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Stephan Schleim: Mental Health and Enhancement

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 31.01.2024

Cover Stephan Schleim: Mental Health and Enhancement ISBN 978-3-031-32618-9

Stephan Schleim: Mental Health and Enhancement. Substance Use and Its Social Implications. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2023. 141 Seiten. ISBN 978-3-031-32618-9. 53,49 EUR.
https://link.springer.com/book/10.1007.

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Thema und Autor

Unsere seit dem letzten Jahrhundert mit Ängsten besetzte Drogen-Perspektive beginnt sich seit Beginn dieses 21. Jahrhunderts zumindest bei den klassischen illegalisierten Drogen langsam zu normalisieren. Dies gilt ebenso für die Einführung von Heroin-Programmen oder für die jüngsten – auch international erfolgreichen – Bemühungen, Cannabis zu entkriminalisieren, wie für die Versuche, ‚psycholytische‘ Psychodelika wie etwa LSD, Ecstasy oder Psyilocybin psychotherapeutisch einzusetzen. [1] In diesem Zusammenhang gewannen auch Überlegungen an Boden, mit derartigen psychoaktiven Drogen – wie z.B. Ritalin, eine amphetaminartige Droge – unsere Erkenntnisfähigkeiten zu verbessern (Cognitive Enhancement).

In seinem Buch Mental Health and Enhancement unternimmt es der Autor Stephan Schleim – assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der niederländischen Universität Groningen – diese Art des Drogen-Konsums kritisch in ein allgemeineres Schema eines ‚instrumentellen Drogengebrauchs‘ (drug insrumentalization) einzuordnen.

Aufbau und Inhalt

Eingebettet in eine Einführung und eine ‚Conclusion‘ mit persönlichem Bezug analysiert Schleim in drei Kapiteln zunächst den konstruktiven Kontext der allgemeinen Mental-Health-Diskussion (Kap.2), dann den Gehalt der Enhancement (Verbesserung)-Debatte: Hype or Reality? (Kap.3), um sie im 4. Kapitel in den Gesamtrahmen eines ‚instrumentellen Gebrauchs‘ dieser Drogensubstanzen einzuordnen.

In seiner einleitenden Übersicht (Kap.1) betont Schleim die Schwierigkeit, eine eindeutige Grenze zwischen Krankheit und ‚Enhancement‘ zu ziehen, wie sie üblicherweise von klinischen Experten und deren Institutionen ‚klinisch‘-medizinisch definiert werde. Was jedoch seit der weiten Gesundheits-Definition der WHO (1946): „A state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity“ heute mehr denn je zu hinterfragen sei

Diese ‚definitorische‘ Schwierigkeit zeigt sich (im 2. Kapitel) zunächst in den psychiatrisch weithin verbindlichen Definitionen der verschiedenen DSM (Diagnostic Manuals) der APA (American Psychiatric Association). In ihrer 1. Fassung (DSM I 1952), noch kausal Freudianisch fundiert, erfasst sie seit 1980 in der DSM III bis heute (DSM 5 TR von 2022) ‚pragmatisch‘ lediglich beobachtbare Symptome im Rahmen von gemeinsam auftretenden ‚Syndromen‘. An Stelle ‚essentialistisch-realistisch‘ gefasster Ursachen, die man psychiatrisch als Fehlfunktion des Gehirns erklären möchte, griffen Soziologen im Rahmen des ‚Sozialen Konstruktivismus‘ auf die „importance of certain human actors and powerful institutions“ zurück, wie dies etwa bei der historisch wechselnden, psychiatrischen Einordnung der Homosexualität oder bei den unterschiedlichen Schizophrenie-Diagnosen in den USA und England zu sehen sei: „that mental health is strongly associated with cultural and social norms“ (S. 22). Weswegen als Ausweg eine ‚pragmatische‘ Lösung à la DSM 3 bis 5 naheliege: „Last but not least pragmatism emphasizes that classification systems should be useful in practical terms and that patients cannot wait until all scientific disagreement has been settled“ (41). Dies zeige sich insbesondere bei der ‚Sucht‘-Diagnose (addiction), die sowohl durch den geringen Heroin-Gebrauch der Vietnam-Veteranen, [2] wie durch Alexanders ‚Rat-Park-Experiment‘ (1970) [3] zweifelhaft sei, weswegen auch die DSM weitgehend darauf verzichte (29). Zwar habe sie die ‚gambling disorder‘, nicht jedoch die ‚internet gaming disorder‘ in ihr Repertoire aufgenommen, die dann allerdings ihrerseits in der ‚international‘ konkurrierenden Klassifikation der ICD der WHO als „official medical classification“ aufgeführt werde (33). Ein ‚klassifizierendes‘ Definitionsproblem, das sich auch statistisch-epidemiologisch in den angeblich steigenden mental-disorders-Raten zeige: „Unlike counting the beans in a jar, the situation for mental disorders is rather like counting without knowing precisely what a bean is, with people occasionally adding or removing beans, with a few beans turning into peas, and with a couple of lentils becoming beans“ (36). Im Ergebnis gelte Hackings[4] „Mental Disorders are not things“, doch würden sich Publikum wie Patienten den entsprechenden psychiatrischen Diagnosen anpassen: „adapt in such a way that a ‚looping effect‘ occurs“ (37). So sehr das individuelle Leiden real sei, so gelte doch: „It just does not make sense to reify mental disorders, to describe them as things, if they are massively heterogeneous and dynamic processes, which are also culturally mediated. The outcome of almost 200 years [sic] of research supports this view, even for those disorders judged by clinicians to have mostly biological causes“ (38).

In seinem dritten Kapitel ‚Mental Enhancement‘ diskutiert der Autor – nach einem kurzen Blick in die Vorgeschichte der 60/70ger Jahre, in dem man auch eine entsprechend ‚moralische Verbesserung‘ (moral enhancement) ins Auge fasste – die einschlägige Forschungslandschaft der ‚letzten 20 Jahre‘: Experimentelle Gruppenvergleiche, Umfragen, zusammenfassende Übersichten. Seine durchaus kritische Analyse zeigt zunächst, dass die Verwendung verschreibungspflichtiger Stimulantien im Gruppen-Experiment nicht nur geringe Erkenntnis-Fortschritte (cognition enhancement) bringt. Vielmehr würden diese Mittel, von Studierenden in Stress-Situationen eingenommen, eher auf der emotionalen und motivierenden Ebene wirksam sein, sofern sie nicht beim Studieren und auf Partynächten die Müdigkeit vertreiben sollten. Weswegen der Autor ‚vorübergehend‘ lieber vom ‚Neuro-Enhancement‘ an Stelle von ‚Mental-Enhancement‘ sprechen möchte (60). Auch der Blick in die Umfrage-Ergebnisse zeige, dass wohl insgesamt der Konsum gegenüber den Anfangszeiten der 70/80ger zurückgegangen sei: „We can thus conclude with considerable certainty that the nonmedical consumption of stimulant drugs has been decreasing continuously and that much of that use is recreational“ (81). Der gleichwohl zu beobachtende Anstieg der entsprechenden Pharma-Produktion sei wohl eher den zunehmenden medizinischen ADHD-Diagnosen zuzuschreiben: „Getting the diagnosis became beneficial in certain school and academic settings“ (79). Was allerdings weder den Medien-Hype (71) noch die besorgten staatlichen Reaktionen (75) beeinflussen könne. Nach einem weiteren kurzen Blick auf die ebenso ineffektiven nicht-pharmakologischen, ‚biobehavioral strategies‘ – Mental-training, Ausschlafen, Meditation, Mnemonics und Computertraining – fasst der Autor insoweit zusammen: „In contrast to the common narrative in neuroethics, enhancement is emotional rather cognitive, moral enhancement is not new, and nonmedical stimulant use is decreasing not increasing“ (85).

Im 4. Kapitel demonstriert Schleim, wie sehr unser Drogen-Verständnis historisch und sozial von der jeweils führenden Perspektive abhängig ist, „whether medical and administrative authorities consider them as a valid treatment for a medical disease or mental disorder:“ (94). Dies gilt nicht nur für die Unterscheidung zwischen ‚Genussmitteln‘ und illegalen Drogen, sondern auch für deren Einordnung in die jeweiligen ‚Anhänge‘ dieser Drogen-Gesetze. Deren Bewertungen würden nur wenig mit dem ‚objektiven‘ Gefahren-Niveau dieser Drogen übereinstimmen, die etwa in der Nutt-Skala [5], nach Crack, Heroin, und Christal Meth den Alkohol an vierter Rangstelle, Cannabis an 12. und Ecstasy an 18. Stelle einordnet (98): „We may conclude that the classification systems authorities use in most countries to regulate substance use neither reflect scientific models nor their citizens’ behavior.“ (101). Die dafür etwas ausführlicher angesprochenen bekannten Beispiele der Alkohol-Prohibition und der Illegalisierung von Kokain und Opium sowie die jüngste Geschichte der Einordnung von Lachgas (107) belegen dies. Anstelle dieser Klassifikationen bevorzugt Schleim die von Christian Müller[6] im Rahmen einer „drug instrumentalization theory“ vorgeschlagene Einteilung in die diversen Ziele des Drogengebrauchs (113); eine ‚moral-freie‘ Bewertung, die Schleim in den folgenden vier Kategorien zusammenfassen will: (1) psychological activation/​enhancement, (2) psychological dampening/​relaxation, (3) new experiences, and (4) body shaping“ (116). Eine Einteilung, die letztlich jedoch offen lasse, wie diese Ziele jeweils ‚ethisch‘ – und damit strafrechtlich – zu bewerten seien.

In seinem eher kursorisch behandelten Fazit (conclusion) betont Schleim die Perspektive des eigenverantwortlichen instrumentellen Umgangs mit diesen Drogen. Doch warnt er vor dem verführerischen Versprechen der Neurowissenschaften (neuroscience) mitsamt deren einseitigen Forschungsförderung, der es in den letzten 20 Jahren nicht gelungen sei, eine Wunderdroge (miracle drug) zu produzieren. Problematisch sei der Weg der Kriminalisierung, wie das jüngste US-amerikanische Opioid-Problem zeige, dessen Todeszahlen erst mit deren strikte Regulierung seit 2014/15 steil angestiegen seien (Fig 5.1, S. 132). Problematischer noch sei es, dass dieses ‚Enhancement‘ sowohl den Zielen einer Konkurrenz-Gesellschaft (competitive performance society) entspräche, wie vor allem mit ihrer individualisierenden Ethik auch die Sicht auf die ebenso wichtigen dahinterstehenden sozialen Probleme versperre: „If adaptation, performance, and ‚entrepreneurial selves‘ remain highly valued […] decriminalizing at least some stimulants should be considered. However, the downside of adaptation, with its individualization and decontextualization of social problems, should also be recognized“ (130/131); was insbesondere auch für seine Studierenden gelte, wenn diese aus Langeweile zu Ritalin o.ä. griffen. Doch letztlich hoffe er, „that instrumental substance use is an important and useful concept for the future, inviting curious people to engage in theoretical research—as well as practical exploration“ (134).

Diskussion

Der Autor verwendet in seiner populärwissenschaftlich geschriebenen Streitschrift die im Alltag immer wieder diskutierten psychoaktiven Drogen, um letztlich für eine andere Art der Drogenpolitik zu streiten. Eine Drogenpolitik, die weniger psychiatrisch und strafrechtlich infiziert, auf den unterschiedlichen instrumentellen Gebrauch dieser Drogen achtet, so sehr diese auch ‚essenziell‘ ihre problematischen Seiten hätten. Im Rahmen der in letzter Zeit zunehmenden Kritik an einer einseitig biologisch-neurologisch-medikamentös orientierten Psychiatrie [7] betont er einerseits einen am Patienten orientierten ‚pragmatischen‘ Ansatz, der sowohl den ‚konstruktivistischen‘ Charakter der jeweiligen Drogen-Definitionen wie aber auch deren kulturellen und sozialen Kontext im Auge behält.

Fazit

Die populärwissenschaftlich gut verständliche Schrift, die zudem im Open Source zugänglich ist, bietet – mit gängigen Beispielen und solider theoretischer wie empirischer Analyse – mit ihrer Diskussion der angeblich Erkenntnis steigernden, stimulierenden Drogen eine gute und kritische Einführung in die aktuell noch allzu psychiatrisch/​strafrechtlich infizierte Drogenpolitik.


[1] Vgl. Gregor Hasler (2022): Higher Self. Psychedelika in der Psychotherapie. Klett Cotta. Rezension in: https://www.socialnet.de/rezensionen/​30464.php

[2] Robins, L. N., Davis, D. H., & Goodwin, D. W. (1974). Drug use by US armyenlisted men in Vietnam: A follow-up on their return home. American Journal of Epidemiology, 99, 235–249.

[3] Gage, S. H., & Sumnall, H. R. (2019). Rat Park: How a rat paradise changed the narrative of addiction. Addiction, 114, 917–922.

[4] Hacking, I. (1999). The social construction of what? Harvard University Press.

[5] Nutt, D. J., King, L. A., & Phillips, L. D. (2010). Drug harms in the UK: A multicriteria decision analysis. The Lancet, 376, 1558–1565.

[6] Müller, C. P. (2020). Drug instrumentalization. Behavioural Brain Research, 390, 112672.

[7] S.: Felix Hasler (2023): Neue Psychiatrie. Den Biologismus überwinden und tun, was wirklich hilft. Transkript Verlag. Bielefeld. Rezension in: https://www.socialnet.de/rezensionen/​31205.php

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 31.01.2024 zu: Stephan Schleim: Mental Health and Enhancement. Substance Use and Its Social Implications. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2023. ISBN 978-3-031-32618-9. https://link.springer.com/book/10.1007. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31724.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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