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Klaus Sarimski: Psychische Störungen bei behinderten Kindern und Jugendlichen

Cover Klaus Sarimski: Psychische Störungen bei behinderten Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 215 Seiten. ISBN 978-3-8017-1462-8. 29,95 EUR, CH: 52,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die erlebten Restriktionen eines jungen Menschen mit Behinderung lassen sich nicht allein aus dem "Impairment", der Beeinträchtigung der Körperfunktion ableiten. Umfang und Art der Behinderung möglicher Aktivitäten und der sozialen Teilhabe werden durch soziale und materielle gesellschaftliche Faktoren mitbestimmt. Die Betroffenen benötigen Zugangshilfen zur sozialen Partizipation, die auf das Handicap eingestellt sind. Dies beinhaltet nicht nur Hilfen technischer und organisatorischer Art. Voraussetzung von sozialer Anerkennung und Teilhabe ist, "dass das Kind in seinen individuellen Schwierigkeiten, die bei der Gestaltung von sozialen Beziehungen durch das Handicap entstehen, verstanden wird und es erlebt, dass sich Eltern, Lehrer und andere Kinder bemühen, seine soziale Partizipation zu unterstützen" (Sarimski). Die Förderung eines solchen Verständnisses ist ein Auftrag der Sonderpädagogischen Psychologie und diesem Fachgebiet ist die zentrale Fragestellung des Buches zuzuordnen.

Klaus Sarimski verfasste das vorliegende Buch auf der Grundlage langjähriger praktischer Erfahrung im Kinderzentrum München und fortlaufender theoretischer Reflexion in Zeitschriften, Lehrbüchern und als Dozent an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln. Der habilitierte Diplom-Psychologe ist als einer der wichtigsten Experten seines Fachgebiets im deutschen Sprachraum anzusehen.

Aufbau und Inhalte

Das sehr überzeugend gegliederte Buch ist auf klare Fragestellungen bezogen, die in zwei Einführungskapiteln herausgearbeitet und begründet werden.

Im ersten Abschnitt "Behinderung zwischen Anerkennung und Abwertung", das durch Selbstaussagen von Menschen mit Behinderungen eröffnet wird, beschreibt Sarimski das generelle Ziel sozialer Teilhabe und differenziert dabei zwischen der Tatsache realer Handicaps einerseits und Behinderung als sozialem Konstrukt andererseits.

Im zweiten Kapitel werden die entwicklungspsychopathologischen Grundlagen diskutiert, auf deren Basis die möglichen Auswirkungen verschiedener Behinderungen auf die psychische Entwicklung beurteilt werden können. Entwicklungspsychopathologisch sind die mit den jeweiligen Behinderungen  verbundenen körperlichen Beeinträchtigungen als Risikofaktoren für die Entwicklung anzusehen. Diese spezifischen Faktoren stehen mit allgemeinen Risiko- und Schutzfaktoren der Entwicklung in Interaktion. Als generell bedeutsamen Entwicklungsfaktor betrachtet Sarimski zunächst die Bindungsqualität. Die sichere Bindungsorganisation wird als bedeutsam für die Bewältigung alterstypischer Entwicklungsaufgaben herausgestellt. Als zweiten Generalfaktor der Entwicklung diskutiert das Buch die Fähigkeit des Kindes, Emotionen zu zeigen und zu regulieren. Die Qualität der emotionalen Selbstregulation korreliert mit zahlreichen sozio-emotionalen Basisfertigkeiten und wirkt als Teilfunktion der Kommunikationsfähigkeit stark auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen ein. Die individuelle Qualität sozialer Kompetenz lässt sich durch Verhaltensbeobachtungen in der Gleichaltrigengruppe und Rollenspielproben abschätzen, das Buch nennt einige der wichtigsten psychologischen Beobachtungsinventare. Das Gelingen sozialer Beziehungen setzt vielfältige kommunikative Fertigkeiten voraus. Ausgehend von den Ergebnissen der Säuglingsforschung fasst Sarimski die Entwicklung der kommunikativen Fertigkeiten als Abstimmungsprozess zwischen den spontanen Kommunikationsfähigkeiten des Kindes und der Sensibilität und Responsivität seiner Bindungspersonen. Im Selbstkonzept schließlich werden die Bindungs-, Beziehungs- und Bewältigungserfahrungen des Kindes integriert. Die Qualität der individuellen Selbstrepräsentation bestimmt sich über das generalisierte Selbstgefühl und spezifische Selbsteinschätzungen des Kindes.

Auf dieser psychopathologischen Verständnisgrundlage diskutiert das dritte Kapitel des Buches das spezifische Risiko psychischer Störungen bei unterschiedlichen Behinderungsformen. Sarimski begrenzt die Ausführungen auf die wichtigsten Formen angeborener Behinderungen. Detailliert eingegangen wird auf

  • Kinder mit schwerer Hörbehinderung
  • Blinde oder hochgradig sehbehinderte Kinder
  • Kinder mit Bewegungsstörungen (Cerebralparese und Spina bifida)
  • Kinder mit "anderem" Aussehen (Fehlbildungen und Wachstumsstörungen)
  • Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung
  • Kinder mit autistischen Störungen

Für jede Behinderungsform wird unter Berücksichtigung empirischer Untersuchungen und kasuistischer Erfahrung die Frage behandelt, welche individuellen Differenzen der Entwicklung typischerweise mit den unterschiedlichen Handicaps einhergehen

  • bei der kognitiven und emotionalen Entwicklung,
  • bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben,
  • bei der Gestaltung sozialer Beziehungen
  • bei der Ausbildung eines stabilen Selbstgefühls.

Die epidemiologischen Daten werden unter Berücksichtigung differentieller Verlaufsfaktoren diskutiert, insbesondere hinsichtlich des Einflusses verschiedener natürlicher Umwelten des Kindes und unterschiedlicher Förderkonzepte.

Das vierte Kapitel stellt ausgewählte Präventions- und Interventionskonzepte zur Behandlung psychischer Störungen vor, die zur längerfristigen Sicherung der sozialen Teilhabe und der Lebensqualität eines jungen Menschen mit Behinderung herangezogen werden können. Der Hauptakzent des Kapitels liegt auf der Frage, wie die Tatsache eines Handicaps typischerweise auf die Eltern-Kind-Interaktion einwirkt, und auf der Aktivierung elterlicher Beziehungsressourcen.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch hilft, das in Zusammenhang mit Behinderungen erhöhte Risiko psychischer Störungen als eine veränderbare Tatsache zu erfassen, und es zeigt wesentliche Ansatzpunkte der Behandlung und Prävention auf. In seinem Schlusswort wirbt der Autor um eine verstärkte Aufmerksamkeit der verschiedenen Fachdienste für die psychische Gesundheit gehandicapter Kinder und Jugendlicher. Klaus Sarimski leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag. Sein Buch ist allen Berufsgruppen, die Verantwortung in der Arbeit mit jungen Menschen mit Behinderung übernehmen, uneingeschränkt zu empfehlen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 31.01.2006 zu: Klaus Sarimski: Psychische Störungen bei behinderten Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-1462-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3170.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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