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Nina Kläsener: Organisieren von Entscheidungen über Kindeswohl

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 12.03.2024

Cover Nina Kläsener: Organisieren von Entscheidungen über Kindeswohl ISBN 978-3-7799-7780-3

Nina Kläsener: Organisieren von Entscheidungen über Kindeswohl. Zur Prozessierung des Schutzauftrags der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 165 Seiten. ISBN 978-3-7799-7780-3. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779976141. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779977520.

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Thema

Basierend auf empirischem Material zur Thematisierung von Kindeswohl(-gefährdung) als Schlüsselkategorie für die Initiierung von Leistungen und Maßnahmen nimmt Nina Kläsener in den Blick, wie die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe ihre personenbezogene Arbeit prozessiert und wie auf dieser Basis weitreichende Entscheidungen organisiert werden. Vor diesem Hintergrund werden technologische und normative Ordnungen herausgearbeitet, in denen Entscheidungen nicht nur zum ›Ort der Macht‹ werden, sondern zugleich organisational eine adressierte Passungsarbeit aufrufen, die durch milieuorientierte und vergeschlechtlichte Sorgeanrufungen hergestellt wird.

Autorin

Nina Kläsener ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Soziale Arbeit, Theorie und Praxis sozialer Dienstleistungsorganisationen sowie qualitative Methoden der Sozialforschung.

Entstehungshintergrund

Bei diesem Titel hat es sich um die Dissertation der Autorin zur Erlangung des akademischen Grades der Doktorin der Philosophie, die an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld eingereicht wurde. Im Rahmen dieser Forschung wurden Gruppendiskussionen mit Akteur:innen des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Jugendämtern in Nordrhein-Westfalen durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Die zentrale Frage dieses Buches ist, wie Entscheidungen über Kindeswohl in den Organisationen der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe hergestellt und welche Relevanzsetzungen durch Akteur:innen vorgenommen werden. Zunächst wird in ersten Teil eine begriffliche Bestimmung von Kindeswohl(-gefährdung) als Bezugspunkt für Entscheidungen in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe vorgenommen. Dabei wird das Augenmerk auf die gesetzliche Rahmung gerichtet und danach gefragt, wie die Begrifflichkeit ‚Kindeswohl‘ zu einer Grenzwächterin des öffentlichen Auftrags wird.

Das Verhältnis von organisationalen und professionellen Anforderungen wird in Teil 2 theoretisch in den Blick genommen, um zu diskutieren, wie organisiertes Entscheiden prozesshaft hervorgebracht wird. Daran anschlussfähig ist die Analysekategorie ‚Erziehungsfähigkeit‘, wenn es um Bewertungsmaßstäbe und Präfigurationen professioneller Praktiken geht, denen kategorielle Muster zugrunde liegen.

Die theoretisch-methodologischen Grundlagen der Dokumentarischen Methode werden in Teil 3 vorgestellt und anhand der forschungsmethodologischen Prämissen organisationaler Bedingungen des Entscheidens diskutiert. Hierbei wird in der methodologischen Diskussion die vignettenbasierte Forschungskonstruktion bezüglich ihrer Eignung hinterfragt, bevor im vierten Teil das empirische Kernstück dieser Dissertation in den Fokus kommt, das die Rekonstruktion des Entscheidens beleuchtet. Die durchgeführte empirische Analyse fußt auf einer vignettenbasierten Gruppendiskussion in Jugendämtern in Nordrhein-Westfalen. Um die Entscheidungsprämissen der Akteur:innen zu rekonstruieren, baut das Forschungsdesign auf zwei Fallvignetten auf, die auf unterschiedlichen Konstruktionen familialer Lebenslagen mit Blick auf das potenzielle Konstrukt Kindeswohl(-gefährdung) basieren. So werden nicht nur die verschiedenen professionellen und organisationalen Bedingungen des Entscheidens beleuchtet, sondern auch analysiert, wie die beforschten Jugendämter Entscheidungen prozesshaft hervorbringen und welche Begründungsmuster diesen zugrunde liegen.

Daran anknüpfend wird in Teil 5 mit Blick auf die Fallkonstitution ein systematischer Fallvergleich in Bezug auf die Fallkonzeptualisierung im Sprechen über Adressat:innen, die Erfahrungsräume der Akteur:innen und die inner- und interorganisationalen Regelpraktiken in den Gruppendiskussionen kontrastiert. Daran anschließend wird im sechsten Teil eine Diskussion der Ergebnisse geführt, um die Ergebnisse mit Blick auf eine adressierte Passungsarbeit und organisierte Prozessierung mit der Frage nach Machtordnungen in der Herstellung von Entscheidungen in den Blick zu nehmen. Im Fazit am Ende des Buches werden nicht nur die Anforderungen einer organisationalen Profession, sondern auch die Herausforderungen organisierten Entscheidens mit Blick auf Akteur:innen und auch Adressat:innen ins Zentrum gerückt.

Diskussion

Die Entscheidungen über das Kindeswohl und eventuell daraus resultierende Maßnahmen der ASD-Fachkräfte gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten Aspekten dieses Bereichs der Sozialen Arbeit. Das Problem daran: Kindeswohl als unbestimmter Rechtsbegriff lässt viel Spielraum zur Interpretation, der dann auch noch ganz erheblich gefüllt wird mit subjektiven Einstellungen und Erfahrungen der Mitarbeiter:innen und den Rahmenbedingungen des jeweiligen Jugendamtes. Das führt letztlich dazu, dass einzelne Fälle in verschiedenen Jugendämtern, ja manchmal sogar unterschiedlichen Teams in der gleichen Stadt komplett anders beurteilt werden dürften. Umso wichtiger ist es deshalb, gerade diesem Thema auch empirisch näherzukommen. Auch das wird letztlich nicht zu einer Vereinheitlichung von Entscheidungen treffen, die nach Checkliste abgearbeitet werden – was letztlich ja gut ist, weil der Einzelfall das Entscheidende ist, aber Ergebnisse wie die vorliegenden können helfen, Rahmenbedingungen zu optimieren und vor allem neue Fachkräfte die bestmöglichen Rahmungen für Entscheidungen über das Kindeswohl zu bieten.

Fazit

Dieses Buch ist anspruchsvoll zu lesen, aber dafür bietet es ungeheuer wichtige Erkenntnisse, um dafür zu sorgen, das Entscheiden über Kindeswohl(gefährdungen) in seiner Einbettung in die jeweilige Organisation zu verstehen. Dass es hier Optimierungsbedarf in der Praxis gibt, ist unbestritten, weswegen solche Forschungsprojekte enorm wichtig sind. Der Wichtigkeit ist sich auch der Verlag bewusst und hat den Titel als Open Access auf seiner Homepage bereitgestellt.

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Es gibt 48 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 12.03.2024 zu: Nina Kläsener: Organisieren von Entscheidungen über Kindeswohl. Zur Prozessierung des Schutzauftrags der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. ISBN 978-3-7799-7780-3. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779976141. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779977520. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31736.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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