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Julia Masurkewitz-Möller: Formen der Solidarität

Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Großmaß, 10.06.2024

Cover Julia Masurkewitz-Möller: Formen der Solidarität ISBN 978-3-8376-6895-7

Julia Masurkewitz-Möller: Formen der Solidarität. Eine Begriffssystematik. transcript (Bielefeld) 2023. 291 Seiten. ISBN 978-3-8376-6895-7. D: 50,00 EUR, A: 50,00 EUR, CH: 61,00 sFr.
Reihe: Edition Moderne Postmoderne.

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Thema

Untersucht werden „Formen der Solidarität“ – gemeint sind vier Verwendungsformen des Begriffs, die vor allem in öffentlich-politischen Debatten vorkommen: Solidarität als „sozial-integrative“ Praxis, die „instrumentelle“ Solidarität staatlich organisierter/​kontrollierter Unterstützung, die „politische“ Solidarität in sozialen Bewegungen, bezogen auf Nationen und zwischen Staaten, sowie die „universale“ Solidarität, die auf ein Verbundensein aller Menschen rekurriert.

Autor:in

Die Publikation enthält die Doktorarbeit der Autorin. Julia Masurkewitz-Möller wurde 2022 an der FU mit dieser Arbeit in politischer Theorie/​Philosophie promoviert.

Entstehungshintergrund

Der Hintergrund, der diese Arbeit motiviert, ist ein politischer. Durch das Auftauchen des Begriffs „Solidarität“ in Verhandlungen innerhalb der EU und im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war ein Klärungsinteresse entstanden. Denn auffällig ist, dass der Begriff nicht klar definiert ist und häufig appellativ verwendet wird. Zudem kann er offenkundig problemlos in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden – innerhalb eines Staatenbündnisses wie der EU, bei der Durchsetzung staatlicher Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung oder auch in politischen Bewegungen wie der „Black Lives Matter“-Bewegung.

Aufbau

Da der Aufbau des Buches den methodischen Ansatz der Untersuchung spiegelt, lohnt sich ein eigenständiger Blick:

1. Einleitung

Die Einleitung liefert eine erste Definition von Solidarität – „das Einstehen für andere oder ein gemeinsames Ziel …, welches zugleich den Zusammenhalt der solidarischen Gruppe … untereinander erneuert.“ (16) Festgestellt wird die Unschärfe des Begriffs, seine normative Dimension und appellative Nutzung. Methodische Schlussfolgerung: Es gilt die Verwendungsformen von Solidarität zu untersuchen, die jeweils „einen abstrakten, aber dennoch klar bestimmbaren Anwendungsbereich des Begriffs der Solidarität“ (19) darstellen. Aus dem Vergleich von vier Verwendungsformen soll so etwas wie der Prototyp (= gemeinsamer Kern) von Solidarität herauskristallisiert werden. Das Analyseverfahren ist nicht empirisch – es werden keine konkreten Praktiken solidarischen Handelns untersucht. Vielmehr wird auf Texte aus öffentlich-politischen Diskurse zurückgegriffen, im Zentrum stehen akademische Beiträge aus der deutsch- und englischsprachigen Politikwissenschaft.

2. Die Eigentümlichkeit der Solidarität

Der erste inhaltliche Schritt der Untersuchung versucht, das Spezifische der Solidarität durch einen Vergleich mit anderen, verwandten Begriffen herauszuarbeiten. Untersucht werden die Begriffe Sympathie, Nächstenliebe, Freundschaft und Vertrauen, die alle „eine spezifische Qualität von zwischenmenschlichen Beziehungen beschreiben“ (93). Der abgrenzende Vergleich ergibt einige zentrale Merkmale: Solidarität bezieht sich vor allem auf Gruppen, sie kann bewusst oder unbewusst wirksam sein und sie richtet sich immer auf etwas anderes als die unmittelbaren Eigeninteressen. Ein gemeinsames Verständnis von Zielen, Werten und Zwecken ist die Voraussetzung (94).

3. Die Verwendungsformen der Solidarität

Aus (eher systematischen) Versuchen der Begriffsklärung übernimmt die Autorin unterscheidbare Verwendungsformen von Solidarität, schärft die gefundenen Begrifflichkeiten mit Hilfe konkreter Beschreibungen und kommt zu vier typischen Verwendungsformen: sozialintegrative Solidarität, instrumentelle Solidarität, politische Solidarität, universale Solidarität.

Anhand von Differenzierungskriterien – Subjekt der Solidarität, Motivation für Solidarität, geteilte Hintergrundinformation, Freiwilligkeit/​Zwang, normativer Anspruch, Bezug zu Gerechtigkeit, räumliche Dimension, Grenzen der Solidarität, Transformationspotenzial – werden diese vier Verwendungsformen dann untersucht, voneinander abgegrenzt und miteinander verglichen. Das Ergebnis findet sich zusammengefasst in Übersichtsschemata (244-247).

4. Die Besonderheit der Solidarität

Aufbauend auf den Ergebnissen des vorangegangenen Kapitels wird hier der Prototyp der Solidarität bestimmt. Er umfasst Gemeinsamkeiten aller vier Typen und enthält vier Kernelemente (251 f.):

  • Solidarität besteht zwischen zwei oder mehr Entitäten, mindestens eine umfasst einen oder mehrere Menschen
  • Solidarität zielt darauf ab, etwas zu erreichen, was eine Entität alleine nicht schaffen kann.
  • Solidarisches Handeln baut auf einem aktuell geteilten Hintergrund auf.
  • Solidarische Interaktion ist immer bis zu einem gewissen Grad von einem sozialen, normativen oder juristischen Zwang geprägt.

Jede Form der Solidarität gestaltet in ihrer jeweils konkreten Form weitere Merkmale, die sie zugleich von den anderen Formen unterscheidet.

5. Zusammenhang der Verwendungsformen der Solidarität

Mit dem skizzierten Prototyp von Solidarität lassen sich nicht nur Verwendungsformen der Solidarität erkennen und voneinander unterscheiden. Aus der inhaltlichen Füllung der (in Kapitel 3 entwickelten) Differenzierungskriterien ergeben sich auch neue Zuordnungsmöglichkeiten. Sozialintegrative, instrumentelle und politische Solidarität haben einen engeren Zusammenhang, „da sie zumeist eine begrenzte Reichweite … und enge räumliche Dimension“ (266) haben. Die universale Solidarität erscheint demgegenüber als „das Maximum der möglichen solidarischen Handlungen“ (266). Gemeinsam ist allen Verwendungsformen ein Transformationspotenzial, das Übergänge und Erweiterungen ermöglicht, schematisch dargestellt auf S. 276.

6. Schlusswort

Abschließend formuliert die Autorin einige interessante Schlussfolgerungen, die sich aus ihren Analysen ableiten lassen – zur gesellschaftlichen Rolle der instrumentellen Solidarität und zu den politisch-historischen Hintergründen des Auftretens von politischer Solidarität.

Inhalt

Inhaltliches Zentrum des Buches ist das Interesse, die im politisch-öffentlichen Diskurs aufkommenden Bedeutungen von „Solidarität“ zu verstehen, ihre Differenz, ihren Zusammenhang und die sich verändernden Konjunkturen. Dazu werden (vor allem politik-) wissenschaftliche Debatten aufgegriffen und die dort aufzufindenden Ausarbeitungen interpretiert. Auch wenn die meisten Texte den Begriff beschreibend verstehen (wollen), zeigt sich doch immer auch eine normative Dimension: Solidarität ist etwas, das gefordert werden kann, der Begriff wird im öffentlich-politischen Diskurs häufig appellativ eingesetzt.

Unterschieden werden vier Typen von Solidarität:

  • Die sozialintegrative Solidarität – Modell ist hier die qua Ehre verbindlich gemachte Solidarität innerhalb von Handwerkerzünften – scheint so etwas wie der Grundtyp von Solidarität zu sein. – Bei der Beschreibung werden philosophische/​sozialtheoretische Analysen aufgegriffen (Bezugnahme z.B. auf Emile Durkheim, Charles Taylor, Jürgen Habermas, Axel Honneth). Die Verknüpfung der Diskursivierung von Solidarität mit dem Beginn der gesellschaftlichen Moderne scheint auf. Und – deutlicher als bei den anderen Formen der Solidarität – ist bei diesem Typ erkennbar, dass es sich um (vorwiegend freiwillige) Praktiken des Füreinander-Einstehens handelt. „Die sozialintegrative Solidarität kann als Idee einer Solidargemeinschaft verstanden werden, die zwischen Individuen einer Gesellschaft oder Gemeinschaft aufgrund einer gemeinsamen Geschichte oder gemeinsamen Schicksalen, Werten oder Zielen entsteht.“ (112). Ihre zentrale Funktion ist es, den sozialen Zusammenhalt durch Integration der Individuen sicherzustellen. Die sozialintegrative Solidarität ist immer partikular und örtlich begrenzt, sie hat bewahrenden Charakter. Solidarität in diesem Sinne wird auch zur Begründung und Absicherung staatlicher Maßnahmen aufgerufen, etwa während der Pandemie, bzw. in zwischenstaatlichen Handlungskontexten normativ verwendet.
  • Die instrumentelle Solidarität – als Modell wird die Krankenversicherung angeführt – ist eng mit der sozialintegrativen Solidarität verwandt, sie ist aber an ein Rechtssystem gebunden und bedarf der staatlichen Organisation und Kontrolle. Die inklusive und zugleich ausgrenzende Seite von Solidarität tritt hier deutlicher zutage als in anderen Formen: Solidarität erstreckt sich ausschließlich auf die Mitglieder des entsprechenden Rechtsraums (137), eine Ausdehnung (z.B. auf Personen mit Asylstatus) ist begrenzt möglich, führt allerdings auch in Konflikte. Sowohl innerhalb von Staatenbündnissen als auch auf globaler Ebene gibt es Tendenzen instrumentelle Solidarität zu etablieren. Anders als innerhalb von Wohlfahrtsstaaten kann dies jedoch nur auf Selbstverpflichtung basieren, deren Umsetzung kaum mit Sanktionen abzusichern ist.
  • Die politische Solidarität – Modell ist hier die Arbeiterbewegung – kann „verstanden werden als eine auf einem gemeinsamen Interesse und/oder Feindbild aufbauende Solidarität. Sie bezieht sich auf solidarische Handlungen gegen spezifische Strukturen/Verhältnisse bzw. für gewisse Strukturen und Verhältnisse.“ (190) Die politische Solidarität nimmt von Individuen ihren Ausgang, benötigt dann aber organisatorische Strukturen, die über die personale Kommunikation der individuellen Akteure hinausgehen und zumindest für eine gewisse Zeit Stabilität versprechen. International bzw. global können Netzwerke (zwischen bestehenden Solidaritätsgruppe) die Ausdehnung über örtliche Begrenzungen ermöglichen. Die politische Solidarität setzt nicht auf Bewahrung, sondern auf Veränderung. Sie erreicht ihre zeitliche Grenze, wenn sich die organisatorischen Strukturen professionalisieren (die Gruppe der politischen Solidarität wird zur Partei oder von der NGO zur GO) oder wenn die Themen durch Abnutzung bzw. Erfolg in der Realität an Bedeutung verlieren.
  • Die universale Solidarität – Modell sind hier Spendenaufrufe bei Naturkatastrophen oder bekannt gewordenen gesellschaftlichen Defiziten außerhalb der eigenen Gesellschaft (Hunger oder verbreiteter Analphabetismus) – verlässt die Partikularität aller bisher genannten Formen der Solidarität und bezieht sich „auf ein soziales und wesensmäßiges Band zwischen allen Menschen“ (218). Ausgedehnt werden damit die aus der Verwandtschaft, der Sippe, abgeleiteten Vorstellungen von Zusammengehörigkeit auf jedes menschliche Wesen. Sowohl aus religiösen Ideen als auch aus einer humanzentrierten Perspektive (222) können Begründungen dafür abgeleitet werden. Die Schwierigkeiten einer solchen maximalen Vorstellung von Inklusion hängen damit zusammen, dass ihre Realisierbarkeit fraglich bleibt.

Die zentrale Gemeinsamkeit aller Solidaritätsformen ist darin zu sehen, dass alle Formen ein Transformationspotenzial haben, sowohl hinsichtlich der normativen Begründungen als auch bezogen auf den Übergang zu einer anderen Form. Dies ermöglicht auch einen diagnostischen Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich Solidarität gestaltet. Die kurzen Hinweise, die die Autorin dazu gibt, seien wörtlich wiedergegeben:

„Das häufige Auftreten von politischen Solidaritätsgruppen kann als Indiz für das Bestehen gesellschaftlicher Pathologie verstanden werden“ (277). „Das Fehlen politischer Solidaritätsgruppen (kann, R.G.) … als mögliches Anzeichen für eine mangelnde Bewusstwerdung gesellschaftlicher Zustände oder eine Unterdrückung von Partikulargruppen und ihren Forderungen gesehen werden“ (277).

„Die mangelnde Wirksamkeit der sozialintegrativen Solidarität kann als Indikator der Entfremdung und der Vereinzelung der Individuen gesehen werden“ (277).

„Der instrumentellen Solidarität kommt die Rolle zu, sicherzustellen, dass Veränderungen in Anzahl und Geschwindigkeit in einem gesellschafts- oder gemeinschaftsverträglichen Maß erfolgen.“ (278)

Diskussion

Die hinsichtlich der systematischen Untersuchungsschritte sehr gründliche Arbeit kommt zu interessanten Ergebnissen, was die inhaltliche Beschreibung der aufgefundenen Bedeutungen von Solidarität angeht. Es entstehen klare Bilder von den vier Typen hinsichtlich von Fragen wie: Wer handelt? Welche normativen Aspekte hat die jeweilige Form? Welchen sozialen und rechtlichen Rahmen benötigt sie? Wo liegen Grenzen und Gefahren? Welche Verschiebungen und Ausdehnungen sind möglich?

Dennoch bleiben Kritikpunkte, die auch die inhaltlichen Ergebnisse weniger gewichtig erscheinen lassen, als von der Autorin intendiert. So setzt sich die politikwissenschaftliche Perspektive – trotz des punktuellen Rückgriffs auf Texte anderer Disziplinen – weitgehend durch. Es fehlen klare Kriterien für die Auswahl der einbezogenen Literatur, etwa durch Nutzung einer diskursanalytischen Methode. Aufgrund der erfolgten, indirekten Festlegung auf formelle, politisch sichtbare Phänomene spielen Praktiken der Solidarität für die Erläuterung der sozialintegrativen Solidarität kaum eine Rolle. Und die Soziale Arbeit kommt bei der instrumentellen Solidarität gar nicht erst vor. Die im Schlusskapitel formulierten sehr interessanten diagnostischen Thesen lassen sich auf der Grundlage der geleisteten Analyse nur vermuten, sie hätten einer sozialhistorischen Einbettung bedurft, um tragfähig zu sein.

Fazit

Die Arbeit leistet eine detailreiche systematische Analyse von vier unterschiedlichen Formen der Solidarität, die in aktuellen öffentlichen Debatten unter demselben Begriff verhandelt werden. Unterschieden wird zwischen sozialintegrativer Solidarität, instrumenteller Solidarität, politischer Solidarität und universaler Solidarität. Die Differenzen zwischen den vier Formen werden herausgearbeitet und ihre Gemeinsamkeiten benannt. Da Diskurse (vor allem aus den Politikwissenschaften) im Zentrum stehen, nicht die Praktiken solidarischen Handelns, bleiben die Ergebnisse auf einer eher abstrakten Ebene von akademischer Semantik.

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Großmaß
Alice Salomon Hochschule, Professur für Ethik und Sozialphilosophie
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Es gibt 4 Rezensionen von Ruth Großmaß.

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Zitiervorschlag
Ruth Großmaß. Rezension vom 10.06.2024 zu: Julia Masurkewitz-Möller: Formen der Solidarität. Eine Begriffssystematik. transcript (Bielefeld) 2023. ISBN 978-3-8376-6895-7. Reihe: Edition Moderne Postmoderne. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31667.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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