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Sihna Lind: Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus

Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 18.06.2024

Cover Sihna Lind: Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus ISBN 978-3-497-03209-9

Sihna Lind: Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2024. 200 Seiten. ISBN 978-3-497-03209-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: psychomotorische praxis.

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Thema

Die wachsende Anzahl von Kindern mit Autismus verlangt nach Hilfestellungen für Fachkräfte, die häufig vor Herausforderungen gestellt werden, wie sie diese Kinder unterstützen und fördern können. Eine mögliche Antwort bietet eine autismussensible psychomotorische Praxis, deren Gestaltung in diesem Buch dargestellt wird.

Autorin

Sihna Lind, Heilpädagogin und Motologin, arbeitet an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Zu ihrem Tätigkeitsprofil am Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung gehört die Mitarbeit an Forschungsprojekten sowie die Lehre im Bachelor- und Masterstudiengang Psychomotoriktherapie.

Entstehungshintergrund

Mit dem Buch „Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus“ wird der 3. Band der Buchreihe zur „psychomotorischen Praxis“ – herausgegeben von Astrid Krus und Aida Kopic – im Reinhardt Verlag vorgelegt. Anknüpfend an die Tradition von Ernst Jonny Kiphard, will diese Buchreihe „PraktikerInnen aus diversen psychomotorischen Arbeits- und Handlungsfeldern vielfältige, fachtheoretisch fundierte Impulse für die Gestaltung, Umsetzung und Reflexion der eigenen psychomotorischen Praxis bieten“. Nach den Bänden zur „Psychomotorik in der Natur“ und der „Sozialraumorientierten Psychomotorik“ befasst sich der 3. Band mit der Frage, wie Kinder mit Autismus im Rahmen der Psychomotorik gefördert werden können.

Aufbau

Die Förderung von Kindern mit Autismus verlangt eine individualisierte Herangehensweise. Um dies deutlich zu machen, startet das Buch mit der Darstellung von 5 Kindern – mit all ihren Besonderheiten. Im Anschluss daran werden die Themen Autismus und Psychomotorik aufbereitet. Im praktischen Schwerpunkt des Buches wird dargestellt, wie eine Psychomotorikstunde autismusfreundlich gestaltet werden kann und wie in der psychomotorischen Praxis autismusspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden müssen.

Zusätzlich werden zahlreiche Materialien als Download für die praktische Arbeit angeboten.

Inhalt

„Autismus bedeutet Vielfalt“. Um dies deutlich zu machen werden im 1. Kapitel fünf Kinder mit ihren Besonderheiten dargestellt, auf die in einem späteren Kapitel differenziert eingegangen wird.

Das 2. Kapitel befasst sich mit dem Thema Autismus, es geht ein auf Begrifflichkeiten und deren Entstehung im historischen Kontext, bis hin zu den aktuell geltenden Diagnosekriterien im DSM 5 und dem ICD 11. Es geht kurz ein auf die Häufigkeit und die bis heute uneindeutigen Aussagen über die Entstehung von Autismus. Auch „das Erscheinungsbild von Autismus ist bunt und vielfältig“ (S. 19). Auffällige Merkmale sind:

  • Unterschiedliche sensorische Erfahrungen
  • Unübliches Lernverhalten und Problemlöseverhalten
  • Fokussiertes Denken und Spezialinteressen
  • Atypische, manchmal repetitive Bewegungsmuster
  • Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung
  • Schwierigkeiten in der Kommunikation
  • Schwierigkeiten, typische soziale Interaktionen zu verstehen und mit anderen Personen zu interagieren.

Im Anschluss daran werden Erklärungsansätze zu den Besonderheiten bei Autismus diskutiert, wobei die Autorin neben den im Mainstream der Fachöffentlichkeit anerkannten Konzepten (Theorie of Mind, Exekutive Funktionen, Zentrale Kohärenz) die eher umstrittene „Intense World Theorie“ und die Theorie des „Autismus als Kontextblindheit“ anführt.

Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle der Psychomotorik bei Kindern mit Autismus. Dargestellt werden wesentliche Grundlagen der psychomotorischen Praxis (Strukturierung und Ritualisierung, entwicklungsorientierte Herangehensweise und die Bedeutung des Safe Place) sowie die Handlungsfelder der Fachkraft; die Themenfelder des Kindes und die Spannungsfelder in der Praxis.

  • Handlungsfelder der Fachkraft (S. 32): Dazu gehört die Unterstützung des Kindes in seiner individuellen Entwicklung, die (Früh-)Erkennung von Kindern mit Autismus, die Begleitung und Beratung der Eltern bei Verdacht auf Autismus und bei einer diagnostischen Abklärung, die Sensibilisierung des Umfelds für die Besonderheiten des Kindes, die Beratung des Umfelds im Umgang mit den Besonderheiten des Kindes sowie die Stärkung der Familie mithilfe der ressourcenorientierten Sichtweise der Psychomotorik.
  • Themenfelder des Kindes (S. 32): Kommunikation, Sozialkompetenz, Spielentwicklung, Sensorik und Motorik sowie die exekutiven Funktionen
  • Spannungsfelder in der Praxis (S. 33 ff.): Selbstbestimmung versus Fremdbestimmung, offene Bewegungssituationen versus strukturierte Bewegungssituationen, Flexibilität versus Vorhersehbarkeit.

Im 4. Kapitel wird es praktisch. Es geht um die Frage, wie Psychomotorikstunden autismusfreundlich gestaltet werden. Dazu gehört zunächst das Schaffen von autismusfreundlichen Rahmenbedingungen. Die Fachkraft muss ausführliche Informationen über das Kind einholen, um auf das Kind individuell eingehen zu können (ein Interviewleitfaden wird im Online-Material angeboten). Auch das Kind wird informiert darüber, was es in der Psychomotorikstunde zu erwarten hat. Auch hierfür wird in den Online-Materialien ein „Ich gehe in die Psychomotorik“ – Buch angeboten. Sehr ausführlich geht die Autorin im Folgenden auf die Darstellung der Methode TEACCH ein, mit deren Hilfe dem Kind die erfolgreiche Teilhabe an der Psychomotorikstunde erleichtert wird. Angepasst an das Entwicklungsniveau des Kindes werden Strukturierungshilfen in Bild und Wort dargestellt, zur Strukturierung von Raum, Zeit sowie Aufgaben und Tätigkeiten.

Im weiteren Verlauf des 4. Kapitels wird gezeigt, wie die Spezialinteressen und die autismusspezifischen Stärken des Kindes in den Psychomotorikstunden genutzt werden können.

Das 5. Kapitel stellt sehr ausführlich dar, wie autismusspezifischen Besonderheiten in der psychomotorischen Praxis berücksichtigt werden müssen. Dazu gehören: Kommunikation, emotionale und soziale Entwicklung, Spielentwicklung, Sensorik und Motorik, Exekutive Funktionen.

Die Kommunikation mit autistischen Kindern ist manchmal erschwert, da manche Sprache zwar verstehen, aber nicht sprechen können, da es ihnen schwerfällt Gestik und Mimik zu verstehen oder sich darüber auszudrücken. Wir lernen einige Methoden und Hilfsmittel kennen, die bei der Bewältigung dieser Schwierigkeiten helfen.

Auch die emotionale und soziale Entwicklung ist bei Kindern mit Autismus „anders“ als bei neurotypischen Kindern. Vor allem im Gruppensetting sind die oft mangelnde soziale Kompetenz zu berücksichtigen und entsprechende Vorkehrungen bei der Gestaltung der Spielstunden zu bedenken. Vor allem deshalb, weil auch die Fähigkeit zum Spiel mit anderen Kindern sehr eingeschränkt ist. Kinder mit Autismus können in der Regel eigenständig kein Symbolspiel entwickeln und aufgrund mangelnder sozialer Kompetenzen ist es für sie schwierig an Rollenspielen teilzunehmen. Die Autorin bietet uns zahlreiche Beispiele an, wie dieser Problematik bei der Gestaltung von Psychomotorikstunden begegnet werden kann.

Auch für die Gestaltung von Spielsituationen bietet die Autorin praktische Beispiele, wie den Besonderheiten von Kindern mit Autismus Rechnung getragen werden muss.

Sehr ausführlich werden die Probleme von Kindern mit Autismus hinsichtlich der einzelnen Sinnesbereiche und der Motorik dargestellt, und auch hier finden sich zahlreiche Beispiele, wie den Kindern mit Autismus geholfen werden kann, trotzdem am Spiel teilzunehmen.

Schließlich bietet das 5. Kapitel noch Anregungen dafür, wie die exekutiven Funktionen von Kindern mit Autismus im Rahmen der psychomotorischen Praxis gefördert werden können.

Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema „Herausforderndes Verhalten“. Es geht zunächst ein auf die Funktionen von herausforderndem Verhalten für das Kind, um dann für verschiedene Handlungsfelder (proaktive und reaktive Strategien) praktische Tipps zu geben.

Kapitel 7 bietet hilfreiche Informationen für die Elternarbeit. Es zeigt, wie Eltern begleitet werden können, wenn ein Anfangsverdacht auf Autismus besteht und bei der Erstellung der Diagnose und es stellt auch dar, wie Eltern in die Psychomotorikstunde eingebunden werden können, um ihr Kind in einer wenig belastenden, spielerischen Situation zu erleben.

Diskussion

In diesem sehr praxisorientierten Buch finden wir eine kurze Einführung in die Themenfelder Autismus und Psychomotorik, verbunden mit einer kritischen Auseinandersetzung darüber, ob diese Verbindung möglich ist, ob die Grundideen der Psychomotorik bei der Arbeit mit autistischen Kindern realisierbar sind, ob die Offenheit und Flexibilität von Psychomotorikstunden für Kinder mit Autismus nicht eine zu große Herausforderung darstellen. Die Autorin bietet immer wieder Lösungen an und zeigt in ihren Praxisbeispielen, wie der Offenheit mit Strukturen und der Flexibilität mit Vorhersehbarkeit begegnet werden muss.

Nur sehr knapp wird auf die Gestaltung von Psychomotorikstunden für Gruppen eingegangen. Die Teilhabe im Gruppensetting wird als „eine der größten Herausforderungen“ und als „wichtiges Übungsfeld“ benannt, aber nur auf zwei Seiten abgehandelt.

Sehr bereichernd für die Darstellung der Besonderheiten der Kinder mit Autismus sind die zahlreichen Zitate aus Selbstzeugnissen von betroffenen Menschen mit Autismus, welche die Probleme sehr lebensnah erfahren lassen.

Fazit

Mit dem Buch „Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus“ werden sowohl bewährte Methoden und Ansätze aus dem aktuellen Fachdiskurs dargestellt und für psychomotorische Spiel- und Bewegungsanlässe adaptiert als auch spezifische psychomotorische Interventionen vorgestellt.

Durch die zahlreichen praktischen Beispiele bietet es der Zielgruppe Psychomotorische Fachkräfte, MotopädInnen, MotologInnen, ErzieherInnen mit psychomotorischer Qualifikation ein wertvolles Handwerkszeug für die Arbeit mit autistischen Kindern.

Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 18.06.2024 zu: Sihna Lind: Psychomotorische Praxis bei Kindern mit Autismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2024. ISBN 978-3-497-03209-9. Reihe: psychomotorische praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31708.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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