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Anja Reißmann: Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung

Cover Anja Reißmann: Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung. Chancen und Grenzen häuslicher Pflege. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 167 Seiten. ISBN 978-3-86585-405-6. 21,90 EUR.
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Pflegebedürftigkeit: (Neue) Herausforderungen für die Soziale Arbeit und die Gesellschaft

Pflegebedürftig ist jeder Mensch, der sich in einen existentiellen Zustand befindet, in dem er dauerhaft nicht in der Lage ist, die Erfordernisse des täglichen Lebens individuell zu bewältigen und deshalb für die Alltagsanforderungen der Hilfe von anderen Menschen benötigt. Im Sinne eines wissenschaftlichen Verständnisses, wie dies etwa durch das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln erfolgt, stellt die Pflegebedürftigkeit nach den gesetzlichen Definitionen durch das Sozialgesetzbuch (SGB XI) ein multifaktorielles Geschehen mit verschiedenen individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen dar: Bei der sozialen Dimension geht es darum, den pflegebedürftigen Menschen in seinem menschlichen Zustand nicht zu isolieren; die ökonomische Dimension umfasst die Probleme der Kostenübernahme und der Gefahr der Verarmung; mit der psychischen Dimension ist die existentielle Erfahrung für pflegebedürftige Menschen angesprochen; und die gesellschaftliche Dimension spricht die Aufgabe an, das Risiko von Pflegebedürftigkeit in das Bewusstsein eines jeden Menschen zu bringen.

Inhalt

Mit diesen einführenden Hinweisen auf diesen Aspekt des sozialen Miteinanders in unserer Gesellschaft wird eine Arbeit aus dem Fachbereich Sozialwesen der FH Erfurt vorgestellt. Die Erfurter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind bereits mit mehreren Untersuchungen und Bestandsaufnahmen zu den neuen Herausforderungen der Sozialarbeit in unserem Land hervor getreten: Insbesondere der Paulo Freire Verlag in Oldenburg legt in den Veröffentlichungsreihen "Dialog und Diskurs", "Neuer Diskurs", "Pädagogische Reihe", "Aspekte der Freire-Pädagogik" und der "Paulo-Freire-Jahrbücher" neuere Forschungsergebnisse aus der wissenschaftlichen Diskussion um die Veränderungsschwerpunkte und -richtungen in unserer Gesellschaft vor. Die Autorin nimmt die Tatsache zum Anlass, dass in unserer Gesellschaft die Anzahl der pflegebedürftigen älteren Menschen stetig zunimmt und sich damit auch die Probleme vermehren, die auf die direkt betroffenen pflegebedürftigen Menschen, als auch auf deren Angehörige und auf die Solidargemeinschaft insgesamt zu kommen. Nach Klärung der Begrifflichkeit, wie die "Pflegebedürftigkeit" nach der gesetzlich-rechtlich-institutionellen Situation definiert wird, nimmt Anja Reißmann eine Bestandsaufnahme für die Bundesrepublik vor: Ende 2001 lebten in Deutschland mehr als 2 Millionen Pflegebedürftige; aktuell ist die Zahl vermutlich um weitere 10 Prozent gestiegen. Weil in unserer Gesellschaft das (Pflege-)Prinzip - "ambulant vor stationär" - gilt, differenzieren sich die Zahlen von 70 (häusliche) zu 30 Prozent (Heimpflege). Nach dem SGH XI werden drei Pflegestufen ermittelt, nach denen die Pflegebedürftigen Leistungen aus der Pflegekasse erhalten: Pflegestufe I = erheblich Pflegebedürftige; II = schwer Pflegebedürftige; III = Schwerstpflegebedürftige. Vom zeitlichen Aufwand für das Pflegepersonal ergeben sich dadurch 1,5 Stunden, 3 Stunden und 5 Stunden. Die sich daraus ergebenden monatlichen Kassenzahlungen für Sachleistungen durch ambulante Pflegedienste oder Geldleistungen für die selbstorganisierte Pflege reichen in den wenigsten Fällen aus, um die Kosten für den Pflegebedarf abzudecken.

Weil in dieser Situation insbesondere bei der ambulanten Pflege in der Familie und in sozialen Netzwerken ein hoher Unterstützungsbedarf für Beratung und der direkten Betreuung durch professionelles Personal besteht, kommen auf die im Tätigkeitsbereich Soziale Arbeit Beschäftigten immer höhere Anforderungen zur Professionalisierung in ihren Berufen vor. Nach einer Untersuchung aus Baden-Württemberg vor rund 10 Jahren ergibt sich, dass rund die Hälfte der Berufsanfänger in der Sozialen Arbeit in Tätigkeitsfeldern beschäftigt sind, die sich um ältere Menschen kümmern. Diese Professionellen mit den entsprechenden Kompetenzen auszustatten, die z. B. berücksichtigen, dass sich mehr als die Hälfte der ambulant versorgten Pflegebedürftigen ablehnend gegenüber einer dauerhaften stationären Versorgung äußern; für beinahe 40 Prozent käme ein Umzug ins Pflegeheim auf keinen Fall in Frage. Durch die Veränderungen, die sich durch die Familienentwicklung und den Altersstrukturwandel in der Gesellschaft vollziehen, geht die Gerontologie mittlerweile davon aus, dass alte Menschen Lebensphasen erreichen, die mit dem "vierten Lebensalter" bis zur Hochaltrigkeit reichen. In dieser Phase aber treten in erhöhtem Maße chronische Erkrankungen und Demenzen auf, die einen hohen Pflegebedarf und ein wachsendes Risiko von Multimorbidität bedingen. Diese Entwicklung trifft zusammen mit einer immer stärkeren Individualisierung und den damit verbundenen Normen- und Wertewandel in der Gesellschaft. Für die Pflegebedürftigen bedeutet dies, in welchen Lebensverhältnissen sie existieren; ob sie etwa in einem familienbezogen-traditionalistischem Milieu leben, in dem ein relativ stabiles soziales Umfeld vorherrscht, aber auch eine geringe Mobilität im Biographieverlauf, oder in einem individualisierten, mit einem eher labilen sozialen Unterstützungsnetzwerk. Bei dieser Frage ist interessant, welche Gründe vorherrschen, wenn pflegebedürftige Menschen von der ambulanten in die stationäre Pflege, etwa ins Pflegeheim, wechseln. So stellt sich heraus, dass der Grad der Selbsthilfetätigkeit einen starken Einfluss auf diese Entscheidung ausübt: Bei alten Menschen, die in einem Einpersonenhaushalt leben, erhöht sich das Risiko einer Heimeinweisung um das Vierfache im Vergleich zu Menschen, die in einem Mehrpersonenhaushalt bzw. in individuellen, generationengerechten Wohneinheiten leben. Defizite und Probleme in der institutionalisierten Pflege lassen sich, so die Ergebnisse einer Reihe von Untersuchungen, auch darauf zurück führen, dass das Pflegepersonal den professionellen Anforderungen in ihrem Beruf nicht in befriedigender Weise gerecht werden (können!). Es gehe darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich im Berufsfeld der Pflege das Pflegepersonal nicht nur um die Pflegebedürftigen kümmern müsse, sondern auch um deren Umfeld, also "pflegefachliche und lebensweltliche Sichtweisen" einzubeziehen.

Im Auftrag der AWO AJS gGmbH ermittelte deshalb die Autorin die Gründe, warum und wann pflegebedürftige Menschen in die stationäre Pflege eintreten; verbunden mit dem Interesse, die Versorgung Pflegebedürftiger im ambulanten Bereich länger aufrecht zu erhalten. Die differenzierten Ergebnisse, die sicherlich für die institutionelle wie die individuelle Diskussion um die Pflegebedürftigkeit von alten Menschen in unserer Gesellschaft wertvolle Hinweise liefern, münden in eine wichtige Gesamtaussage: Zur Verbesserung der häuslichen, ambulanten Versorgung von Pflegebedürftigen ist die Stabilisierung und Neuordnung von Unterstützungsnetzwerken im Umfeld der Betroffenen notwendig. Anja Reißmann legt dafür "Impulse zur Stärkung der häuslichen Versorgung durch professionelle Hilfe" vor. Sie diskutiert die bisherigen Erfahrungen mit den verschiedenen, direkten und indirekten Vernetzungsmodellen und formuliert Vorschläge zur "Neuorientierung der Sozialen Arbeit in der Pflege". Dabei favorisiert sie die Methode des "Unterstützungsmanagements", als Weiterentwicklung des "Case Management", bei dem es darum gehe, "die Selbstbestimmung der Hilfebedürftigen sicherzustellen und zu aktivieren und sie an der Planung und Durchführung des Hilfeprozesses stärker zu beteiligen".

Fazit

Weil in der gegenwartsbezogenen und zukunftsorientierten Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung heute und künftig höhere Anforderungen an die Versorgungssysteme pflegebedürftiger Menschen gestellt werden, gleichzeitig aber die Soziale Pflegeversicherung diesen Bedarf nicht decken kann, bedarf es eines neuen Nachdenkens über die Schaffung von adäquaten gesetzlichen Rahmenbedingungen; gleichzeitig aber auch der Implementierung und Erprobung von persönlichen, familien- und netzwerkorientierten Initiativen für eine menschengerechte, weitgehend selbst- und mitbestimmte Versorgung von pflegebedürftigen Menschen. Die Prognosen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehen davon aus, dass die Anzahl Pflegebedürftiger in Deutschland bis 2010 auf 2,38 Millionen und bis 2020 auf 2,94 Millionen Menschen steigen werden. Die enormen gesellschaftlichen Herausforderungen werden nur zu bestehen sein, wenn auch das Berufsfeld Soziale Arbeit und die in ihr tätigen Professionellen Innovationen entwickeln. Anja Reißmann hat dafür eine Reihe von Vorschlägen entwickelt und Quellenmaterialien zum Weiterdenken vorgelegt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.10.2005 zu: Anja Reißmann: Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung. Chancen und Grenzen häuslicher Pflege. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-405-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3160.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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