Sascha Mamczak, Martina Vogl et al.: Überall Leben
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 16.01.2024
Sascha Mamczak, Martina Vogl, Katrin (Illustrator) Stangl:Überall Leben. Vom erstaunlichen Miteinander der Arten auf unserem Planeten. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2023. 280 Seiten. ISBN 978-3-7795-0717-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Homo sapiens und Artendiversität
Leben auf der Erde ist evolutionär entstanden. Die abendländische, philosophische Auffassung, dass der anthrôpos, der Mensch, aufgrund seiner Vernunftfähigkeit an der obersten Stufe der Lebewesen auf der Erde stehe, über sie herrschen und bestimmen könne, ist strittig. Der Umgang des Menschen mit der Natur hat Fortschritt und Entwicklung, aber auch Katastrophen bewirkt. Die Forderung, dass der Mensch endlich dazu übergehen müsse, sein anthropologisches, egozentristisches Denken und Tun zu verändern, wird lauter und dringlicher (Jörg Noller, Ethik des Anthropozäns, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/31291.php), dass er lernen müsse, die Zusammenhänge allen Lebens auf der Erde zu begreifen (Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27036.php), und wie es gelingen kann, gegenwärtiges Leben mit zukünftigen, menschenwürdigen und erdbewussten Dasein zu verbinden (William McAskill, Was wir der Zukunft schulden. Warum wir jetzt darüber entscheiden, ob wir die nächste Million Jahre positiv beeinflussen, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/31423.php).
Entstehungshintergrund und Autorenteam
Darf der Mensch alles machen, was er kann oder zu können meint? Diese Warnung ist angesichts der Entwicklungen, wie sie sich als Klimawandel, als Artensterben, als ökonomische, ökologische und humane Katastrophen ereignen, notwendig. Dass der Mensch nicht allein auf der Erde lebt, ist eine Tautologie. Dass er das, was er tut, Auswirkungen auf alles was lebt hat, ist freilich kaum in das Bewusstsein der Menschen eingedrungen. Das „Macht-euch-die-Erde-untertan“ bestimmt weiterhin sein Denken und Handeln. Der Sozialwissenschaftler Sascha Mamczak und die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Martina Vogl legen mit dem Buch „Überall Leben“ eine Sammlung von Geschichten vor, in denen sie das erstaunliche Miteinander der Arten auf unserem Planeten aufzeigen. Die Illustratorin Katrin Stangl trägt mit ihren Abbildungen dazu bei, dass das Buch zu einer Entdeckung für junge und alte Leser/innen wird.
Aufbau und Inhalt
Neben der Einleitung, in der das Autorenteam mit der Geschichte der Stadttaube auf die geduldete und lästige Aufmerksamkeit der Menschen verweist, werden mit 15 Themen ausgewählte Lebewesen und Situationen dargestellt:
- Ein Planet voller Leben: Gespenstblattschwanzgecko (Uroplatus Phantasticus)
- Das einsamste Lebewesen der Welt: Mensch (Homo Sapiens)
- Das Leben in uns: Darmbakterien (Bifidobacterium Longum Infantis)
- Wunderbares Ungeheuer: Weißspitzenriffhai (Triaenodan Obesus)
- Die Herrscher des Planeten: Gemeiner Mistkäfer (Geotrupes Stercorarius)
- Ein Geschenk der Erde: Küchenlinse (Lens Culinaris)
- Magier des Lebens: Shiitake (Lentinus Edodes)
- Die Welt anders erfahren: Goldene Seidenspinne (Nephila Clavipes)
- Grenzenlos: Mauersegler (Apus Apus)
- Wer ist hier schlau?: Oktopus (Octopus Vulgaris)
- Hüter der Zeit: Küstenmammutbaum (Sequoia Sempervirens)
- Mein allerbester Freund: Hausschwein (Sus Scrofa Domesticus)
- Das grüne Flüstern: Wacholderwidertonmoos (Polytrichum Juniperinum)
- Lernen, etwas sein zu lassen: Eurasischer Luchs (Lynx Lynx)
- Der lange Weg nach Hause: Die Biosphäre der Erde (Gaia).
Es ist die Endlichkeit des Lebens, die die evolutionäre, lebendige Entwicklung auf der Erde bestimmt. Von den Ein- zu den Mehrzellern, den pflanzlichen bis zu den tierischen und menschlichen Lebewesen vollzieht sich Entstehen, Verändern, Weiterentwickeln und Vergehen. Wenn es gelingt, die Menschen zu der Einsicht zu bringen, dass – wie es in einer indianischen Erkenntnis zum Ausdruck kommt, dass der Mensch nicht die Erde besitzt, sondern er zu ihr gehört – vermag sich der Greifarm zu einer öffnenden Geste entwickeln; und aus dem Spinnennetz kann ein solidarisches Netzwerk im Spannungsverhältnis von Natur und Kultur werden.
Im Schlussteil der Erzählung über Lebewesen auf der Erde kommt das Autorenteam schließlich zu dem Vorschlag, dass der Anthrôpos als Glied alles Lebenden sich bemühen soll, mit allen Sinnen zu leben, zu verstehen und zu handeln – indem er schaut und seinen Blick mit dem der anderen Lebewesen austauscht, indem er hört, was und wie es sich artikuliert im Lebensraum Erde, indem er riecht und die Gerüche der Welt aufnimmt, indem er tastet, was ist, indem er schmeckt…
Diskussion
Die intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Lebewesen bewirkt, dass wir Menschen von unserem Anthropo-Podest heruntertreten und nicht fragen sollten, ob die Küchenlinse oder der Oktopus denken, sogar ins Extreme ausgeweitet, ob sie genauso wie wir denken können oder nicht, sondern ob deren Lebensäußerungen ihren biologischen Bedürfnissen entsprechen. Dann nämlich macht der Vergleich Sinn. Es kommt darauf an, Geist und Körper zusammen zu bringen (Eugenio Gaddini, „Das Ich ist vor allem ein körperliches“, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19463.php). Es ist die eigentlich einfache, logische Erkenntnis, dass Lebewesen artgerecht leben sollen und können.
Wo und wer könnte das Buch „Überall Leben“ lesen? Im Familienkreis, in der Schule und in der Erwachsenenbildung, weil es wichtig und richtig ist zu erkennen und zu verstehen: „Überall ist Leben“.
Fazit
Der Ausflug ins Leben ist ein Abenteuer und eine Herausforderung, sich als Mensch in die Lebenswelt einzubringen, nicht als Bestimmer und Herrscher, sondern als Neugieriger und Verantwortungsbewusster. Es kann nicht darum gehen, anderen Lebewesen anthropomorphistische Eigenschaften und Verhaltensweisen anzutrainieren und zu züchten, sondern ihnen ihren eigenen Sinn, ihre Würde und Eigenständigkeit zu lassen. Dann kann es gelingen, allen Lebewesen ihr Dasein zu gewähren.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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