Sabine Smuda-Dresen: Sozialpädagogische Praxisberatung
Rezensiert von Dr. Anke Meyer, 31.03.2026
Sabine Smuda-Dresen: Sozialpädagogische Praxisberatung. Didaktik und Methodik einer reflexionsorientierten Praxisnachbesprechung in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2024. 576 Seiten. ISBN 978-3-8080-0944-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 80,00 sFr.
Thema
In der schulischen Ausbildung von Erzieher*innen spielen Praktika in sozialpädagogischen Einrichtungen eine wichtige Rolle. Die Praktikant*innen lernen hier, indem sie den sozialpädagogischen Alltag miterleben und schulische Aufgaben bearbeiten, die eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis schaffen. Von besonderer Bedeutung sind dabei Besuche durch die Praxislehrkräfte. Sie beobachten die Praktikant*innen in ausgewählten Settings. Anschließend besprechen sie die beobachteten Situationen reflexionsorientiert mit den Praktikant*innen. Diese Nachbesprechungen haben ein großes Potenzial, die Professionalisierung der Praktikant*innen zu fördern. Wenn sie gut durchgeführt werden. Wie eine solche Nachbesprechung lernwirksam gelingen kann, darum geht es in dem Buch von Sabine Smuda-Dresen.
Autorin
Sabine Smuda-Dresen kennt das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Lehrerin hat sie selbst Schüler*innen im Praktikum begleitet. In der Lehrer*innenaus‑ und ‑fortbildung hat sie Referendar*innen und Lehrer*innen Kompetenzen für die Praktikumsbegleitung vermittelt. Als Mitglied von Schulleitung und Lehrplankommission hat sie außerdem einen übergeordneten Blick auf die Thematik. Ihre Erfahrungen in klientenzentrierter und systemischer Beratung, als Coachin und Marte-Meo-Practitioner qualifizieren sie in besonderer Weise für das Thema.
Aufbau
Das Buch besteht aus drei Teilen:
Teil I: Didaktische Grundlagen einer reflexionsorientierten sozialpädagogischen Praxisberatung – Der lange Weg vom Wissen zum professionellen Handeln
Teil II: Didaktik und Methodik einer reflexionsorientierten Praxisberatung – Die Gestaltung einer lernwirksamen Praxisnachbesprechung
Teil III: Die sozialpädagogische Praxisberatung im Ausbildungskontext – Eine gelingende Praxisberatung braucht ein gelungenes Gesamt-Ausbildungskonzept
Diesen Teilen ist das Transskript einer Praxisbeobachtung vorangestellt, auf das sich Smuda-Dresen in allen Teilen immer wieder bezieht, um ihre theoretischen Ausführungen praxisnah zu konkretisieren und anschaulich zu machen.
Darüber hinaus gibt es weitere Materialien als Download.
Inhalt
Im ersten Teil, „Didaktische Grundlagen einer reflexionsorientierten sozialpädagogischen Praxisberatung – Der lange Weg vom Wissen zum professionellen Handeln“, zeigt Smuda-Dresen zunächst, wie durch Praxisnachbesprechungen das professionelle Handeln in der sozialpädagogischen Arbeit gefördert werden kann, indem durch Reflexion beispielsweise Brücken zwischen Theorie und Praxis geschlagen werden. Dabei sollen die Gespräche sowohl personenorientiert als auch standardorientiert sein. Dies kann auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Beide Orientierungen können sich aber ergänzen. Durch die Personenorientierung sollen die individuellen Entwicklungsthemen und ‑bedarfe der jeweiligen Praktikant*innen in den Blick genommen werden. Die Standardorientierung soll gewährleisten, dass alle notwendigen Kompetenzen für die einzelnen sozialpädagogischen Arbeitsfelder gefördert werden.
Der zweite Teil, „Didaktik und Methodik einer reflexionsorientierten Praxisberatung – Die Gestaltung einer lernwirksamen Praxisnachbesprechung“, ist der umfangreichste Teil des Buches. Bevor sie auf die einzelnen Phasen der Praxisnachbesprechung eingeht, beschreibt Smuda-Dresen das Setting des Praxisbesuches und der Nachbesprechung, berücksichtigt die innere Vorbereitung der Praxislehrkraft auf den Besuch und zeigt, wie ein Orientierungsrahmen für alle Gesprächsbeteiligten hergestellt werden kann. Smuda-Dresen widmet jeder einzelnen Phase der Praxisnachbesprechung ein eigenes, ausführliches Kapitel – der „Reflexionsphase“ sogar fünf.
Im letzten Teil, Die sozialpädagogische Praxisberatung im Ausbildungskontext – Eine gelingende Praxisberatung braucht ein gelungenes Gesamt-Ausbildungskonzept, geht es schließlich darum, wie die Reflexionsorientierung nachhaltig gesichert werden kann, indem beispielsweise weitere Reflexionsformate in die Ausbildung von Erzieher*innen implementiert werden. Außerdem geht es um die Anforderungen an ein reflexionsorientiertes Praxis-Ausbildungskonzept, durch das die Qualität der praktischen Ausbildung gesichert wird.
Ihr geht es insbesondere darum, wie die Reflexionskompetenz der Praktikant*innen durch die Gesprächsführung der Praxislehrkraft gestärkt und ihr professionelles Handeln entwickelt werden kann. Dabei sieht sie folgende Phasen vor:
- Die Gesprächsvorbereitung – Eine Pause zur äußeren und inneren Vorbereitung auf das Gespräch
-
Die Rückmeldephase - Lernwirksames Feedback zur Reflexionskompetenz und zur Performanz der Praktikantin
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Die gemeinsame Festlegung von Beratungspunkten – Die Grundlage für eine gelingende Praxisnachbesprechung
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Die Reflexionsphase
- Zur Didaktik und Methodik der zentralen Phase der Praxisnachbesprechung
- Reflexionsunterstützende Gesprächsführung bei der theoriegeleiteten Analyse
- Fachliche Instruktion bei der theoriegeleiteten Analyse
- Reflexionsunterstützende Gesprächsführung und handlungsorientierte Methoden zur Entwicklung alternativer Handlungsoptionen
- Schwierigkeiten und Widerstände bei der Bearbeitung des Reflexions-Dreischritts
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Ergebnissicherung, Vorsatzbildung und Erteilung von Entwicklungsaufträgen - Die Implementierung neuen Handelns sichern
-
Rückmeldung, Beurteilung und Bewertung praktischer Leistungen - Vom Lernen und Leisten
Nach der ausführlichen Darstellung der Phasen geht Smuda-Dresen ebenso ausführlich auf mögliche schwierige Situationen in Praxisnachbesprechungen ein, wie z.B. auf Konflikte, die in Praxisnachbesprechungen entstehen können, auf eine unprofessionelle Haltung von Praktikant*innen oder auf eine möglicherweise unzureichende Erfüllung von Ausbildungsaufgaben durch die Praktikumseinrichtung.
Ein eigenes Kapitel widmet Smuda-Dresen den besonderen Bedingungen einer praxisintegrierten bzw. berufsbegleitenden Ausbildung und ihren möglichen Auswirkungen auf Praxisnachbesprechungen. Als Alternative oder Bereicherung einer Praxisnachbesprechung geht sie außerdem auf die videogestützte Beratung ein.
Im letzten Teil, Die sozialpädagogische Praxisberatung im Ausbildungskontext – Eine gelingende Praxisberatung braucht ein gelungenes Gesamt-Ausbildungskonzept, geht es schließlich darum, wie die Reflexionsorientierung nachhaltig gesichert werden kann, indem beispielsweise weitere Reflexionsformate in die Ausbildung von Erzieher*innen implementiert werden. Außerdem geht es um die Anforderungen an ein reflexionsorientiertes Praxis-Ausbildungskonzept, durch das die Qualität der praktischen Ausbildung gesichert wird.
Diskussion
Zunächst einmal: Ich bin beeindruckt von der fachlichen Tiefe und Breite des Buches.
Die Tiefe kennzeichnet vor allem die Vielfalt an theoretischen Modellen, Beratungsansätzen und empirischen Grundlagen. Smuda-Dresen überträgt Ansätze aus der Lehrer*innenausbildung wie z.B. von Wahl und Korthagen in gewinnbringender Weise auf die Praxisnachbesprechungen in der sozialpädagogischen Ausbildung. Sie nutzt Kommunikationsmodelle wie das von Schultz von Thun und unterschiedliche Beratungsansätze wie die systemische Beratung und das Marte-Meo-Konzept.
In der Breite geht sie auf die Lehr‑ und Bildungspläne verschiedener Bundesländer ein, berücksichtigt diverse sozialpädagogische Arbeitsfelder und nimmt auch die praxisintegrierte Ausbildung in den Blick. Und sie thematisiert die unterschiedlichen Perspektiven der an den Praxisnachbesprechungen Beteiligten.
Für wen ist das Buch interessant? Ich würde mir wünschen, dass es zur Standardlektüre für Lehramtsstudent*innen mit dem Fach Sozialpädagogik wird. Hier kann der Rahmen sein, sich zur Gänze mit dem Werk zu beschäftigen und sich auf die Anforderungen als Praxislehrkraft vorzubereiten. Im Referendariat kann das Werk dann nach Bedarf genutzt werden, wenn in der schulpraktischen Ausbildung erste Erfahrungen mit Praxisnachbesprechungen gemacht werden. Die Referendar*innen können die eigene Gesprächsführung theoriebasiert reflektieren und Lösungen für Schwierigkeiten finden. Zudem können sie sich gezielt auf Gespräche in verschiedenen Arbeitsfeldern vorbereiten, indem sie sich deren Standards vergegenwärtigen.
Wie ist es mit gestandenen Lehrkräften? Als ich vor über zwanzig Jahren in meinem eigenen Referendariat Lehrkräfte bei Praxisbesuchen begleitete, war eine Struktur nur schwer erkennbar. Sie war durchaus vorhanden, aber eine gewisse Klarheit entstand meines Erachtens erst mit den Visualisierungen wie Fischöder und Kranz-Uftring sie in ihrem Leitfaden für Praktikumsgespräche 2012 entwickelten. Seitdem gab es an vielen Schulen eine transparente, für alle Beteiligten sichtbare Phasierung. Aber nicht einmal in der Didaktik der Sozialpädagogik (ich beziehe mich hier auf die zweite Aufl. von 2017), herausgegeben von Jaszus und Küls, gibt es ein eigenes Kapitel zur Praxisnachbesprechung. Es wurde also Zeit, sich ausführlich mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen.
Aber braucht eine Lehrerin, die seit Jahren Praxisnachbesprechungen durchführt, noch ein Grundlagenwerk wie dieses? Auf jeden Fall! Sicher wird sie die 549 Seiten des Buches nicht von Anfang bis Ende durchlesen. Dazu fehlt im Schulalltag in der Regel die Zeit. Es ist aber sehr wertvoll, sich noch einmal punktuell bewusst zu machen, worauf es z.B. in den einzelnen Phasen der Nachbesprechung ankommt. Oder sich klarzumachen, welche Standards für welches Arbeitsfeld gelten. Oder sich in den entsprechenden Kapiteln gezielt Anregungen für schwierige Gespräche zu holen. All dies kann sehr zur eigenen Weiterentwicklung und auch zur Zufriedenheit im Berufsalltag beitragen.
Darüber hinaus liefert insbesondere der letzte Teil des Buches wichtige Hinweise, wie am Gesamtkonzept der Ausbildung gearbeitet werden kann. Hier ist das Buch besonders interessant für diejenigen, die Leitungsverantwortung haben.
Fazit
„Sozialpädagogische Praxisberatung“ – ein Buch, das in beeindruckender Weise sowohl in die Tiefe der Gesprächsführung geht als auch die ganze Breite der sozialpädagogischen Ausbildung berücksichtigt. Interessant sowohl für die Ausbildung als auch für die Fortbildung von Lehrer*innen. Und für die schulinterne Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Ausbildung.
Rezension von
Dr. Anke Meyer
Lehrerin am Berufskolleg,
Fachleiterin für Sozialpädgogik in der LehrerInnenausbildung
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