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Regina Rätz-Heinisch: Gelingende Jugendhilfe bei "aussichtslosen Fällen"!

Cover Regina Rätz-Heinisch: Gelingende Jugendhilfe bei "aussichtslosen Fällen"! Biographische Rekonstruktionen von Lebensgeschichten junger Menschen. Ergon Verlag (Würzburg) 2005. 346 Seiten. ISBN 978-3-89913-430-8.

Reihe: Erziehung, Schule, Gesellschaft - Band 38.
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Thema und Fragestellung

Wie gelingt es Kindern und Jugendlichen, deren Biographien durch Brüche, Belastungen und Krisen geprägt sind, die Angebote der Jugendhilfe selbst nach mehrmaligem Scheitern und nach wiederholten pädagogischen Anläufen produktiv zu nutzen? Welche Passungen zwischen Lebensgeschichte und pädagogischen Hilfen machen es möglich, dass junge Menschen, die als schwierige, gar "aussichtslose" Fälle gelten, ihre Biographien hin zu einer gelingenden Lebensgestaltung zu wenden vermögen? Dies ist die forschungsleitende Fragestellung, die der qualitativ-empirischen Studie von Regina Rätz-Heinisch zugrunde liegt. Die Arbeit, von der Autorin im Jahr 2003 als Dissertation vorgelegt, rekonstruiert die Lebensgeschichten von ehemaligen Nutzerinnen der Jugendhilfe unter dem Aspekt des Gelingens. "In der Rekonstruktion der Lebensgeschichten geht es vor allem um das Verstehen der Interaktionen zwischen den Jugendlichen und dem Hilfesystem als wechselseitig aufeinander bezogenes Handeln, welches die Gestaltung eines gemeinsamen Hilfeprozesses ermöglichte. Dieses soll am Beispiel von Jugendlichen, die während des Hilfeprozesses als besonders schwierig galten und mit denen dem Hilfesystem erst nach Phasen des Scheiterns eine gelingende Interaktion möglich wurde, untersucht werden. Ausgangspunkt ist die Analyse des Handlungsverlaufes unter der ganz offen formulierten leitenden Fragestellung: Was hat geholfen?" (S. 13). Die Studie hat einen überwiegend explorativ-heuristischen Charakter. Eingebunden in das methodologische Konzept der "grounded theory" (Glaser/Strauss) ist sie einer induktiven, theoriegenerierenden Vorgehensweise verpflichtet.

Gliederung und Inhalte

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Teile.

  1. Der einleitende theoretische Teil (Kap. 1 - 7) dokumentiert zum einen die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, konkret: die Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen in den neuen Bundesländern ("Ostdeutsche Kindheit in den 80er Jahren"; "Jung sein in den 90er Jahren") sowie die belasteten Lebenslagen, die Kinder und Jugendliche zu "schwierigen Fällen" werden lassen. Diskutiert werden zum anderen die Widersprüche und Ambivalenzen, in welche gerade die familienersetzenden Angebote der Flexiblen Erziehungshilfe eingebunden sind. Jugendhilfe wird hierbei verstanden als "Hilfe bei der Selbstrekonstruktion (der Jugendlichen) im vorhandenen Milieu" (S. 85).
  2. Sehr ausführlich geraten ist der zweite empirische Teil der Arbeit. In einer differenzierten und für den forschungsinteressierten Leser detailgetreu nachvollziehbaren Weise werden Forschungsprozess, Untersuchungsdesign, Stichprobe und die Methodologie der "Rekonstruktion von erzählter und erlebter Lebensgeschichte" (Rosenthal 1995) dokumentiert (Kap. 8). Es folgen drei ausführliche Fallgeschichten - die Ergebnisse von biographisch-narrativen Interviews mit drei jungen Frauen mit ostdeutschem Biographiebackground. Diese drei Lebensgeschichte stehen exemplarisch für drei unterschiedliche "Typen" der Wendung vom Scheitern zum Gelingen in der Jugendhilfe: der erste Fall, bei dem eine gelingende Lebensgestaltung erst nach der Beendigung der Jugendhilfemaßnahme erreicht wurde; der zweite Fall, in welchem die Jugendliche sich im Verlauf der Hilfemaßnahme "fast von alleine" veränderte; und ein letzter dritter Fall, der eine Wendung zum Gelingen durch eine für biographische Erfahrungen sensible pädagogische Intervention möglich werden ließ (S. 134 ff.). Ohne diese sehr "dichten" lebensgeschichtlichen Rekonstruktionen hier ausführlich würdigen zu können, verdeutlichen die Fallgeschichten eindrucksvoll die konfliktbelasteten und verletzenden Lebenshintergründe der jungen Frauen, ihre aktive Aneignung und Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, die Stufenleiter der Entstehung und der Eskalation von scheinbar aussichtlosen Lebenssituationen wie aber auch die Überwindung dieser Situationen durch eine sensibel an die biographische Erfahrungsstruktur angedockte pädagogische Hilfestellung (Kap. 9).
  3. Der abschließende dritte Teil der Arbeit fasst schließlich die Ergebnisse der biographischen Rekonstruktionen zusammen und formuliert konzeptionelle Schlussfolgerungen für die Praxis der Jugendhilfe mit schwierigen und gefährdeten Jugendlichen (Kap. 10 und 11). 

Zentrale empirische Befunde

Soll Jugendhilfe in schwierigen Fällen gelingen, so bedarf es - folgen wir der Autorin - eines "dialogischen Passungsverhältnisses" (S. 16) zwischen sozialpädagogischen Interventionen auf der einen und den lebensgeschichtlich erworbenen Handlungs- und Selbstkonzepten der Jugendlichen auf der anderen Seite. Gefordert ist so eine Jugendhilfe, die sensibel an den biographisch hergestellten Handlungsstrukturen der Jugendlichen anknüpft, diese biographischen Handlungsmuster unterstützt und ihnen gleichzeitig alternative, weniger verletzende und selbstgefährdende Handlungsmuster aufzeigt. Dieser Prozess der Passung "gestaltet sich in der Praxis sehr widersprüchlich É Er bedeutet nämlich, dass die Jugendlichen destruktives Handeln so lange aufrechterhalten, bis ihnen alternative Handlungen überhaupt möglich sind. Die sie betreuenden Sozialarbeiterinnen sind demnach gefordert, einerseits diese destruktiven und gefährdenden Handlungen der Jugendlichen auszuhalten und andererseits parallel dazu alternative Handlungsoptionen aufzuzeigen, auf welche die Jugendlichen selbstständig und aktiv zugreifen können" (S. 17). Ein gelingender gemeinsamer Prozess der Hilfegestaltung hängt hierbei vor allem von folgenden Rahmenbedingungen ab:

  1. ein verlässlicher und vertrauter Kontakt zu einer Person bzw. einem Betreuerteam, der auch in Krisenzeiten, bei Eskalationen und Auseinandersetzungen sichernd an der Seite des Jugendlichen steht (S. 314 ff.);
  2. das Aufrechterhalten dieses Kontaktes über eine längere Zeit- und Wegstrecke hinweg, insbesondere auch in ökologischen Übergängen wie z.B. beim Übergang von stationären zu ambulanten Hilfeformen und beim Übergang von der Jugendhilfe in ein selbstständiges Leben (S. 320 ff.); und
  3. die Gestaltung einer pädagogisch-ökologischen Umwelt, welche ein "genügend gutes Milieu" für Entwicklungsprozesse darstellt. Gemeint ist hier eine neue Orientierung pädagogischer Institutionen. "Die Institution verfolgt demnach ein Entwicklungskonzept, welches das Ergebnis der Entwicklung des Jugendlichen offen hält und sich nicht an vorgegebenen Entwicklungsresultaten orientiert. Sie gibt den Jugendlichen sowohl Schutz als auch Sicherheit, neue Entwicklungsschritte zu bewältigen und auch elementare Entwicklungsschritte nachzuholen, die ihnen als Kinder fehlten. Sie ermöglicht den Jugendlichen, in ihren eigenen Handlungsmustern zu agieren, auch wenn diese (noch) nicht der Vorstellung der Gesellschaft entspreche. Es ist ein pädagogischer Ort, der den Jugendlichen neue Möglichkeiten eröffnet, indem sie sich selbst erzeugen und entdecken können" (S. 320).

Soweit die zentralen konzeptionellen Schlussfolgerungen der Arbeit für die pädagogische Praxis - und hier zugleich auch ein kritischer Einwand: So beispielhaft die vorliegende Studie in der sensibel-genauen Rekonstruktion biographischer Erfahrungen ist, so aufwendig auch das narrative Verfahren - die im Abschlusskapitel formulierten Ableitungen für die Praxis bleiben abstrakt und für die Handlungspraxis wenig greifbar. Der sozialpädagogische Kontrakt als ein offener dialogischer Prozess, die notwendige Sensibilität für den Eigen-Sinn junger Menschen auch jenseits vorgegebener Normalitätsstandards, die Bedeutung zeitkonstanter und vertrauter Netzwerkbindungen - alles dies sind Befunde, die wir aus der Bindungs- und Netzwerkforschung, aus Empowerment-Arbeit und akzeptierenden Arbeitsansätzen in der Sozialpädagogik kennen und die bereits seit geraumer Zeit zu den unverzichtbaren Eckwerten einer fortschrittlichen Jugendhilfepraxis zählen. Und so endet die Lektüre des Buches mit der ein wenig enttäuschenden Diagnose eines Missverhältnisses zwischen forschungsmethodischem Aufwand und anwendungsbezogenem Ertrag. 

Fazit

Eine empirische Arbeit, die aufgrund ihrer forschungsmethodologischen Klarheit und Stringenz vor allem von jungen ForscherInnen als "Blaupause" für eine eigene qualitativ-biographische Studie mit Gewinn gelesen werden kann.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit


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Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 27.06.2006 zu: Regina Rätz-Heinisch: Gelingende Jugendhilfe bei "aussichtslosen Fällen"! Biographische Rekonstruktionen von Lebensgeschichten junger Menschen. Ergon Verlag (Würzburg) 2005. ISBN 978-3-89913-430-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3171.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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