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Roland Imhoff (Hrsg.): Die Psychologie der Verschwörungs­theorien

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 22.03.2024

Cover Roland Imhoff (Hrsg.): Die Psychologie der Verschwörungs­theorien ISBN 978-3-8017-3179-3

Roland Imhoff (Hrsg.): Die Psychologie der Verschwörungstheorien. Von dunklen Mächten sonderbar belogen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2024. 271 Seiten. ISBN 978-3-8017-3179-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,37 sFr.

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Thema

Das Phänomen der Verschwörungstheorien wird in zwei Teilen wissenschaftlich umfassend beleuchtet. Im ersten Teil kommt die Psychologie zu Wort, im zweiten Teil sind es Fachleute aus verschiedenen Disziplinen.

Herausgeber und Autor:innen

Der Herausgeber Roland Imhoff ist Professor an der Universität Mainz in der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie. Er gehört zur Task Force „Verschwörungstheorien“ in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Die weiteren zwanzig Autorinnen und Autoren sind in verschiedenen Fachbereichen an Universitäten und Institutionen in Deutschland tätig.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung des Herausgebers folgen zwei jeweils sechs Kapitel umfassende Teile.

Im ersten Teil werden psychologische Perspektiven vorgestellt, im zweiten Teil kommen andere Disziplinen zu Wort. In etlichen Beiträgen taucht die COVID-19 Pandemie als Beispiel für eine verschwörungstheoretische Rhetorik auf.

In der Einleitung stellt Imhoff Verschwörungstheorien als psychologisches Forschungsfeld vor. Man glaubt an das Wirken mächtiger Eliten, die sich geheim absprechen und die zum Nachteil aller anderen nur ihren Vorteil im Auge haben. Die Thematik ist gesellschaftlich und politisch relevant, denn es wird vermutet, dass Verschwörungstheorien das Verhalten negativ beeinflussen, Gewalttätigkeit rechtfertigen und die Demokratie gefährden können. Die Begriffe Verschwörungsglaube und Verschwörungsmentalität werden definiert. Es folgt ein Überblick über die zwei Teile sowie die Kapitel des Buches. Die zugrunde liegende Definition lautet: „Eine Verschwörungstheorie erklärt ein Ereignis oder einen Umstand durch geheime Absprachen einer Gruppe von Personen zu deren Vorteil und dem Schaden der Allgemeinheit“.

Themen im ersten Teil sind eine verzerrte Informationsverarbeitung sowie der Glaube an Verschwörungen im Jugendalter, im politischen Denken und Handeln, in den sozialen Medien und im Gesundheitsbereich. Der erste Teil endet mit einem Beitrag über die Möglichkeiten der Prävention und Intervention gegen den Glauben an Verschwörungstheorien.

Im zweiten Kapitel gehen Oeberst & Meuer der Frage nach, inwieweit der Verschwörungsglaube auf einer verzerrten Informationsverarbeitung beruht. Die vier Arten von Verzerrungen sind: Zusammenhänge sehen, wo keine sind, Attributions-, Rückschau- und Bestätigungsfehler. Betont wird, dass diese Art von Verzerrungen ganz normal sind, dass sie jedoch noch typischer sind für Menschen, die an Verschwörungen glauben. Über eine Entzerrung der Informationsverarbeitungsprozesse ließe sich der Glauben an Verschwörungstheorien eindämmen.

Im vierten Kapitel untersuchen Rothmund & Bojarskich die zentrale Frage, wie der Verschwörungsglaube das politische Denken und Handeln beeinflusst. Ein grundlegender Faktor ist politisches Vertrauen. Die Rede ist von einem epistemischen Misstrauen gegenüber der Glaubwürdigkeit von Informationen von Autoritäten sowie von rigiden kognitiven Denkstilen bis hin zur politischen Radikalisierung.

Im fünften Kapitel geht Winter der Frage nach, welche Bedeutung soziale Netzwerke und Messenger Dienste für die Verbreitung von Verschwörungstheorien haben. Verschwörungsinhalte tauchen dort vergleichsweise häufig auf. Unbedingt zu beachten ist, dass Hassbotschaften nicht nur rezipiert, sondern auch aktiv verbreitet werden.

Im sechsten Kapitel rücken Taubert & Schmidt die gesundheitspsychologische Perspektive von Verschwörungstheorien in den Blickpunkt, wobei vor allem auf die COVID-19-Pandemie Bezug genommen wird. Befürchtungen und das Gefühl, hilflos und machtlos zu sein, fördern den Glauben an Verschwörungstheorien.

Wie kann man dem Glauben an Verschwörungstheorien vorbeugen und wie kann man ihn beeinflussen, ist Thema des siebten Kapitels. Den Handlungsbedarf begründen Sassenberg, Pummerer & Winter damit, dass vom Glauben an Verschwörungen eine Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung ausgehen kann. Maßnahmen können bei den Sendern (Menschen und Plattformen), die Verschwörungstheorien verbreiten, und bei denen, die die Botschaften empfangen, ansetzen.

Im zweiten Teil, den interdisziplinären Perspektiven, geht es um philosophische, kulturwissenschaftliche, informatorische, linguistische, mediale und abschließend um theologische Aspekte. Hier ist der Beitrag des Kulturwissenschaftlers Michael Butter hervorzuheben, in dem der psychologische Ansatz, den Verschwörungsglauben allein als individuelles Phänomen zu sehen und zu erklären, kritisiert wird. Die kulturwissenschaftliche Forschung ist darauf gerichtet, die historischen und kulturellen Faktoren zu identifizieren, die dazu führen, dass Verschwörungstheorien entstehen, sich verbreiten und geglaubt werden. So war es in der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert hinein vollkommen normal, an Verschwörungen zu glauben. Diesen Status des Normalen hat der Glaube an Verschwörungen erst nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Von da an wurden Verschwörungstheorien in der westlichen Welt stigmatisiert. Seitdem gelten sie hier als Problem. Der Autor kritisiert den in der psychologischen Forschung verwendeten „Conspiracy Mentality Questionaire“ (CMQ), um die Verschwörungsmentalität zu messen, denn dessen Items seien zu vage formuliert, sodass deren Beantwortung nicht eindeutig auf den Glauben an Verschwörungen schließen lässt. Die psychologische Erklärung, dass politische Machtlosigkeit den Verschwörungsglauben fördert, hält der Autor für zu einseitig, ebenso, dass er eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Der ausschließliche Blick auf westliche Gesellschaften würde den Blick darauf versperren, dass es eine kulturübergreifende Verschwörungsmentalität nicht gibt.

Diskussion

Dass eine Task Force „Verschwörungstheorien“ in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie eingerichtet worden ist, weist auf ein starkes Interesse der Psychologie an dieser Thematik hin. Die Beiträge im ersten Teil, den psychologischen Perspektiven, bringen unmissverständlich zum Ausdruck, dass es ein weites Forschungsfeld ist, in dem es um kognitive, motivationale, soziale und entwicklungspsychologische Aspekte geht. Wie kommt dieser Glauben, dass mächtige Personen in geheimen Absprachen etwas bewerkstelligen, was für sie von Vorteil und für die anderen nachteilig ist, zustande? Zweierlei fällt hier ins Auge: Erstens: Es wird nicht genügend darauf eingegangen, dass das Motiv, die Welt zu erklären und Zusammenhänge zu verstehen, ein zutiefst menschlicher Wunsch ist, wie es Oeberst & Meuer formuliert haben. In der Umweltpsychologie wird das Bestreben des Menschen, die Welt zu verstehen und das, was sich darin ereignet, zu erklären und möglicherweise auch zu beeinflussen, als Bedürfnis nach Umweltkontrolle und Selbstwirksamkeit bezeichnet. Diejenigen, die von Verschwörungen reden und sich mit Verschwörungstheorien befassen, verlangen offensichtlich, dass man die Welt „richtig“ erklärt. Zweitens: Es ist unstrittig, dass die wahrgenommene Umwelt immer ein subjektives Produkt und kein genaues Abbild der objektiv gegebenen Umwelt ist. Inwieweit es sich um eine verzerrte Informationsverarbeitung handelt, lässt sich damit im Grunde gar nicht so leicht feststellen, denn das, was Oeberst & Meuer als Fehler bezeichnen, sind normale Prozesse bei der Informationsverarbeitung. Die wahrgenommene Umwelt ist immer nur ein Ausschnitt der objektiven Umwelt, der individuell interpretiert wird. Wo fängt hier der Verschwörungsglaube an? Der „Conspiracy Mentality Questionaire“ (CMQ), mit dem die allgemeine Neigung, an Verschwörungen zu glauben, erfasst wird, taucht im psychologischen Teil überhaupt nicht auf. So erfährt man auch nicht, ab welchem Score ein Mensch als verschwörungsgläubig eingestuft wird.

Aufschlussreich im zweiten Teil ist insbesondere der Beitrag des Kulturwissenschaftlers Michael Butter. Er weist auf den recht engen Blickwinkel der psychologischen Forschung über Verschwörungstheorien hin. Außerhalb der westlichen Welt sind Verschwörungstheorien nichts Ungewöhnliches und weit davon entfernt, stigmatisiert zu werden. Es herrscht sozusagen Meinungs- bzw. Glaubensfreiheit. Auf diesen Aspekt wird im psychologischen Teil zu wenig eingegangen. Insgesamt liefert das Buch einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung über Verschwörungstheorien. Es führt vor Augen, wie wichtig ein interdisziplinäres Herangehen ist, wenn es darum geht, ein komplexes Phänomen zu erklären.

Fazit

Verschwörungstheorien sind zu einem aktuellen Thema der interdisziplinären Forschung geworden. Man will herausfinden, warum Menschen an Verschwörungen glauben, wie sich dieser Glaube auf das Verhalten auswirkt und welchen Einfluss kulturelle Kontexte haben. Die in dem Buch versammelten Beiträge liefern einen Überblick, wie verschiedene Fachrichtungen dieses Phänomen beschreiben, erklären und einordnen. Das Buch vermittelt nicht nur Wissen, sondern motiviert auch dazu, sich näher mit der Frage und den Folgen der verzerrten Informationsaufnahme auseinanderzusetzen.

Summary

Conspiracy theories have become a current topic of interdisciplinary research. The aim is to find out why people believe in conspiracies, how these beliefs affect behavior and what influence cultural contexts have. The articles in this book provide an overview of how different disciplines describe, explain and classify this phenomenon. The book not only imparts knowledge, but also motivates readers to take a closer look at the issue and the consequences of distorted information reception.

Rezension von
Dr. Antje Flade
Autorin und Psychologin
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Es gibt 51 Rezensionen von Antje Flade.

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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 22.03.2024 zu: Roland Imhoff (Hrsg.): Die Psychologie der Verschwörungstheorien. Von dunklen Mächten sonderbar belogen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2024. ISBN 978-3-8017-3179-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31663.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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