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Ilse Dr. Wehrmann, Elisa Martini et al.: Was ist in den Kitas los?

Rezensiert von Dr. Marion Aicher-Jakob, 17.05.2024

Cover Ilse Dr. Wehrmann, Elisa Martini et al.: Was ist in den Kitas los?

Ilse Dr. Wehrmann, Elisa Martini, Karin Döring, Lisa Egen: Was ist in den Kitas los? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen).
46505377; Pädagogik-Talk.

Thema

Der Titel „Was ist in den Kitas los?“ bildet die Leitfrage für eine Diskussionsrunde, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Dabei wird eine Bestandsaufnahme der Situation in deutschen Kindertagesstätten vorgenommen. Zentrale Problemfelder werden benannt, analysiert und konkrete Lösungsansätze aufgezeigt, die zu einer Verbesserung in der Frühen Bildung beitragen sollen.

Teilnehmer*innen und Moderator*innen des Pädagogik-Talks

Dr. Ilse Wehrmann ist Erzieherin, Diplomsozialpädagogin, Autorin und Beraterin für Unternehmen und Träger beim Auf- und Ausbau betrieblicher Kindertagesstätten. Lisa Egen ist Geschäftsführerin von Impuls Soziales Management Kassel. Impuls begleitet Unternehmen und Kommunen bei der Verwirklichung von qualitativ hochwertigen und flexiblen Betreuungslösungen im Kita-Bereich. Elisa Martini ist Gesundheitswissenschaftlerin, mit dem Schwerpunkt Gesundheitsförderung in der frühkindlichen Bildung, Referentin für betriebliches Gesundheitsmanagement und Multiplikatorin für den hessischen Bildungs- und Erziehungsplan. Karin Döring ist die Leiterin der „Villa Kunterbunt“, einer Kindertageseinrichtung in Istha, Referentin für die Aus- und Fortbildung des Tages- und Pflegepersonals des Schwalm-Eder-Kreises und für den Stadt- und Landkreis Kassel. Moderiert wird der Pädagogik-Talk von Kurt Gerwig, Pädagoge, Filmemacher und Gründer von AV1 und Wencke Töpfer, Diplomsozialpädagogin und Fachberaterin für die Kindertagespflege der Stadt Kassel.

Entstehungshintergrund

Kurt Gerwig sammelt seit über 30 Jahren Erfahrungen im frühkindlichen Bereich und Eindrücke von Kindertagesstätten. Bei seiner Arbeit erlebte er die Erzieher*innen als motiviert, engagiert und offen für Neues. In den letzten Jahren nahm er eine Veränderung wahr. Er erlebt die Erzieher*innen zunehmend als gestresst. Aus diesem Grund wirft er die provokative Frage auf: Was ist in den Kitas los? Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Zur Beantwortung der Frage initiierte das Moderationsteam den Pädagogik-Talk.

Aufbau

Die DVD ist in vier Kapitel eingeteilt, die sich einzeln anspielen lassen:

  • Kapitel 1 dient der Vorstellung (04:02 Min.) der am Pädagogik-Talk Beteiligten.
  • Kapitel 2 zeigt zentrale Problemfelder und dient einer Problemanalyse (14:45 Min.).
  • Kapitel 3 analysiert, wie die Situation zu verändern sei. Mögliche Lösungsansätze werden aufgezeigt (32:52 Min.).
  • Kapitel 4 fragt nach den Verantwortlichkeiten (13:06 Min.).

Inhalt

Die Diskussionsrunde bearbeitet drei Themenbereiche:

1. Problemanalyse:

Was sind die zentralen Problemfelder, die zunehmend die Arbeit in den Kindertagesstätten erschweren? Als Problem erkannt und diskutiert werden u.a:

  • der gravierende Fachkräftemangel Er wird von allen Beteiligten als zentrales Problem erkannt. Der Fachkräftemangel wirke sich nicht nur auf den Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen aus, sondern auch auf die Möglichkeit des Fachpersonals, sich zu regenerieren, Urlaub bzw. Bildungsangebote wahrzunehmen. Die Situation werde in den Einrichtungen als fehlende Wertschätzung empfunden, was beim Personal zu Unzufriedenheit und Stressempfinden führe.
  • die Bürokratie der Verwaltung Wehrmann konstatiert, „wir“ seien „verliebt in Sicherheitsauflagen“. Der Fachkräftemangel verschärfe sich zusätzlich durch die Hürden der Bürokratie. Anerkennungsverfahren und Nachqualifizierungsmaßnahmen erschweren die ohnehin prekäre Situation.
  • der mangelnde bzw. schleppende Kitaausbau, der daraus resultiere und die Situation verschärfe.
  • die unterschiedlichen Rahmenbedingen bei der Arbeit. Eden spricht von einem Abwerbewettbewerb zwischen den Trägern und stellt die Vorzüge der betrieblichen Einrichtungen heraus, die allerdings nur eine Verlagerung der Problematik mit sich brächten.

2. Lösungsansätze:

Die Expertenrunde diskutiert unterschiedliche Lösungsansätze, die die Situation entschärfen können und fordert mit Nachdruck u.a.:

  • mehr Fachkräfte für die deutschen KindertagesstättenEgen betont, in betrieblichen Kindertagesstätten wurden massive Investitionen in Fachkräfterekrutierung und in Fachkräftebildung und -bindung vorgenommen. Diese verfügen aus diesem Grund über bessere Rahmenbedingungen für den Fachkraft-Kind-Schlüssel, für Bezahlung und für die Ausstattung. Die Fachkräfte dort erfahren daher eine höhere Wertschätzung und das wirke sich positiv auf die Fluktuation aus. Wehrmann bezeichnet die Erzieher*innen als „Zukunftsgestalter eines Landes“, die mehr Wertschätzung erfahren sollten. Mit Blick auf die Ausgaben des Bruttoinlandproduktes in die Frühe Bildung, fordert sie höhere Investitionen für die Rekrutierung und Sicherung des Fachpersonals. Sie betont, eine Entbürokratisierung führe zu mehr Fachkräften, wenn Erzieher*innen aus anderen Ländern zeitnah in die Kindertagesstätten eingebunden werden könnten und Anerkennungen rascher erfolgen würden. Wichtig im Kontext der Fachkräfterekrutierung sei auch eine Perspektive für Aufstiegschancen zu schaffen. Fort- und Weiterbildungsangebote werden als wichtige Ansätze betrachtet. Die Möglichkeit der Teilnahme müsste für das pädagogische Fachpersonal besser verankert werden. Die Diskussionsrunde betont das Versäumnis der letzten Jahrzehnte, Ausbildungskapazitäten aufzubauen bzw. auszuweiten. Döring betont die Relevanz der Multiplikator*innen, die Bedarfe an die Ministerien weiterleiten. Siesieht in der Rolle der Multiplikator*innen ein wichtiges Bindeglied zwischen der Basis und den Ministerien.
  • mehr Betreuungsplätze in deutschen KindertagesstättenMartini zeigt wichtige Ansätze durch multiprofessionelle Teams, mehr pädagogisches Fachpersonal und unterschiedliche Berufsgruppen in die Kindertagesstätten zu bringen, um die Betreuung zu sichern bzw. das System zu entlasten. Sie spricht von einer Erschöpfung der Fachkräfte und betont die Dringlichkeit eines betrieblichen Gesundheitsmanagements für die Kindertagestätten. Wehrmann konstatiert, dass aktuell 400 000 Betreuungsplätze fehlen. Sie fordert eine solidere Planung der Bedarfe. Das Thema Bildung und Kinder müsse ernster genommen werden. Sie sieht aktuell den „Kitakollaps“, dem ein Wirtschaftskollaps folgen werde.
  • eine effektivere Ausbildung Als Desiderat wird eine stärkere Verzahnung von Fachschule und Praxis benannt. Berufseinsteiger*innen müssten besser in die Praxis begleitet werden, z.B. in Form eines fachlichen Begleitsystems. Auch die Leitungen benötigen Unterstützung. Die Diskussionsrunde betont, die Einrichtungsleitungen führen „mittelständische Unternehmen“ und werden aber nicht adäquat auf diese Aufgabe vorbereitet. Wichtig sei, die Freistellung der Leitungen besser sicherzustellen. 
  • Möglichkeiten der Vernetzung durch einen nationalen Bildungsgipfel, bei welchem unterschiedliche Expert*innen an zentralen Problemfeldern arbeiten. – ein Bundesgesetz mit einheitlichen Rahmenbedingungen, damit Eltern nicht abhängig von der Kommune bzw. „vom Familienbild des Bürgermeisters sind“. Konsens besteht in der Diskussionsrunde darüber, dass die Überwindung des föderalen Systems ein wichtiger Lösungsansatz sei.

3. Verantwortlichkeiten:

Die Diskussionsrunde betont die Relevanz, das Thema zur „Chefsache“ zu erklären. Die Verantwortlichkeit solle durch einen nationalen Bildungsgipfel geklärt werden. Zu diesem müssten der Kanzler, die Kultusminister*innen, Elternbeiräte, Gewerkschaften, die Erzieher*innen, die Träger u.a. geladen werden, damit die Thematik mit politischer und finanzieller Zuständigkeit bearbeitet werden kann. Die Verantwortlichkeit wird in der Politik verortet, diese soll geeignete Rahmenbedingungen schaffen, unter welchen qualitativ gut gearbeitet werden kann (bundeseinheitliche Standards, eine einheitliche Finanzierung und ein guter Betreuungsschlüssel).

Diskussion

Seit 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben. Für die über Dreijährigen besteht dieser bereits seit 1996. Auch wenn sich in den zurückliegenden Jahren Fortschritte beim Ausbau von Kita-Angeboten abzeichneten, fehlen aktuell bundesweit insgesamt über 400 000 Betreuungsplätze. Der Bedarf steigt laut „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung (2023) kontinuierlich, denn immer mehr Eltern wünschen sich eine frühere Betreuung. Der Rechtsanspruch auf eine Kindertagesbetreuung kann aktuell aufgrund des Fachkräftemangels nicht umgesetzt werden. Neben einem quantitativen Ausbau der Betreuungsplätze, müssen dringend Fachkräfte gewonnen bzw. qualifiziert und attraktive Arbeitsbedingungen gesichert werden. Verantwortlich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind Bund, Länder, Kommunen und Träger. Die Expert*innen der Diskussionsrunde beschreiben fachlich versiert die Problemlage und belegen die Aussagen mit aktuellen Zahlen. Die Diskussionsrunde analysiert die Probleme in den Kindertagesstätten umfassend und zeigt gleichermaßen die Zusammenhänge und Verwobenheit der Missstände auf. Auch in ihren Lösungsansätze formulieren die Teilnehmer*innen klar, die notwendigen nächsten Schritte. Ihre Forderungen werden emotional, metaphorisch und mit Pathos vorgetragen, diese sind aber weder überzogen noch unrealistisch. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden benannt, die aus der Misere herausführen. Auch dabei orientiert sich die Diskussionsrunde an wissenschaftlichen Studien. Insgesamt liefert die DVD eine kurzweilige, lebhafte Diskussion, die die aktuelle Darstellung im Kita-Bereich wissenschaftlich korrekt abbildet und das Interesse weckt, sich näher mit der Thematik zu befassen.

Fazit

Die DVD informiert in Form eines Pädagogik-Talks über die zentralen Problemfelder, die die Arbeit in den Kindertagesstätten aktuell erschweren. Interessant sind die unterschiedlichen Perspektiven auf die Fragestellung, welche die Diskussion beleben und die Thematik in ihrer Komplexität abbildet. Die Diskussionsrunde bleibt aber nicht bei der Problemanzeige stehen, sondern bringt konkrete Lösungsansätze, die für alle am Diskurs beteiligten Akteure relevant und aufschlussreich sind. 

Rezension von
Dr. Marion Aicher-Jakob
Dipl.-Päd., Akad. Oberrätin
stellvertretende Leitung des Schulpraxisamts
Institut für Erziehungswissenschaft
Pädagogik und Didaktik des Elementar- und Primarbereichs
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Es gibt 4 Rezensionen von Marion Aicher-Jakob.


Zitiervorschlag
Marion Aicher-Jakob. Rezension vom 17.05.2024 zu: Ilse Dr. Wehrmann, Elisa Martini, Karin Döring, Lisa Egen: Was ist in den Kitas los? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen). 46505377; Pädagogik-Talk. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31750.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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