Rihab Chaabane: Diversity aus Kinderaugen
Rezensiert von Dr. Katja Lißmann, 15.04.2024
Rihab Chaabane: Diversity aus Kinderaugen. Wie Kinder soziale Vielfalt konstruieren.
Springer VS
(Wiesbaden) 2023.
119 Seiten.
ISBN 978-3-658-41557-0.
D: 60,74 EUR,
A: 66,81 EUR,
CH: 72,00 sFr.
Reihe: BestMasters. Research.
Thema
Das Buch behandelt das in der frühpädagogischen Arbeit seit vielen Jahren zentrale Thema der Vielfalt in Kindertageseinrichtungen: In Kitas ist die Vielfalt, über die in manchen gesellschaftlichen Bereichen noch gestritten wird, längst Realität. In Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und pädagogischen Diskursen und mit einer eigenen empirischen Studie fragt das Buch aus der Perspektive der Neuen Kindheitsforschung danach, wie Kinder Vielfalt wahrnehmen, konstruieren und erleben. Konkret wird untersucht, mit welchen Kategorien Kinder soziale Vielfalt beschreiben und wie dies durch ihre eigene soziale Verortung (hinsichtlich der Vielfaltsdimensionen soziales Milieu, Geschlecht und Alter) beeinflusst wird.
Autor:in oder Herausgeber:in
Die Autorin ist Heilpädagogin (M.A.) und tätig als selbstständige Referentin und Fortbildnerin. Während der Durchführung ihrer Studie war sie beim Städtischen Träger München angestellt, was ihr den Zugang zu den Münchner Kindertageseinrichtungen für ihre empirische Studie erleichtert hat.
Entstehungshintergrund
Das Buch veröffentlicht die Masterarbeit der Autorin, die 2020 mit dem Studienpreis der Katholischen Hochschule Freiburg ausgezeichnet wurde. Es ist erschienen in der Reihe „BestMasters“ des Springer Verlags, in der herausragende Masterarbeiten von deutschen, österreichischen und Schweizer Hochschulen publiziert werden. Die Reihe richtet sich gleichermaßen an Praxis und Wissenschaft.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile:
Im ersten Teil (Kapitel 2) stellt die Autorin die theoretischen Grundlagen vor, die die Basis für ihre eigene empirische Studie bilden. Die jeweils kurze Darstellung der grundlegenden Begriffe, Theorien und Konzepte läuft auf die Pädagogik der Vielfalt von Annedore Prengel hinaus, die in einem gesonderten Unterkapitel dargestellt und als „Inklusive Pädagogik“ (S. 12) charakterisiert wird. Mit Bezug auf Prengels Perspektive entfaltet die Autorin zugleich das für ihr Buch leitende Inklusionsverständnis, indem sie sich gegen eine Verengung des Inklusionsbegriffs auf das Vielfaltsmerkmal „Behinderung“ und für einen weiten Inklusionsbegriff ausspricht, der alle Merkmale in den Blick nimmt, die zu sozialer Ausgrenzung und struktureller Benachteiligung führen können. In ihrer anschließenden Darstellung der Diversitätsdimensionen problematisiert sie die Bildung solcher Differenzkategorien vertiefend am Beispiel des sog. „Migrationshintergrunds“, den sie als Kategorie in ihrer eigenen Studie mangels einer besseren Möglichkeit dennoch nutzen muss.
Die Autorin wechselt nun die Blickrichtung und stellt den Forschungsstand zur Differenzwahrnehmung bei Kindern dar. Hier nimmt sie zugleich eine Klärung des Kindbilds vor, das sie ihrer eigenen Studie zugrunde legen möchte: Das Verständnis des Kindes als eigenständige*r, kompetente*r Akteur*in, das insbesondere in der Neuen Kindheitsforschung entwickelt wurde, ist notwendige Forschungshaltung für die Befragung von Kindern. Zugleich gilt es im Forschungsprozess mit Kindern immer auch spezifische „Entwicklungsvoraussetzungen“ (S. 30) mitzudenken und methodisch einzubeziehen. Abschließend kartiert sie das Forschungsfeld, in dem sich ihre eigene Studie bewegt. In der kritischen Darstellung des Forschungsstands zu Vielfaltskonstruktionen von Kindern identifiziert die Autorin verschiedene Schwächen und blinde Flecken bisheriger Forschungsarbeiten und leitet daraus die Besonderheit ihres eigenen Forschungsansatzes ab: Sie möchte eine möglichst offene Forschungssituation schaffen, die einen „Einblick in die Innenansicht von Kindern“ (S. 34) ermöglicht, und zwar konkret in die „individuelle Konstruktion von Vielfalt in der ‚Eigenwelt‘ der Kinder“ (S. 35).
Ihr empirisches Vorgehen stellt sie detailliert im zweiten Teil des Buches (Kap. 3) dar. Die zentrale Forschungsfrage der empirischen Studie lautet: „Welche Kategorien verwenden Kinder in der Beschreibung von Bildern zu sozialer Vielfalt?“ (S. 36). Drei flankierende Fragestellungen sollen zudem den Einfluss des Alters, des sozialen Milieus sowie des Geschlechts auf die kindlichen Konstruktionen untersuchen. Diesem Forschungsinteresse geht die Autorin in teilstandardisierten Interviews mit 38 Kindern zwischen 4 und 10 Jahren in zwei städtischen Kindertageseinrichtungen in München nach, die sich hinsichtlich der Heterogenität der dort betreuten Kinder und ihrer Familien unterscheiden. Das Forschungsfeld und die Forschungsmethodik werden transparent und nachvollziehbar dargestellt. Verschiedene Abbildungen im Buch machen das konkrete Vorgehen auch visuell nachvollziehbar; zudem ermöglichen die ergänzenden Anlagen im elektronischen Zusatzmaterial einen Zugriff auf den Interviewleitfaden, auf die in den Interviews verwendeten Bilder sowie auf die Einwilligungserklärung, die den Eltern der befragten Kinder zusätzlich in leichter Sprache zur Verfügung gestellt wurde. Die Materialien und Interviewelemente sind vom Bemühen um eine kindgerechte und sensible Aufbereitung und Durchführung geprägt. Die Auswertung der Befragungsergebnisse stellt den Auswertungsprozess und die Forschungsergebnisse einerseits in qualitativen Schlaglichtern, andererseits in der quantitativen Auswertung und Beschreibung der von den befragten Kindern gebildeten Kategorien dar. In vertiefenden Analysen geht die Autorin schließlich den drei Nebenfragestellungen nach.
Im dritten Teil (Kap. 4) werden die Forschungsergebnisse zunächst global in Bezug auf die Hauptfragestellung, anschließend vertiefend bezüglich der von den befragten Kindern meistgenannten Kategorien und danach hinsichtlich der Nebenfragestellungen diskutiert. Nach einer kritischen Bestandsaufnahme des Forschungsprozesses schließlich reflektiert die Autorin, welche Konsequenzen aus ihren Ergebnissen für die pädagogische Theorie und Praxis abgeleitet werden können. Besonders zentral ist das Ergebnis, dass die befragten Kinder ihre Kategorienbildung selten mit negativen Wertungen verbinden. Die Autorin führt diesen Umstand auf die Offenheit ihrer Forschungsanlage zurück, formuliert aber dennoch die Frage, ob es erwachsenen Forschenden grundsätzlich überhaupt möglich ist, einen Zugang zur kindlichen Perspektive zu erlangen. Sie plädiert daher für einen „partizipative[n]“ Forschungsprozess, „bei dem Kinder selbst die Forschenden sind“ (S. 103). Spezifisch für ihre Disziplin der Heilpädagogik formuliert sie u.a. den Auftrag, den Blick auch intersektional zu weiten. Das abschließende Fazit formuliert den „Wunsch an die Pädagogik“, „Vielfalt in jeder nur möglichen Art zu leben, zu repräsentieren, zu thematisieren“ (S. 108), um einen signifikanten Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Inklusion zu leisten.
Diskussion
Aktualität und Relevanz: Das Buch beginnt und endet mit einem engagierten Plädoyer für Inklusion und Vielfalt. Selbst die theoretischen Verortungen bettet die Autorin immer wieder in historische und aktuelle gesellschaftliche Diskurse ein und verdeutlicht damit deren Relevanz über den frühkindlichen Kontext hinaus. Überhaupt gelingt es ihr immer wieder, sloganfähige Aussagen zu landen: Der Satz „Vielfalt ist Realität, Inklusion eine Entscheidung“ (S. 3) beispielsweise ist mir aufgrund seiner Eingängigkeit und Konsequenz beim Lesen des Buches sofort aufgefallen – und offenbar ging es nicht nur mir so, denn inzwischen findet er sich auf der Homepage der Autorin als gut in Szene gesetztes Zitat wieder.
Beitrag zur Forschung: Das Buch behandelt ein vielschichtiges und nicht nur in der Frühpädagogik absolut aktuelles Thema. Für die Untersuchung der Frage, wie Kinder Vielfalt konstruieren, leistet es einen wichtigen Beitrag, der insbesondere in der kindzentrierten Perspektive und der Offenheit der Forschungsanlage besteht. Die Studienergebnisse fördern durchaus überraschende Erkenntnisse zutage, die die ‚klassischen‘ Vielfaltskategorien des Diversity-Diskurses aus einer Kindperspektive deutlich erweitern können. Wenn man zudem bedenkt, dass die gesamte Untersuchung auf der Basis von 30 lizenzfreien Bildern aus dem Internet bestritten wurde, ist das in seiner Einfachheit bestechend und inspirierend. Hinsichtlich der kindzentrierten Forschungsperspektive gibt es jedoch durchaus unerwähnte Vorläufer, wenn auch mit anderen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen – wie beispielsweise den 2018/19 im Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt „Kinder als Akteure der Qualitätsentwicklung in KiTas“ [1] entwickelten Kinderperspektivenansatz. Die Autorin bezeichnet ihre Untersuchung selbst als „Momentaufnahme“ und „Grundsatzforschung“ (S. 108) mit begrenzter Aussagekraft. In der Tat sagen die Ergebnisse wenig über die Konstruktion von Vielfalt im pädagogischen Alltag und in pädagogischen Interaktionen aus, da sie nicht im pädagogischen Alltag stattfanden, sondern dieser eher als Zugriffsvehikel auf die zu befragenden Kinder diente. Sie weisen jedoch in ihrer Offenheit für die kindliche Kategorienbildung eine hohe Anschlussfähigkeit für vielfältige weitere Untersuchungen auf. Die wenigen qualitativen Schlaglichter in der Auswertung erzeugen den Wunsch nach mehr qualitativen Einblicken: Lassen sie doch erahnen, wie komplex das Konstruktionsgeschehen ist und wie stark die Kinder ihre Lebenserfahrungen und -kontexte in den Konstruktionsprozess einbringen.
Lesbarkeit: Allen Hauptkapiteln ist ein kurzer orientierender Abstract vorangestellt. Die theoretischen Verortungen im ersten Buchteil sind einerseits wohltuend kurz, aber andererseits in dem schnellen Ritt durch eine Vielzahl komplexer Konzepte möglicherweise schwer zu durchdringen, wenn nicht bereits eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik stattgefunden hat. Daher ist das Buch für nicht wissenschaftlich ausgerichtete Praktiker*innen möglicherweise eher schwierige Kost. Dem Literaturverzeichnis hätte ein etwas sorgfältigeres Lektorat gut getan, da es recht viele formale und Rechtschreibfehler enthält.
Fazit
Aus der Perspektive der Vielfalts- und Kindheitsforschung ist dieses Buch ein sehr lesenswertes und inspirierendes Buch, das Fenster für weiterführende Forschungen öffnet. Es ist zugleich ein engagiertes und fundiertes Plädoyer für eine inklusive Frühpädagogik und eine inklusive Gesellschaft. Gleichzeitig muss noch weiterentwickelt werden, was aus den Ergebnissen für die praktische pädagogische Arbeit folgen kann.
[1] Nentwig-Gesemann, I./Walther, B./Bakels, E./Munk, Lisa-Marie (2021). Kinder als Akteure in der Qualitätsentwicklung und Forschung. Eine rekonstruktive Studie zu KiTa-Qualität aus der Perspektive von Kindern. Gütersloh 2021.
Rezension von
Dr. Katja Lißmann
Diplom-Erziehungswissenschaftlerin
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