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Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit im Gemeinwesen

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 29.02.2024

Cover Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit im Gemeinwesen ISBN 978-3-7799-6238-0

Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit im Gemeinwesen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-6238-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Das Lehrbuch bietet eine grundlegende Einführung in eine ehemals als klassisch bezeichnete Methode der Sozialen Arbeit: die Gemeinwesenarbeit. Heute repräsentiert Gemeinwesenarbeit ein vielfältiges und traditionsreiches Konzept in der sozialraumbezogenen Arbeit. Gleichzeitig fungiert der Begriff als eigenständiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit. Basierend auf einem jahrzehntelangen Erfahrungsschatz des Autors und angereichert mit vielen Gastbeiträgen sowie anonymisierten Statements von Praktiker*innen, werden theoretische Grundlagen sowie praktische Methoden und Konzepte vorgestellt.

Autor

Dr. Peter-Ulrich Wendt ist seit 2009 Professor für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. In den vergangenen Jahren hat er zahlreiche einführende Werke, unter anderem zu Schlüsselbegriffen, den Methoden und der kritischen Sozialen Arbeit, verfasst. In diesem Band widmet sich der Autor der Sozialen Arbeit im Gemeinwesen.

Aufbau

Nach einem Vorwort ist das Werk in vier Hauptkapitel unterteilt:

  • Einladung ins Gemeinwesen (I),
  • Grundlagen (II),
  • Praxis (III) und
  • Handlungsgestaltung (IV).

Der Schwerpunkt liegt auf dem Kapitel III Praxis, das fast zwei Drittel des Gesamtwerks umfasst. Der rote Faden des Lehrbuchs wird vom Autor metaphorisch als ein Haus dargestellt. Das Dach repräsentiert die Grundlagen des professionellen Handelns (II, 2–5), das Obergeschoss umfasst das Verständnis der Verhältnisse (III, 6–10), die Bedarfslagen und Interessen eines Gemeinwesens (III, 11–14), das Untergeschoss beinhaltet die methodischen Instrumente, und schließlich bildet das Fundament eine handlungsleitende Zusammenführung (IV, 15). In jedem Kapitel sind Gastbeiträge von Praktiker*innen der Sozialen Arbeit im Gemeinwesen eingefügt, um die fachlichen Argumentationen des Autors zu veranschaulichen und/oder tiefere Einblicke in die Praxis zu bieten. Zusätzlich gibt es am Ende jedes Kapitels Literaturhinweise für weiterführende Arbeit zu den behandelten Themen.

Inhalt

Im Vorwort des Autors werden zunächst auch die Erwartungen an die Leser*innen des Buchs adressiert. Das Buch beabsichtigt weder zu zeigen, wie etwas für Menschen getan werden sollte, noch dient es als Handlungsanleitung. Vielmehr soll ein Verständnis dafür entstehen, dass Soziale Arbeiter*innen Theorien, Konzepte, Methoden und Verfahren angemessen auf einen Fall anzuwenden verstehen. Kapitel I bietet eine vertiefte Einführung, die mit einem Erfahrungsbericht zur Sozialen Arbeit im Gemeinwesen beginnt. Dabei wird zunächst ein Grundverständnis Sozialer Arbeit herausgearbeitet, welches sich insbesondere darauf konzentriert, dass Soziale Arbeit sich gegen marginalisierende Verhältnisse richtet, die Menschen benachteiligen.

Kapitel II Grundlagen führt in die relevanten Begriffe ein, skizziert die Geschichte der Arbeit im Gemeinwesen, erläutert wesentliche Rahmenbedingungen und leitet mit den Themen Aktivierung und (Quartiers-)Management zu Kapitel III über. Besonders interessant sind hier die Ausführungen zur systemkonformen Sozialen Arbeit im Gemeinwesen. Diese geht im Wesentlichen von einer sozialgerechten Gemeinschaft aus, in die Individuen mit Unterstützung (wieder) integriert werden sollen. Im Gegensatz dazu steht eine Herangehensweise, die vorrangig auf Systemveränderung abzielt, ungerechte Umstände kritisiert und sich für politische Transformationen einsetzt, um sich dem Ideal einer möglichst herrschaftsfreien, solidarischen Gesellschaft ohne Unterdrückung anzunähern.

Allerdings setzt sich unter den gegebenen Rahmenbedingungen im Diskurs ein neoliberaler Duktus durch. Demnach wird ein Ansatz einer systemkonformen Sozialen Arbeit bevorzugt. Soziale Arbeit wird dabei als Mittel betrachtet, um soziale Konflikte zu befrieden, Hilfe an Gegenleistungen zu koppeln und insbesondere dazu beizutragen, die Arbeitsfähigkeit und Bereitschaft des Humankapitals zu sichern.

Kapitel III Praxis zeigt auf, wie Soziale Arbeit ausgehend von einer Analyse des Gemeinwesens Bedarfe, Interessen, aber auch Missstände und Ressourcen identifiziert. Diese dienen als Ausgangspunkt für das Ziel, Menschen dabei zu organisieren, sich für ihre eigenen Anliegen einzusetzen, damit sie selbst für sich sprechen können und ihre Anliegen im öffentlichen Diskurs Gehör finden. Dabei wird auch auf unterschiedliche Gruppen im Gemeinwesen eingegangen, die sich nach Lebensphase und Lebenslage unterscheiden (z.B., Senior*innen, Wohnungslose, Jugendliche).

Ein zentraler Begriff in diesem Kontext ist die Praxisberatung, die sich zwischen Kommunalverwaltung bzw. Politik und der Stärkung der Selbstvertretung innerhalb der Bewohner*innenschaft verortet. Die Möglichkeit zur Mitgestaltung wird anhand zahlreicher diskurs- und erfahrungsgestützter Verfahren, wie Planspielen, illustriert. Mittels dieser Verfahren kann durch die Organisation von Menschen im Gemeinwesen Gegenmacht aufgebaut werden. Die Anliegen der Menschen werden so sowohl im Gemeinwesen als auch im medialen Diskurs bekannt, um Druck für Veränderungen hinsichtlich benachteiligender Verhältnisse aufzubauen.

Im Sinne einer kritischen Sozialen Arbeit sollten solche Verfahren auch auf die Sozialarbeiter*innen selbst übertragen werden. Sie können sich damit für bessere Rahmenbedingungen und mehr Handlungsspielräume in ihrer (politischen) Arbeit mit den Adressat*innen einsetzen.

In Kapitel IV Handlungsgestaltung werden die wesentlichen Punkte des Lehrbuchs zusammengefasst und weiterentwickelt, um eine Orientierung für die Soziale Arbeit im Gemeinwesen zu bieten. Der Auftrag des Autors an den/die Leser*in besteht darin, das Lehrbuch und die Kapitel in einem einzigen Satz zu zusammenzufassen. Mein Satz könnte demnach lauten: Navigieren im Kontext der Sozialen Arbeit im Gemeinwesen bedeutet, auf Grundlage einer umfassenden Kenntnis des Gemeinwesens und seiner Rahmenbedingungen sowie von Theorien, Methoden und Konzepten, eine kreative und situationsangemessene Vorgehensweise zu entwickeln, die darauf abzielt, nicht für, sondern mit den Menschen zu arbeiten und sie dazu zu befähigen, positive Veränderungen selbst zu verfolgen und umzusetzen.

Diskussion

Das Lehrbuch gewährt zweifellos einen umfassenden ersten Einblick in die Soziale Arbeit im Gemeinwesen, sowohl für Studierende als auch für erfahrene Praktiker*innen. Die Gastbeiträge und die eingeführten O-Ton-Stimmen aus der Praxis bereichern das Lehrbuch. Aus meiner Sicht wird insbesondere das Spannungsfeld zwischen einer systemstabilisierenden und -verändernden Rolle der Sozialen Arbeit im Gemeinwesen deutlich. Das Lehrbuch verdeutlicht, dass es um eine Positionierung der Sozialen Arbeit geht, die entgegen der Erwartungen seitens der kommunalen Politik und Verwaltung nicht nur darauf abzielt, Lücken im wohlfahrtsstaatlichen Arrangement zu schließen. Stattdessen wird sie aufgefordert, Handlungsspielräume zu suchen und gemeinsam mit den Bewohner*innen gesellschaftliche Strukturen zugunsten der marginalisierten Bevölkerungsgruppen im Gemeinwesen umzugestalten. Der Begriff des Gemeinwesens als lebensweltliche Raumdeutung der Bewohner*innen ist treffend gewählt, jedoch nicht ganz eindeutig in der Abgrenzung, dass Sozialraum allein die administrative Definition von Raum als Container bedeutet. Gerade im Diskurs um Sozialraumarbeit werden die Machtverhältnisse von Raumdeutungen betont. Es könnte hinzugefügt werden, dass der Begriff Sozialraum in der Fachdebatte auch gut geeignet ist, Machtasymmetrien im Gemeinwesen offenzulegen; auch um einer allzu romantisierenden Vorstellung vom Gemeinwesen entgegenzuwirken.

Die Notwendigkeit, den Anspruch an eine politische Soziale Arbeit im Gemeinwesen als Eckpfeiler professionellen Handelns zu berücksichtigen, wird im Lehrbuch anschaulich anhand von Praxisbeispielen dargestellt und begründet. Die Tatsache, dass dieser Anspruch in der Praxis bis dato kaum eingelöst ist, liegt unter anderem darin begründet, dass die Gemeinwesenarbeit als nicht gesetzliche Pflichtaufgabe stets in Abhängigkeitsverhältnissen politischer Konstellationen auf kommunaler Ebene steht.

Fazit

Das Lehrbuch verdeutlicht eindrücklich, wie es einerseits gelingen kann, die Handlungsspielräume politischer Arbeit durch den Aufbau einer starken Lobby von Sozialarbeiter*innen zu stärken. Andererseits zeigt das Lehrbuch, wie die Arbeit mit (und nicht für Menschen) dazu führen kann, dass Menschen sich im Gemeinwesen engagieren, um benachteiligende Verhältnisse zu kritisieren, zu Themen öffentlicher Debatten zu machen und darüber schließlich politischen Druck für deren Abschaffung aufzubauen. Somit eignet sich der Band als einführende Lektüre für Studierende, kann aber auch für gestandene Praktiker*innen kapitelweise von großem Interesse sein, um konzeptionelles und methodisches Rüstzeug zu finden und erfolgreich in ‚ihrem‘ Gemeinwesen zu navigieren.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
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Es gibt 19 Rezensionen von Christian Schröder.

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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 29.02.2024 zu: Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit im Gemeinwesen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. ISBN 978-3-7799-6238-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31756.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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