Marc Breuer, Martin Winands (Hrsg.): Identität, Diskriminierung und Gewalt
Rezensiert von Luisa Kuznik, 16.04.2025
Marc Breuer, Martin Winands (Hrsg.): Identität, Diskriminierung und Gewalt. Abwertung von Minderheiten und Fremdgruppen - Perspektiven Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-7082-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Thema
Gesellschaftliche Veränderungen und Neuordnungen werden von Teilen der Gesellschaft eher als Bedrohung statt als Herausforderung angesehen. Ein Zusammenleben in einer Demokratie verlangt jedoch u.a. Kompromissfähigkeit und Verständnis für unterschiedliche Lebensentwürfe. Das Aushalten von „Andersheit“ ohne es mit negativen Assoziationen zu verbinden wird von Polemiken, Zuspitzungen und Radikalisierungen immer weiter torpediert und führt zu massiven gesellschaftlichen Konflikten, die sich beständig zuspitzen. Zahlreiche dieser gesellschaftlichen Problemlagen sind bereits Gegenstand einer professionell agierenden Sozialen Arbeit, verstärken jedoch aktuell die außergewöhnlichen Problemlagen zusätzlich.
Der Sammelband setzt sich mit der Frage auseinander, wie die Soziale Arbeit aktiv diesen besonderen Herausforderungen und Spannungsfeldern einer immer heterogeneren Gesellschaft begegnen kann und Empathie sowie Ambiguitätstoleranz fördern bzw. verstärken kann. Neben theoretischen Inhalten werden auch Beispiele aus der Arbeitspraxis Sozialer Arbeit vorgestellt. Dabei geht es um ein Verständnis von Identität(-sbildung) und Mechanismen von Abwertungs- und Diskriminierungsformen sowie Gewalt.
Autor:in oder Herausgeber:in
Neben den zwei Herausgebern haben folgende Autor:innen an dem Sammelband mitgewirkt:
Brundiers, Susanne; Dellwig, Birgit; Diddens, Florian; Dietl, Christina; Himmelsbach, Claudia; Hofmann, Rebecca; Langholz, Magda; Pfeiffer, Thomas; Scherr, Albert; Schlachzig, Laura; Schmeil, Adriane; Strätling, Martin; Toprak, Ahmet; Zdun, Steffen
Die Autoren:innen kommen sowohl aus dem wissenschaftlichen Bereich als auch aus der direkten Arbeit mit den diversen Zielgruppen.
Entstehungshintergrund
Der Band geht auf einen Fachtag mit dem Titel „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten“ zurück, der im Sommer 2021 an der Katholischen Hochschule in Paderborn stattfand. In mehreren Vorträgen wurden sozialwissenschaftliche Theorien und empirische Erkenntnisse vorgestellt und in anschließenden Gruppensettings vertieft.
Aufbau
Der Sammelband gliedert sich nach einer Einleitung thematisch in insgesamt vier Teile auf, die jeweils spezifisch auf ein Thema Bezug nehmen, jedoch in ihrem Ziel der Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt und den Wechselbezügen der einzelnen Inhalte untereinander, ausgerichtet sind.
In dem ersten Teil geben insgesamt drei Texte einen Überblick über die theoretischen Grundlagen und Konzepte zum Thema (kollektive) Identität/en. Mittels deren Hilfe sollen sich die anschließend benannten Probleme analysieren lassen.
Der zweite Teil gibt anhand von vier Texten Einblicke in die Themenfelder Extremismus und Gewalt unter Jugendlichen. Der Fokus Jugendliche wird präzisiert und unter anderem auf die Arbeit mit delinquenten Jugendlichen als auch mit gewaltbereiten türkeistämmigen Jungen geschaut.
Im dritten Teil befassen sich zwei Texte mit Abwertung und Diskriminierung von Geflüchteten. Dabei geht es zunächst um die vielfältigen Anforderungen, die die Gesellschaft zur „gelingenden Integration“ an die Geflüchteten stell und gleichzeitig durch ihre rassistischen und diskriminierenden Strukturen erschwert. Der zweite Text gibt anfangs einen theoretischen Einblick in die Ausbildung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hin zu Diskriminierung und stellt mit Beispielen aus einer Antidiskriminierungsstelle den Praxisbezug dar.
Der abschließende vierte Teil befasst sich in zwei Texten mit den Themenfeldern Antisemitismus und Rechtsextremismus. Zunächst wird Antisemitismus als Dimension von Diskriminierung theoretisch eingeordnet und später die professionelle Auseinandersetzung damit in Verbindung gebracht. In der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus geht es um „Türöffner-Themen“, die rechtsextreme Ansichten zunehmend in die gesellschaftliche Mitte rücken.
Ein umfassendes Literaturverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Mitwirkenden schließen den Band ab und ermöglichen einen einfachen Zugang zu weiterführenden Informationen. Der Aufbau des Sammelbands folgt einem gut durchdachten Konzept, das sowohl die Individualität der einzelnen Beiträge würdigt, die auch ohne die Einbettung in diesem Band verständlich sind, sondern auch deren Relevanz für eine gemeinsame Fragestellung hervorhebt.
Inhalt
Nach einer Einleitung der Herausgeber, in der sie eine Einführung über die problematische Ausgangslage und eine theoretische Einordnung geben, sowie den Entstehungsgrund und den Aufbau der Beiträge skizzieren, gliedert sich der Sammelband in die vier beschriebenen Teile auf. Die jeweiligen Literaturangaben befinden sich nach dem Text.
Teil 1: Theoretische Grundlagen und Konzepte
Martin Winands: Der öffentliche Raum als identitätsstiftende Bühne für Devianzgruppen
In dem ersten Beitrag beleuchtet Martin Winands den öffentlichen Raum als Ort für Feindseligkeiten gegenüber „Anderen“, durch deren Aneignung eine Aufwertung von Gruppenidentität entstehen kann. Abschließend werden in einem Diskussionsteil Aufgaben für die Gesellschaft und die Profession der Sozialen Arbeit erörtert.
Marc Breuer: Kollektive Identitäten in der Sozialen Arbeit
Im darauffolgenden Text wird der teilweise im öffentlichen Diskurs schwammig definierte Begriff der kollektiven Identität von Marc Breuer analysiert und in Bezug zu Gewalt und Diskriminierung gesetzt.
Claudia Himmelsbach, Rebecca Hofmann, Albert Scherr: Soziale Distanz überwinden, Identifikationen relativieren
Im letzten Text dieses Teils setzen sich Claudia Himmelsbach, Rebecca Hoffmann und Albert Scherr mit der wechselseitigen Verfestigung von sozialer Distanz und diskriminierenden Gruppenkonstruktionen auseinander. Um diese aufzulösen und Vorurteile abzubauen, bräuchte es Begegnungen und Kontakte. Wie das gelingen kann und wie eigene empirische Erkenntnisse dazu genutzt werden können, wird beschrieben.
Teil 2: Extremismus und Gewalt unter Jugendlichen
Steffen Zdun: Ethnische Abgrenzung und Offenheit bei delinquenten Jugendlichen
Im ersten Text dieses Abschnitts befasst sich Steffen Zdun mit der Offenheit delinquenter Jugendlicher für interethnische Beziehungen. Diese Offenheit ist vor allem in stark gemischten Wohngegenden anzutreffen. Nichtsdestotrotz spielt Gewalt in diesem Kontext eine nicht geringe Rolle, vor allem bei Auseinandersetzungen ethnisch homogener Gruppen mit Konfliktgegnern.
Ahmet Toprak: Wie kann Soziale Arbeit mit gewaltbereiten türkeistämmigen Jungen gelingen?
Es folgt thematisch ein Text von Ahmet Toprak zum Umgang der Sozialen Arbeit mit gewaltbereiten türkeistämmigen Jugendlichen und jungen Männern. Das Spannungsfeld, in dem sich die jungen Menschen befinden, zwischen unterschiedlichen kulturellen Anforderungen von Mehrheitsgesellschaft und Heimatland der Eltern, ist besonders dann problematisch, wenn sie sich gewaltbereiten Gruppen zuwenden. Damit einhergehend ist auch das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit herausforderungsreich.
Magda Langholz, Adriane Schmeil: Einblick in die primäre Präventionsarbeit mit jungen Menschen
Der nachfolgende Text bietet zwei konkrete praktische Konzepte zur Prävention von antimuslimischem Rassismus und Rassismus insgesamt für die politische Bildungsarbeit an. Diese Konzepte basieren vor allem auf umfangreichen Forschungen zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und werden von Magda Langholz und Adriane Schmeil vorgestellt und bieten konkretere Handlungsempfehlungen und Orientierung für Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen an.
Birgit Dellwig, Susanne Brundiers: „Was heißt hier Extremismus?“
Im abschließenden Text dieses Teils werden von Birgit Dellwig und Susanne Brundiers Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Rechtsextremismus in der Schule vorgestellt. Das dort beschriebene Seminarangebot richtet sich vor allem an Lehrkräfte und Fachkräfte der Sozialen Arbeit und soll so praktische Bezüge und Reflexionsmöglichkeiten bieten.
Teil 3: Abwertung und Diskriminierung von Geflüchteten
Laura Schlachzig: „Ich mach jetzt gar nichts mehr“
Im ersten Text dieses Abschnitts beschäftigt sich Laura Schlachzig mit der ambivalenten Rolle der Sozialen Arbeit zum einen an rassistischen Strukturen mitzuwirken und zum anderen für die Rechte von Betroffenen einzustehen. Am Beispiel eines asylsuchenden Jugendlichen werden die widersprüchlichen und hohen Anforderungen der Dominanzgesellschaft aufgezeigt und mögliche Handlungsoptionen der Sozialen Arbeit erörtert.
Christina Dietl, Martin Strätling: Weil Diskriminierung real ist
Der zweite Text behandelt das breite Spektrum von Diskriminierung. Aus den Erfahrungen der Arbeit in einer Fachstelle für Diskriminierungsarbeit und Migrationsberatung werden die multiplen alltäglichen Diskriminierungen der Betroffenen mit sozialwissenschaftlichen Theorien zur Legitimation von Diskriminierung in Bezug gesetzt. Christina Dietl und Martin Strätling beschäftigen sich damit, die rassistischen Strukturen und institutionalisierte Diskriminierung durch Sensibilisierung und kollektive Bewältigung aufzubrechen.
Teil 4: Antisemitismus und Rechtsextremismus
Florian Diddens: Antisemitismus zwischen Beständigkeit und Ächtung
Im von Florian Diddens verfassten Text wird sich mit Handlungsmöglichkeiten gegenüber Antisemitismus und den Handlungsbezug der Sozialen Arbeit beschäftigt. Nach der praktischen Verknüpfung dieser Bereiche konkretisiert der Autor die Begrifflichkeiten von Antisemitismus, Diskriminierung und Feindschaft, bevor er in eine professionsbezogene Auseinandersetzung geht.
Thomas Pfeiffer: „Türöffner“-Themen für „taktisch denkende Nationalisten“
Im Handlungsfeld der Arbeit mit Rechtsextremismus verdeutlicht Thomas Pfeiffer die aktuellen Strategien rechtsextremer Gruppen mit sogenannten „Türöffner“-Themen wie beispielsweise Islamfeindschaft und Propaganda gegen Corona-Schutzmaßnahmen Diskurse einer breiteren Öffentlichkeit für sich zu nutzen. So können Normalitätsvorstellungen verschoben der Rechtsextremismus entgrenzt werden.
Der Sammelband schließt mit einem Verzeichnis der Beitragenden.
Diskussion
Der Sammelband stellt mit seiner klaren Struktur einen Einblick in die verschiedenen zusammenhängenden Themenfelder von Identität(-sbildung), Diskriminierung und Gewalt dar. Durch die Verbindung von theoretischen Inhalten mit praktischen Handlungsmöglichkeiten und Erfahrungsberichten aus der Sozialen Arbeit wird eine gelungene Mischung zwischen Theorie und Praxis ersichtlich.
Allein zu den einzelnen Themenfeldern Identität, Diskriminierung und Gewalt sind bereits viele Bücher erschienen und können noch viele weitere geschrieben werden, nichtsdestotrotz versucht dieser Band die vorhandene Interdependenz aufzuzeigen und die Themenfelder dementsprechend miteinander zu verknüpfen. Die interdisziplinäre Perspektive der Autor:innen sorgt dabei für eine Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die konkreten (Praxis)Beispiele sorgen dafür, dass sich die Inhalte des Buches bestenfalls in Ansätzen in die eigene Arbeit übertragen lassen, um Dynamiken von Identitätsbildung, Abwertung, Abgrenzung und Diskriminierung zu verstehen und adäquat zu begegnen.
Insgesamt bietet der Sammelband viele wertvolle Anregungen und einen breiten Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der Theorie der Sozialen Arbeit. Die hohe inhaltliche Qualität der Beiträge und die transdisziplinäre Ausrichtung machen das Werk zu einer wichtigen Lektüre für Forschende und Praktiker:innen.
Fazit
Der Sammelband bietet eine umfassende und vielfältige Auseinandersetzung mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen von Identität(-sbildung), Diskriminierung und entstehender Gewalt. Die Beiträge verbinden theoretische Grundlagen mit Praxisbeispielen und heben die bedeutende und herausfordernde Rolle der Sozialen Arbeit hervor.
Rezension von
Luisa Kuznik
Sozialarbeiterin in der Beruflichen Rehabilitation
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