socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Bachmair, Jan Faber u.a.: Beraten will gelernt sein

Cover Sabine Bachmair, Jan Faber, Claudius Hennig, Rüdiger Kolb, Wolfgang Willig: Beraten will gelernt sein. Ein praktisches Lehrbuch für Anfänger und Fortgeschrittene. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 7., unveränderte Auflage. 180 Seiten. ISBN 978-3-407-22030-1. 12,90 EUR, CH: 23,70 sFr.

Reihe: Beltz-Taschenbuch.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Einführung 

Dieses in 7. Auflage fast unverändert (1. Aufl.: 1989) erschienene Taschenbuch wendet sich überwiegend an Lehrer, Beratungslehrer und Angehörige sozialer Berufe und ist den Beratungslehrern in Sigmaringen und Umgebung gewidmet  (S.5, Einleitung). Die Autoren - sämtlich aus pädagogischen Berufen - beanspruchen kein "Kochbuch für Beratungstechnologie" (S. 13) aufzubereiten, sondern heben hervor, sich an einem humanistisch-psychologischem Menschenbild zu orientieren. Nach Carl Rogers, auf den sie sich berufen, wird das Individuum als autonom definiert, "dessen Wachstums- und Selbstverwirklichungsprozesse durch widrige Lebensumstände gestört werden können" (S. 13). Damit beziehen sie die soziale und gesellschaftliche Bedingtheit von Störungen durchaus ein. Die in den folgenden Kapiteln dargestellten Übungen und Rollenspiele seien nicht "am grünen Tisch" entstanden sondern reflektierten die Ausbildungsarbeit der Autoren.

Die Ausführungen der Autoren werden in 5 Kapiteln dargestellt, jeweils einer der Autoren zeichnet dafür verantwortlich.

Kapitel 1 Gesprächsführung

Hier wird Alltagsberatung von professionalisierter Beratung abgegrenzt. Besonders ausführlich wird auf die sogenannten Beratervariablen von Rogers eingegangen: Akzeptanz, Empathie und Kongruenz. Es folgen Gesprächsmethoden und sprachliche Aspekte bei der Formulierung von Problemen und Gefühlen durch den Berater. Unter "Problemaspekte der Beratung" werden äußere Störungen, der zeitliche Rahmen, das Beratungssetting und die Erwartungshaltung der Beteiligten gefasst, aber auch persönliche Prozesse wie Gefühlsausbruch, Stimmung, Unterbrechungen usw.  Gleichzeitig werden Hinweise gegeben, wie mit diesen Problemen umzugehen ist.

In dem dann folgenden Praxisteil werden Überlegungen zum warming-up, zu Medieneinsatz und zum Übungs-Setting gegeben, aber auch sprachliche Übungen zum Zuhören, Verstehen, Verbalisieren und richtigem Strukturieren. Auch Lösungsvorschläge  für schwierige Situationen wie Umgang mit Schweigen, Aggressionen, Beziehungsschwierigkeiten usw. werden eingebracht.

Kapitel 2 Gespräche mit Familien

Für den Lehrer ergeben sich oft Schwierigkeiten daraus, auf das beeinflussende Bezugssystem Familie effektiv  einzuwirken, z.B. bei Schulschwierigkeiten, Lese-/Rechtschreibschwäche und anderen schulischen Defiziten. Bei einem solchen Beratungsgespräch mit der Familie ist der Erstkontakt sehr kritisch und wichtig  für die weitere Zusammenarbeit. Generell gestaltet sich das Familiengespräch in Form typischer Phasenabläufe wie "Kontaktphase", "Problemphase", "Strukturphase" und abschließende "Kontraktphase", bei der bestimmte Vorschläge und Veränderungsabsichten praktiziert werden sollen.

Der Praxisteil dieses Kapitels bezieht sich auf  die Simulation eines familiär begründeten Problems in der übenden Kleingruppe. Für Auflockerung soll die Anwendung des Verfahrens zur Körperentspannung von Jacobsen sorgen.

Kapitel 3 Kommunikationsprozesse in der Beratung

Die Ausführungen richten sich auf  die Darstellung der Theorie und Regeln von Watzlawickund die Beschreibung einiger Beispiele zu diesem Ansatz. Übungen dazu sollen das Verständnis für die Axiome von Watzlawick erhöhen. Die Analyse eines Gruppengespräches unter kommunikationstheoretischen Aspekten rundet das Kapitel ab.

Kapitel 4 Die Rolle des Beraters und die Funktion von Beratung.

Hier werden Ziele und Aufgaben aus der Sicht der schulischen und schulpsychologischen Beratung diskutiert. Die Unterschiede einer Schullaufbahnberatung gegenüber einer mehr individualpsychologischen Beratung werden skizziert. Dabei werden gesellschaftliche und bildungspolitische Absichten den Ansprüchen  eines emanzipatorischen Beratungsverständnisses gegenüber gestellt. Die unterschiedlichen Rollenerwartungen in einem solchen Beratungssetting werden durch ein Planspiel verdeutlicht.

Kapitel 5 Supervision

In diesem Kapitel wird über die Notwendigkeit von Supervision aufgeklärt. Supervision wird im Wesentlichen als ein Prozess der Selbstberatung von Beratern verstanden, der sich aus der Problematik des Klienten und den mangelnden gesprächstechnischen und persönlichen Mitteln  der Berater erklärt. Entsprechend wird als das geeignete Supervisionsmodell auch sehr ausführlich das TZI- Modell von Ruth Cohn erläutert. Die Durchführung von Rollenspielen, Erklärung von feed-back- Regeln, der Umgang mit Angst und Widerstand sowie einige Gesprächstechniken (Doppeln, leerer Stuhl, Rollentausch usw.) werden  beschrieben.

Kommentar

Als Rezensent, der sich selbst intensiv mit Gesprächstraining und Beratung in Praxis und Theorie beschäftigt hat, würde ich das Buch, das ja nun fast 20 Jahre alt ist, nur bedingt empfehlen. Während beim Erscheinen der ersten Auflage die Frage nach praktischen Übungen und Rollenspielen und der Erwerb eines gesprächstechnischen Vorgehens noch weit verbreitet war und ähnliche Bücher auf dem Markt erschienen waren, haben sich in den letzten Jahren doch einige Rahmenbedingungen geändert. Die Professionalisierung des Beratungsberufes hat sich  weiterentwickelt und auch das Wissen, welche organisatorischen, sozialen und gesellschaftliche Rahmenprozesse das Interaktionsgeschehen mitbestimmen. Man denke nur an schulische Unruhen, Bildungsbenachteiligung, ungenügend integrierte Kinder von Migranten usw. Aus diesen neueren Rahmenprozessen ergeben sich zwangsläufig neue Schwierigkeiten in der Gestaltung von Beratungsprozessen. Man denke nur an Formen mehr oder weniger erzwungener Beratung, die angeboten werden müssen. Beratungen, in denen der Berater sein Rollenverständnis für sich und den Klienten erst einmal klären muss.  Das heißt nicht, dass ein von den Autoren vertretenes humanistisch-psychologisches Beratungsverständnis hier  obsolet wird, vielmehr müsste es anhand neuerer Koordinaten entwickelt werden (s. die zweibändige Ausgabe des Handbuches der Beratung von Nestmann et al. 2004).

Im Einzelnen habe ich folgende Beanstandungen:

  • Die Literatur bezieht sich im wesentlichen auf die 70iger und 80 iger Jahre.
  • Das Buch ist für mich nicht stringent gegliedert, z.B. Grundlagenteile wie die Watzlawick-Axiome zur Kommunikation (auch: 70er Jahre) erscheinen übergangslos im Mittelteil des Buches und nicht in den Einleitungskapiteln.
  • Die Kapitel sind nicht aufeinander bezogen, so dass sich Wiederholungen und überflüssige Ausführungen ergeben.
  • Inhaltliche Beanstandungen habe ich besonders im Hinblick auf die empirische Validität solcher Rollenspiele. D.H.: werden lernende Berater wirklich besser auf praktische Beratungstätigkeit vorbereitet, wenn sie  die vielen Rollenspiele - oft rein gesprächstechnisch- absolviert haben? Wie ich selber aus vielen ähnlichen Übungsveranstaltungen weiß, lösen die Übungsaufgaben bei den lernenden Seminarteilnehmern eine gewisse Spielfreude aus. In neuerer Zeit haben Autorinnen wie Kunze(2004) jedoch auf die Problematik eines ungenügenden Transfers hingewiesen. Ganzheitlich konzipierte Förderung und Ausbildung im unmittelbaren Anwendungsfeld tun Not, nicht die in einer künstlichen Seminar-Scheinwelt.
  • Im Hinblick auf die Umsetzung ist jedoch auch anzumerken, dass für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung Raum sein muss, d.h. die Übungsangebote müssen jederzeit - fern von einer Normierung - für den einzelnen erfahrungsoffen sein und nicht nach einem rein reaktiven Muster gegeben sein!  Kunze (2004) und auch Sander/ Ziebertz (2006) haben zu Recht die Frage nach dem Transfer solcher genormter Übungen gestellt. Hinweise für eine empirische Validität der Übungsprogramme in dem Buch fehlen jedoch! Es gibt keine Berichte darüber, ob Absolventen dieser Übungskurse für ihre Praxis entscheidend profitiert haben!

Fazit

Für die heutige schulische und sozialarbeiterische Beratungstätigkeit sind die Übungsangebote in Anbetracht der Rollenproblematik von Beratern zu eng und nicht aktuell genug. Für diese Form des Lernens fehlt auch die empirische Validität.  Der Professionalisierungsschub der  Beratungswissenschaften in den letzten Jahren sowie das Wissen um soziale und gesellschaftliche Bedingungen finden in dem Buch keine richtige Entsprechung mehr.  Wer dennoch - vielleicht aus Gründen der Ausgangsmotivation der Lernenden für Beratung  - nach Anleitungen, technischen Bausteinen und Übungssegmenten mit klaren Zielsetzungen sucht, wird auch in diesem Buch- wie bei seinem Ersterscheinen 1988- Anregungen für die Ausbildung finden.

Literatur

  • Kunze: Lerntransfer im Kontext einer personzentriert-systemischen Erwachsenen-Bildung; GwG- Verlag, Köln, 2003
  • Nestmann, Engel und Sickendiek:  Das Handbuch der Beratung, GVT-Verlag, Tübingen,2004
  • Sander u. Ziebertz: Personzentriert Beraten. Lehren - Lernen - Anwenden. Frank u. Temme, Berlin, 2006

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Sander
(emeritiert) Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften, Psychologie, insb. Klinische Psychologie und Psychologie der Beratung


Alle 8 Rezensionen von Klaus Sander anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Sander. Rezension vom 30.05.2006 zu: Sabine Bachmair, Jan Faber, Claudius Hennig, Rüdiger Kolb, Wolfgang Willig: Beraten will gelernt sein. Ein praktisches Lehrbuch für Anfänger und Fortgeschrittene. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 7., unveränderte Auflage. ISBN 978-3-407-22030-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3178.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht