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Reinhild Schwarte, Anna Katharina Alexandridis: Körperbild bei Essstörungen

Rezensiert von Prof. Dr. Eva Wunderer, 10.06.2024

Cover Reinhild Schwarte, Anna Katharina Alexandridis: Körperbild bei Essstörungen ISBN 978-3-497-03218-1

Reinhild Schwarte, Anna Katharina Alexandridis: Körperbild bei Essstörungen. Ein interdisziplinäres Therapiemanual. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2024. 211 Seiten. ISBN 978-3-497-03218-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

Das Buch enthält umfangreich ausgearbeitete altersübergreifende Therapieeinheiten zur Arbeit am Körperbild mit Menschen mit Essstörungen. Die einzelnen Einheiten sind dabei als kombinierbare Module zu verstehen, nicht als Manual, das gänzlich und in einer vorgegebenen Reihenfolge durchzuführen ist. Ein einleitender Teil informiert zudem über Symptomatik der und Behandlungsansätze bei wesentlichen Essstörungen sowie die interdisziplinäre Betrachtung des Körperbilds und Instrumente zur Diagnostik der Körperbildstörung.

Im Internet stehen Online-Arbeitsmaterialien zum Download bereit, das Passwort ist im Buch enthalten. Die Materialien umfassen zahlreiche Arbeitsblätter, jeweils in Du- und Sie-Form.

Autor:innen

Dr. Reinhild Schwarte leitet den Fachbereich Essstörungen in der Oberbergklinik Konraderhof bei Köln, in der Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von 5 bis 21 Jahren behandelt werden. Sie ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin der Fachrichtung Verhaltenstherapie und arbeitet auch schematherapeutisch. Zudem ist sie Mitbegründerin des Netzwerkes für angewandtes Improvisationstheater in der Psychotherapie, das 2023 ins Leben gerufen wurde.

Dr. Katharina Alexandridis ist als Sport- und Bewegungstherapeutin ebenfalls an der Oberbergklinik Konraderhof tätig. Sie hat einen Magister in Sportwissenschaft, Sportmedizin und Erziehungswissenschaft und danach den European Master in Adapted Physical Activity in Belgien absolviert. Sie forscht und lehrt weiterhin an der Deutschen Sporthochschule in Köln, an der sie auch promoviert hat, unter anderem zur Körperbilddiagnostik. Neben Sport- und Bewegungstherapie bietet sie auch tiergestützte Interventionen an.

Auf der Homepage der Oberbergklinik Konraderhof finden sich unter der Therapie der Essstörungen Hinweise und Videos zur Körpertherapie im Rahmen der Körperbildgruppe (https://www.oberbergkliniken.de/fachkliniken/​konraderhof/​koerperbildgruppe).

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung in acht inhaltliche Kapitel. Im ersten Kapitel werden zunächst die Symptomatik der Anorexia und Bulimia nervosa sowie der Binge-Eating-Störung auf Basis der Kriterien der ICD-11 beschrieben. Weiterhin findet sich ein kurzes Kapitel zu Behandlungsansätzen, das sich an der S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen orientiert, in der Körperbildarbeit jedoch wenig aufgegriffen wird.

Das zweite Kapitel widmet sich der interdisziplinären Betrachtung des Körperbilds. Dabei wird zwischen Körperbildstörung und Körperschemastörung unterschieden, wobei erstere primär kognitiv-emotional-evaluative Kompetenten beschreibt, letztere somatisch-perzeptive Phänomene. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht differenziert sich das Körperbild wiederum in vier miteinander verwobene Komponenten: die perzeptive, kognitive, affektive und behaviorale, die im Buch vorgestellten Interventionen adressieren alle vier Komponenten. Das Manual bezieht weiterhin die sport- und bewegungstherapeutische Perspektive sowie die des Improvisationstheaters ein, die in diesem Kapitel ebenfalls in Bezug auf die Körperbildtherapie vorgestellt werden. Gerade aus dem Improvisationstheater lassen sich hilfreiche Grundhaltungen ableiten, wie „raus aus dem Kopf“ oder „scheiter heiter“.

Die multidimensionale Diagnostik bei Körperbildstörungen ist Inhalt des dritten Kapitels. Dabei werden ausgewählte Fragebögen zur Diagnostik vorgestellt, exemplarisch der Kölner Körperbild Test KKT, zu dem auch Katharina Alexandridis forscht.

Kapitel 4 und 5 thematisieren Ziele, Methoden und Techniken bzw. Rahmenbedingungen der Interventionen. Als übergeordnetes Ziel der Körperbildtherapie beschreiben die Autorinnen „zu einer andauernden, konstanten und tragfähigen Beziehung zum eigenen Körper zu kommen“. Dies beinhaltet Selbstwahrnehmung und körperbezogene Achtsamkeit (perzeptive Komponente des Körperbilds), Selbstreflexion, Neubewertung und Akzeptanz des eigenen Körpers (kognitive Komponente), den Abbau von Scham und Schuldgefühlen (affektive Komponente) sowie Flexibilisierung des Verhaltens und Abbau von Symptomverhalten (behaviorale Komponente). Dabei kommen vielfältige Methoden und Techniken zum Einsatz, von A wie Achtsamkeitsübungen und Arbeitsblätter über E wie Emotionsaktivierung, Exposition und Exploration bis V wie Validierung. Bezüglich der Rahmenbedingungen werden personelle (Wirkfaktoren auf Seiten der Patient:innen, der Gruppe, wobei die Gruppenregeln ausführlich beschrieben werden, der Therapeut:innen und des Teams) ebenso thematisiert wie strukturelle (Raum, Zeit, Materialien). Den Abschluss des fünften Kapitels bildet die Beschreibung des üblichen Ablaufs einer Therapieeinheit, die sich in (1) die Begrüßung und Hinführung, (2) die Kernphase und (3) Embodiment und Transfer in den Alltag, oft durch therapeutische Hausaufgaben, gliedert. Dieser Dreischritt zieht sich auch durch

Kapitel 6, in dem 30 Therapieeinheiten vorgestellt werden, die sich aus der Erfahrung der Autorinnen heraus besonders bewährt haben und die in der Gruppen-, aber auch Einzeltherapie einsetzbar sind. Die Übungen sollen helfen, Teufelskreise dysfunktionaler Bewertungen zu erkennen und zu verlassen, befassen sich u.a. mit Attraktivität, Körperkontakt und -sprache, Selbstwert, Werten und Grundbedürfnissen, Sozialen Medien, Selbstfürsorge und der körperlichen Individualität jeder einzelnen Person.

Kapitel 7 erweitert die Therapieeinheiten um Exkursionen als praktische Übungen im alltäglichen Lebensumfeld, So werden körperbildbezogene Expositionen beispielsweise in Fußgängerzone oder Einkaufszentrum umgesetzt, beim Einkaufen von Kleidung, im Schwimmbad oder im Fitnessstudio. Diese Übungen sind anspruchsvoll und können hochgradig triggernd wirken, wirken dadurch aber nach Erfahrung der Autorinnen oft sehr nachhaltig. Im achten und letzten inhaltlichen Kapitel werden jahreskreisbezogene Interventionsideen vermittelt, die wetterbedingte Phänomene aufgreifen (z.B. Kleidung je nach Jahreszeit), aber auch kulturelle Feste wie Weihnachten, Karneval, Ramadan und Zuckerfest.

Diskussion

Die Autorinnen zeigen in diesem Manual Lieblingsübungen und -inhalte – ihre eigenen und die ihrer Patient:innen – aus Jahrzehnten eigener therapeutischer Arbeit im Essstörungsbereich. Sie verstehen das Buch als eine Art Baukasten, aus dem modular Übungen für die Einzel- und Gruppenarbeit übernommen werden können.

Darunter finden sich „Klassiker“, wie Bodyscan, Körperumriss oder Fotobiografie, und vielfältige weitere kreative Übungen, gerade auch aus dem Improvisationstheater. Die Expositionsübungen sind mit dem alltäglichen Lebensumfeld der Patient:innen verwoben. Die Therapieeinheiten sind ausführlich und nachvollziehbar beschrieben, gut strukturiert und auch optisch ansprechend dargestellt, oft mit Abbildungen, z.B. von Flipchart-Mitschriften oder Fotos, und mit hilfreichen Tipps versehen (z.B. wertfrei von „Körpermitte“ statt von „Bauch“ sprechen). Die mitgelieferten Arbeitsblätter erleichtern die Umsetzung; schön ist, dass diese durch die Ausfertigungen in „Du-“ und „Sie-Form“ für verschiedene Alters- und Zielgruppen angewendet werden können.

Das Buch ist empfehlenswert für psychosoziale wie therapeutische Fachkräfte, die mit Menschen mit Essstörungen arbeiten und dabei (auch) das Körperbild in den Blick nehmen. Die Therapieeinheiten erfordern einen gewissen zeitlichen Aufwand. Jedoch sind etliche gerade der Improvisationsübungen auch für die Beratungsarbeit oder als kürzere Übung vorstellbar, ohne dass die ganze Therapieeinheit durchgeführt wird – um z.B. im „Klatschkreis“ heiter zu scheitern, bei der „Au-ja-“ und der „Ein-Wort-Geschichte“ Kontrolle aufzugeben oder beim „Speed-Dating“ Attraktivitätsmerkmale zu finden.

Fazit

Das Buch liefert jede Menge Anregungen und neue Perspektiven und macht Lust auf die Arbeit am Körperbild.

Rezension von
Prof. Dr. Eva Wunderer
Diplom-Psychologin, Hochschule Landshut
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Es gibt 5 Rezensionen von Eva Wunderer.

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Zitiervorschlag
Eva Wunderer. Rezension vom 10.06.2024 zu: Reinhild Schwarte, Anna Katharina Alexandridis: Körperbild bei Essstörungen. Ein interdisziplinäres Therapiemanual. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2024. ISBN 978-3-497-03218-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31754.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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