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Philipp Greifenstein, Hanno Terbuyken: Vernetzt und zugewandt - digitale Gemeinde gestalten

Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Hanstein, 08.04.2024

Cover Philipp Greifenstein, Hanno Terbuyken: Vernetzt und zugewandt - digitale Gemeinde gestalten ISBN 978-3-7615-6980-1

Philipp Greifenstein, Hanno Terbuyken: Vernetzt und zugewandt - digitale Gemeinde gestalten. Ein Praxishandbuch. Neukirchener Verlagsgesellschaft (Neukirchen-Vluyn) 2024. 208 Seiten. ISBN 978-3-7615-6980-1. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 32,40 sFr.

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Thema

Spätestens mit der Corona Pandemie hat die Herausforderung Digitalisierung auch die Kirche und Gemeinden erfasst, und einen Change Prozess eingeläutet, dem sich dieses Buch nicht verweigern will. Die Autoren navigieren mit ihrem Buch praxisnah und gewinnend durch das Thema „digitale Gemeinde“. Sie beschreiten einen Mittelweg zwischen „einem euphorischen ‚Anything goes‘“ und „einer kulturskeptischen Ablehnung des Neuen“ (S. 10).

Autoren

Philipp Greifenstein, freier Journalist und Referent, Gründer des Magazins für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“: https://eulemagazin.de/ Hanno Terbuyken, Country Manager für den DACH-Raum bei ChurchDesk, vormals Leiter Digitale Kommunikation im GEP und Portalleiter von evangelisch.de.

Entstehungshintergrund

Als Medienschaffende der evangelischen Kirche beschäftigen sich die Autoren seit vielen Jahren mit Fragen der Digitalisierung und Digitalität. Ihre beiden verschiedenen beruflichen Perspektiven werden in „Vernetzt & zugewandt“ zusammengeführt. Erklärtes Ziel ist es, den „Leser:innen dabei (zu) helfen, Orientierung auf ihrem Weg zur digitalen Kirchengemeinde zu finden“ (S. 11).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht, nach einem persönlichen Vorwort der Autoren, aus acht Kapiteln, zusätzlich eines – biblisch inspirierten – Nachwortes: „Was ist Digitalisierung?“ (Kap. 1), „Wie die Digitalisierung Gemeinde verändert“ (Kap. 2), „Die Gemeinde-Webseite“ (Kap. 3), „Kirchengemeinde und Social Media“ (Kap. 4), „Digitale Werkzeuge jenseits von Social Media“ (Kap. 5), „Gemeindeverwaltung digitalisieren“ (Kap. 6), „KI und Kirche“ (Kap. 7) und dem „Glossar der digitalen Kirche (Kap. 8).

„Vernetzt & zugewandt“ setzt seinen Startpunkt in den ersten Digitalisierungsversuchen der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts sowie mit zwei markanten Aussagen: Digitalisierung geht nicht ohne den Menschen und Digitalisieren geht nicht ohne Gefühl – wenn deren Ergebnis gut und nachhaltig sein soll. Für Gemeinden bedeute dies, dass eine gelungene Digitalisierung die Menschen nutzt, die gemeindlich im engeren und weiteren Sinne verbunden sind. Denn nur so ermögliche, unterstütze und erleichtere die Digitalisierung die Kommunikation aller Beteiligten im Sozialraum Gemeinde.

Im folgenden Duktus wird der – anspruchsvolle – Versuch unternommen, „Kirchensprech“ (S. 16) mit Definitionen und sprachlichen Mustern des digitalisierten Zeitalters zusammenzuführen, z.B. die „Grundvollzüge der Kirche“ mit den „Grundformen der Digitalität“ (S. 15–19). Damit wollen die Autoren immer wieder Engführungen vorbeugen bzw. diesen, so bereits erfolgt, überzeugend und mit Klarheit begegnen. Zuweilen bedienen sie sich dazu einprägsamer sprachlicher Bilder: „Für die Digitalisierung gilt wie für Schürfwunden: Luft muss ran!“ (S. 23) Sie benennen Desiderate in den kirchlichen Digitalisierungsdebatten und belegen ihre Argumente stets nachvollziehbar und sehr praxisbasiert.

Digitalisierung entgrenzt, und zwar in einer bislang nicht gekannten Komplexität der Ebenen und einer beschleunigten Geschwindigkeit. „Vernetzt & zugewandt“ macht dieses Phänomen an den für kirchliches Leben relevanten Aspekten Raum, Zeit und – milieuspezifisch wichtig – Hierarchie deutlich: „Eine Kirche, die digital sein möchte, muss damit umgehen. Sie muss die Erwartungen der Menschen in der digitalen Gesellschaft kennen und ihr Handeln daran anpassen.“ (S. 33) Nicht nur dies: Dieser Umstand verändert Kirche und Gemeinden in ihren Selbstkonzepten und ist damit eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für die Arbeit am eigenen Mindset.

Mit der Notwendigkeit der Veränderung, aber auch dem Mut zu keinen Schritten – hier sprechen Praktiker – steigt das Buch in das folgende zweite Kapitel ein. Ebenso praxisnah gestalten sich die folgenden Unterkapitel, wie z. B: „Das Rad nicht neu erfinden“ oder „Dinge bleiben lassen“. Diese wichtige Herausforderung und Bedingung für erfolgreiche Change Prozesse wurde vorab (S. 38) bereits mit dem „Gelassenheitsgebet“, das dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird, eingeführt. Was verbindet in und trotz der Digitalisierung – man könnte auch wortspielerisch sagen: wie bleibt Gemeinde WIRtuell? – Menschen in einer gemeindlich verfassten Sozietät? Mit diesem spannenden Fragehorizont werden die folgenden Kapitel eröffnet.

In diesen wird ein Überblick über Themen wie: Social Media Plattformen, Community Building, Formatentwicklung, Newsletter, Podcast und Livestream, das papierfreie Pfarrbüro, bargeldloses Spenden bis hin zum Datenschutz gegeben. Als finales Kapitel findet sich – passend zu aktuellen Debatten um das Thema – ein Ausblick auf „Künstliche Intelligenz“.

Diskussion

Der praxisgeerdete Zugang und die eingeflossene Erfahrung der Autoren machen das Buch zu einer Basisliteratur hinsichtlich des Themas in kirchlichen und gemeindlichen Kontexten. Auch die leichte und eingängige Sprache ermöglicht ein gutes Hineinfinden in ein, nicht für alle Menschen des gemeindlichen Lebens einfaches Thema.

Farblich unterlegte Zusammenfassungen am Ende einzelner – besonders relevanter – Kapitel unterstützen die Leser:innenführung. Gelegentlich hätten sich mehr Visualisierungen angeboten, wie beispielsweise bei der leidenschaftlichen Aussage, dass ein online gestelltes PDF noch kein digitalisierter Prozess ist. Bei Leser:innen, die mit Digitalisierungsprozessen betraut sind, taucht hier vielleicht spontan das SAMR-Modell vor ihrem geistigen Auge auf. Anhand dessen ließe sich ohne viele Worte die Durchdringungstiefe der – in Pfarrbüros noch nötigen – Digitalisierung gut visualisieren.

Hervorzuheben ist, dass die Aktualität des Themas „KI“ erkannt und als finales Kapitel dem Buch angegliedert wurde. Allerdings ist das abschließende Kapitel recht kurz geraten und steht nicht unter dem Anspruch, die bisher aufgefalteten Teilaspekte durch diese Brille (nochmals, gleichsam „von hinten her“) zu beleuchten. Diese Beobachtung ist nicht als Desiderat zu verstehen und wird im Zusammenhang mit der Drucklegung des Buches bereits im Herbst 2023 stehen. Vielmehr ist dem Buch von diesem – vorläufigen – Schlusspunkt eine angemessene Rezeption und auch eine Fortschreibung in den Bereich der „Künstlichen Intelligenz“ zu wünschen. Gleiches gilt für Felder, die theologisch noch weiter diskutiert und differenziert werden könnten (was aber hier auch nicht intendiert war).

Obwohl es sich um ein Praxisbuch zu Fragen der Digitalisierung handelt, wird durchlaufend der „Faktor Mensch“ in die Gedankenstränge der Autoren erkennbar. Darin besteht eine Besonderheit dieses Buches, das – neben der fachlichen Affinität der Autoren – auch deren Werthaltungen und christliche Prägungen nicht verschweigt.

Die Autoren von „Vernetzt und zugewandt“ nehmen die Leser:innen auf ihrer Suche nach Wegen einer zukunftsweisenden vernetzten Form von Kirche – und Gemeindeleben – überzeugend mit. Ihre praxisgeerdeten Beschreibungen sind von der Haltung geprägt, dass in neuartigen digitalen Formen eine neue Qualität von Vernetzung möglich ist, Digitalisierung aber „kein Wundermittel“ (S. 221) für die vielfältigen Herausforderung der Kirche ist, deren Ursachen an anderen Stellen zu suchen sind. In Formen „digitaler Kirche“ zeigt sich vielmehr, wie offen und neugierig Kirchen und Gemeinden heute noch sind. Theologisch relevant ist dieser Gedanke insbesondere deshalb, weil sich das Unverfügbare – in religiöser Sprache: Gott – in den Zeugnissen der Bibel immer wieder in Situationen hinein andeutete, die weder zu erwarten noch zu antizipieren waren.

Fazit

„Vernetzt & zugewandt“ ist ein innovatives Praxisbuch, das aktuelle Entwicklungen im Blick hat und mit Weitsicht für Vernetzungs-Chancen der digitalen Gesellschaft und Gemeinde wirbt.

Rezension von
Prof. Dr. Thomas Hanstein
Theologe, Pädagoge, Stv. Schulleiter, Berufsschul- und Hochschullehrer (FH), Business- und Team Coach, Change Manager, Buchautor
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Es gibt 4 Rezensionen von Thomas Hanstein.

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Zitiervorschlag
Thomas Hanstein. Rezension vom 08.04.2024 zu: Philipp Greifenstein, Hanno Terbuyken: Vernetzt und zugewandt - digitale Gemeinde gestalten. Ein Praxishandbuch. Neukirchener Verlagsgesellschaft (Neukirchen-Vluyn) 2024. ISBN 978-3-7615-6980-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31758.php, Datum des Zugriffs 30.05.2024.


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