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Christopher Wimmer: Die Marginalisierten

Rezensiert von Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz, 10.07.2024

Cover Christopher Wimmer: Die Marginalisierten ISBN 978-3-7799-7108-5

Christopher Wimmer: Die Marginalisierten. (Über-)Leben zwischen Mangel und Notwendigkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 302 Seiten. ISBN 978-3-7799-7108-5. D: 26,00 EUR, A: 26,90 EUR.

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Autor

Christopher Wimmer ist Soziologe und arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht zu sozialer Ungleichheit, Armut, sowie politischer Mobilisierung. In seiner soziologischen Dissertation beschäftigte er sich mit dem Klassenbewusstsein der marginalisierten Klasse in der Bundesrepublik – diese Arbeit wurde als Buch veröffentlicht und ist Gegenstand dieser Rezension. Außerdem erschien im September 2023 sein Buch „Land der Utopie?“ über seinen Aufenthalt in Rojava. Zusätzlich schreibt er regelmäßig für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen feuilletonistische Texte zu Geschichte und Aktivismus. Seine Texte erscheinen u.a. in der taz, Frankfurter Rundschau und ZEITonline.

Hintergrund

Die Marginalisierten- (Über)leben zwischen Mangel und Notwendigkeit ist die leicht überarbeitete und gekürzte Fassung Wimmers Dissertation, welche er im Frühjahr 2023 an der Humboldt Universität zu Berlin verteidigte. Ein großer Teil der Arbeit besteht aus Erfahrungsberichten, die einen umfassenden Einblick in das Leben Marginalisierter gewährten. Im Titel des Buches wird bereits die zentrale Aussage deutlich: In Gesellschaften, die von der kapitalistischen Produktionsweise geprägt sind, zeichnet sich diese dadurch aus, dass sie „Gewinner“ und „Verlierer“ produziert. Um die kapitalistische Produktionsweise aufrecht zu erhalten, ist soziale Ungleichheit Voraussetzung. Auch in aktuellen Debatten, sei es in den Medien, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft, ist von der „sozialen Frage“ die Rede.

Im vorliegenden Buch geht es um die sogenannten „Verlierer“, die ins Zentrum gestellt werden. Der Autor versteht darunter, in Übereinstimmung mit der Forschung, eine soziale Klasse von Menschen, die teilweise prekären Tätigkeiten nachgehen, oder als (Langzeit-) Arbeitslose überhaupt keine Arbeit haben. Auch wohnungs- und obdachlose Menschen sowie Migrant*innen sind darunter zu fassen. Wichtig anzumerken sei hier aber eben auch, dass das Leben dieser Menschen durch Ausgrenzung und Abwertung bestimmt sei und sie sich unterhalb der Schwelle sozialer Respektabilität bewegen.

Wimmer merkt kritisch an und positioniert dadurch seinen eigenen Zugang, dass bisherige Forschung sich sozial Marginalisierten „von oben“ genähert und diese als defizitär verstanden hat. Hier vermischen sich in seiner Interpretation Mitleid und die Tendenz, die Marginalisierten als „Opfer“ zu betrachten, mit dem auf der anderen Seite stehenden Ruf nach verstärkter Kontrolle über sie, wodurch die Marginalisierten auch als Bedrohung gesehen werden. Es geht also entweder darum, die Marginalisierten aus ihrer Misere zu befreien oder ihre „Devianz“ zu unterbinden. Das Buch behandelt dabei einerseits soziologische Fragen zu Armut und Erwerbslosigkeit, andererseits widmet es sich auch sozialpolitischen Themen wie Einstellungen und Bewusstseinsformen

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist systematisch aufgebaut und umfasst insgesamt elf Kapitel, die verschiedene Aspekte der sozialen Marginalisierung eingehend behandeln. Die Einleitung als Kapitel 1 stellt die Motivation, Ziele und den methodischen Ansatz der Studie vor, wobei der Fokus darauf liegt, die Stimmen und Lebenswelten marginalisierter Personen selbst zu Wort kommen zu lassen.

Das Buch zielt insgesamt darauf ab, ein differenziertes Bild der sozialen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland zu zeichnen und die Komplexität sozialer Ungleichheit und Marginalisierung zu erfassen. Zentrale Themen sind die Verknüpfung von objektiven Klassenstrukturen mit subjektiven Erfahrungen, die Auswirkungen wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen auf die Lebensbedingungen marginalisierter Gruppen sowie die Frage nach politischer Handlungsfähigkeit und sozialer Integration.

Eine zentrale Aussage des Buches ist die Betonung der Vielschichtigkeit und der individuellen Dimensionen sozialer Marginalisierung, die über rein ökonomische Faktoren hinausgehen und die Notwendigkeit einer differenzierten Herangehensweise an dieses komplexe Thema unterstreichen.

Einzelne Kapitelzusammenfassung

„Die Marginalisierten“ von Wimmer ist eine umfassende Untersuchung der sozialen Ungleichheiten und Klassenstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. Das 2. Kapitel, Klasse und Klassenbewusstsein als theoretischer Ramen, beginnt mit einem Überblick über die Marx'schen Theorien und deren Einfluss auf die bundesdeutsche Ungleichheitsforschung. Wimmer zeigt, dass trotz der wirtschaftlichen Entwicklung und des sozialen Aufstiegs nach dem Zweiten Weltkrieg, die sozialen Ungleichheiten und das Klassenbewusstsein nie vollständig verschwanden. Er beleuchtet die Rolle der Arbeiterbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, die eine Renaissance des Klassenbewusstseins hervorbrachten.

In Kapitel 3, Klassenanalyse mit Pierre Bourdieu und Edward P. Thompson, wird die Klassenstruktur und das Klassenbewusstsein anhand der Theorien beider Denker analysiert. Beide erweitern den marxistischen Klassenbegriff, indem sie objektive Klassenstrukturen mit subjektiven Erfahrungen verknüpfen. Bourdieu betrachtet die soziale Welt als ein Kräftefeld, in dem Akteure um Macht und Anerkennung kämpfen. Er betont, dass Klassen durch verschiedene Formen von Kapital (ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch) definiert werden und sich in Lebensstilen und Habitus ausdrücken. Thompson hingegen fokussiert sich stärker auf die subjektiven Erlebnisse der Klassenmitglieder und die alltäglichen Erfahrungen, die Klasse formen. Es wird eine umfassende Grundlage geschaffen, um die sozialen Dynamiken und die Marginalisierung in der Gesellschaft besser zu verstehen.

Kapitel 4, Klassengesellschaft im Wandel und die Klasse der Marginalisierten, untersucht die historische Entwicklung und soziale Konstruktion marginalisierter Klassen. Es wird dargestellt, wie Begriffe wie „Lumpenproletariat“ und „undeserving poor“ entstanden und sich im Laufe der Zeit veränderten, um diejenigen am Rande der Gesellschaft zu beschreiben. Wimmer beleuchtet die Rolle von Kirchen und staatlichen Institutionen in der Armenfürsorge und analysiert die ökonomischen Krisen und neuen Armutsformen in Deutschland nach 1968. Er betont die ideologischen und materiellen Trennlinien zwischen verschiedenen Armutsgruppen und deren Auswirkungen auf soziale Integration und Ausgrenzung. Internationale Debatten über die Kulturalisierung sozialer Ungleichheit und die Rolle der „underclass“ werden ebenfalls thematisiert. Weiterhin wird die dreifache Bestimmung des Begriffs Marginalisierung – Randständigkeit, Exklusion und Deklassierung – diskutiert. Wimmer zeigt, wie diese Prozesse zu einer kumulativen Häufung von Risiken führen, die soziale Identität, Gesundheit und Lebenserwartung beeinflussen.

Methodik und Forschungspraxis zur Untersuchung sozialer Marginalisierung werden in Kapitel 5Über die Forschungspraxis, beschrieben. Die Datenerhebung basiert auf Interviews mit 27 Personen, die zwischen Dezember 2019 und April 2020 durchgeführt wurden. Der Zugang zu den Gesprächspartnern erfolgte über sogenannte Gatekeeper wie Mitarbeiter*innen von Notunterkünften und Tafeln. Die Datenanalyse nutzte die dokumentarische Methode, um implizites Wissen und kollektive Muster zu identifizieren. Wimmer betont die Komplexität sozialer Marginalisierung und die Notwendigkeit, individuelle Erfahrungen und strukturelle Bedingungen zu verstehen. Das Kapitel schließt mit kritischen Anmerkungen zur Methode und den Herausforderungen wie der Heterogenität des Samples und der sozialen Distanz zwischen Forscher und Teilnehmern. Es bietet eine fundierte methodische Grundlage für die Analyse der sozialen Marginalisierung und zeigt die Vielschichtigkeit des Forschungsprozess auf.

Kapitel 6, Wege in die Marginalisierung, untersucht die biografischen Erfahrungen, die zur Marginalisierung führen. Der Fokus liegt auf der Rolle des Habitus, der durch Herkunftsfamilien, Bildungssysteme und soziales Umfeld geprägt wird. Es wird analysiert, wie soziales und ökonomisches Kapital innerhalb der Familie vermittelt wird und wie diese Prozesse die soziale Position der Akteure beeinflussen. Die ersten Abschnitte des Kapitels beleuchten die Klassenposition der Herkunftsfamilie und die Vermittlung von ökonomischem und kulturellem Kapital. Die Erzählungen der Befragten zeigen eine klare Korrelation zwischen ihrer sozialen Herkunft und den erlebten Marginalisierungsprozessen. Das Bildungssystem spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des sekundären Habitus, und verschiedene Typen des Bildungshabitus werden identifiziert, die sich in ihrer Einstellung zu Schule und Bildung unterscheiden. In den späteren Abschnitten wird die berufliche Ausbildung als eine weitere wichtige biografische Phase betrachtet, die zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beiträgt. Die beruflichen Erfahrungen der Befragten variieren stark, was auf unterschiedliche Kapitalausstattungen und Dispositionen zurückzuführen ist. Schließlich werden die verschiedenen Gruppen innerhalb der marginalisierten Population untersucht, darunter die dauerhaft Marginalisierten und die „Gefallenen“, deren Positionen durch biografische Ereignisse wie soziale Abstiege und Migration geprägt sind. Kapitel 6 verleiht dem Leser einen tiefen Einblick in die individuellen und strukturellen Faktoren, die zur Marginalisierung führen, und zeigt die Komplexität der Prozesse auf, die das Leben der marginalisierten Personen prägen.

Die Arbeitssituation der Befragten wird in Kapitel 7 beleuchtet, insbesondere deren Erwerbsbiografien und die Erfahrungen mit Erwerbslosigkeit. Es wird dargestellt, wie Lohnarbeit und deren Verlust die soziale Identität und das Selbstwertgefühl beeinflussen. Die informelle Arbeit und deren Herausforderungen sowie das Betteln als Überlebensstrategie werden detailliert beschrieben. Deutlich wird, dass materielle Deprivation und psycho-soziale Folgen zentrale Aspekte der Erwerbslosigkeit sind. Wimmer bietet mit diesem Kapitel einen fundierten Einblick in die sozialen und biografischen Mechanismen der Marginalisierung und unterstreich somit das breite Spektrum der Prozesse.

Kapitel 8 thematisiert die marginalisierte Klassenposition im Alltag der Befragten. Es wird deutlich, dass Armut, Krankheit, Wohnungslosigkeit und Kriminalität zentrale Aspekte ihres Lebens sind. Das Kapitel beschreibt, wie diese Faktoren ihre Lebensbedingungen prägen und ihre sozialen Interaktionen beeinflussen. Die Bedeutung von Tafeln und sozialen Einrichtungen als Überlebensstrategien wird hervorgehoben. Zudem wird die Verwundbarkeit des Körpers und die Erfahrungen mit Gewalt und Suchtmitteln beleuchtet, die die Marginalisierung weiter verstärken.

In Kapitel 9 wird die Marginalisierung sozialer Beziehungen untersucht. Die Befragten sind nicht völlig isoliert, nutzen jedoch ihre sozialen Beziehungen als Sozialkapital, um Mangel und Unterstützung zu kompensieren. Es wird diskutiert, wie Armut und Marginalisierung die Wahrnehmung und Nutzung sozialer Netzwerke beeinflussen. Das Kapitel behandelt verschiedene Facetten der familiären und partnerschaftlichen Beziehungen der Befragten. Es wird festgestellt, dass Partnerschaften und familiäre Beziehungen stark variieren und dass viele Befragte geschieden oder alleinerziehend sind. Kinderlosigkeit und der Einfluss von Armut auf die Kindererziehung werden ebenfalls thematisiert. Das Kapitel beleuchtet die Bedeutung der Stabilität sozialer Beziehungen für das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität der Befragten.

Marginalisierung im Bewusstsein, Kapitel 10, untersucht, wie die Befragten die Gesellschaft und ihre eigene Position darin wahrnehmen. Es wird ein dichotomes Gesellschaftsbild beschrieben, in dem die Gesellschaft in „oben“ und „unten“ gespalten ist. Die Befragten sehen sich oft als Teil der unteren Schicht und beschreiben ihre Marginalisierung als Ausdruck sozialer Ungleichheit. Die Typologie des individuellen Bewusstseins wird eingeführt, die die unterschiedlichen Formen des Bewusstseins und der Handlungsfähigkeit der Befragten klassifiziert. Es werden vier Grundtypen des Bewusstseins beschrieben, die sich durch Aktivität und Passivität sowie durch Würdeanspruch und Entwürdigung unterscheiden. Das Kapitel zeigt, wie diese Bewusstseinsformen das Leben und die sozialen Interaktionen der Befragten prägen. 

Kapitel 11, Zwischen Entwürdigung und Handlungsmacht fasst die Mechanismen sozialer Marginalisierung zusammen und betont noch einmal die Bedeutung der sozialen Herkunft und der familiären Hintergründe der Befragten. Es wird diskutiert, wie Marginalisierung über Generationen hinweg reproduziert wird und wie sich dies auf das Selbstbewusstsein und die sozialen Interaktionen der Befragten auswirkt. Ein zentrales Thema ist der Kampf um Respektabilität, der als ständiger Begleiter der marginalisierten Klasse beschrieben wird. Die politische Handlungsfähigkeit der Marginalisierten wird analysiert, wobei festgestellt wird, dass viele Befragte trotz ihres Bewusstseins für soziale Ungerechtigkeiten keine kollektiven politischen Handlungen unternehmen. Die moralische Ökonomie und die Bedeutung von Solidarität und gegenseitiger Hilfe werden als mögliche Wege zur Überwindung von Marginalisierung diskutiert.

Diskussion

Das Buch bietet eine detaillierte Analyse der sozialen Marginalisierung und ihrer Auswirkungen auf das Leben und das Bewusstsein der Betroffenen. Es zeigt, wie Marginalisierung nicht nur durch wirtschaftliche Bedingungen, sondern auch durch soziale und psychologische Mechanismen verstärkt wird. Besonders hervorzuheben ist die Typologie des individuellen Bewusstseins, die eine tiefere Einsicht in die unterschiedlichen Reaktionen und Handlungsweisen der Marginalisierten ermöglicht. Die Untersuchung der sozialen Herkunft und der intergenerationalen Transmission von Marginalisierung bietet wertvolle Erkenntnisse über die Langzeitwirkungen sozialer Ungleichheit. Die Diskussion über politische Handlungsfähigkeit und moralische Ökonomie regt zum Nachdenken über mögliche Wege zur sozialen Integration und Verbesserung der Lebensbedingungen marginalisierter Gruppen an. Das Buch liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der komplexen Dynamiken sozialer Marginalisierung und deren Bewältigung.

Wimmers Arbeit zeichnet sich zusätzlich durch ihre methodische Sorgfalt und die umfassende theoretische Fundierung aus. Die Diskussion über politische Handlungsfähigkeit und moralische Ökonomie regt zu weiterem Nachdenken über mögliche Wege zur sozialen Integration und Verbesserung der Lebensbedingungen marginalisierter Gruppen an.

Aus der Sicht des Rezensenten leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zur soziologischen Forschung über soziale Ungleichheit und Klassenbewusstsein. Es zeigt die Notwendigkeit eines differenzierten und empathischen Zugangs zur Erforschung sozialer Probleme und unterstreicht die Bedeutung, marginalisierte Gruppen nicht nur als Objekte der Forschung, sondern als aktive Subjekte mit eigener Stimme zu betrachten. Wimmer gelingt es, die Komplexität und Vielschichtigkeit sozialer Marginalisierung anschaulich darzustellen, was das Buch zu einer wertvollen Lektüre macht, die sich mit den Mechanismen und Auswirkungen sozialer Ungleichheit auseinandersetzen möchten.

Aus einer kritischen Perspektive ist allerdings anzumerken, dass das Buch aufgrund seiner theoretischen Dichte und detaillierten empirischen Daten für Laien schwer zugänglich sein dürfte. Die Auswahl der Interviewpartner:innen könnte zudem als begrenzt angesehen werden, da eine größere und diversere Stichprobe möglicherweise eine umfassendere Perspektive geboten hätte. Auch wurden die Interviews vor der Pandemie geführt, deren Auswirkungen aber dürften die Situation der Marginalisierten noch einmal verschärft haben. 

Die Betonung von Klassenbewusstsein und politischer Mobilisierung könnte insgesamt, auch dies sei kritisch angemerkt, überschätzt sein, da nicht alle Betroffenen in ihren marginalisierten Lagen ein starkes Klassenbewusstsein entwickeln oder politisch aktiv werden. Die methodische Herangehensweise, insbesondere die dokumentarische Methode, könnte als subjektiv empfunden werden. Schließlich fehlen konkrete Lösungen oder Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung der sozialen Ungleichheit, obwohl die Analyse tiefgehend ist.

Wimmer hat in seiner Arbeit die Befragten als Expert*innen ihres eigenen Lebens verstanden und lässt sie zu Wort kommen. Auf der Basis von biografischen Interviews versucht er sowohl die Sozialisation der Befragten nachzuvollziehen als auch zu erfassen, wie sie ihre Lohnarbeit, ihren Alltag und ihre sozialen Beziehungen gestalten und wie sich all dies in ihrem Bewusstsein widerspiegelt. Ziel ist es, das Innenleben der Marginalisierten darzustellen, aufzuzeigen, was in ihrem Leben vor sich geht und wie sie mit ihrer eigenen Klassenposition umgehen. Wimmer versteht deshalb seine Arbeit als eine Form des „Verstehens“, die eine neue Basis für Verständnis eröffnen kann. Er versucht in seinem Buch, den voreingenommenen Blick zu vermeiden, was nicht immer gelingt, und setzt sich als Ziel die Stimmen der Marginalisierten selbst einzubeziehen. Ihre Geschichten sollen im Zentrum stehen, doch mitunter ist es die Interpretation des Autors.

Aus der Sicht des Rezensenten ist es dem Autor insgesamt gelungen seine Intentionen umzusetzen, obwohl manche Thesen und Diskussionen doch immer auch davon geprägt sind, dass sich der Autor bewusst von der Opferperspektive der meisten Forschungsarbeiten absetzen möchte und dabei die Innensichten sehr stark betont und versucht diese als authentisch darzustellen. Doch dies ist nicht immer nachvollziehbar, da es eben auch die Interpretationen des Autors sind und mit dessen Einstellungen und Sichtweisen verknüpft werden. Die darin liegende subjektive Verzerrung hätte deutlicher werden müssen.

Diese Kritik schmälert nicht die Bedeutung des Buches, das mit seinen Ansätzen und Analysen die Forschung über Ausgrenzung und Marginalisierten bereichert. Es zeichnet sich insgesamt durch eine außergewöhnliche Vielfalt an Aspekten, Details, Informationen aus. Dazu gehören vor allem die integrierten Perspektiven der Marginalisierten selbst. Diese konnten in dieser Rezension allerdings nur im Ansatz dargelegt werden. Daher beschränkt sich diese in ihrem Fazit darauf potenzielle Leser zu ermutigen, sich intensiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen, sie kritisch zu reflektieren und eine eigene Position zu finden.

Fazit

Das Buch schließt insgesamt eine Lücke in der Sozialstrukturanalyse und aufgrund seiner ausführlichen Analyse ist Wimmer in der Lage die Mechanismen sozialer Marginalisierung besser als seither zu beschreiben und deren Effekte auf subjektiver Ebene darzustellen.

Rezension von
Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz
Soziologe und Anthropologe
Fachhochschule Erfurt
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Es gibt 9 Rezensionen von Ronald Lutz.

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Zitiervorschlag
Ronald Lutz. Rezension vom 10.07.2024 zu: Christopher Wimmer: Die Marginalisierten. (Über-)Leben zwischen Mangel und Notwendigkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. ISBN 978-3-7799-7108-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31611.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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