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Martin Schreiner (Hrsg.): Religiöse Bildung und Digitalität

Rezensiert von Dr. Sungsoo Hong, 16.10.2024

Cover Martin Schreiner (Hrsg.): Religiöse Bildung und Digitalität ISBN 978-3-8309-4783-7

Martin Schreiner (Hrsg.): Religiöse Bildung und Digitalität. Die Rostocker Barbara-Schadeberg-Vorlesungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. 160 Seiten. ISBN 978-3-8309-4783-7. 29,90 EUR.
Reihe: Schule in evangelischer Trägerschaft - 24.

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Thema

Die fortschreitende Digitalisierung führt zu einem tiefgreifenden Wandel in der Gesellschaft sowie in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Theologie und Religionspädagogik, die eine kritische und konstruktive Reflexion von Bildungsaufgaben im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen anstreben, setzen sich seit geraumer Zeit mit der Digitalisierung auseinander. Es geht dabei nicht nur um die Anwendung neuer Technologien und Medien, sondern vielmehr darum, die grundlegenden Umbrüche sozialer Bezüge unter dem Vorzeichen einer „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) zu reflektieren und pädagogisch zu bearbeiten. Vor diesem Hintergrund ist der besprochene Sammelband besonders wertvoll, da er das Thema der Digitalität aus ethischer, pädagogischer, didaktischer und schulpraktischer Perspektive grundlegend reflektiert.

Herausgeber und Autor*innen

Der Sammelband wurde von Dr. Martin Schreiner herausgegeben. Er ist Professor für Religionspädagogik am Institut für Evangelische Theologie der Universität Hildesheim und Vorstandsvorsitzender der Barbara-Schadeberg-Stiftung. Neben ihm haben insgesamt zehn Autor*innen aus den Bereichen Religionspädagogik, Theologie und Medienpädagogik an diesem Band mitgewirkt. Darunter finden sich die in Rostock gehaltenen Vorträge von Martina Kumlehn, Roland Rosenstock und Andreas Spengler sowie zusätzlich eingeworbene Beiträge von Lioba Behrendt, Julia Bradtke, Maja Ebert, Michael Fricke, Ulrich Hemel, Manfred L. Pirner, Thomas Schlag und Bernd Schröder. Gemeinsam decken sie ein breites Spektrum an Themen ab, von ethischen und theologischen Grundlegungen bis zu praktischen Ansätzen für (religiöse) Bildung im digitalen Zeitalter.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband basiert auf den Rostocker Barbara-Schadeberg-Vorlesungen 2022, die sich dem Schwerpunktthema „Religiöse Bildung und Digitalität“ widmeten. Die Barbara-Schadeberg-Vorlesungen greifen regelmäßig aktuelle gesellschaftliche und pädagogische Herausforderungen auf und bieten wertvolle Impulse für religiöse Bildung. Sie richten sich nicht nur an Fachleute aus Theologie und Religionspädagogik, sondern auch an ein breites Publikum aus Pädagogik und Schulpraxis. Seit ihrer Einführung im Jahr 2001 werden die Vorlesungen in Kooperation mit verschiedenen deutschsprachigen Universitäten durchgeführt und haben sich als Plattform für den Diskurs über zukunftsfähige Bildung etabliert.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält neben der Einleitung des Herausgebers insgesamt zehn Beiträge, die das Thema der Digitalität aus ethischen, theologischen und praxisbezogenen Perspektiven beleuchten. Der Band gliedert sich in drei zentrale Abschnitte.

Die ersten Beiträge des Sammelbandes widmen sich einer grundsätzlichen, ethisch-theologischen Reflexion der Digitalisierung:

Ulrich Hemel eröffnet den Band mit seinem Beitrag „Digitale Bildung, Datenethik und die Zukunft der Zivilgesellschaft“. Dabei betont er die Notwendigkeit einer Wertebildung im digitalen Raum, die über die individuelle Selbststeuerung hinaus nach der neuen Verortung des Menschen in der Welt fragt. Digitale Bildung soll sowohl die Befähigung zur digitalen Selbstbestimmung umfassen als auch eine Ethik, die individuelle, soziale und politische Verantwortung berücksichtigt und sich darüber hinaus an einem umfassenden Weltethos orientiert.

Es folgt der Beitrag „Digitalität als Vorzeichen religiöser Bildung“ von Bernd Schröder. Er plädiert für eine informatisch kompetente religiöse Bildung, die sich die Förderung von Teilhabe- und Befähigungsgerechtigkeit sowie Orientierungsfähigkeit zum Ziel setzt. Dies sei deshalb besonders wichtig, weil mangelnde digitale Teilhabe zu epistemischer Ungerechtigkeit führen könne, in deren Folge Kinder und Jugendliche die Wirklichkeit verzerrt wahrnähmen. Digitale Phänomene wie KI, Big Data und Datafizierung stellen nicht nur ethische Herausforderungen dar, sondern werfen auch grundlegende religiöse und theologische Fragen zur Neuverortung des Menschen und seines Wirklichkeitsverständnisses auf.

Andreas Spengler argumentiert in seinem Beitrag „Diesseits der Technik: Medienpädagogische Herausforderungen der Digitalität“, dass Digitalität nicht bloß als technisches Phänomen, sondern als kulturelle Praxis wahrgenommen werden muss. Dies erfordert eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Digitalität, die über einen anwendungsorientierten Umgang hinausgeht und die professionelle Förderung einer (medien-)pädagogische Haltung einschließt. Dabei sind die ästhetischen Dimensionen der Mediatisierung ebenso zu berücksichtigen wie der bewusste Umgang mit Hybridität.

In seinem Beitrag „Medienethische Perspektiven der Digitalität“ geht Roland Rosenstock der Frage nach dem guten Leben aus theologisch-ethischer Perspektive nach. Er sieht im Zusammenspiel von Selbstbestimmung, Fürsorge und Befähigung zentrale Elemente, die es medienethisch zu reflektieren gilt. Darauf aufbauend plädiert er für eine theologisch fundierte Verantwortungsethik, die eine eschatologische Perspektive integriert und auf eine offene, mitzugestaltende Zukunft zielt, wie sie auch im Orientierungsrahmen der Evangelischen Schulen in Sachsen verankert ist.

Die komplexen Verflechtungen von religiöser und digitaler Kultur beleuchtet Martina Kumlehn in ihrem Beitrag „Religiöse Bildung und Profilentwicklung an evangelischen Schulen in einer Kultur der Digitalität“. Entscheidend ist dabei ein differenziertes Wahrheitsverständnis, das zwischen Fakt, Fake und Fiktion unterscheidet und zugleich die imaginative Kraft fiktionaler Räume anerkennt. Für evangelische Schulen ist es eine gewichtige Aufgabe, sich kritisch-reflexiv mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen und zugleich diese in ihrer Profilbildung aktiv mitzugestalten.

Der zweite Teil widmet sich den praktischen Konzepten für die pädagogische Praxis in evangelischen Schulen:

Der Beitrag „Ethischer Kompass in einer digitalen Welt“ von Manfred L. Pirner befasst sich mit den ambivalenten Auswirkungen der Digitalisierung. Digitalisierung kann demnach neue Vernetzungsmöglichkeiten eröffnen, aber zugleich Ungleichheiten verstärken. Im Sinne einer Öffentlichen Theologie und Religionspädagogik sollten evangelische Schulen die Konsequenzen der Digitalität für den christlichen Glauben reflektieren und gleichzeitig zum Gemeinwohl beitragen. Pirner plädiert für eine Ethik des digitalen Lebens, die auf christlichen Werten basiert und in Schulprofilen sowie pädagogischen Konzepten verankert werden sollte. Abschließend stellt er den „Ethischen Kompass“ des CJD 2021 vor, der digitale Teilhabe und verantwortungsvolles Handeln fördert.

Digitalisierung beeinflusst die Zeitwahrnehmung von Jugendlichen erheblich, wie Thomas Schlag in seinem Beitrag „Religionsunterricht in digital beschleunigten Zeiten“ thematisiert. Die Zeitwahrnehmung Jugendlicher in digitalen Räumen ist demnach von Beschleunigung und begrenzten Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung geprägt. Es sei daher religionspädagogisch geboten, die existenziellen Erfahrungen von Jugendlichen in digitalen Räumen aufzugreifen und sie religionsdidaktisch zu bearbeiten. Dabei können prozessuale, narrative und performative Erkenntnismodi genutzt werden, um die Lebensrelevanz religiöser Inhalte im „kairologischen Moment“ erfahrbar zu machen.

Der letzte Teil des Bandes enthält Beiträge aus der Schulpraxis, die konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für die religiöse Bildung in einer digitalen Welt aufzeigen:

Michael Fricke und Julia Bradtke stellen in ihrem Beitrag „Dialogkultur im Digitalen Lehrhaus für den Evangelischen Religionsunterricht“ das Projekt „Digitales Lehrhaus“ vor. Dieses interaktiv gestaltete, digitale Lernsetting ermöglicht einen spielerischen Perspektivenwechsel und fördert den interreligiösen Dialog. Die beteiligten Schülerinnen und Schüler können „critical incidents“ reflektieren und ihre Fähigkeit zur Krisenbewältigung weiterentwickeln. Bei der Interaktion steht ein Prinzip im Mittelpunkt, das als Goldene Regel formuliert wird: „Sprich mit anderen so, wie du möchtest, dass sie mit dir sprechen.“

Das Thema Dialog bzw. dialogisches Lernen greift Maja Ebert in ihrem Beitrag „Digitalog: Dialogisch Lernen im Digitalen. Hintergründe und Ansätze eines (neuen) Konzepts“ auf. Sie leitet aus ihren Feldbeobachtungen im ländlichen Raum Ostdeutschlands Impulse für konzeptionelle Weiterentwicklungen ab. Ein Praxisbeispiel aus einem fachübergreifenden Schulprojekt im ländlichen Raum Sachsens veranschaulicht, wie digitale Dialogformate helfen können, die Distanz zu außerschulischen Gesprächspartnern zu überwinden, insbesondere in Regionen, in denen gesellschaftliche Pluralität weniger präsent ist.

Den Abschluss bildet der Beitrag von Lioba Behrendt „Religionsunterricht in einer Kultur der Digitalität. Potenziale digitaler Medien für den Evangelischen Religionsunterricht“. Sie stellt verschiedene digitale Tools vor, die sie bereits zum Thema „Jesus Christus“ in verschiedenen Schulformen erprobt hat. Die Tools, wie digitale Umfragen, Reflexionen zu „Jesus Christus in sozialen Medien“, Storytelling und Filmprojekte, haben einen starken Lebensweltbezug und sind auch auf andere Themen und Fächer übertragbar.

Diskussion

Ein zentraler Ertrag des Bandes liegt in der differenzierten Betrachtung der Digitalität, die nicht nur als technische Innovation, sondern als grundlegenden strukturellen und kulturellen Wandel – im Sinne einer „Kultur der Digitalität“ – verstanden wird. Dieser Wandel erfasst facettenreiche gesellschaftliche Bereiche und Lebenswelten, einschließlich Religion und Bildung. Diese Perspektive verdeutlicht, dass der digitale Wandel tiefgreifende Auswirkungen auf bildungstheoretische Fragen zu Subjekt und Bildung hat und wichtige Konsequenzen für die Bildungspraxis mit sich bringt.

Besonders hervorzuheben ist zudem die Relevanz des Bandes für die religiöse Bildungspraxis sowie die Profilentwicklung evangelischer Schulen, aber auch darüber hinaus. Die Beiträge zeigen, dass religiöse Bildung auf gesellschaftliche und kulturelle Wandlungsprozesse angemessen reagieren und diese aktiv mitgestalten muss. Digitale Medien verändern nicht nur die Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird, sondern auch die Formen, in denen Religion praktiziert und gelebt wird. Gerade in digitalen Räumen entstehen neue Ausdrucksformen von Religiosität, die von traditionellen Formen abweichen und eine Anpassung der Bildungsinhalte erfordern.

Auch die Balance zwischen theoretischen Überlegungen und praktischen Gestaltungsmöglichkeiten hat sich bewährt. Während die ersten Beiträge ethische und theologische Fragen in den Vordergrund stellen, wird im zweiten und dritten Teil des Bandes deutlich, wie sich diese Überlegungen in konkrete schulische Bildungsprozesse integrieren lassen.

Der Band bietet eine Fülle von Anregungen, die nicht nur religiöse Bildung, sondern auch bildungstheoretische Grundlagen und fachdidaktische Konzepte weiterentwickeln und konkretisieren können. Zum Schluss lassen sich jedoch einige Themen exemplarisch nennen, die weiter vertieft werden sollten: Digitalisierung und veränderte Bedingungen der Subjektivierung könnten intensiver thematisiert werden. Besondere Aufmerksamkeit sollte zudem den Phänomenen der digitalen Selbstdarstellung, wie bei Influencern, gewidmet werden, da sie neue Formen der Sinnstiftung und Identitätsbildung hervorbringen. Im Hinblick auf die Beschleunigung und die veränderte Zeitwahrnehmung in digitalen Räumen wäre es sinnvoll, die zeitliche und räumliche Perspektive noch stärker miteinander zu verschränken.

Fazit

Der besprochene Sammelband bietet einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung für religiöse Bildung und die Profilbildung evangelischer Schulen. Er richtet sich damit sowohl an Fachleute als auch an Lehrkräfte in der Schulpraxis. Auch wenn der Schwerpunkt auf religiöser Bildung und evangelischen Schulen liegt, kann der Band zugleich zu grundlegenden Überlegungen zur allgemeinen Bildungspraxis anregen.

Rezension von
Dr. Sungsoo Hong
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Forschungszentrum für Religion und Bildung (FZRB), Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 3 Rezensionen von Sungsoo Hong.

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ISSN 2190-9245