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Evi Agostini, Hans Karl Peterlini et al. (Hrsg.): Die Vignette als Übung der Wahrnehmung

Rezensiert von Mandy Hauser, 23.05.2024

Cover Evi Agostini, Hans Karl Peterlini et al. (Hrsg.): Die Vignette als Übung der Wahrnehmung ISBN 978-3-8474-2662-2

Evi Agostini, Hans Karl Peterlini, Jasmin Donlic, Verena Kumpusch, Daniela Lehner et al. (Hrsg.): Die Vignette als Übung der Wahrnehmung. Zur Professionalisierung pädagogischen Handelns = The vignette as an exercise in perception : on the professionalisation of educational practices. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 55 Seiten. ISBN 978-3-8474-2662-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.

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Herausgeber:innen

  • Prof. Dr. Evi Agostini ist Professorin am Zentrum für Lehrer*innenbildung an der Universität Wien.
  • Prof. Dr. Hans Karl Peterlini ist Professor im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung an der Universität Klagenfurth.
  • Ass.-Prof. Dr. Jasmin Donlic ist Assistenzprofessor im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung an der Universität Klagenfurth.
  • Verena Kumpusch ist Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung an der Universität Klagenfurth.
  • Univ.-Ass. Dr. Daniela Lehner ist wissenschaftliche Assistentin im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung an der Universität Klagenfurth.
  • Isabella Sander ist Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung an der Universität Klagenfurth.

Thema

Die Arbeit mit (Fall-)Vignetten wird in der vorliegenden Herausgeber:innenschaft als eine Methode der Professionalisierung pädagogischen Handelns beschrieben und in den Kontext phänomenologischen und erfahrungsorientiertes Lernens gesetzt. Die Vignetten dienen dabei als Instrument, über die Auswahl und Reflexion der beschriebenen Situationen die eigenen Sichtweisen zu erkennen, zu hinterfragen und neue und vielfältigere Perspektiven zu ermöglichen und so Hinweise für künftige pädagogische Handlungsoptionen zu geben.

Entstehungshintergrund

Die Handreichung wurde im Rahmen des Erasmus+ – Projektes „ProLernen – Professionalisierung von Pädagog:innen und pädagogischen Führungskräften durch Lernforschung mit Vignetten“ entwickelt (Laufzeit: 01.11.2020 bis 30.11.2022). Das Projekt war ein Verbundprojekt zwischen der Universität Wien, der Leibniz Universität Hannover, der Pädagogischen Hochschule Wien, der Alpen-Adria-Universitat Klagenfurt, der Freien Universität Bozen-Bolzano, der University of Western Macedonia und des Schulamts/​Landesverwaltung Fürstentum Liechtenstein/Pädagogische Hochschule Zürich.

Aufbau

Die Herausgeber:innenschaft besteht aus einem deutschsprachigen Teil und einer englischsprachigen Übersetzung und ist in jeweils sechs Teile gegliedert: Einführung; Wahrnehmung; Leib; Vignette; Lernen; Epilog. Wobei die mittleren vier (Wahrnehmung; Leib; Vignette; Lernen) gleichsam die vier beschriebenen Schritte zur pädagogischen Professionalisierung abbilden. Am Ende dieser vier Teile ist in der Herausgeber:innenschaft jeweils Platz für persönliche Notizen der Lesenden bzw. Bearbeitenden zu finden.

Inhalt

In der Einführung erfolgt eine Hinführung zur Arbeit mit phänomenologischen Fallvignetten und Lektüre. Dazu wird zunächst das Grundverständnis pädagogischen Arbeitens und Handelns und pädagogischer Professionalisierung umrissen, welches dem phänomenologischen Ansatz Edmund Husserls folgt. Auch werden in Anlehnung an den italienischen Philosophen Paolo Flores D’Arcais vier Schritte pädagogischer Forschung skizziert und ihr Übertrag auf die nachfolgenden Ausführungen besprochen.

Im Teil Wahrnehmung, die gleichsam den ersten Schritt der über die Arbeit mit Vignetten anvisierten pädagogischen Professionalisierung markiert, wird eingangs unter Zuhilfenahme des Habituskonzepts von Pierre Bourdieu die (vorbewusste) Einordnung von Kindern entlang vertrauter Muster und Kategorien beschrieben und gleichsam die damit verbundenen Zuschreibungen, Festschreibungen und Verdeckungen kritisiert. Daran anknüpfend wird die Vignettenforschung mit der Möglichkeit in Verbindung gebracht, die Beschränktheit der eigenen Perspektive zu überwinden und zur „Sensibilisierung und Verfeinerung der Wahrnehmung“ (Peterlini 2023, 18) beizutragen. Anhand zweier Beispielvignetten und einer Reihe an Reflexionsfragen zur Schulung der Wahrnehmung wird der Schritt exemplarisch verdeutlicht. Daran schließt sich eine Wahrnehmungsübung zur Kunst in und mit Alltagsgegenständen an. Dafür wird zunächst auf die ästhetische Erfahrung als Möglichkeit der „sinnlich-sinnhaften Form der Welterschließung“ (Bube, Improda 2023, 21) und damit „Sensibilisierung und Differenzierung der Wahrnehmung“ (ebd., 22) eingegangen und mittels einer Vignette und einer Reflexionsübung verdeutlicht.

Im Teil Leib wird die Leiblichkeit und leibliche Erfahrung bei der Lektüre von Vignetten als Perspektive in den Fokus gerückt. Mittels eines Erfahrungsberichts zur leiblichen Erfahrungsebene während des Lesens einer Vignette wird verdeutlicht, wie sich un- oder präbewusste Anteile der Wahrnehmung über leibliche Ausdrücke und Empfindungen zeigen können und über ausgewählte Reflexionsfragen werden die Lesenden dazu angehalten, dieser Leiblichkeit nachzuspüren.

Im Teil Vignette wird die Vignette als Reflexionsinstrument eingeführt. Dafür wird die Vignette definiert und die Lektüre der Vignette erneut über einen Erfahrungsbericht für die Lesenden erfahrbar gemacht. Mit dem Konzept der Inter-Subjektivität bzw. Zwischenleiblichkeit wird zudem auf einen Kernaspekt der Vignettenarbeit eingegangen. Verdeutlicht wird das Anliegen der Vignette als Erfahrungsmoment über die Darstellung ihres Schreibprozesses – „von der Rohvignette zur finalen Vignette“ (Agostini et al. 2023, 41) und erneut über ausgewählte Reflexionsfragen. Abschließend erläutern die Autor:innen, in welchen (pädagogischen und sozialen) Bereichen Vignetten verfasst und genutzt werden können.

In Teil Lernen wird das Lernen als Prozess in die wechselseitige Bedingtheit von Lehren und Lernen über „das Begriffspaar lehr- und lernseits“ (Anderegg et al 2023, 48) hineingedacht und damit ein Verständnis für Lernprozesse anvisiert, welches das Lernen im Spannungsfeld zwischen Vertrautem und Neuem verortet. Für die Pädagog:innen eröffnen sich in diesem Verständnis Möglichkeiten des Hinterfragens und Erweiterns der bisherigen Sichtweisen und des Wagnisses, Neues einzugehen und „das bisher Unversuchte zu versuchen“ (ebd. 49). In der Professionalisierung pädagogischen Handelns durch die Arbeit mit Vignetten bedeutet das, Lernprozessen über Erfahrung und Reflexion Raum zu geben. Des Weiteren werden in diesem Teil der Herausgeber:innenschaft Potenziale der Arbeit mit Vignetten für die professionelle Entwicklung von Pädagog:innen und Organisationen durch Lernen als Erfahrung umrissen. Daran anknüpfend wird die Professionalisierung von Pädagog:innen aus organisationaler Perspektive als Möglichkeit der Qualitätssteigerung der Arbeit aller Beteiligten dargestellt. Auch hier werden zur exemplarischen Verdeutlichung der Inhalte Vignetten vorgestellt und Reflexionsfragen gestellt.

Im Epilog wird das Anliegen der Herausgeber:innenschaft im Rahmen einer direkten Ansprache der Lesenden zusammengefasst und es wird auf die Möglichkeit lokaler und internationaler Vernetzung hingewiesen.

Diskussion

Reflexivität wird seit Langem zwar als Schlagwort in den Fokus der Frage nach Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte gerückt, wird jedoch in ihren Anforderungen und Ausgestaltungen häufig wenig konkretisiert. Hinzu kommt, dass Reflexivität oft als individuelle Strategie und Kompetenz vermittelt wird, während die Sozialität der zu reflektierenden Aspekte im Grunde die Notwendigkeit eines kollektiveren Reflexionszugangs impliziert. Die Arbeit mit Vignetten als Übung der Wahrnehmung ist eine gewinnbringende Methode in der Professionalisierung pädagogischen Handelns, in der die Reflexion der eigenen Haltungen, Einstellungen und Impulse nicht nur individuell, sondern im Austausch mit anderen vollzogen wird. In der Herausgeber:innenschaft wird diese Methode aufgegriffen und deren Einsatz theoretisch mit dem Blick auf einen phänomenologischen Erfahrungsbegriff gerahmt. Lernen und Lernprozesse werden hier phänomenologisch gefasst und in ihrer leiblichen, emotionalen, sozialen und materiellen Beschaffenheit und Bedingtheit verstanden und über die Vignetten zu reflektieren versucht. Die entstandene Publikation ist als Handreichung für die Praxis konzipiert und bietet keinen tiefgreifenden Einblick in die theoretischen Ansätze, mit denen sie arbeitet. Dennoch werden die Zugangsweisen deutlich und in angemessenem Rahmen auch für Praktiker:innen nachvollziehbar dargestellt.

Fazit

Die Handreichung spricht ein vielfältiges Zielpublikum pädagogisch handelnder Personen an und ist durch die englischsprachige Übersetzung auch für den internationalen Raum konzipiert. Die inhaltliche und formale Ausgestaltung lädt dazu ein, sich über die Arbeit mit Vignetten der eigenen Sichtweisen bewusst zu werden, sie zu reflektieren und im gemeinsamen Austausch zu neuen Perspektiven und alternativen Handlungsoptionen zu gelangen. Daher bietet die Handreichung für die Vignettenarbeit als ein Baustein reflexiver Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken, Handeln und vor allem Fühlen im Kontext der Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte interessante und anregende Impulse.

Rezension von
Mandy Hauser
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik/ Kompetenzbereich Geistige Entwicklung der Universität Leipzig
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Es gibt 8 Rezensionen von Mandy Hauser.

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Zitiervorschlag
Mandy Hauser. Rezension vom 23.05.2024 zu: Evi Agostini, Hans Karl Peterlini, Jasmin Donlic, Verena Kumpusch, Daniela Lehner et al. (Hrsg.): Die Vignette als Übung der Wahrnehmung. Zur Professionalisierung pädagogischen Handelns = The vignette as an exercise in perception : on the professionalisation of educational practices. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8474-2662-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31682.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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