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Annette Schlemm: Climate Engineering

Rezensiert von Arnold Schmieder, 14.04.2024

Cover Annette Schlemm: Climate Engineering ISBN 978-3-99136-507-5

Annette Schlemm: Climate Engineering. Wie wir uns technisch zu Tode siegen, statt die Gesellschaft zu revolutionieren. Mandelbaum (Wien) 2023. 322 Seiten. ISBN 978-3-99136-507-5. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR.
Reihe: kritik & utopie.

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Thema

Es sieht nicht so aus, „als würden in absehbarer Zeit ernsthafte Anstrengungen zur Verringerung der Emissionen in den großen Volkswirtschaften unternommen werden“, und daher oder vielleicht darum „wächst das Interesse an der Möglichkeit, die Erwärmung durch technische Eingriffe in den Planeten auszugleichen“. Climate Engineering soll es richten. Dem steht Annette Schlemm kritisch gegenüber, wenn es auf der Einschätzung aufsattelt, ohne technische Innovationen und Interventionen könne die Entwicklung ins Katastrophische nicht aufgehalten werden. Zwar sieht Schlemm angesichts der fortgeschrittenen Aufheizung der Erde auch eine Notwendigkeit zur Anwendung von Maßnahmen des Climate Engineering, kritisiert aber zugleich eine vorbehaltlose Befürwortung ihres Einsatzes. Die Autorin verweist dabei auf „‚(Bio)Geoengineering als ein[en] Schlüssel zur Nachhaltigkeit‘“ (S. 21), wobei sie letztendlich auch und vor allem „Vorsorge“ anrät. (S. 224)

Das Setzen auf Technologien als Problemlösungsstrategie ist der erste Teil der Augenwischerei, da bestehende Technologien und schon ins Auge gefasste Weiterentwicklungen „nicht ausreichend bereit sind und auch grundsätzlich nicht in der Lage sein dürften, diese letzte Hoffnung der Menschheit zu erfüllen.“ Die Autorin gibt zu bedenken: „Trotzdem scheinen wir darauf setzen zu müssen“, wiewohl man dabei in einer „doppelten Bredouille“ steckt, weil die Reduktion der Treibhausgasemissionen trotz besseren Wissens „verschlampt“ worden ist, und daher zu hoffen ist, dass Climate-Engineering-Maßnahmen gleichsam Rettungsanker oder nur Notbremsen sind, wobei zu befürchten ist, dass sie zum einen zu spät kommen und zum anderen – gleichsam als nicht intendierte Handlungsfolgen – noch nicht genau absehbare Risiken und daraus weitere Problem aufwerfen. (S. 24 f.) Dass jedoch über diesen sogenannten Plan B „ernsthaft gesprochen werden muss, verweist umso mehr auf die Dringlichkeit der Minderung der Emissionen!“ (S. 232)

Doch da tritt auch der zweite Teil der Augenwischerei auf den Plan: „In der wachstums- und profitorientierten kapitalistischen Gesellschaft versuchen Menschen, Probleme mit denselben Mitteln zu lösen, die das Problem herbeigeführt haben“, woran man glaubt, worauf man baut. Das Problem des Klimawandels, wovon jetzt schon das Wetter kündet, soll „mit mehr Technik, mehr Wachstum“ gelöst werden, zugleich „auch damit, dass an der Lösung wieder verdient werden soll“ (S. 229) – weil sonst den relevanten Akteuren, sprich: dem Kapital, das treibende Motiv fehlt. Damit ist grob der erste Teil des Untertitels umrissen, „(w)ie wir uns technisch zu Tode siegen“, was Schlemm in ihrem Buch mit stupender Sachkenntnis und in gebotener Breite inhaltlich ausführt, ohne allerdings jegliche Option auf technische Interventionen pauschal zu verwerfen. Der folgende Halbsatz, „statt die Gesellschaft zu revolutionieren“, signalisiert, dass die nach herrschender Meinung nicht zu umgehende technische Bastelei am Klima die Option auf weltumspannende Klimagerechtigkeit ‚stiefmütterlich‘ behandelt bis gar nicht berücksichtigt, sich neue Machtstrukturen entwickeln können und in diesem Zuge weitere soziale Ungleichheit, materielle Armut, ein Mehr an Not und Elend (noch) größerer Teile der Weltbevölkerung. Über das „Vorsorgeprinzip“ ist zu reden, auch wenn das „‚Kind in den Brunnen gefallen‘“ ist (S. 227), was gegen das „Verharren in kapitalistischen Strukturbedingungen“ prallt (S. 230) wie ebenso „Maßnahmen des Natürlichen Klimaschutzes“ (S. 232), die kostenintensiv sind und sich pekuniär bemerkbar machen. Die Alternative, wie die Tastatur schon angeschlagen, ist laut Schlemm, und darauf weist sie in den Kapiteln des Buches verschiedentlich und nachdrücklich hin, die „Entwicklung einer neuen Gesellschaftsform, in der alle Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen können, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören.“

Was es braucht, ist eine radikale Transformation. „Dass die nötige Revolution in der nächsten Zeit erfolgen wird – dafür spricht sehr wenig“ – auch weil „bei uns (…) die meisten Menschen am Konsumkapitalismus (hängen)“. (S. 230 f) Schlemm entlässt nicht in Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Es sei darauf zu drängen, mahnt sie an, „‚naturnahe‘ Formen des Climate Engineering“ anzustreben, (u.a.) „die natürlich vorhandenen Wirkmöglichkeiten der natürlichen Senken auf dem Land und in den Ozeanen zu stärken“ (S. 234), die Wirtschaft „an ökologischer Effizienz statt ökonomischer Effizienz“ auszurichten (S. 239), hier und jetzt anders zu handeln, „im Voraus aus der Antizipation“ gar nicht mal so abwegiger „dystopischer Möglichkeiten“ zu lernen, und vor allem seien „internationale Vereinbarungen“ unverzichtbar. (S. 243) Die Autorin betont aber auch die Notwendigkeit der Schaffung einer „klassenlose(n) Gesellschaft“, die nicht mehr nur die „Erfüllung eines Menschheitstraumes“ ist, „sondern ‚sehr nüchtern als Bedingung der Menschheitserhaltung in der bevorstehenden Krisenepoche‘ (fungiert).“ (S. 240)

Autorin

Annette Schlemm ist Diplom-Physikerin und promovierte Philosophin. In einem „Virtuellen Philosophenstübchen“ (so ihre Website) stellt sie philosophisch-politische Internetprojekte vor. Sie veröffentlichte Monographien, Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften. Sie ist in der Klimabewegung aktiv.

Inhalt

In dreizehn Hauptkapiteln, die zumeist in Unterkapitel gegliedert sind, unterbreitet die Autorin ein umfangreiches Wissen, das aus den Bornierungen bloßen Meinens herausführt und sich nicht – im Blochschen Sinne (vgl. S. 286, Anm. 5) – in ‚abstrakten‘ Utopien verfängt, die von realen Umständen und Bedingungen absehen. Gleich in der Einleitung: An die Stelle der Klima(wandel)leugner sind die Klimaklempner getreten macht Schlemm darauf aufmerksam und teilt mit vielen Forschenden zu Climate Engineering die Einschätzung, dass die Hoffnung auf einen Plan A, nämlich die rechtzeitige Minderung der Treibhausgasemissionen, sich nicht erfüllen werden wird. Climate Engineering, längere Zeit auch Geoengineering genannt, scheint offensichtlich ins Kalkül einbezogen werden zu müssen – und dann mitsamt den Risiken, die möglicherweise oder wahrscheinlich mit dem Einsatz solcher Technologien einhergehen. Die Autorin kündet an, dass aus diesem Grunde „die gesellschaftliche Einbettung nach einer ausführlichen Vorstellung der einzelnen Techniken des Climate Engineering in den Mittelpunkt der Ausführungen gestellt“ wird. (S. 15 f.)

In den Kapiteln Der Kaiser ist längst nackt! und Was geht (noch)? betont die Autorin, „je mehr CO₂ aus dem Budget sich bereits in der Atmosphäre befindet, desto weniger Zeit bleibt uns, die (Fast-) Null-Emission zu erreichen, und die (inzwischen eingemottete) Losung „‚Wir schaffen die 1,5 Grad!‘“ sei halt Blendwerk oder mit Kleist: „Wenn man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht.“ (S. 18 f.) Solche Tröstungen und Vertröstungen zu konterkarieren, wird die Autorin nicht müde. So wiederholt sie gegen Ende ihres Buches: „Man zeigt den Kindlein ein Licht, damit sie keine Angst bekommen… Und das funktioniert gut. Climate Engineering wirkt als Trostpflaster und wird als Rettungsanker dringlichst ersehnt.“ (S. 231) Auf die Frage, was noch geht, antwortet Schlemm – zunächst – mit einer „doppelten Bredouille: Wir haben die Reduktionen der Treibhausgasemissionen so lange verschlampt, dass wir uns jetzt einerseits wünschen müssen, dass Climate-Engineering-Maßnahmen funktionieren, obwohl wir von ihnen (…) viel zu befürchten haben, und dass wir gleichzeitig hoffen müssen, sie einsetzen zu können, und befürchten müssen, dass sie zu spät kommen und nur unzureichend helfen können.“ (S. 25)

Mit den Kapiteln Neuere Geschichte des Plan B, in dem sie darauf aufmerksam macht, niemand wisse „so genau, was wir in der nötigen Geschwindigkeit noch tun könnten, um eine unvertretbare globale Erwärmung aufzuhalten“ (S. 31), und Grundwissen für Klimaklempner und ihre Kritiker*innen setzt die Autorin an, ihre These inhaltlich zu unterfüttern und somit gehaltvoll zu machen. Selbstredend gehören „Aufforsten und die Wiederherstellung von Mooren und Mangrovenwäldern“ zum Climate Engineering, derartige Maßnahmen sollten aber im Hinblick auf Realisierung, Reichweite und Erfolg „nicht einlullen.“ (S. 33) Es werden in der Bandbreite von Manipulation der (Solar)-Strahlung bis Manipulation der Wolken avisierte Techniken vorgestellt und diskutiert, was erfolgreich sein kann resp. könnte, jedoch werde bei „all diesen Methoden (…) nicht in die Ursache der Erderhitzung eingegriffen.“ Fatal wäre nach Abbruch solcher Maßnahmen ein „‚Terminationsschock‘“, da innerhalb weniger Jahre die Temperatur „jenen stark erhöhten Wert“ erreiche, „den die vorhandenen Treibhausgase verursachen.“ (S. 69) Und hinzu komme eine sogenannte „‚moralische Gefahr‘“ bei der Strahlungsmanipulation, nämlich „dass die Aussicht auf scheinbar rettende Techniken die Bemühungen um die Minderung der Treibhausgasemissionen verringern könnte“. (S. 74)

Mit dieser Warnung beginnt das nächste Kapitel Weg mit dem Kohlendioxid! (CDR): „Ein Nachteil der Strahlungsmanipulierungstechniken ((S)RM) ist es, dass die Ursache des Klima-Umbruchs nicht beseitigt wird, die in der Emission von Treibhausgasen besteht.“ (S. 76) Hinzu kommt, dass die technischen Interventionen viel zu teuer sind, zudem oft nur eine Kulissenschieberei stattfindet – etwa bei der „‚Verlagerung des Kohlenstoff-‚Problems‘ vom Land ins Meer [als; a.s.] nur eine neue Version den Schmutz unter die Matte zu kehren.‘“ (S. 101) Auch bspw. „(Wieder-)Aufforstungsmaßnahmen“ sollten als „Beruhigungspillen“ und jene allgegenwärtige „moralische Gefahr“ (s.o.) gesehen werden, da angenommen werde, „dass man auf die Reduktion der Emissionen vor der eigenen Haustür verzichten könne, wenn man sie ‚kompensiere‘, indem woanders z.B. CDR-Maßnahmen wie das Aufforsten stattfinden.“ (S. 123) Das wird an allen diesbezüglich relevanten Maßnahmen durchdekliniert und überall scheint die „Bedeutung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse“ auf, eben auch „bei scheinbar natürlichen Klimalösungen wie dem Blue Carbon Management“ (S. 134), wobei dann auch hier „(g)esellschaftspolitisch (…) wieder die moralische Gefahr (entsteht), dass die scheinbar natürlichen Climate-Engineering-Methoden die radikale Reduktion der Emissionen überflüssig erscheinen lassen.“ (S. 138)

Schlemm spricht von einem ‚wir‘, das verursacht, falsch handelt, verharmlost etc. Wer darüber stolpert und ohne scholastische Bauchschmerzen die kapitalistische Ökonomie als causa prima identifiziert, ohne jenes ‚wir‘ exkulpieren zu wollen, wird gleich zu Beginn des Kapitels Unterm Teppich des versprochenen Climate Engineering fündig: „Das (…) genannte einheitliche Wir verleugnet die ungleichen Möglichkeiten, überhaupt gefragt zu sein und Einfluss zu haben, d.h. es verleugnet globale und soziale Ungleichheiten und Klassenverhältnisse. Die noch Einflusslosen aus aller Welt brauchen aber, wenn sie sich einmischen wollen, neben der noch zu erkämpfenden Macht auch sachliches Wissen darüber, warum sie sich wofür oder wogegen einsetzen wollen.“ (S. 140) „Das System ist der Fehler“, sagt die Autorin deutlich, und ebenso kurz wie richtig: „In der kapitalistischen Wirtschaft wird nur etwas unternommen, wenn es ‚sich rechnet‘. Dies tut es nur, wenn Gewinn/​Profit herauskommt“. (S. 143) Auch wenn laut Oxfam ein einzelner Milliardär so klimaschädlich ist wie eine Million Menschen, folge daraus kein tragfähiger Schluss, weil „eine solche personalisierende Betrachtung auch von einer Kritik an den Kernstrukturen der Gesellschaft ablenken“ kann. (S. 145) Unter dem Strich heiße das, „über den Einsatz der Produktionsmittel und der Forschungsmittel entscheidet vermittels ihrer Investitionen die Kapitalistenklasse, und deren Zweck besteht primär in der Selbstvermehrung ihres Kapitals und der Aufrechterhaltung ihrer monopolisierten Entscheidungsmacht darüber.“ (S. 154)

Am Ende der Kapitel Potentiale und Kriterien zur Bewertung von Climate Engineering kommt Schlemm zu dem Schluss, Climate Engineering sei „eine Antwort auf das Problem, das wir mit der Emission von Treibhausgasen erzeugt haben.“ Es handele sich um eine Problemverschiebung, bei der man ein Problem symptomatisch korrigieren will, wobei Nebenwirkungen entstehen, die eine grundsätzliche Problemlösung erschweren oder gar verhindern.“ Diesem aus der Technikentwicklung „altbekannte(n) Phänomen“ (S. 169 f.) geht die Autorin an ihrem Gegenstand im Kapitel Probleme, Risiken, Gefahren nach und weist darauf hin, dass „Techniken (…) Wege (sind), um ganz bestimmte Ordnungen zu schaffen“, hier der Versuch, unter herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen „Ordnung im Klima zurückzugewinnen“ (S. 171 f.), wobei sich die Frage stellt: „Wie stark darf das Maß der nicht beabsichtigten Auswirkungen sein, und vor allem wo und für wen?“ (S. 180) Es lauern „Gefahren“ aus „unverantwortlichen Aktionen“, angesichts derer selbst Ingenieure „Angst vor sich selbst bekommen“ und daher „aktiv entgegensteuern“ wollen. (S. 187) Doch auch hier widerstreiten Interessen und die „Klassenfrage“ begegnet uns „in ungewohnter Form. Das Klassenverhältnis wird hier nicht in Bezug auf die Ausbeutung und Unterdrückung thematisiert, sondern in der Frage: Wer darf entscheiden? Wer hat die materiellen Mittel dazu, und wer kann die institutionellen Regelungen und Gesetzgebungen wie beeinflussen?“ (S. 196) Die Antwort liegt offensichtlich auf der Hand, legt man die Elle vorheriger Hinweise an: „Über Investitionen und die damit verfolgten Ziele entscheiden immer noch die Kapitalgeber – Staaten oder zwischenstaatlich agierende Institutionen können nur bitten, auffordern oder ihre geringfügigen ökonomischen Steuerungsmittel einzusetzen versuchen.“ (S. 201 f.)

Was sonst noch schiefgehen kann, so der Titel des folgenden Kapitels, da gibt es „unzählige Möglichkeiten“ (S. 217), und nur die „Nichtüberschreitung aller Planetaren Belastungsgrenzen belässt unsere Aktivitäten innerhalb des ‚sicheren Betriebsraums‘.“ (S. 208) Berechtigt sei daher die Frage, wenn wir um eine radikale Senkung aller Treibhausgase „sowieso nicht herum“ kommen, „warum also nicht gleich ohne die zusätzlichen Techniken?“ (S. 211) Gleich eingangs des Kapitels Wie entscheiden? folgt das Argument, wenn „Climate Engineering als Plan B dazu führt, dass der Plan A, die Minderung der Treibhausgasemissionen, vernachlässigt wird, ist es nicht zu rechtfertigen“, zudem würde „die Menschheit (…) von diesen Techniken abhängig.“ (S. 219) Zugleich tue sich ein Dilemma auf, da das Risiko einer überhitzten Erde gegen das Risiko aus Gefahren des Climate Engineering abgewogen werden müsste, man insofern inzwischen in einer „‚Risiko-Risiko-Abwägung‘“ feststecke. (S. 222) Allerdings gebe es neben genannten Alternativen eine dritte und vierte, „nämlich Energiesparen und sich erneuernde Energien“ und „von der Kategorie des Risikos zur Kategorie der Vorsorge übergehen“ (S. 224), wobei dem Sinn des Vorsorgeprinzips widerspräche, „wenn die Kur mindestens genau so gefährlich wäre wie die Krankheit, die Maßnahmen genau so unsicher und riskant wie das abzustellende Problem.“ (S. 227)

Können wir es besser? Fragt die Autorin im abschließenden Kapitel. Im gesteckten Rahmen einer „profitorientierten kapitalistischen Gesellschaft“ scheine es „nur eine Alternative zum gefährlichen Klima-Umbruch zu geben: Climate Engineering.“ (S. 229) Daran festzuhalten, bedeute auch, „Systemwechselforderungen abzuwehren.“ Industrielle Symptombehandlung sei demgegenüber das Credo. Unter dem Strich lasse sich sagen, „die Einbeziehung von Climate Engineering in die Klimaschutz-Überlegungen wird ‚normal‘ werden.“ Umso dringender seien „Maßnahmen des Natürlichen Klimaschutzes“ zu reklamieren, zu Land und zu Wasser. (S. 229 ff.) Bislang ist der Blick in die Zukunft tendenziell stark dystopisch, verdichtet sich der Eindruck. Das muss man nicht hinnehmen. Schlemm zitiert den Philosophen Fichte (was mit einem Augenzwinkern der Philosophin gegenüber kommentiert werden soll), der „einst hymnisch“ schrieb: „Wo der Mensch hintritt, ‚erwacht die Natur; bei seinem Anblick bereitet sie sich zu, von ihm die neue schönere Schöpfung zu erhalten‘.“ Von diesen „schönen Worten“ angeregt, will die Autorin „zur Praxis (…) kommen, die diese Worte nicht verrät“. (S. 240) – Da werden die Leser:innen einstimmen.

Diskussion

Doch bei näherem Hinsehen verhält es sich anders (zählt man Tiere zur ‚Natur‘): Jener Philosoph Fichte, der schon näher der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft war, lehrte nämlich unter dem Strich, das Leben der Tiere als ein solches zu achten, sei im Staate kein möglicher Zweck. Nur die Verwertung incl. der Tod der Tiere sei der Zweck ihres Lebens: „Es giebt auf dem Erdboden auch Thiere, deren Accidenzen eine Brauchbarkeit für den Menschen haben, den Zwecken derselben unterworfen sind, oder deren Substanz sogar brauchbar, ihr Fleisch zu essen“ – kurzum, Tiere sind eine ‚Sache‘. So gesehen ist dieser heutzutage noch bekanntere idealistische Philosoph recht praxisnah, legitimiert er doch, dass ideelle Momente getilgt werden, und bereitet eine Argumentationsfigur vor, welche die kapitalistische, wenn auch dem Anschein nach moderierte Nutzbarmachung und profitable Ausbeutung von ‚Natur‘ stützt. Dass damit auch in nuce einem Machbarkeits- und Beherrschbarkeitstheorem der Boden bereitet wurden, das die höchst brisante „moralische Gefahr“ (s.o.) aus Climate Engineering abschattet, kann noch vor näherer Beweisführung angenommen werden.

Für Schlemm ist das gewiss keine Referenz. Zeigt die Autorin doch vielmehr, dass und wie jener „Mensch“ (s.o.) die Natur und weitgehend das Leben auf diesem Planeten vermittels seiner systemischen Voraussetzungen totzutrampeln antritt und nicht eine „neue schönere Schöpfung“ (s.o.) in Gang setzt. Es kann durchaus sein, dass im Setzen auf Climate Engineering viele der „nicht erwünschten Auswirkungen eintreten.“ Sollte die „Menschheit dann ihre Fähigkeit verloren“ haben, „stark auf die Erdsysteme einzuwirken, entstehen über zig Jahrtausende hinweg Prozesse des Einspielens neuer natürlicher systemischer Wechselbeziehungen, in welche die Restmenschheit sich einzufügen lernen muss.“ (S. 242) Solche Aussicht ist alles andere als rosig. Da bleibt man zwischen Zwangsoptimismus und Schockstarre stecken. Bang mag sich manche/r fragen, wie nah (tatsächlich) wir dieser „Restmenschheit“ sind. Dantes „lasst alle Hoffnung fahren“ mag man nicht folgen und das Purgatorium ist auch nicht der Ort, an den man sich wünscht. Erst einmal bleibt allerdings der bittere Beigeschmack, dass Climate Engineering (möglicherweise) der Versuch ist, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben – und so ganz ohne den Beelzebub wird man nicht auskommen, zu tief steckt der Karren bereits im Dreck. Da redet Annette Schlemm nicht drumherum. Alle neue Technik barg und birgt in ihrer Anwendung Risiken, die im Falle des Climate Engineering als nicht intendierte Handlungsfolgen die Folgen des voranschreitenden Klimawandels in die Katastrophe beschleunigend begünstigen können. Man möchte an Günther Anders erinnern, der darauf verwies, dass „technische Möglichkeiten durchweg als verbindlich gelten, weil ‚facibile faciendum‘ ist, weil wir, was wir machen können, angeblich auch machen sollen oder müssen, und deshalb auch effektiv machen“ – was sich als fatal herausstellen kann. Auch meinte dieser Philosoph: „Nicht an Können fehlt es uns also, sondern an Nichtkönnen“ – was letzten Endes auch keine Option ist.

„Die Krise“, schrieb Gramsci, „besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.“ Sarkastisch könnte man sagen, das „Alte“ liegt schon lange und im Grunde von Anfang an auch in scheinbaren Erholungsphasen zwischen Krisen in Agonie, und das „Neue“ kann nicht zur Welt kommen, weil es dafür auf dem Totenbett nicht ein wenig zur Seite rückt. Es bräuchte eine rabiate Hebamme vulgo eine „nötige Revolution“ (s. o), wonach es nicht aussieht, so Schlemm, wenngleich sie die Klassenfrage resp. das „Klassenverhältnis“ (s.o.) neu dimensioniert, was Anschlussdiskussionen anregt. Erhalten bleibt darin, so ist die Autorin zu verstehen, dass eine ‚an die Wurzel gehende‘ Transformation bei Strafe des Untergangs auf der historischen Tagesordnung steht.

Weiter mit Gramscis vorgezogenem Nekrolog (von 1937): „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Diese „Monster“, das sind vielleicht auch, aber nicht allein und nicht wesentlich die Milliardäre, von denen es weltweit vielleicht dreitausend gibt und wenige hundert in Deutschland, sondern wenn schon ist von dem Monster zu reden, der kapitalistischen Ökonomie, unter der mehr und mehr Menschen weltweit leiden, von der – als System – sie allerdings auch leben; weltweit gesehen die meisten mehr schlecht als recht oder gar nicht. Schlemm sieht nicht in nur Umverteilung des Reichtums und auch nicht in einem ‚grünen Kapitalismus‘ das Heil, womit sie fatalen Illusionen den Boden entzieht.

Es wird beim jetzigen Ist-Zustand der Aufheizung der Erde mit allen schon spürbaren und nicht mehr zu leugnenden Folgen nicht mehr ganz ohne Climate Engineering gehen, schreibt Schlemm und zeigt zugleich, dass Symptomwerkelei mittels Technik eine Flickschusterei bleibt, die sogar kontraproduktiv umschlagen kann. Was Guillaume Paoli auf den Punkt bringt, „Krieg den Symptomen, Friede den Ursachen!“, es ist schon lange (realpolitisches) Credo und nunmehr die vergiftete Dornenkrone auf dem Haupt des „Prothesengottes“ (Freud), der sich anheischig macht, nicht mit technischen Mitteln seine ‚Träume‘ zu verwirklichen, sondern den von ihm selbst geschaffenen Alptraum mittels Climate Engineering nicht zur Wirklichkeit werden zu lassen, die bereits den Fuß in die Tür gestellt hat. Es wird vermutlich wenig bis gar nicht fruchten oder ins Prekäre entgleisen. Richtig wäre oder ist es, „die Gesellschaft zu revolutionieren“, wie Schlemm im Untertitel indirekt anrät, ihr auf dem Pfad der „Vorsorge“ zu folgen, für den sie Wegweiser einschlägt.

Fazit

Annette Schlemm imponiert durch ihre Sachkenntnis und auch durch ihre sehr lesefreundliche Fähigkeit, komplexe und komplizierte Zusammenhänge verständlich darzustellen. Weit entfernt von einer anderenorts gut vermarktbaren Panikmache, wenngleich die Leser:innen bei Informationen gruseln dürften, dient ihre sachliche und nüchterne Darstellung dessen, was ist, der hochgradig plausiblen Wegweisung in das, was sein soll. In diesem Sinn ist das Buch beste Aufklärung, die, was dringend zu hoffen ist, Folgen zeitigt, weshalb die Lektüre mit Nachdruck zu empfehlen ist.

Rezension von
Arnold Schmieder
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ISSN 2190-9245