Inga Nüthen: Geschlecht, Sexualität und Politik
Rezensiert von Prof. Dr. Jana Günther, 12.09.2025
Inga Nüthen: Geschlecht, Sexualität und Politik. Aspekte queer_feministischer Politikverständnisse.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2024.
375 Seiten.
ISBN 978-3-8474-2733-9.
D: 39,90 EUR,
A: 41,10 EUR.
Reihe: promotion - 14.
Thema
Die theoriebasierte Studie von Inga Nüthen zielt darauf ab, einen Beitrag zur Politischen Theorie und zur Geschlechter- sowie Queerforschung zu leisten. Die Arbeit und die herauskristallisierten Zugänge verstehen sich als neuralgische Punkte queer_feministischer Debatten zum Verständnis von Politik sowie als Ausgangspunkte für weiterführende Diskussionen bei gleichzeitiger Erweiterung des Theoriediskurses.
Autor*in
Inga Nüthen, Dr., Politikwissenschaftler*in, ist als Akademische*r Rät*in und Leitung des Fachgebietes Internationale Geschlechterpolitik und Qualitative Methoden am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel tätig. Ausgewählte Schwerpunkte Inga Nüthens liegen in queer-feministischer Theorie, politikwissenschaftlichen LGBTIQ+-Studies, queeren Klassenpolitiken, queeren und feministischen Perspektiven auf Bildung, Gender und Intersektionalität in der (digitalen) Lehre.
Aufbau
Die Studie enthält sieben detailreiche Kapitel, die geeignet aufeinander Bezug nehmen. Einer Dissertationsschrift angemessen werden in Kapitel 1 der theoretische Zugriff und queer_feministische Begriffszugänge sowie Politikverständnisse erläutert. Für Kapitel 2 diskutiert Nüthen insbesondere die Debatte um die Dimensionen öffentlich-privat und deckt queer_feministische Interventionen dazu auf. Politik als Machtphänomen wird in Kapitel 3 entlang dreier Machtkonzeptionen systematisiert, während in Kapitel 4 insbesondere der Streit um Differenz in den Fokus gerückt wird. In Kapitel 5 verhandelt Nüthen komplexe Antagonismen und Devianz, um das Politische als konstitutiven Dissens zu plausibilisieren. Politik als gemeinsames Handeln und das Ringen um Allianzen werden in Kapitel 6 schlussendlich verhandelt. In Kapitel 7 werden wesentliche Befunde der theoretischen Ausarbeitung noch einmal übersichtlich zusammengeführt.
Inhalt
Inga Nüthen möchte in der Theoriestudie erstens eine Systematisierung zu queer_feministischen Politikverständnissen erarbeiten und zweitens zentrale Betrachtungsweisen eines queer_feministischen Verständnisses von Politik erörtern (S. 29). Der von Nüthen absichtlich gewählte Plural zeigt bereits an, dass es nicht darum geht, die diversen Debatten queer_feministisch einzuebnen, vielmehr soll ein Beitrag geleistet werden, der der „Politischen Theorie und Geschlechterforschung ‚Raum zu Atmen‘“ gibt (S. 33). Dies geschieht dezidiert im Wissen um die Diversität der Zugänge, Ansätze und unterschiedlichen historischen Problemlagen. Es versteht sich fast von selbst, dass Nüthen von einem erweiterten Politikbegriff ausgeht, der sich eben nicht an staatlich-politischen Institutionen und Abläufen orientiert (S. 45), sondern vielmehr Politiken jenseits eben dieser Sphären einbezieht und darüber hinaus die Trennung öffentlich-privat zu überwinden sucht (Kapitel 2), ohne aber bestehende Ambivalenzen aufzulösen (S. 89). Hierfür könne u.a. die Fokussierung auf „Sorge und Reproduktion des Lebens zum Ausgangspunkt von Politik gemacht werden“ (ebd.).
Politik als komplexes Machtphänomen (Kapitel 3) differenziert Inga Nüthen diffizil und begrifflich tief. Das aus der theoretischen Abwägung und Argumentation herausgearbeitete Plädoyer fällt entsprechend vielschichtig aus: Ein queer_feministischer Begriff von Politik als Machtphänomen muss multidimensional angelegt sein. D.h. dieser soll Aspekte zusammenführen, „die Politik als Institutionalisierung der Geschlechterordnung, als Ermächtigung im gemeinsamen Handeln oder als Regulierungsweise der Geschlechterverhältnisse“ (S. 157) fassen. Nüthen verweist folgerichtig auf den Zusammenhang struktureller Unterdrückung, der Gewalthaftigkeit heterosexistisch-patriarchaler Ordnungen, bei gleichzeitiger Benennung und Bezugnahme auf Möglichkeiten von Selbstermächtigung (ebd.).
Dem „Streit um die Differenz“ (Kapitel 4), welcher in der feministischen Theoriebildung unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert wurde und wird, begegnet Inga Nüthen zunächst mit einer Inbezugnahme radikaldemokratischer Argumente (S. 165–166) und queer_feministischer Grundlagenkritik: an erstens den universalisierenden Grundlagen westlichen politischen Denkens (S. 173) und zweitens den universalisierenden Fundierungen in der feministischen Theoriebildung (S. 175). Angelehnt an Jack Halberstam konstatiert Inga Nüthen, dass Queer Theorie „kein Sicherheitsnetz“ bereitstellt und „als offenes Feld bewahrt“ werden sollte (S. 237). Das bedeutet, bezugnehmend auf die in dem Kapitel entfaltete Theoriediskussion, dass Nüthen für eine Konzeptualisierung von „Universalität with a difference“ argumentiert, die die „Materialität von GeschlechtsKörpern“ und Gesellschaftsverhältnissen inkludiert, denn – so Inga Nüthen – auf der Grundlage „einer queer-feministischen Politik ohne letzten Grund lassen sich weder Ambivalenz noch starke politische Forderungen verneinen“ (S. 240; Hervorheb. im Org.).
Die Fäden nimmt Nüthen im darauffolgenden Kapitel 5 auf, denn auf einer anti-essentialistischen und poststrukturalistischen Folie, geht dies auch einem queer_feministischen Politikbegriff einher, der dissensorientiert ist. Die zwei Stränge der Argumentation entfalten sich erstens an der Idee des Politischen als Verdichtung und anschließend an radikal-demokratische Thesen von Chantal Mouffe und deren Hervorhebung des Antagonistischen. Und Inga Nüthen konzeptualisiert zweitens queer_feministische Politiken als Politiken der Devianz in Anschluss an Stuart Hall (S. 243). Detailreich wird auch hier dem theoretischen Diskurs im Feld nachgespürt, um darauf zu verweisen, dass beide Stränge auf einer Ebene des Subjekts, den eigentlich begründenden Charakter von Politik im Dissens ausmachen. Um marginalisierte Subjektpositionen in politischen Praxen aber nicht zu überfrachten, müssen „Politiken der Devianz an die Komplexität queerer Negativität sowie Normativitäts- und Normalisierungskritik rückgebunden werden“ (ebd.).
Der stärkste Teil des Buches stellt Kapitel 6 dar, welches Allianzorientierung und Politik als gemeinsames Handeln gerade unter den Rahmenbedingungen von Differenz in den Blick nimmt. Diese allianzorientierte Perspektive hebt ein Politikverständnis hervor, welches Bündnisse und Kooperationen in den Mittelpunkt des Interesses rückt (S. 289). U. a. basierend auf Hannah Arendts Konzept von „Gemeinsamkeit in Verschiedenheit, Gleichheit und Unterschiedlichkeit“, diskutiert Inga Nüthen fünf Konzepte eines allianzorientierten queer_feministischen Politikverständnisses (S. 290): Dazu gehören erstens politische Solidarität, wie sie bell hooks und Chantra T. Mohanty formulieren (S. 292–294). Es sollte dementsprechend darauf beharrt werden, dass Differenzen in marginalisierten Gruppen nicht überwunden werden müssen, sondern sich vielmehr über gemeinsame Ziele verbunden werden kann (S. 293). Aus dieser Argumentation heraus wird Konflikthaftigkeit und Dissens eben nicht etwas, was Solidaritäten entgegensteht, sondern vielmehr zum wesentlichen Bestandteil solidarischen Handelns (S. 294). Zweitens können Allianz und Differenz auch nach dem Modus von Relationalität gedacht werden. Das bedeutet, dass Abhängigkeit und Verletzlichkeit nach der Logik dieser Argumentation gemeinsames Handeln bedingen. Drittens entfaltet Inga Nüthen eine Perspektive der affektiven Dimension des Politischen, die nicht vereindeutigbar sei, sondern auf ein „allianzorientiertes Verständnis von Politik und ambivalenten Gefühlen und deren Effekten basiert“ (S. 309). Ein weiteres viertes allianzorientiertes Politikverständnis nimmt Solidarität als kooperative und sorgende Beziehungsweise in den Blick. Praxen gegenseitiger Hilfe, Sorge und Kooperation können dementsprechend zum „Mobilisierungsfaktor auch aktueller sozialer Bewegungen“ werden (S. 312). Nüthen macht zudem fünftens darauf aufmerksam, dass Solidarität auch als eine gegenwärtige Utopie fungiert (S. 314), denn Politik als gemeinsames Handeln ist auch mit „einem Denk- und Handlungsprinzip verknüpft, das im gemeinsamen Handeln über das Gegenwärtige hinausweist“ (S. 317). Inga Nüthen führt die fünf Perspektiven anschließend zusammen und erweitert den Blick auf (kollektives) Handeln unter den Bedingungen von Differenz und Relationalität um die Dimension der Performativität, denn Solidaritäten und Bündnisse können nur unter diesen Bedingungen hervorgebracht werden (S. 320). An dieser Stelle wird dezidiert darauf aufmerksam gemacht, dass Solidarität und Allianz in besonderer Weise von „den Stimmen derjenigen profitiert, deren Perspektiven als differente wahrgenommen werden“ (ebd.). Mit der Begrifflichkeit der beweglichen Solidarität schafft Nüthen hier eine Möglichkeit, dieses Verständnis zu fassen, und fordert gleichzeitig, dass Allianzen im Sinne eines „rebellischen Universalismus“ anerkannt werden sollten (ebd.).
Trotz der umfassenden und ausgesprochen tiefgehenden Theoriediskussion, gelingt es Inga Nüthen in dem Resümee (Kapitel 7) die entfaltete Kartografie auf der Grundlage der anfangs eingeführten zwei grundlegenden Aspekte queer_feministischer Politikverständnisse, nämlich der Kritik an der Trennung öffentlich-privat und Politik als Machtphänomen, und der Bestimmung von Politik unter den Bedingungen von Kontingenz und Dissens sowie allianzorientierter Politikbegriffe plausibilisiert zusammenzufassen.
Diskussion
Die Studie kann als Exegese der vielfältigen Theorieansätze im Bereich der u.a. Geschlechterforschung, Queer Studies und feministischen Politikwissenschaft begriffen werden. Die Leistung Inga Nüthens liegt vordergründig darin, die Ansätze zu kartografieren, Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervorzuheben und das Verbindende herauszuarbeiten. Nüthen hat in keiner Weise einen Anspruch auf Vollständigkeit hinsichtlich der Rezeption von Theorien und der Darstellung politischen Praxen bzw. sozialer Bewegungen erhoben. Nichtsdestotrotz leistet die Arbeit in der Dichte, in ihren Suchbewegungen und in der vorgeschlagenen Systematisierung einen wichtigen Beitrag innerhalb der allgemeinen politikwissenschaftlichen Diskussion um den Begriff von Politik und systematisiert gleichzeitig, wie Politik bzw. Politikverständnisse queer_feministisch ausgedeutet werden.
Hervorzuheben sei Nüthens stete Verbindung der Theoriebildung mit den jeweiligen politisch-widerständigen Strömungen, die diese Debatten hervorbrachten oder mittrugen. Hier verdeutlicht sich an dem dezidierten Theorie-Praxis-Bezug noch einmal, dass Theoriebildung und Wissenschaft nicht im luftleeren Raum – sondern innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse – geschehen. Der rote Faden der Argumentation ist sinnvoll und nachvollziehbar. Als besonders gehaltvoll können auch der Rekurs auf radikaldemokratische Konzepte in Kapitel 5 sowie die Auseinandersetzung mit dem Solidaritätsbegriff unter queer_feministischen Prämissen in Kapitel 6 gewertet werden. Die theoretisch fundierte Konzeptualisierung eines dissensorientierten Politikverständnisses, halte ich aus einer empirischen Perspektive der sozialen Bewegungs- und Protestforschung für tragfähig. Sie bieten interessante Ansatzpunkte für weiterführende Debatten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern: Theoriebildung in der sozialen Bewegungsforschung, intersektionale und historische Sozialarbeitsforschung, historische Neubewertungen von Geschlechterbewegungen und Operationalisierung der aufgestellten Arbeitsthesen für aktuelle Fallstudien zu bestimmten Protestgeschehen.
Fazit
Die Publikation steuert in ihrer Systematisierung und Kartografie für die feministische Politikwissenschaft und darüber hinaus neue und innovative Denkansätze bei. Der Anspruch der „doppelten Leerstelle“ (S. 25), nämlich in der Politikwissenschaft und in der Geschlechter- sowie Queerforschung, etwas entgegenzusetzen, kann als erfüllt betrachtet werden. Gleichwohl – und das erwartet Inga Nüthen auch dezidiert – haben sich aus der Theorieaufarbeitung, den Synthesen und den Interpretationen selbst neue Fragen und Diskussionsansätze ergeben, die es zu erkunden gilt.
Rezension von
Prof. Dr. Jana Günther
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