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Katharina Scherke: Emotionssoziologie

Rezensiert von Prof. Dr. Karl Lenz, 24.05.2024

Cover Katharina Scherke: Emotionssoziologie ISBN 978-3-8252-6049-1

Katharina Scherke: Emotionssoziologie. transcript (Bielefeld) 2023. 252 Seiten. ISBN 978-3-8252-6049-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,50 sFr.
Reihe: Einsichten. Themen der Soziologie - 11.

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Thema

Das Anliegen des vorliegenden Buches ist es, in das mittlerweile umfangreiche Gebiet der Emotionssoziologie einzuführen (Verbreitet ist es, von „Soziologie der Emotionen“ zu sprechen, die Autorin zieht jedoch die ‚zusammengefügte‘ Bezeichnung vor, die im Gebrauch vielfach auch einfacher ist. Sie entspricht dem deutschen Sprachgebrauch, die gängige Bezeichnung ist dagegen die direkte Übertragung aus dem Englischen).

Autorin

Katharina Scherke ist Professorin am Institut für Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Schon in ihrer 2007 angenommenen Habilitationsschrift hat sich die Autorin mit Emotionen und ihrer langen Vernachlässigung und ihrer Wiederentdeckung in der deutschsprachigen Soziologie befasst (Scherke 2009). Spätestens seit dieser Zeit bildet die Emotionssoziologie ihren vorrangigen Arbeitsschwerpunkt.

Aufbau und Inhalt

Mit der Einleitung umfasst das vorliegende Buch acht Kapitel. „Interesse für das in den letzten Dekaden stark gewachsene Forschungsfeld der Emotionssoziologie zu wecken“ (S. 9), wird in der Einleitung als das besondere Anliegen des Buches herausgestellt. In Abgrenzung zu anderen deutsch- und englischsprachigen Einführungen und Handbüchern sollen die „Grundideen und – fragen der Emotionssoziologie in den Vordergrund“ (S. 10) gestellt und damit der soziologische Beitrag für die interdisziplinäre Emotionsforschung und ihre Bedeutung für die Soziologie insgesamt aufgezeigt werden. Hingewiesen wird auch, dass es sich dabei nicht nur um eine spezielle Soziologie handelt, sondern um eine „grundlegende Perspektive soziologischer Analysen“ (ebd.). Die soziale Entstehung von Emotionen sowie die sozialen Konsequenzen dieser werden als die beiden grundlegenden Fragestellungen der Emotionssoziologie bezeichnet. Zusätzlich werden vier „Perspektiven“ unterschieden, die den „soziale(n) Charakter von Emotionen“ aufzeigen (S. 12): Emotionen verbinden die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Individuums miteinander, setzen die Individuen zueinander in Relation, sind durch gesellschaftliche Diskurse geprägt und können auch kollektiv erlebt werden. Diese Fragestellungen und Perspektiven werden in späteren (6. bzw. 7.) Kapiteln wieder aufgegriffen.

Im 2. Kapitel wird zunächst auf den uneinheitlichen Begriffsgebrauch verwiesen. Emotionen, Gefühle und auch Affekte werden z.T. mit unterschiedlichen Bedeutungsgehalten verwendet und daher voneinander abgegrenzt. Verbreitet ist es aber auch ihre Verwendung als Synonyme. Der zweiten Verwendungsweise schließt sich Scherke in ihrem eigenen Sprachgebrauch an. Eingebettet in diese Betrachtung ist zudem die Frage danach, ob es Emotionen gibt, die in allen Kulturen vorkommen und vielfach als primäre oder basale Emotionen bezeichnet werden. Die Autorin nimmt eine eher ablehnende Haltung ein, unter anderem mit dem Argument, dass es keinen Konsens über die Anzahl und die genaue Benennung dieser Emotionen gibt. Aufgegriffen wird auch die Frage, was Emotionen überhaupt sind. Als Antwort wird auf unterschiedliche Systematisierungsvorschläge von Emotionsmodellen verwiesen.

Das anschließende 3. Kapitel befasst sich mit der Geschichte der Emotionssoziologie und vor allem damit, was ihrem Aufkommen so lange im Wege stand. Als Hinderungsgrund wird die starke Akzentuierung der Rationalität und die vielfach damit verknüpfte Dichotomie von Rationalität und Emotionalität gesehen. Erst in den 1970er Jahren hat sich in der Soziologie ein verstärktes Interesse an Emotionen (erneut) entwickelt, zunächst im amerikanischen Kontext und später auch im deutschsprachigen. Das Verhältnis von Rationalität und Emotionalität wird im Anschluss an den australischen Soziologen Jack Barlalet (1999) vertieft. Neben der konventionellen Auffassung des Gegensatzes unterscheidet Barlalet eine kritische, die das enge Zusammenwirken von Rationalität und Emotionalität betont, sowie eine radikale Haltung, die auf die emotionale Fundierung der Rationalität verweist. Im abschließenden Teil wird dann gezeigt, dass Emotionen schon bei den Klassikern der Soziologie (z.B. Durkheim, Simmel, Weber) trotz ihrer starken Betonung der Moderne als Rationalisierungsprozess als Thema vorgekommen sind. Die starke Emotionsvergessenheit habe sich im Fach erst im Anschluss ausgeweitet.

Im 4. Kapitel wird die Emotionssoziologie in den Kontext der interdisziplinären Emotionsforschung gestellt. Neben der Nennung einzelner Vertreter:innen (Sara Ahmed, Monique Scheer, William M. Reddy) wird das interdisziplinäre Feld anhand von fünf Dimensionen (körperliche, Ausdrucks-, Erlebnis-, Bewertungs- und Handlungsdimension) gerafft vorgestellt. Schnell wird deutlich, dass der Autorin nicht primär um das Erkunden des interdisziplinären Feldes geht, sondern in erster Linie um diese Dimensionen, die sich unterschiedlich miteinander verknüpfen lassen. Betont wird, dass diese auch für die Emotionssoziologie relevant sind. Herausgestellt wird, dass ihr besonderer Schwerpunkt jedoch auf dem „sozio-kulturelle(n) Kontext eines Individuums (inkl. seiner historischen Veränderungen)“ (S. 60) liegt. Wie später noch vertieft wird, wird in diesem Zusammenhang auf die aus den Kulturwissenschaften hervorgegangenen affect studies eingegangen und zusätzliche Konzepte wie Stimmungen, kollektive Emotionen und emotionale Klima kurz vorgestellt.

Mit den Methoden der Emotionsforschung befasst sich das 5. Kapitel. Um die Möglichkeiten und Grenzen von Befragungen und Beobachtungen aufzuzeigen, werden die im vorangegangenen Kapitel eingeführten Dimensionen verwendet. Anschließend wird der Methodeneinsatz anhand einiger exemplarischer Studien betrachtet. Verbreitet ist es dabei, verschiedene Methoden miteinander zu kombinieren. Einzelne Methoden, wie z.B. qualitative Interviews, Paar- und Gruppeninterviews oder beobachtende Verfahren, werden mit ihren besonderen Anforderungen eigenständig vorgestellt. Eingegangen wird auch auf besondere Verfahren, wie z.B. die Technik des sog. shadowing, bei der Personen in ihrem Berufsalltag begleitet werden. Zum Einsatz kommen in der Emotionssoziologie auch autoethnographische Methoden. Aufgezeigt wird die breite Vielfalt von Materialien, die neben Interviewprotokollen und Feldnotizen verwendet werden: Tageszeitungen, Tagebücher, Briefe, Schulungsmaterialien und andere offizielle Dokumente, Fotografien, Dokumentarfilme, Spielfilme, TV-Serien, Literatur oder auch Gemälde. Auch wenn qualitative Methoden deutlich dominieren, ist die Emotionssoziologie darauf nicht beschränkt, auch Experimente und Umfragedaten kommen zum Einsatz.

Die beiden in der Einleitung eingeführten Grundfragen der Emotionssoziologie werden im 6. Kapitel aufgegriffen. Statt von „Entstehung“ wird bei der ersten nun von „Emotionen als sozial geprägte Phänomene“ (S. 102) gesprochen. Ausführlich behandelt werden dabei der konstruktivistische Ansatz von Arlie R. Hochschild und der positivistische Ansatz von Theodore D. Kemper und damit die beiden Entwürfe, die ganz wesentlich die Wiederentdeckung der Emotionen als Thema der Soziologie vorangetrieben haben. Beide Ansätze werden vorgestellt und auch wichtige Kritikpunkte aus der Rezeption aufgezeigt. Bei Hochschild werden auch einige Beispiele von Studien genannt, die in ihrer Tradition stehen. Bei der zweiten Grundfrage nach den Konsequenzen von Emotionen wird kurz auf Erving Goffman eingegangen und vor allem das Konzept der Scham-Wut-Spirale von Thomas Scheff vorgestellt.

Die neben den beiden Grundfragestellungen in der Einleitung aufgezeigten „Perspektiven“ bilden die Grundlage für das 7. Kapitel. Sehr schnell wird deutlich, dass diese in erster Linie dazu dienen, um eine Fülle weiterer wichtiger Publikationen der Emotionssoziologie zu sortieren. Die direkten Bezüge zu den „Perspektiven“ sind dabei unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch Emotionen wird das Handlungsmodell des „emotional man“ von Helena Flam vorgestellt. Thematisiert werden auch Emotionen in Organisationen und ihre Entdeckung im Rational-Choice Ansatz. Nach diesen themenbreiten Teilkapitel werden dann in zwei folgenden Teilkapiteln Vertrauen und Angst behandelt. Alle diese Darstellungen vermitteln einen sehr informativen Einblick in die ausgewählten Arbeiten. Die Bezüge zu dem durch die Perspektive vorgegebenen Rahmenthema bleiben dagegen nur vage und randständig. Bei der zweiten Perspektive, dem relationalen Charakter der Emotionen, werden zunächst die verbindende bzw. trennende Wirkung von Emotionen unter Bezugnahme auf einzelne Emotionen und Publikationen aufgezeigt. Im Weiteren werden dann Studien vorgestellt, die sich mit nationalen Zugehörigkeitsgefühlen befassen. Schwerpunkte bei der dritten Perspektive, den gesellschaftlichen Diskursen über Emotionen, bilden Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie, Eva Illouz‘ Arbeiten zur Kommodifizierung von Gefühlen und die zeitdiagnostischen Studien von Heinz Bude und Zygmunt Bauman zur Angst als einem dominanten Gefühl in der Gegenwartsgesellschaft. Beim kollektiven Erleben von Emotionen steht zunächst Randall Collins‘ Konzept emotionaler Energie im Zentrum. Im Weiteren geht es dann um die Herstellung kollektiver Emotionen, wobei Studien vorgestellt werden, die sich mit der politischen Instrumentalisierung von Emotionen bzw. mit dem Beitrag von Medien zu ihrer Herstellung befassen. Abgeschlossen wird das Kapitel mit dem Beispiel der Nostalgie. Neben einem Überblick zur bisherigen Forschung und dem Aufzeigen von Forschungsdesiderata verwendet die Autorin das Thema dazu, um nochmals die vier unterschiedenen „Perspektiven“ und damit die soziale Einbettung von Emotionen aufzuzeigen. Am Anfang hätte diese Passage sicherlich unmittelbar eingeleuchtet. Warum diese Erläuterung jedoch am Schluss erfolgt, erschließt sich nicht. Hier nochmals nachzulegen, dazu besteht auch kein Bedarf, da beide Anliegen durchaus schon eingelöst sind.

Abgeschlossen wird die Einführung mit dem 8. Kapitel, das sich mit dem Verhältnis von Emotionssoziologie und affect studies befasst. Dieses Kapitel hat den Charakter eines Anhangs. Die affect studies waren im Buch bereits mehrfach Gegenstand, zuletzt im Zusammenhang mit den kollektiven Emotionen im letzten Kapitel. Allerdings handelte es sich immer um relative kurze Textteile, die Darstellung in diesem Kapitel ist dagegen deutlich ausführlicher. Gegeben wird zunächst ein kurzer Überblick über die affect studies. Betont wird, dass der Begriffsgebrauch des Wortes Affekt uneinheitlich ist und die damit einhergehenden Unterschiede werden aufgezeigt. Anerkannt wird, dass die affect studies auf die zumindest in Teilen der Emotionssoziologie vorhandene Vernachlässigung von körperlichen Aspekten zu Recht hingewiesen haben. Insgesamt ist die Sicht der Autorin auf die affect studies jedoch kritisch. Als problematisch wird vor allem die „prä-soziale Natur der Affekte“ (S. 202) gesehen, da damit die von der Emotionssoziologie vor allem herausgestellte soziokulturelle Einbettung des Emotionsgeschehens negiert werde oder zumindest diese Gefahr bestehe.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet eine umfangreiche und inhaltsstarke Einführung in das Gebiet der Soziologie der Emotionen. Das besondere Anliegen ist dabei, zu zahlreichen Publikationen hinzuführen und die Leser:innen mit diesen bekannt zu machen. Insofern ist das Buch für die Orientierung in diesem Forschungsfeld sehr hilfreich. Weniger fündig wird man dagegen, wenn man von einer Einführung das Aufzeigen von übergreifenden Problemstellungen und ihre vertiefende Behandlung erwartet. Grundideen und -fragen stehen in dieser Einführung nicht im Zentrum; sie dienen primär als Hilfsmittel, um die Fülle relevanter Publikationen des Forschungsfelds zu sortieren. Dass vor allem die Hinführung zu relevanter Literatur im Vordergrund steht, ist für eine Einführung ein mögliches Gestaltungsprinzip und findet sicherlich auch Leser:innen, die genau das vorrangig erwarten.

Die gewählte Gliederung kann dabei nicht durchgehend überzeugen. Sicherlich kann man neben den Grundfragestellungen die aufgezeigten vier „Perspektiven“ in der Emotionssoziologie unterscheiden. Jedoch eignen sie diese nur eingeschränkt dafür, um die Fülle der für das 7. Kapitel ausgewählte Publikationen zu präsentieren. Dass die affect studies bereits mehrmals kurz angesprochen werden, und dann erst im letzten Kapitel ausführlicher behandelt werden, kann ebenso wenig überzeugen. Sicherlich ist zu begrüßen, dass sie in dieser Einführung aufgegriffen werden. Affect studies nehmen im wissenschaftlichen Diskurs mittlerweile auch einen so breiten Raum ein, dass eine Ausblendung nicht vertretbar wäre. Das 2. Kapitel („Vorbemerkungen zur Emotionsbegrifflichkeit“), indem sie schon in knapper Form erwähnt werden, wäre für eine ausführliche Vorstellung und eine kritische Diskussion ein geeigneter Platz gewesen. Inhaltich ist anzumerken, dass die Ausführungen zum Emotionsbegriff deutlich zu kurz ausfallen. Auf die Frage, was Emotionen überhaupt sind, reicht der Verweis auf unterschiedliche Systematisierungsvorschläge von Emotionsmodellen zur Klärung nicht aus. Sicherlich ist anzuerkennen, dass im weiteren Verlauf des Buchs das zugrunde liegende Verständnis von Emotionen sich weiter aufhellt. Gerade in einer Einführung wäre es jedoch wichtig, an einer prominenten Stelle aufzuzeigen, was das eigene bzw. das in der Emotionssoziologie dominante Verständnis von Emotionen ist und auch auf wichtige Varianten hinzuweisen.

In weiten Teilen der Emotionssoziologie und auch in diesem Buch fällt auf, wie ausgeprägt die Bemühungen sind, die Existenz von universellen Gefühlen in Frage zu stellen (eine Ausnahme: Turner/​Stets 2009). Getragen wird dies von der Sorge, dass durch die Anerkennung der Universalität die Akzentuierung von Emotionen als soziokulturelle Phänomene gleich wieder in Frage gestellt bzw. gar unterlaufen werden würde. Durchaus verständlich ist es, dass die mit der Universalitätsthese vielfach verknüpfte Folgerung, dass diese Gefühle angeboren sind, nicht mitgetragen wird. Man kann die Universalität von Gefühlen jedoch anerkennen, ohne in das Organismus-Modell der Emotionen zurückzufallen. In allen Gesellschaften kommen bestimmte menschliche Grunderfahrungen vor und diese gehen mit gleichen Gefühlen einher oder können das zumindest. Nur ein Beispiel: In allen Gesellschaften kommt es vor, dass signifikante Andere (Partner:in, Eltern, Kinder, nahe Freund:innen usw.) sterben. Aus diesem Grunde ist es auch naheliegend, dass Trauer als Gefühl in allen Gesellschaften vorkommt. Oder anders formuliert: Es bedarf einer besonderen Überzeugungskraft von kulturellen Deutungsmustern, dies zu verhindern. Der christliche Glaube scheint dafür nicht auszureichen. Obwohl in der katholischen Religion der Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und das Eingehen in das Himmelreich fest verankert sind, trauern tiefgläubige Katholik:innen über den Tod des Papstes, auch dann — wie es bei Papst Johannes Paul II — wenn der Tod am Ende eines langen Leidensweg steht. Selbst wenn man Trauer als ein universelles Gefühl anerkennt, dann bleibt der Umgang mit der Trauer, möglicherweise sogar einschließlich mit dem subjektiven Erleben der Trauer, ein soziokulturelles Phänomen, das Gegenstand der Soziologie sein kann. Auch universelle Emotionen sind unlösbar an den sozialen Kontext gebunden. Sie werden in sozialen Wechselwirkungsprozessen ‚gelebt‘ und dadurch immer auch modelliert. Erst dadurch erlangen sie ihre spezifische Bedeutung und ihre soziale Relevanz. Damit geht auch einher, dass die Emotionsqualitäten, ihre Deutungs- und Beschreibungsmuster und die Zuordnung der angemessenen Ausdrucksformen durch historisch kontingente Diskurse und kulturelle Praktiken geformt und bewertet werden.

Wünschenswert wäre es, wenn sich die Emotionssoziologie stärker für die Debatten über Emotionen in Nachbardisziplinen öffnen würde. Nicht zum Zwecke der Erkundung der interdisziplinären Emotionsforschung, sondern primär zur eigenen Bereicherung.

Gegenüber der aus den Kulturwissenschaften stammenden affect studies sollte zudem nicht die Abgrenzung im Vordergrund stehen, sondern der Versuch, daraus Anregungen für die eigene Perspektive zu gewinnen. Durchaus ausbaufähig ist in der Emotionssoziologie — unter der Verwendung der Leib-Körper-Unterscheidung — die Bezugnahme auf den Leib als dem subjektiv erlebten und gespürten Körper. Mit Emotionen ist immer auch ein leibliches Spüren verbunden, das vom Ausdruck in Mimik und Gestik ebenso zu unterscheiden ist wie von sprachlichen Beschreibungen. Wichtig wäre auch eine stärkere Rezeption von Arbeiten aus der Philosophie der Gefühle. Das Buch „Schlüsselwerke der Emotionssoziologie“, erweitert in der neuen Ausgabe (Senge, Schützeichel, Zink 2022) und auch schon in der Erstausgabe (2013, damals mit dem Titel Hauptwerke), weist eine Reihe zentraler Werke aus der Philosophie aus, aber weiterhin haben die Arbeiten z.B. von Martha C. Nussbaum (2009), Peter Goldie (2000) oder auch das umfangreiche Werk von Hermann Schmitz (1992; 2014) in der Emotionssoziologie wenig Spuren hinterlassen, obwohl viele Anschlussstellen existieren. Auch fällt auf, dass die inzwischen umfangreichen Arbeiten zu Emotionen aus der Geschichtswissenschaft in der Soziologie nur auf eine geringe Resonanz stoßen. Aus dem deutschsprachigen Kontext sind hier vor allem die umfangreichen Arbeiten der Forschungsgruppe um Ute Frevert am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zu nennen (Frevert et al. 2011; Frevert 2020).

Fazit

Das vorliegende Buch kann als Einstieg in die Emotionssoziologie empfohlen werden. Seine besondere Stärke liegt darin, dass es mit zahlreichen Publikationen aus diesem Forschungsgebiet vertraut macht.

Weitere Literatur

Barbalet, Jack (1999): Emotion, Social Theory, and Social Structure: A macrosociological approach. Cambridge: University Press.

Frevert, Ute, Scheer, Monique, Schmidt, Anne Eitler, Pascal Hitzer, Bettina Verheyen, Nina Gammerl, Benno Bailey Christian und Pernau Margrit (2011): Gefühlswissen. Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt(Main: Campus.

Frevert, U. (2020): Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1900. Frankfurt/Main: Fischer.

Goldie, Peter (2000): The Emotions: A Philosophical Exploration. Oxford, UK: Claredon Press.

Nussbaum, Martha C. (2009): Upheavals of Thought. The Intelligence of Emotions. Cambridge: Cambridge University Press.

Senge, Konstanze, Schützeichel, Rainer Zink, Veronika (Hg) (2022): Schlüsselwerke der Emotionssoziologie. 2. erw. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

Scherke, Katharina (2009): Emotionen als Forschungsgegenstand der deutschsprachigen Soziologie. Wiesbaden: Springer VS. 

Schmitz, Hermann (1992): Leib und Gefühl. 2. Aufl. Paderborn: Junfermann.

Schmitz, Hermann (2014): Atmosphären. Freiburg/München: Alber.

Turner, Jonathan H., Stets, Jan E. (2009) The Sociology of Emotions. Cambridge, New York: Cambridge University Press.

Rezension von
Prof. Dr. Karl Lenz
Technische Universität Dresden
Philosophische Fakultät
Professor für Mikrosoziologie
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Es gibt 4 Rezensionen von Karl Lenz.

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Zitiervorschlag
Karl Lenz. Rezension vom 24.05.2024 zu: Katharina Scherke: Emotionssoziologie. transcript (Bielefeld) 2023. ISBN 978-3-8252-6049-1. Reihe: Einsichten. Themen der Soziologie - 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31686.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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