Thomas Bolm: Mentalisieren im psychiatrischen Alltag
Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 13.01.2026
Thomas Bolm: Mentalisieren im psychiatrischen Alltag.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Köln) 2024.
160 Seiten.
ISBN 978-3-96605-170-5.
D: 22,00 EUR,
A: 22,70 EUR.
Reihe: Praxiswissen.
Autor:in
Thomas Bolm ist Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Gruppenanalytiker. Nach Lehrtätigkeiten im In- und Ausland leitet er nun das MentaCare Zentrum für psychische Gesundheit in Stuttgart.
Aufbau
Das Buch ist in zwei größere und sechs kleinere Kapitel unterteilt. Das Erste ist überschrieben mit „Wenn Menschen irren“. Es wird in das Mentalisierungskonzept mit seinen verschiedenen Aspekten eingeführt. Das zweite Kapitel befasst sich anschließend mit dem Mentalisieren bei unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern. Die sechs kürzeren Kapitel setzen sich mit dem Mentalisieren in Gruppen, mit Notfallsituationen, mit der Arbeit mit Angehörigen, dem Mentalisieren als interkulturelle Notwendigkeit und in psychiatrischen Institutionen und Teams sowie abschließend mit dem Thema auf Augenhöhe bleiben auseinander.
Inhalt
Das erste Kapitel führt in das Mentalisieren mit dem theoretischen Hintergrund ein. Dieser wird mit praktischen Beispielen ergänzt und vertieft. Das Mentale hat entscheidenden Einfluss auf unser psychisches Innenleben. Es prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und mit welchen mentalen Haltungen wir uns der Welt und anderen Menschen zuwenden. Das Mentalisieren stellt eine komplexe kognitive Funktion für komplexe Situationen dar. Es ist die Fähigkeit, „das eigene Denken, Fühlen und Handeln mit differenzierten inneren Vorstellungen darüber zu verbinden, wie die eigene Psyche, die einer anderen Person und die Beziehungen zueinander funktionieren. Mentalisieren ist aber keinesfalls eine rein kognitive Leistung, sondern schließt auch die gesamte Gefühlswelt, die Fähigkeit zum Erleben und Interpretieren von Körperempfindungen sowie den Umgang mit der Außenwelt, insbesondere die Beziehungsgestaltung mit ein“: 11 f. Wie viele psychische Prozesse wird diese Fähigkeit in den ersten Lebensjahren angelegt, bleibt aber auch in den weiteren Lebensjahren veränderbar. Als theoretischen Hintergrund stellt der Autor die vier Modi der Realitätswahrnehmung und die Bindungstheorie vor. Bei den vier Modi unterscheidet er zwischen dem Äquivalenz-, dem teleologischen, dem Als-ob-Modus und dem reflektierenden Modus. Wie viele theoretische Konstrukte existieren sie selten in Reinform, sondern sie können sich auch überlappen. Der Äquivalenzmodus repräsentiert die Wahrnehmung und Interpretation der Realität. Dabei bestimmen das psychische Erleben und die damit verbundenen Gedanken die Realität: 20. Meine Gedankenwelt ist die „objektive“ Welt. Der teleologische Modus zeichnet sich dadurch aus, dass nur das Bedeutung hat, was unmittelbar erfahrbar ist. „Teleologisch erlebende Menschen empfinden oft große Not, weil sie sich innere Zustände und Absichten des Gegenübers nicht empathisch vergegenwärtigen können, sondern zur Interpretation auf dessen konkrete Aktionen angewiesen sind“: 22. Deshalb muss mich der andere mit einer Aktion retten. Der dritte, der Als-ob-Modus stellt die Realitätsanteile und die Selbstanteile unverbunden nebeneinander. Dies geschieht beispielsweise beim dissoziativen Erleben oder bei Depersonalisationen. Damit kann nur schwer ein Bezug zur Umwelt hergestellt werden. Im reflektierenden Modus kann der Mensch alle Ebenen wahrnehmen und umsetzen. Auf der psychischen und der körperlichen Ebene und zusätzlich im sozialen Handeln ist man in der Lage, differenziert die Realität im Innen und Außen wahrzunehmen, sich selbst in Frage zu stellen und Fremdes zu integrieren: 29. Die Kenntnis der vier Modi unterstützt, Mentalisieren zu fördern und aktuelle Hindernisse zu analysieren und zu bearbeiten. Die zweite Theorie, die Bindungstheorie, beschäftigt sich damit, wie zwei menschliche psychische Systeme ausbalanciert werden können: das Explorationssystem und das Bindungssystem. Mentalisieren unter hoher Anspannung funktioniert eher automatisiert und lässt das Explorationssystem in den Hintergrund treten. Die Vielfältigkeit des Lebens kann nicht mehr differenziert wahrgenommen und es kann nicht entsprechend gehandelt werden.
Im zweiten Kapitel wird der theoretische Teil mit konkreten Beispielen psychischer Erkrankungen vertieft. Dabei wird erläutert, dass auch das Personal in den psychiatrischen Institutionen die Auseinandersetzung mit Gegenübertragungen und dem eigenen Umgang mit Ohnmacht, Hilflosigkeit oder Ängsten benötigt. Die Patienten können durch das Mentalisieren anders und ganzheitlicher verstanden werden. Dadurch kann auf beiden Seiten eine Entwicklung stattfinden: Bei den Professionellen das Vertiefen des Verständnisses psychischer Prozesse und alternativer Interventionsmöglichkeiten. Und bei den Patienten die Chance, ihr Wahrnehmungs- und Handlungspotenzial zu vergrößern. Die Vorstellung und die Diskussion der Anwendung des Mentalisierens bei den ausgewählten Krankheitsbildern werden stets mit konkreten Beispielen aus der Praxis veranschaulicht.
Die nächsten sechs Kapitel befassen sich in sehr kurzen Abschnitten knapp mit weiteren Aspekten der Anwendung des Mentalisierens im beruflichen Alltag. In der Arbeit mit Gruppen kommt es darauf an, eine Grundlage zu schaffen, die es den einzelnen Mitgliedern der Gruppe ermöglicht, Mentalisierungsblockaden abzubauen und innerhalb ihrer Fähigkeiten in einer überschaubaren Zeit und Komplexität positive, korrigierende Erfahrungen zu machen: 122. Notfälle stellen für alle Beteiligten eine Herausforderung dar. Entscheidend ist es, wie und ob es gelingt, dass eine „entschieden gezeigte, aber unaufdringliche Kompetenz dabei helfen kann, dass alle Beteiligten ruhig nachdenken und handeln können.“: 127 Die maximale Anforderung im psychiatrischen Bereich ist der Umgang mit Suizidalität.
Diskussion
Das Buch bietet einen kompakten Einblick in den Umgang mit dem Mentalisieren im beruflichen Kontext in der Psychiatrie. Es ist also für alle Fachkräfte interessant, die in diesem Bereich arbeiten. Es bietet einen anderen Blick auf die Patienten, der diesen den Freiraum eröffnet, durch eine offene, neugierige Haltung des Gegenübers neue Handlungsmöglichkeiten in ihr Leben zu integrieren. Sehr angenehm sind die Hinweise im Text, wo man zu einem bestimmten Inhalt im Buch noch weitere Hinweise und Erläuterungen findet. Damit kann man die einzelnen Abschnitte gedanklich miteinander verbinden und behält den roten Faden. Die Kerngedanken des Autors im Buch sind nochmals in den beiden Klappenseiten als Text abgedruckt. Dort ist für mich die entscheidende Haltung des Mentalisierens festgehalten: „Von sich und der eigenen Kultur auf andere zuschließen, greift oft genauso zu kurz, wie lediglich gängigen Vorurteilen über andere Erlebnis- und Lebensweisen zu folgen. Mentalisieren benötigt den Respekt vor den Unterschieden, den Mut, sich andere Sichtweisen erklären zu lassen, und das neugierige Voneinanderlernen.“: 145 Eine Fähigkeit, die in Zeiten, in denen Hass, Hetze und Diskriminierung zum Alltag gehören, auch für unsere Gesellschaft im Ganzen eine respektvollere Entwicklung hin zu einer lebenswerten Gesellschaft ermöglichen würde. Der Autor setzt allerdings bestimmte Grundkenntnisse in der Psychiatrie voraus. Seine Ausführungen sind sehr dicht und komprimiert, sodass man ohne Hintergrundwissen wahrscheinlich nur schwer folgen kann. Trotz aller dichten Intensität spürt man den Anspruch des Autors, den er sich über Jahre erarbeitet hat, sehr deutlich. Es geht ihm um einen veränderten Blick auf die Patienten. Mit Hilfe des Mentalisierens wird ihnen ermöglicht, umfassender verstanden, ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert und dabei nicht überfordert zu werden.
Fazit
Vor diesem Hintergrund ist das Buch sehr lesenswert, weil es für beide Seiten, Patient:innen und Professionelle, neue Perspektiven eröffnet.
Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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