Marc Fabian Buck: Ökonomisierung der Bildung
Rezensiert von Prof. Dr. Cornelia Enger, 28.07.2025
Marc Fabian Buck: Ökonomisierung der Bildung. Eine Einführung.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2024.
106 Seiten.
ISBN 978-3-7799-7792-6.
D: 22,00 EUR,
A: 22,70 EUR.
Reihe: Neue politische Ökonomie der Bildung. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779934936. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779963059.
Autor
Dr. Marc Fabian Buck vertritt derzeit die Professur für Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Als studierter Soziologe und Pädagoge promovierte er zur Kritik von Entwicklungsmodellen des Menschen in der Pädagogik. In seiner aktuellen wissenschaftlichen Arbeit forscht er zu gesellschaftlichen und pädagogischen Transformationsprozessen, insbesondere zu Phänomenen wie der Ökonomisierung und Digitalisierung des Bildungswesens.
Entstehungshintergrund
Die Monographie von Marc Fabian Buck mit dem Titel „Ökonomisierung der Bildung. Eine Einführung“ erschien in der Buchreihe „Neue Politische Ökonomie der Bildung“, herausgegeben von Thomas Höhne. Der Fokus der Buchreihenbeiträge zu postdemokratischen Bildungsreformen liegt auf den Fragen und Herausforderungen im Verhältnis von Wettbewerbslogiken, Vermarktlichung und Individualisierung in der Konstellation von Bildung, Staat/​Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Marc Fabian Buck lehrt im Bachelorstudienbereich der Bildungswissenschaften der FernUniversität in Hagen das Modul „Bildung und Gesellschaft“, welches ihn auch zu dieser Publikation anregte.
Aufbau
Die Einführung zur Ökonomisierung der Bildung gliedert sich in drei Abschnitte. Der einleitende erste Abschnitt führt im soziologischen und pädagogischen Sinne in die zwei zentralen Begriffe „Bildung“ und „Ökonomisierung“ ein und positioniert die Pädagogik als eigenständige gesellschaftliche Praxis mit engen Verknüpfungen zur Ökonomie und Politik. Der zweite und konzeptionell prägende Abschnitt widmet sich drei zentralen Theorieperspektiven zur Ökonomisierung – Schimank & Volkmann, Bourdieu sowie Foucault & Bröckling – und ergänzt diese um zwei neuere, kritische Zugänge. Im abschließenden dritten Abschnitt werden fünf Bildungsbereiche – beginnend bei der Kindheit, über Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung/​Weiterbildung bis hin zur Sozialpädagogik – exemplarisch auf ihre ökonomische Durchdringung untersucht.
Inhalt
Grundlegend für eine Betrachtung der Ökonomisierung der Bildung sind die Zusammenhänge politischer, ökonomischer und pädagogischer Bedingungsfaktoren von Bildung und Gesellschaft. Bildung lässt sich soziologisch auf der Mikro-, Meso- und Makroebene verorten – verbunden mit Fragen zur Durchlässigkeit und Effizienz von Bildungssystemen oder auch zu erziehungswissenschaftlichen Problemfeldern wie Geschlechterdifferenzen oder Herkunftseffekten. Auf der Mikroebene zeigt sich Bildung dementsprechend als individuell bildende Erfahrung und als ein elementarer Teil pädagogischen Denkens und Handelns. Ob auf individueller Ebene, auf der Ebene der Bildungseinrichtungen oder auf der Ebene gesellschaftlicher Institutionen des Bildungssystems – alle Betrachtungsdimensionen zeichnen sich dadurch aus, dass ökonomisches Handeln in Form von Ressourcenknappheit die pädagogische Praxis prägt. Ein Handeln, das durch gesellschaftliche Veränderungen bzw. Transformationen und ökonomische Abwägungen bedingt wird. Dieses Phänomen ist in der pädagogischen Praxis nicht neu, befördert allerdings eine stetig (weiter) zunehmende Ökonomisierung. Um sich differenziert ökonomischen, politischen, soziologischen und technischen Einflüssen zuzuwenden und deren gesellschaftliche Relevanz für sich abzeichnende Transformationen zu diskutieren, bedient sich Marc Fabian Buck (aufbauend auf dem von ihm gelehrten Modul „Bildung und Gesellschaft“) vornehmlich soziologischer Theorien, die – in einem theoriengeschichtlichen Zusammenhang stehend bzw. als neuere, kritische Zugänge – dazu dienen sollen, Erkenntnisse zu ermöglichen und Impulse zu geben.
Aufbauend auf dem gesellschaftstheoretischen Modell von Niklas Luhmann begründen Schimank & Volkmann (2017) ihr Konzept der gesellschaftlichen Ökonomisierungsdynamiken und der Betrachtung einer Ökonomisierung des Nicht-Ökonomischen, das Auswirkungen auf Sozial-, Gesundheits- und Bildungssysteme hat. Dies begründet sich durch zunehmende ökonomische Leitwerte bzw. Funktionslogiken und das Regime der Konkurrenz (Schimank 2018). Ökonomische Zielvorgaben werden systematisch in diese Systeme hineingetragen und übernommen.
Pierre Bourdieus Kapitaltheorie und seine Analyse gesellschaftlicher Felder bieten einen weiteren differenzierten Blick auf Machtverhältnisse und die Rolle von Bildung im Kontext symbolischer und ökonomischer Kapitalformen. Bourdieu verweist in weiteren Teilen auf die Kapitaltheorie von Karl Marx, passt seine Betrachtung allerdings auf die Lebensbedingungen der Moderne an, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede Marc Fabian Buck, insbesondere im Hinblick auf die Feldtheorie, die verschiedenen Kapitalformen (Bourdieu 2012) und deren Konvertierbarkeit untersucht.
Vergleichbar mit Bourdieu widmete sich auch Foucault Machtstrukturen und der Konstitution von Gesellschaft, wobei für Foucault Macht eher ein Medium des Handelns ist (Foucault 2005). Foucaults Gedanken zu Macht, Wissen und Praktiken der Subjektivierung greift auch Ulrich Bröckling auf, dem Marc Fabian Buck gemeinsam mit Bourdieu einen gesonderten Themenabschnitt widmet. Basierend auf dem sogenannten unternehmerischen Selbst fragt Bröckling, wie Individuen in den verschiedensten Lebenslagen eigenverantwortlich, serviceorientiert und flexibel agieren sollen und können und wie sich dies auf die Gesellschaft als Ganzes auswirkt – gedacht in Form der Subjektivierung im pädagogischen Kontext, als pädagogisches Denken und Handeln.
Ein Ausblick greift neuere, kritische Ansätze zur Ökonomisierung auf, etwa die Ökonomisierung pädagogischer Zeit (Forster & Scherrer 2018) oder auch die Ökonomie der Aufmerksamkeit (Franck 2007) sowie – fortführend – den Mentalen Kapitalismus (Franck 2003, 2005).
Mittels der gewählten pädagogischen Beispiele, denen sich Marc Fabian Buck im letzten Abschnitt – ausgehend von den verschiedenen Altersphasen in der Pädagogik – widmet, soll nochmals verdeutlicht werden, wie die diskutierten Theorien aus der Praxis heraus besser nachvollzogen und Bezüge hergestellt werden können. Anhand der Kindheit, Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung/​Weiterbildung sowie der Sozialpädagogik zeigt der Autor, wie marktförmige Logiken, Effizienzdenken und Wettbewerb zunehmend pädagogische Handlungsfelder prägen und transformieren.
Diskussion
Themen der Ökonomisierung im Bildungsbereich geben an sich schon vielfach Ansatzpunkte für Pro- und Contra-Diskussionen. Deren Vielschichtigkeit wird dabei nicht allein durch die thematische Breite des Bildungswesens oder durch die unterschiedlichen Ebenenperspektiven deutlich. Sie ist vielmehr systemimmanent, was auch Marc Fabian Buck aufzeigt. In diesem Zusammenhang stellt er die Frage nach Orten und Praktiken des Widerstands und verweist auf ein professionelles Ethos als moralische Haltung im professionellen Handeln – sowohl als individuelle Strategie als auch als kollektive Form des Widerstands, konkret auf der Ebene von Gewerkschaften, Berufsverbänden, Gremien usw.
Eine Betrachtung, die auf Volkmann & Schimank bzw. auf der systemtheoretischen Perspektive basiert und die der Autor deutlich von unter anderem der Feldtheorie Bourdieus abgrenzt. Marc Fabian Buck integriert soziologische Theorien systematisch in die Analyse gesellschaftlicher Felder, die er nicht auf den Bildungskontext beschränkt, sondern in feldübergreifende Diskurse einbettet. Dadurch erweitert sich das Thema als Einführung in die Ökonomisierung von Bildung in einigen Diskursen erheblich. Dabei gilt es, spätestens kapitel- bzw. abschnittsabschließend stets den Rückbezug zum Feld der Bildung herzustellen.
Deutlich werden die komplexen Herausforderungen und Widersprüchlichkeiten, beispielsweise im Hinblick auf das genannte Regime der Konkurrenz, das Verhältnis zwischen Organisationen und ihren Mitgliedern, ihre funktionale Differenzierung in einer modernen, diversen Gesellschaft sowie ihre Leistungsfähigkeit. Denn, so zeigt sich, dass durch die Ökonomisierung mitunter das Gegenteil des eigentlich Angestrebten erreicht wird – wie Effizienz- und Effektivitätsverluste (Schimank 2018). Der Autor verfolgt vielfach einen Rückbezug auf theoretische Zugänge anhand zahlreicher offensichtlicher sowie manchmal auch subtiler Gegebenheiten in der Praxis. Er stellt sie in gewisser Weise zur Diskussion, indem er auch die Lesenden explizit auffordert, Bezüge und Verbindungen herzustellen, Theorie und Praxis miteinander ins Verhältnis zu setzen. Damit öffnet er seine Betrachtungen für weiterführende Reflexionen und beansprucht keine abschließende Betrachtung für sich.
Das Buch bietet eine gut strukturierte und verständlich aufbereitete Einführung in die zentralen Begriffe des Themenfeldes sowie in verschiedene theoretische Perspektiven, anhand derer die Prozesse der Ökonomisierung im Bildungsbereich analytisch erfasst werden können: unter anderem die von Uwe Schimank und Ute Volkmann, Pierre Bourdieu sowie die von Michel Foucault und Ulrich Bröckling. Berücksichtigung finden hierbei eine Vielzahl relevanter Aspekte, vordergründig aus soziologischer Perspektive, die an pädagogischen (Bildungs-)Strukturen diskutiert werden, historisch hergeleitet und in die aktuelle Zeit gebracht, im nationalen Kontext dargestellt und internationalen Alternativen gegenübergestellt. Der pädagogische Bogen umfasst die Kindheit, Schule, Hochschule bis zur Erwachsenen- und Weiterbildung sowie die Sozialpädagogik. Der Autor illustriert anhand unterschiedlicher pädagogischer Praxisfelder das fortschreitende Vordringen der Ökonomisierung auf eine kritisch-reflektierte Weise, die vielfach zum Nachdenken und Diskutieren anregt.
Angesichts der Seitenanzahl (106 Seiten) stellt all dies eine gewisse Herausforderung für die inhaltliche Tiefe dar. Bedenken werden jedoch bereits zu Beginn der Einleitung begegnet, indem darauf hingewiesen wird, dass das Werk ausdrücklich als Einführung konzipiert ist und als Fundament zum weiterführenden Studium anregen soll. Dazu tragen unter anderem ein erläuternder Exkurs zu den einzelnen Abschnitten und Kapiteln, ergänzende Fußnoten, abschnittsbezogene Reflexionsfragen sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis bei. Letzteres enthält ausdrücklich hervorgehobene (fett gedruckte) Empfehlungen zur weiterführenden Lektüre. Dementsprechend sind auch gewisse didaktische Elemente hervorzuheben, die sich an der Logik hochschulischer Lehre orientieren. Durch gezielte Reflexionsaufgaben – etwa zur eigenständigen Begriffsarbeit, zur Erstellung eines Glossars oder durch abschnittsbezogene Reflexionsfragen – wird die Leserschaft, konkret Studierende (des Moduls „Bildung und Gesellschaft“), an die sich dieses Buch gezielt richtet, aktiv in den Text eingebunden und zur kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten angeregt.
Fazit
Obgleich die Einführung zur Ökonomisierung der Bildung gezielt an Studierende adressiert ist, kann sie ebenso als Diskurs für weitere Interessierte (Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Studierende) gesehen und empfohlen werden.
Literatur
Bourdieu, Pierre (2012). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Ullrich Bauer; Uwe H. Bittlingmayer; Albert Scherr (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie. Wiesbaden: SpringerVS. S. 229–242.
Forster, Edgar; Scherrer, Madeleine (2018). Die ökonomische Funktion der Zeit in erziehungswissenschaftlichen Diskursen. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 40(3), S. 571–584. https://doi.org/10.25656/01:18081
Foucault, Michel (2005). Analytik der Macht. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Franck, Georg (2007). Jenseits von Geld und Information. Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit.In: Manfred Piwinger; Ansgar Zerfaß (Hrsg.): Handbuch Unternehmenskommunikation. Wiesbaden: Gabler. S. 159–168.
Franck, Georg (2005). Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes. München: Hanser.
Frank, Georg (2003). Mentaler Kapitalismus. In: Merkur 645(57), S. 1–15.
Schimank, Uwe (2018). Die Ökonomisierung des Nicht-Ökonomischen. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik 18(1), S. 3–15.
Schimank, Uwe; Volkmann, Ute (2017). Das Regime der Konkurrenz: Gesellschaftliche Ökonomisierungsdynamiken heute. Weinheim/​Basel: Beltz Juventa.
Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Enger
Westsächsische Hochschule Zwickau, Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Sozialmanagement.
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