Franz-Josef Wagner, Cornelia Schäfer: Hinfallen, Aufstehen, Weitergehen
Rezensiert von Prof. Dr. Boris Friele, 22.01.2026
Franz-Josef Wagner, Cornelia Schäfer: Hinfallen, Aufstehen, Weitergehen. Recovery durch Selbsthilfe. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2024. 144 Seiten. ISBN 978-3-96605-226-9. D: 20,00 EUR, A: 20,50 EUR.
Thema
Im Buch erzählt und reflektiert der Erstautor Franz-Josef Wagner seine Lebensgeschichte, die von schweren zwischenmenschlichen und seelischen Erschütterungen, von psychischer Krankheit sowie von seinem Engagement in der Selbsthilfe- und Recovery-Bewegung in Deutschland geprägt ist. Ergänzt wird die autobiografische Erzählung durch Aussagen von Menschen aus seinem persönlichen Umfeld; zugleich zeichnet sie schlaglichtartig die Geschichte des Aufbaus sozialpsychiatrischer Strukturen und der Betroffenenselbsthilfe in Deutschland nach.
Autor:in oder Herausgeber:in
Franz-Josef Wagner Der Erstautor, Jahrgang 1955, stammt aus Mandern in Rheinland-Pfalz und ist eine in politischen Organisationen und fachlichen Initiativen von Psychiatrieerfahrenen prominente Person. Wagner hat unter anderem den Landesverband Psychiatrieerfahrener Rheinland-Pfalz (LVPE RLP) und später das Bundesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit (NetzG), dessen Vorsitzender er ist (Stand: Dezember 2025), mit ins Leben gerufen. Er ist Autor zahlreicher Publikationen im Themenspektrum Sozialpsychiatrie, Betroffenenselbsthilfe und Recovery.
Cornelia Schäfer Die Koautorin stammt aus Bremen und arbeitet seit mehreren Jahrzehnten als freie Journalistin. Sie ist Autorin diverser Medienbeiträge zu psychiatrischen Themen, unter anderem für den WDR und den Deutschlandfunk. Zudem arbeitet sie in der Redaktion der Zeitschrift Psychosoziale Umschau mit und ist als Moderatorin für das Psychose-Forum Köln tätig.
Entstehungshintergrund
Die Koautorin erläutert in einer kurzen Einleitung, ihre Rolle bei der Entwicklung des Textes habe darin bestanden, als professionelle Journalistin Wagners Erzählungen zuzuhören, nachzufragen und dem Erstautor eine Stimme zu geben bei dessen Versuch einer „Annäherung an die Wahrheit seines Lebens“. Außerdem hat sie Aussagen von Personen aus Wagners privatem und beruflichem Umfeld eingeholt und als kurze persönliche Statements in die Erzählung eingefügt.
Aufbau
Wagners Lebensgeschichte, in die immer wieder Reflexionen einfließen, ist in 30 kompakte Abschnitte mit stichwortartigen Überschriften gegliedert. Die elf „Stimmen von Weggefährten“ sind an chronologisch oder inhaltlich passenden Stellen eingefügt.
Inhalt
Franz-Josef Wagner berichtet in der Ich-Perspektive über seinen Lebensweg, angefangen mit den Jahren des Aufwachsens in einer großen Familie auf dem Land, in kleinbäuerlichen Verhältnissen in den späten 1950er- und 1960er-Jahren. Damit zeichnet er zugleich ein ausschnitthaftes Bild der damaligen Zeit. Er erinnert glückliche Phasen ebenso wie krisenhafte Momente seiner Kindheit und Jugend – Erfahrungen, die er später wiederholt als Bausteine eines rückblickenden Sinnverstehens seiner Krisen und psychischen Zusammenbrüche aufruft.
Sein zunächst steiler Bildungsweg und die sich anbahnende berufliche Karriere lassen die Bewegungen sozialen Aufstiegs in den Boom-Zeiten der alten Bundesrepublik aufscheinen. Ein besonderes Momentum erfuhr Wagners Leben durch Heirat und Familiengründung mit seiner Freundin, die aus deutlich wohlhabenderen gesellschaftlichen Verhältnissen stammte als er selbst.
Der Autor beschreibt dann die ersten krisenhaften Entwicklungen, die im Verlust seines Arbeitsplatzes mündeten und zur Entfremdung von seiner Frau bzw. zum Zerbrechen seiner Familie führten. Plastisch wird die Entwicklung manischer, depressiver und wahnhafter Zustände dargestellt, die sich seiner Verfügung und seinem Verständnis mehr und mehr entzogen. Im weiteren Verlauf kreist die Darstellung stark um die Frage, wie er sich daran gewöhnte, ein „Psychiatrie-Patient“ zu sein, was die Krankheit emotional bedeutet und wie sie sich für ihn selbst und andere alltagspraktisch niederschlägt. Unter der Überschrift „Gehversuche im Alltag“ beschreibt er beispielsweise, welche Kraftanstrengung es einmal für ihn erfordert hatte, im Supermarkt einen passenden Beutel Reis auszuwählen (S. 48). Immer wieder versucht er – teils mit der Psychiatrie, teils ohne oder gegen sie –, sein Leben beruflich und zwischenmenschlich wieder in feste Gleise zu setzen. Dabei beleuchtet er die Bedeutung finanzieller Spielräume ebenso wie gesellschaftlicher Strukturen von Unterstützung und Ausgrenzung, Reglementierung und Integration.
Als einen seiner ersten Schritte in der Selbsthilfebewegung Mitte der 1990er Jahre nennt Wagner die Gründung des Landesverbands Psychiatrieerfahrener Rheinland-Pfalz, in dessen Vorstand er gewählt wurde. In einem weiterhin persönlich gehaltenen Ton beschreibt er Selbsthilfeaktivitäten, politische Initiativen und fachliche Debatten ebenso wie die gesellschaftliche Stimmung und die Atmosphäre in der Szene. Öffentlichkeitsarbeit zum Abbau von Diskriminierung, die Verbesserung klinischer Behandlungen, die Stärkung von Patient:innenrechten und die Unterstützung von Betroffenen waren zentrale Ziele dieser Arbeit. In Wagners Lebensgeschichte treten zahlreiche Akteur:innen auf – psychiatrische und politische Institutionen und Gremien, Politiker:innen, Mitstreiter:innen, Wissenschaftler:innen –, deren Rolle und Handeln mal für ihn selbst, mal für die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Deutschland, mal für beides von großer Bedeutung waren bzw. sind. Er weist dabei auch auf den Konfliktstoff hin, der mitunter zu Machtkämpfen in den Vereinigungen oder zu Neugründungen führt.
Aus den zahlreichen fachlichen und fachpolitischen Themen, die die Selbsthilfebewegung im Laufe der Zeit verfolgt hat, nennt Wagner unter vielen anderen „Alternativen zur Akut-Psychiatrie“, „Integrationsfirmen für psychisch Kranke“ und „krankmachende Lebensumstände von Frauen“ (S. 58 f.). Ausführlicher geht er auf die Einführung des „persönlichen Budgets“ ein (S. 70–78) und beschreibt den hohen Stellenwert, den diese Erweiterung von Selbstbestimmung für seinen eigenen Genesungsweg hatte. Unter den inhaltlichen Ideen, die die Bewegung geprägt haben, stellt er den Recovery-Ansatz heraus, der in Deutschland vor allem durch Michaela Amering & Margit Schmolke (2012) bekannt gemacht wurde. Leitmotiv dieses Konzepts von „Genesung“ als tiefergehendem und emanzipatorischem Verständnis von Heilung oder Behandlung war zunächst, die Behauptung der Unheilbarkeit von Schizophrenie als falsch zu entlarven. Diese aufklärerische Idee habe der Selbsthilfeszene in Deutschland enormen Schwung gegeben – und auch ihm selbst neuen Elan. Wagner charakterisiert „Recovery“ als Ansatz, der mit Zielorientierungen wie „Sinn, Akzeptanz und Lebensqualität“ einen individuellen Genesungsweg erschließt, der sich nicht in Bewältigungs- und Behandlungsansätzen erschöpft (S. 81). Als für ihn und viele andere befreiende Idee verbindet sich „Recovery“ – schließlich auch im Untertitel des Buchs – gewissermaßen von allein mit den Anliegen der Selbsthilfebewegung psychisch kranker Menschen. Zugleich beschreibt Wagner als einen Aspekt von „Recovery“ Versuche, auf einer lebenspraktisch-verhaltenstechnischen Ebene zu mehr Stabilität zu gelangen. Er gibt Einblick in protokollartige Notizen zu seinem Befinden, die er im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie über einen Monat hinweg aufgeschrieben hat, und beschreibt die Erstellung eines „Integrierten Behandlungs- und Rehabilitationsplans“ gemeinsam mit seinem Sozialarbeiter.
Die in die autobiografische Erzählung eingestreuten „Stimmen von Weggefährten“ sind schlaglichtartige Charakterisierungen Franz-Josef Wagners. Sie ergänzen das in die Lebenserzählung eingelassene Selbstporträt und machen die Geschichte durch O-Töne von außen zusätzlich greifbar. Zu den von der Koautorin kontaktierten Personen, die im Buch zur Sprache kommen, gehören Wagners jüngster Bruder, ein Studienfreund und mehrere Menschen, die mit ihm in der Selbsthilfebewegung eng zusammenarbeiten oder in ihrer professionellen Rolle mit ihm in Kontakt waren.
Diskussion
Dem Autor:innen-Tandem gelingt es, die Leser:innen angemessen nah an das Leben von Franz-Josef Wagner und an die mit seiner Person verknüpfte Entwicklung der Selbsthilfe- und Recovery-Bewegung heranzuführen. Die Darstellung wirkt – nicht zuletzt durch ergänzende Statements Dritter – durchgehend authentisch. Sie führt nicht dazu, dass man sich beim Lesen übergriffig fühlt, und weist keine exhibitionistischen oder selbstdarstellerischen Tendenzen auf. Der Text ist in einem unaufgeregten, persönlichen Ton und ruhigen Rhythmus geschrieben. Gleichermaßen informativ, anregend und bewegend war es für den Rezensenten zu erfahren, wie eng, vielschichtig und – seltener – brüchig Wagners persönlicher „Recovery-Weg“ mit der Entwicklung und den Erfolgen der Selbsthilfebewegung in den zurückliegenden Jahrzehnten verknüpft war (z.B. die Einführung des persönlichen Budgets).
Indem Wagner Einblicke in seine Kindheit, Jugend und spätere Entwicklung gibt, vermittelt er zugleich ein ausschnitthaftes Bild der sozialen Verhältnisse und des gesellschaftlichen Klimas in der alten BRD. Zusammen mit den Beschreibungen seiner jeweiligen Verfassung erhält man psychologisches und sozialgeschichtliches Material, das als Einladung funktioniert, sich in die Suche nach Sinn und Verstehen dieses Lebens involvieren zu lassen. Mit Blick auf den „Absturz“, den Wagner im Alter von etwa 33 Jahren erfahren hat, fragt er: „Wie die Fäden entwirren, in die ich mich wenig später verstrickt fand?“ (S. 29). Für die Rezensent:innen gehörten Wagners Reflexionen, die an mehreren Stellen explizit oder implizit im Buch auftauchen, zu den intensivsten Passagen. Dazu trägt die konsequent phänomenorientierte Darstellungsweise bei, in der Wagner klinische Begriffe nur beiläufig und nur dann benutzt, wo sie notwendig sind. Sowohl in der Erzählung des Autors als auch in den Statements der Weggefährten entsteht nur insoweit ein psychiatrischer (oder sozialarbeiterischer) „Fall“, wie es Wagners Wunsch nach einer Deutung seines Lebens erfordert.
Die Einblicke in die Entwicklung der Selbsthilfebewegung seit den 1990er Jahren in Deutschland lassen Personen hinter Initiativen, Konzepten, Gesetzesreformen und den heute breit ausgebauten Strukturen erkennen. An diese Prozesse wird man weniger nah herangeführt als an Wagners Gefühlszustände und seine persönlichen Beziehungen. Gleichwohl basiert die Anregungskraft des Textes in hohem Maße darauf, das dynamische Wechselspiel zwischen dem Recovery-Weg des Autors und den Entwicklungsprozessen der Selbsthilfe psychisch kranker Menschen sowie der Sozialpsychiatrie aus der Ich-Perspektive präsentiert zu bekommen. Peter Lehmann (2024, S. 16) weist in seiner Rezension des Werks darauf hin, dass es sich nicht nur um ein Buch für Psychiatrie-Betroffene handele, sondern für alle die hoffnungsfrohe Botschaft transportiere, dass, wer übel stürzt, auch immer wieder aufstehen könne. Dem möchte der Rezensent sich anschließen. Überdies vermittelt der Text eine niedrigschwellige Einladung zur – grundsätzlich schwierigen – Reflexion der Bedeutung psychischer Krankheit. Und schließlich ist es auch ein Buch, das angehenden Professionellen und allen Interessierten einen gut greifbaren ersten Zugang zum sozialpsychiatrischen Feld und zu den Anliegen der Recovery-Bewegung bietet.
Fazit
Franz-Josef Wagner, Psychiatrie-Erfahrener und Aktivist, erzählt in diesem Buch seine Lebensgeschichte. Die Journalistin Cornelia Schäfer unterstützte ihn bei dieser „Annäherung an die Wahrheit seines Lebens“ und ergänzt die Erzählung mit Stimmen von Weggefährten. Vom Aufwachsen in kleinbäuerlichen Verhältnissen und einem steilen sozialen Aufstieg über eine eskalierende Lebenskrise mit zunehmend manifesten psychotischen Zuständen bis hin zu Wagners Arbeit in der Selbsthilfe verbindet der Text persönliche Erfahrung mit schlaglichtartigen Einblicken in den Aufbau sozialpsychiatrischer Strukturen in Deutschland. In dieser Verschränkung liegt für den Rezensenten die besondere Stärke: unaufgeregt, informativ, anregend und bewegend eröffnet das Buch einen gut greifbaren und hoffnungsvollen Zugang zur Bedeutung psychischer Krankheit und zu den Anliegen der Recovery-Bewegung.
Literatur
Amering, M. & Schmolke, M. (2012). Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. 5. Aufl. Köln: Psychiatrie Verlag.
Lehmann, P. (2024). Rezension von: Wagner, F.-J. & Schäfer, C. (2024). Hinfallen. Aufstehen. Weitergehen. Recovery durch Selbsthilfe. Paranus im Psychiatrie-Verlag. In: Bayerischer Landesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BayPE), Rundbrief, III/2024, S. 16–17. https://antipsychiatrieverlag.de/fapi/pdf/wagner-hinfallen-baype.pdf
Rezension von
Prof. Dr. Boris Friele
Professor für Soziale Arbeit
IU Internationale Hochschule Berlin
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Es gibt 3 Rezensionen von Boris Friele.





