Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (Hrsg.): Rehabilitation und Teilhabe. Wegweiser für [...]
Rezensiert von Prof. Dr.PH Max Ueberle, 28.02.2006
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (Hrsg.): Rehabilitation und Teilhabe. Wegweiser für Ärzte und andere Fachkräfte der Rehabilitation. Deutscher Ärzte-Verlag (Köln) 2005. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. 609 Seiten. ISBN 978-3-7691-0420-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 64,00 sFr.
Thema
Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation gibt seit 1984 ein Standardwerk zur Rehabilitation heraus, in dem der aktuelle Stand und die herrschende Meinung zu Fragen der Rehabilitation und der rehabilitativen Versorgung dargestellt werden. In dieser Kompaktheit findet man diese Informationen so fundiert sonst nirgends. Inzwischen ist man bei der dritten Auflage angelangt, der Überarbeitungsturnus liegt also bei zehn Jahren.
Änderungen gegenüber der 2. Auflage (1994)
Die Veränderungen in der Rehabilitationslandschaft zeigen sich bereits im Titel des Buches. Die erste Auflage von 1984 firmierte noch als "Die Rehabilitation Behinderter: Wegweiser für Ärzte". In der zweiten Auflage 1994 war der Haupttitel durch Weglassen des führenden Artikels plakativer, was sich durch den ersten Untertitel noch verstärkt: "Rehabilitation Behinderter: Schädigung - Diagnostik - Therapie - Nachsorge" heißt es da, der Untertitel ist erweitert, neben den Medizinern erscheint auch anderes Personal, untertitelt wird mit "Wegweiser für Ärzte und weitere Fachleute der Rehabilitation". Unschwer können wir feststellen: Die in den verstrichenen zehn Jahren eingesetzte Professionalisierung der "medizinischen Hilfskräfte" findet bereits im Titel ihren Niederschlag. Der Trend setzt sich bis zur aktuellen Auflage fort. "Rehabilitation und Teilhabe" ist der Haupttitel, im Untertitel stehen die Fachkräfte den Ärzten nicht mehr unter- sondern nebengeordnet, "Wegweiser für Ärzte und andere Fachkräfte der Rehabilitation". Der Begriff "Behinderter" mit seinen abgrenzenden Inhalten wird vermieden.
Neben der Ausweitung der Zielgruppe und einer Ausweitung des Umfangs auf beinahe das doppelte ist die augenfälligste Veränderung gegenüber den Vorauflagen die konsequente Ausrichtung an dem Modell der ICF (Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation). Diesem Geist entspringt auch der neue Titelbestandteil "Teilhabe". Dennoch ist der überwiegende Teil des Bandes weiter medizinisch ausgerichtet. In 19 Kapiteln werden verschiedene Krankheitsfelder beleuchtet. Aber das Vorgehen orientiert sich dabei auch sichtbar an der Gliederung der ICF nach Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Teilhabe sowie Umweltfaktoren. Dadurch werden die Auswirkungen der Gesundheitsstörungen auf die Lebensumstände der Menschen unmittelbar deutlich und der Leser erhält bei aller Kürze einen unmittelbaren Einblick in die besonderen Problemlagen von Menschen mit den wichtigsten Krankheiten und Behinderungsarten. Der Begriff "wichtig" ist dabei weit gefaßt. Diese Informationen sind hilfreich, um besondere Problemlagen zu verstehen und verlieren sich durchweg nicht in medizinischen Details. Im Folgenden ist zunächst die Aufbau des Wegweisers wieder gegeben, um einen Eindruck des gebotenen Inhalts zu vermitteln:
I Grundlagen der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
- Moderne (zeitgemäße) Rehabilitation und Teilhabe
- Rehabilitation und Teilhabe als soziales Recht
- Behinderung/chronische Krankheit und Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)
- Ziele von Rehabilitation und Teilhabe
- Wichtige Handlungsprinzipien von Rehabilitation und Teilhabe
- Indikationsstellung für Leistungen zur Rehabilitation und Teilhabe
- Gestuftes System der Rehabilitation
- Qualitätssicherung (QS) und Qualitätsmanagement (QM)
- Entwicklungsstand und Perspektiven der Rehabilitationswissenschaften in Deutschland
II Rechtliche Rahmenbedingungen der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
- Gesetzliche Grundlagen von Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
- Leistungen zur Rehabilitation und Teilhabe
- Das gegliederte System der Rehabilitation
- Zusammenarbeit der gesetzlichen Rehabilitationsträger
- Sonstige Rechtsfragen
- Sozialmedizinische Begutachtung einschließlich Assessment-Verfahren
III Einleitung und Durchführung der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
- Leistungen zur medizinischen Rehabilitation
- Teilhabe an Erziehung und Bildung
- Teilhabe am Arbeitsleben
- Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft
- Geriatrische Rehabilitation
IV Wichtige Krankheiten und Behinderungsarten mit Hinweisen für das Vorgehen bei der Rehabilitation
- Einführung
- Stütz- und Bewegungsapparat
- Nervensystem
- Psychische und psychosomatische Störungen
- Abhängigkeitssyndrome und nicht stoffgebundene Suchtkrankheiten
- Chronische Schmerzsyndrome
- Herz- und Kreislauforgane
- Atmungsorgane
- Verdauungstrakt
- Endokrinum/Hormonsystem und Stoffwechsel
- Hämatologische Krankheitsbilder und onkologische Grundprinzipien bei Malignomen
- HIV-Infektion und AIDS
- Nieren
- Urologische Krankheiten
- Gynäkologische Krankheiten
- Hautkrankheiten
- Augenkrankheiten
- Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten
- Rehabilitation im Alter
- Rehabilitation im Kindes- und Jugendalter
Inhalt
Im Eingangsteil bietet der Band eine Einführung in die "Grundlagen der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen", das heißt in die Paradigmata der heutigen Rehabilitation. Alle möglichen Aspekte werden zumindest angesprochen, von epidemiologischen und versorgungsorganisatorischen Aspekten und Handlungsprinzipien der Rehabilitation, hier werden bekannte Schlagworte wie "Finalität" "Reha vor Rente" oder "Selbstbestimmung" in den rechtlichen Kontext eingeordnet. Dazu gehören auch eine Einführung in die ICF und ein Abschnitt über die Möglichkeiten der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements.
Die Zuständigkeiten der verschiedenen Sozialversicherungsträger erschließen sich den Beteiligten bei der Rehabilitation nicht unmittelbar, zudem verändert sich die Struktur ständig durch neue und teilweise kurzlebige Formen der Zusammenarbeit etwa in den gemeinsamen Servicestellen. Hinter den Wirrnissen des Alltags steht natürlich eine Struktur, und wie es denn mit den Zuständigkeitsverteilungen gedacht ist wird auf 25 Seiten kompakt dargestellt.
Dass zumindest theoretisch für jeden von einer Beeinträchtigung in einer der Domänen der ICF betroffenen auch die passende medizinische Leistung oder Leistung zur Teilhabe angeboten wird, zeigt das Kapitel "Einleitung und Durchführung der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen". Angefangen bei der medizinische Rehabilitation, Leistungen zur Teilhabe an Erziehung und Bildung, am Arbeitsleben, am Leben in der Gemeinschaft und etwas außerhalb dieser Struktur das komplexere Feld der Geriatrischen Rehabilitation werden zumindest vorgestellt.
Fazit
Ein sehr gelungenes Kompendium über den Stand der Rehabilitation in Deutschland unter dem Gesichtspunkt der Leistungsgewährung. Für die soziale Arbeit versammelt der Band zudem kompakte Darstellungen über die Problematiken bei den meisten vorkommenden Krankheitsbildern. Dabei hat das Buch allerdings offiziösen Charakter (Herausgeber ist die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, eine Repräsentanz von Verbänden von Reha-Trägern und anderen an der Rehabilitation Beteiligten), Probleme und Defizite im Rehasektor sind weniger thematisiert. Bildlich gesprochen: In diesem Buch wird der Forst vorgestellt. Wie man sich in der täglichen Sozialen Arbeit auch durch das Unterholz, den Wildwuchs und Femelstellen schlägt ist anderen Darstellungen vorbehalten. Zur Ermittlung der Richtung, in die es gehen soll, muß man aber auch die geographische Lage des Forstes und das Konzept des Försters kennen.
Rezension von
Prof. Dr.PH Max Ueberle
Professor für Gesundheits- und Sozialmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Essen, Hochschulzentrum Frankfurt am Main
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