Janne Broxtermann, Fiona Martzy: Familie bewegt
Rezensiert von Prof. Dr. em. Joachim Thönnessen, 23.09.2025
Janne Broxtermann, Fiona Martzy:Familie bewegt. Praxisideen für Psychomotoriker*innen und Fachkräfte aus Kita und Schule. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2024. 140 Seiten. ISBN 978-3-8080-0935-2. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 48,30 sFr.
Thema
Anhand verschiedener familienorientierter Praxisideen werden Fachkräfte aus Kita und Schule und/oder Menschen mit psychomotorischen Schwerpunkten über Möglichkeiten erlebnisorientierter Zusammenkünfte für die ganze Familie informiert.
Autorinnen
Janne Caroline Broxtermann, in Ausbildung zur staatl. anerkannten Motopädin; Erlebnispädagogin, Dipl.-Kauffrau (FH), Mototherapeutin an der Clemens-August-Jugendklinik (Neuenkirchen-Vörden) seit 2022; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Nifbe (Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung) von 2020 bis 2022.
Dr. Fiona Martzy, Dipl. Motologin, Transferwissenschaftlerin am Nifbe (Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung); langjährige psychomotorische Praxiserfahrung in Gruppenleitung und Zusammenarbeit mit Eltern; Mitglied im Vorstand der Deutschen Akademie – Aktionskreis Psychomotorik e.V.; Fortbildnerin und Fachbuchautorin (aus dem Klappentext des Buches)
Entstehungshintergrund
Die Idee für das hier besprochene Buch entstand im Rahmen des Projektes „Psychomotorische Entwicklungsbegleitung mit Eltern und Kindern“ (PemEK), welches zwischen 2020 und 2022 stattfand. Die am Projekt beteiligten Kooperationspartner waren der Bremer Elternverein für PSYchoMOtorische Entwicklungsförderung e.V. (EPSYMO), die Handelskrankenkasse (hkk) Bremen und das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V. (Nifbe). Im Rahmen dieses Projektes wurden praktische Ideen erarbeitet mit der Zielsetzung, Eltern aktiv in die bewegungsorientierte Förderung ihrer Kinder einzubinden. Das Nifbe betreute das Projekt auf wissenschaftlich-konzeptioneller Ebene, während der Bremer Verein die fachlich-inhaltlichen Aufgaben durchführte (S. 7).
Aufbau und Inhalt
Nach Vorwort (Kap. 1) und Einleitung (Kap. 2) gibt das 3. Kapitel einen kurzen, übersichtlichen Einblick u.a. in die Entwicklung der Psychomotorik in der Zusammenarbeit mit Familien in Deutschland. Nachdem Jonny Kiphard und viele andere grundlegende psychomotorische Ideen seit Mitte der 50'er Jahre in Deutschland bekannt machten, begannen Ende der 70'er Jahre Ingrid Olbrich und Amara Eckert auch Mütter und Väter in die psychomotorische Förderpraxis einzubeziehen (S. 9).
Das Kap. 3 wird fortgesetzt mit Definition und Zielsetzung von Psychomotorik, sowie mit ihrer theoretischen Fundierung (u.a. dargestellt anhand einer Abbildung, in der die Entstehung und Verbindung von fünf Ansätzen der Psychomotorik in den Jahren 1960 bis 2000 dargelegt wird) (S. 11). Außerdem findet sich (wie in den weiteren Kapiteln auch) ein Infokasten mit vertiefender Literatur zu psychomotorischen Ansätzen und Prinzipien (vgl. S. 12). Des Weiteren entdecken wir in Kap. 3. Unterkapitel zu den Themen „Psychomotorische Prinzipien in Zusammenarbeit mit Familien (S. 12–14) sowie die informative Zusammenfassung einer umfangreichen Literaturrecherche, mit welcher das Ziel verfolgt wurde, „möglichst viele Veröffentlichungen zum Thema Psychomotorik und Zusammenarbeit mit Familien zu sichten und einen Überblick zur Historie und den aktuellen Entwicklungslinien zu erarbeiten“ (S. 15) (die ausführliche Literaturrecherche kann in einer separaten Veröffentlichung (Broxtermann und Martzy, 2023) nachgelesen werden).
Das nächste Unterkapitel beschäftigt sich mit dem Thema Zusammenarbeit mit Eltern und Geschwistern. Hier werden die Gründe für die Bedeutung einer guten Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern verdeutlicht und der mögliche Mehrwert von erlebnisorientierten Angeboten für Familien dargelegt (S. 16–18). In dem das dritte Kapitel abschließenden Unterkapitel geht es um systemische Zugänge in der Psychomotorik. Erläutert werden die ökologisch-systemische Perspektive und die systemisch-konstruktivistische Position als die beiden jüngsten „Theoriefamilien“, die seit Ende der 90'er Jahre in die Psychomotorik Einzug gehalten haben (S. 18–20).
Die Entwicklungsförderung stellt neben Bildung/Pädagogik, Gesundheitsförderung und Therapie das vierte Paradigma der Psychomotorik dar. In Kap. 4 wird ein – wiederum recht knapper, aber inhaltlich sehr dichter – Blick auf das Verständnis von Entwicklung in der Psychomotorik gegeben. Das vierte Kapitel ist aufgeteilt in die Unterkapitel „Verstehendes Arbeiten in der Psychomotorik“ („die zentrale Fragestellung im Verstehenden Arbeiten ist …nicht, wie man sich bewegt, sondern was einen bewegt“; S. 23), „Symbolisches Echo“ (gemeint sind „symbolische Äußerungsformen, die auf die Leib- und Beziehungsthemen anspielen“; S. 25) sowie „Ein Blick auf die Themen der Praxiskarten“ (S. 27–29).
Diese Praxiskarten machen den weitaus größten Teil des Buches aus (S. 43–133). Sie sind übersichtlich angeordnet in einen grünen Themenblock (Themen sind „ankommen – sich finden, in Kontakt kommen“), einen roten Themenblock (hier geht es um „sehen-gesehen werden“, also um Ressourcen, die von anderen gespiegelt werden können) und einen blauen Themenbereich („verbinden-loslassen“, in dem es vor allem um Bindungs- und Autonomiethemen geht).
Bevor die Praxiskarten in Kap. 6 vorgestellt werden, beinhaltet Kap. 5 Ideen für die Planung und Gestaltung von psychomotorischen Angeboten für Familien. Die Unterkapitel lauten hier „Familiensetting auswählen“ (S. 31–32), „Familienstunden planen“ (S. 32–38) und „Familienstunden reflektieren“ (S. 38–41).
Diskussion
Das vorliegende Buch ist vor allem anderen praxisrelevant. Beschrieben werden viele psychomotorische Übungen für Kinder mitsamt ihren Familien. Diese psychomotorischen Spielideen können beispielsweise bei Elternabenden, bei Eltern-Kind-Angeboten oder bei Festen in Bildungseinrichtungen in die Praxis umgesetzt werden. Neben einer detaillierten und hilfreichen Praxisanleitung wird in dem Buch auch auf die wichtigsten historischen Meilensteine der Entwicklung psychomotorischen Denkens und Handelns und auf Richtlinien bei der Anwendung eingegangen. Die korrekte Anwendung kann zu positiven Gemeinschaftserlebnissen führen und auf diese Weise zukünftige Beziehungen zwischen Eltern, Kindern und Fachkräften positiv verstärken.
Das Buch unterstützt die Professionalisierung des Berufsstandes und kann die Weiterbildung von Fachkräften fördern. Der vertretene ganzheitliche Ansatz kann das Handeln und Denken von Kindern körperlich, emotional und sozial fördern. Er kann Kindern dabei helfen, ihre Bedürfnisse, Stärken und Herausforderungen zu erkennen. Eltern werden als Partner betrachtet und auf diese Weise in das Geschehen miteinbezogen. Sie begegnen sich untereinander auf eine bislang unbekannte, oftmals lockere und entspannte Weise. Eltern und Fachkräfte können durch die psychomotorischen Praktiken Einblicke in die Persönlichkeit der Kinder, in ihre Ängste und Bedürfnisse erhalten.
Fazit
Die Gewichtung zwischen Theorie und Praxis fällt eindeutig zugunsten der Praxis aus. Das ist gut so! Das Buch „Familie bewegt“ will Familien dazu ermuntern, gemeinsam mit Fachkräften eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Es liefert hierzu viele passende Vorschläge.
Literatur
Broxtermann, J. & Martzy, F. (2023): Zusammenarbeit mit Familien in der Psychomotorik – eine langjährige Tradition?! Historische Linien und eine systematische Einordnung; in: motorik 46 (1), S. 4–10.
Rezension von
Prof. Dr. em. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Studium der Philosophie und Soziologie in Bielefeld, London und Groningen; Promotion in Medizin-Soziologie (Uniklinikum Giessen)
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