Kai Hafez, Susanne Frank et al.: Demokratie, Transformation und Nachhaltigkeit
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 17.09.2025
Kai Hafez, Susanne Frank, Bettina Hollstein, Dorothee Kimmich, Sandra Tänzer: Demokratie, Transformation und Nachhaltigkeit. Gedenkschrift für Alexander Thumfart. Frank & Timme (Berlin) 2024. 128 Seiten. ISBN 978-3-7329-0991-9. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.
Thema
Der Band widmet sich den drei zentralen Paradigmen unserer Zeit – Demokratie, Transformation und Nachhaltigkeit – und zeigt im Gedenken an Alexander Thumfart, wie eng diese miteinander verflochten sind. Partizipative Demokratie kann gesellschaftliche Transformationen hin zu ökologischer Nachhaltigkeit sowohl fördern als auch behindern. Dies wird verdeutlicht anhand von ethischen Überlegungen zu diskursiven Sprecher*innenpositionen, dem schwer erreichbaren Ideal eines deliberativen und dialogorientierten Miteinanders, den Herausforderungen einer demokratiebasierten, nachhaltigen Transformation von Gesellschaft, der Deutung ambivalenter Gefühle in quartiersbezogenen Transformationsprozessen sowie den Chancen und Schwierigkeiten partizipativer Erinnerungsforschung am Beispiel der DDR.
Autor:innen
Die Beiträge stammen von Wissenschaftler*innen, die Alexander Thumfart in enger, freundschaftlicher Zusammenarbeit über viele Jahre verbunden waren: Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleich von Mediensystemen und Kommunikationskulturen (Universität Erfurt), Susanne Frank, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie (Technische Universität Dortmund), Bettina Hollstein, apl. Professorin und Geschäftsführerin des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung (Universität Erfurt), Dorothee Kimmich, Professorin für Literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft/​Kulturtheorie (Universität Tübingen), sowie Sandra Tänzer, Professorin für Pädagogik und Didaktik des Sachunterrichts (Universität Erfurt). Gemeinsam würdigen sie mit dem Band einen Wissenschaftler und Politiker, der Theorie und Praxis eng miteinander verknüpfte und die Herausforderungen unserer Zeit stets im Zusammendenken betrachtete.
Aufbau und Inhalt
Der Band gliedert sich in mehrere Teile, die sowohl wissenschaftliche Beiträge als auch biografische Würdigungen vereinen. In den einführenden Vorworten mit Erinnerungen an Alexander Thumfart erfährt man vieles über ihn: die Bedeutung von Geschichtenerzählen, um aus isolierten Individuen eine Gemeinschaft zu machen, die dialogische Suche nach Wissen mit den Studierenden, das vereinte wissenschaftliche und politische Engagement sowie die Rolle von Humor und Selbstironie als zentraler Teil seiner Lebensphilosophie.
Dorothee Kimmich reflektiert in ihrem Beitrag über Parrhesia, Politik und Freundschaft, das „gute Leben“ im Spannungsfeld von Ethik und Politik. Parrhesia wird dabei nicht nur als Redefreiheit verstanden, sondern als mutiges und tugendhaftes Eintreten für das Gesagte, einschließlich Selbstkritik, Empathie und Offenheit für andere Perspektiven. Es geht auch darum, sich um sich selbst und andere zu kümmern und sich unabhängig von materieller Gier für die Freiheit einzusetzen, um eine authentische Sprechposition gegenüber gesellschaftlich mächtigen Positionen einzunehmen.
Kai Hafez stellt kommunikationstheoretische Elemente im Demokratieverständnis Thumfarts vor und zeigt, wie dessen Denken von der Idee einer sprechenden und diskursiven Demokratie geprägt war. Ausgangspunkt ist die Krise im deutschen politischen System und der Grundkonflikt zwischen Repräsentation durch wenige und Teilhabeinteresse vieler. Ziel ist nicht die Selbstermächtigung außerparlamentarischer Bewegungen, sondern der Einbezug aller in eine räsonierende Öffentlichkeit, wobei offene Fragen zu digitalen Beteiligungsformaten und Konzepten wie Liquid Democracy bestehen. Notwendig ist dafür Dialog, Diskursethik und Responsivität politischer Institutionen.
Bettina Hollstein behandelt das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Demokratie im Kontext der Hochschulbildung und diskutiert, wie diese Themen in Lehre und Forschung verankert werden können. Ausgehend von John Deweys Idee von Demokratie als Lebensform zeigt sie, dass Ideal und Praxis im Pragmatismus untrennbar miteinander verwoben sind. Am Beispiel eines Forschungsprojekts zur nachhaltigen Transformation der Hochschule wird die Gestaltungskompetenz erläutert: die Fähigkeit, Wissen über nachhaltige Entwicklung anzuwenden, Probleme nicht-nachhaltiger Entwicklungen zu erkennen, aus Gegenwartsanalysen und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen zu ziehen und darauf basierende Entscheidungen individuell, gemeinschaftlich und politisch umzusetzen.
Susanne Frank widmet sich unter dem Titel „Quartiersmelancholie“ der Interpretation ambivalenter Gefühle in einem Arbeiterviertel im Transformationsprozess. Sie zeigt, dass Freude über die Quartiersentwicklung gleichzeitig Traurigkeit und Verlustgefühle hervorrufen kann. Das Gentrifizierungskonzept erfasst soziale Ungleichheit und Machtstrukturen, berücksichtigt jedoch nicht, dass die symbolisch Verdrängten zugleich ökonomische Profiteure der Transformation sein können, und erklärt nur begrenzt ambivalente Gefühle wie zustimmende Traurigkeit oder Verlust. Das Konzept der Quartiersmelancholie ermöglicht eine bessere Einbeziehung der sozialpsychologischen Dimensionen des Wandels.
Isabelle Lamperti und Sandra Tänzer greifen schließlich Fragen partizipativer Erinnerungsforschung auf und analysieren am Beispiel der DDR die Rolle von Kommunikation in der Auseinandersetzung mit Scheinwirklichkeiten. Sie untersuchen die Trefforte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und deren Beziehung zu oppositionellen Gegenorten in der Stadt, um eine Topographie von Herrschaft und Widerstand aufzuzeigen, methodisch im Sinne von Clifford Geertz als „Spurensuche“. Dabei zeigen sich zentrale Herausforderungen partizipativer Erinnerungsforschung: In Dialogformaten wie Interviews oder Bürgerforen kam es nur begrenzt zu einem Austausch mit Betroffenen, etwa Wohnungsinhaber*innen, Nachbarn oder Familienangehörigen, was die Einbindung persönlicher Perspektiven erschwert. Zudem hemmen individuelle Gründe wie Scham, rechtliche Bedenken oder das Gefühl, das Thema sei bereits „abgegrast“, die Beteiligung und den Zugang zu subjektiven Erfahrungen. Schließlich beeinflussen die Auswahl der Forschungsgegenstände und die verwendete Sprache, wer sich angesprochen fühlt und welche Perspektiven in den Diskurs einfließen können – Aspekte, die für die Transparenz und Qualität partizipativer Forschung entscheidend sind.
Abgerundet wird der Band durch den beruflichen Lebenslauf sowie ein Publikationsverzeichnis von Alexander Thumfart, die sein wissenschaftliches und politisches Wirken dokumentieren.
Diskussion
Der Band zeigt, wie eng wissenschaftliches Denken und politisches Handeln bei Alexander Thumfart miteinander verwoben waren. Die Beiträge verdeutlichen, dass Demokratie nicht nur als institutionelles System, sondern als soziale und verkörperte Praxis verstanden werden muss, die Teilhabe, Diskurs und Verantwortungsbewusstsein erfordert. Gleichzeitig wird deutlich, dass nachhaltige Transformationen und gesellschaftliche Veränderungen nur gelingen, wenn Wissen angewendet, soziale Kompetenzen entwickelt und vielfältige Perspektiven einbezogen werden. Die sozialpsychologischen Dimensionen von Wandel, wie sie im Konzept der Quartiersmelancholie behandelt werden, machen deutlich, dass emotionale Ambivalenzen und widersprüchliche Erfahrungen zentral für das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse sind. Schließlich zeigt die partizipative Erinnerungsforschung, dass methodische Offenheit und Sensibilität für individuelle und kollektive Erfahrungen notwendig sind, um historische und politische Zusammenhänge differenziert zu erfassen.
Fazit
Insgesamt würdigt der Band Alexander Thumfart als Wissenschaftler und Praktiker, der Theorie und Praxis miteinander verband. Die Beiträge machen seine interdisziplinäre Herangehensweise und sein Engagement für gesellschaftliche Verantwortung sichtbar. Besonders deutlich wird, dass Demokratie, Nachhaltigkeit und Bildung nur im Zusammenspiel von Wissen, Handlungskompetenz und sozialer Einbettung gelingen können, der Band liefert damit sowohl eine fundierte wissenschaftliche Analyse als auch inspirierende Impulse für die praktische Umsetzung demokratischer und nachhaltiger Ideale.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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