektiert der Autor das Chorische und führt mit einem Spezialisten für die Lehrstücke nach Brecht, Reiner Steinweg, sowie mit dem Theaterpädagogen Michael Wrentschur Interviews und führt ein fiktives Gespräch mit dem berühmten Performance Künstler John Cage.
Den Abschluss des Buches gestaltet der erste Werkstatt-Teil, in dem Sommer eine Idee von einer theaterpädagogischen Inszenierung des Chores aufzeigt. Weitere Werkstatt-Teile (2 bis 5) werden über einen QR-Code zum Download angeboten.
Diskussion
Harald Volker Sommer beschreibt sein Sujet mit Herzblut. Und wirklich, kann der Chor in der theaterpädagogischen Arbeit in einer Zeit, in dem Individualismus über allem steht, ein hilfreiches Element sein. Das Agieren in einer Gruppe ist heutzutage häufig mit Destruktivem verbunden, die Macht ausübt und geleitet ist. Der Zusammenschluss von Individuen für eine kollektive Handlung scheint in Zeiten von TikTok verloren gegangen. Das Chorische als Erfahrungsraum in die Theaterpädagogik aufzunehmen ist daher eine gute Sache. Leider ist das Werkbuch von Volker Harald Sommer sehr verkopft, Interviews werden heran geholt um Bedeutung zu generieren, wo es nicht notwendig gewesen wäre. Wieso ist ein Exkurs in die Präantike für einen Praktiker notwendig?
Es werden fachliche Begrifflichkeiten als konsensfähiges Faktum behandelt. Ein Beispiel: „Wir gleichen über die Spiegelneuronen unser Verhalten mit anderen ab…“ (78). Ob dem so ist, ist in der Neurologie noch diskutiert, so widerspricht unter anderem Gregory Hickok in seinem 2015 herausgekommenen Buch „Warum wir verstehen, was andere fühlen. Der Mythos der Spiegelneuronen“ diesem Ansatz. Diese Theorien hier zu diskutieren ist auf theaterwissenschaftlicher Sicht müßig, jedoch machen solche Schwachpunkte das Buch schwer lesbar, denn hierdurch werden kritische Gedanken und innere Widerstände generiert.
Häufig wechselt der Autor im ersten Teil des Buches vom großen Theater zur Theaterpädagogik und zurück, ohne dass hierfür die Relevanz für eine praktische Arbeit erkennbar wird. Im zweiten Bereich hingegen steigt er in die theaterpädagogische Arbeit ein, erläutert kurz verschiedene Übungen, die er thematisch sortiert hat. Leider ist die Darstellung der Übungen sehr deskriptiv, es fehlen weitergehende Beschreibungen von Intentionen, Praxiserfahrungen und eventuell auftretenden Schwierigkeiten innerhalb der pädagogischen Arbeit. Die im vorangestellten Einführungsteil stehenden Verlinkungen auf Übungen sowie Verweise innerhalb der jeweiligen Einheiten auf die Vorangegangenen wirken für den Lesen eher verwirrend als leitend.
Den Reflexionen hat Sommer zwar einen eigenen Abschnitt gewidmet, doch sind diese eher wieder ein Aufgreifen des ersten Teils des Buches. Auch die Rolle der Interviews wirken eher wie eine Untermauerung eigener Ideen als für die theaterpädagogische Arbeit zielführend. Besonders der Sinn für das erfundene Gespräch mit dem Künstler John Cage erschließt sich nicht wirklich.
Im Grunde ist die Intention des Buches, dem Chor in der theaterpädagogischen Arbeit eine bedeutendere Stellung zu geben, eine lobenswerte. In Zeiten der zunehmenden Individualisierung ist die Arbeit in einer Gruppe, die gemeinsam etwas darstellt, sozusagen dem Chor auch im klassischen Sinne, ein interessanter Ansatz. Hier geht es um die Wirkungsmacht der Vielen, auch wenn sie nicht unbedingt mit einer Stimme reden/ singen/agieren müssen. Die vielen Übungen, die Harald Volker Sommer im zweiten Teil des Buches anführt, sind für die praktische Arbeit eine schöne Inspiration.
Doch dem Buch Das chorische Prinzip hätte ein hartes Lektorat gutgetan. Es wirkt in vielen Teilen unfertig. Zwar merkt man dem Autor sein Herzblut für das Thema an und viele Aspekte sind interessant und hilfreich, doch die Unsicherheit über die Relevanz ist weithin zu spüren, sei es in einer etwas unrunden Struktur oder in dem Versuch, das Thema weiter fassen zu müssen als notwendig.
Fazit
Harald Volker Sommer stellt den Chor als wichtiges Element in der Theaterpädagogik vor. Wenn man den theoretischen Überbau vernachlässigt, sind die hundertzwanzig Seiten mit einer praktischen Handreiche sowie der zum Teil ins Internet ausgelagerte Werkstattbereich am Ende informativ für die theaterpädagogische Arbeit. Das Buch ist hierbei geeignet für alle, die mit dem Theater pädagogisch arbeiten, wie Theaterpädagogen, Sozialpädagogen oder Lehrer.
Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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