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Michael Hoyt, Monte Bobele et al. (Hrsg.): Wenn die Zeit knapp ist

Rezensiert von Inge-Marlen Ropers, 18.09.2026

Cover Michael Hoyt, Monte Bobele et al. (Hrsg.): Wenn die Zeit knapp ist ISBN 978-3-8497-0523-7

Michael Hoyt, Monte Bobele, Arnold Slive, Jeff Young, Moshe Talmon et al. (Hrsg.): Wenn die Zeit knapp ist. Der Single-Session-Ansatz in Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2024. 312 Seiten. ISBN 978-3-8497-0523-7. D: 54,00 EUR, A: 55,60 EUR.
Reihe: Systemische Therapie.

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Thema

Dieses Buch ist eine deutsche Übersetzung von Hildegard Höhr und Theo Kierdorf aus dem Amerikanischen und Teil der Reihe Systemische Therapie und Beratung des Carl Auer Verlages. Therapie und Beratungsformate, die nur aus einer einzigen Sitzung bestehen, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Das Buch stellt systemisch-lösungsorientierte Ansätze vor, die sich für dieses Setting besonders eignen, sei es in Psychotherapie, Sozialarbeit, Medizin oder Seelsorge, ambulant oder stationär. Es umfasst Aspekte aus Theorie, Praxis und Forschung. Die oftmals noch kritische Haltung in Deutschland gegenüber der kurzen Therapieform wird angesprochen und findet seine Berücksichtigung an verschiedenen Stellen der Argumentationen.

Autor:in

Monica Barnes, Therapeutin an der Single-Session Walk-In Clinic am South Health Center in Calgary, Alberta, Kanada; Joanna Bedgood, Managerin Student Wellness an der Western University, Ontario, Kanada; Rosalie Birkin, Kinder‑ und Erwachsenenpsychotherapeutin, Alfred Hospital Community Melbourne; Patricia Carruthers, Clinical Nurse Specialist, South Calgary Health Center Calgary, Alberta, Kanada, Maja Gigovic, Psychologin, Health Center Calgary, Alberta, Kanada; Adriana Gil-Wilkerson, Assistant Professor of Psychology und Klinische Direktorin eines MFT-Programms, OLLU-Houston Campus in Texas; Susan B. Levin, Leiterin Houston Galveston Institute; Brendan O'Hanlon, Manager Mental-Health-Programms Bouverie Center der La Trobe University in Melbourne; Silvia Rapini De Yatim, Walk-In Counselling Center des Houston Galveston Institute; Naomi Rottem, Sozialarbeiterin, Familientherapeutin, Bouverie Center, Melbourne; Terry Soo-Hoo, Professor für Educational Psychology und Leiter des Mental Research Institute, University East Bay, Kalifornien; Karen Story, Sozialarbeiterin, Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Bouverie Centre Melbourne, Australien.

Herausgeber:in

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Theo Kierdorf und Hildegard Höhr**:**

Michael F. Hoyt, Ph. D., Psychologe, Begründer der Single-Session-Therapie, Kalifornien.

Monte Bobele, Ph. D., Psychologe, Supervisor, emeritierter Professor, Universität Texas, Houston. Leitete Kurse in Walk-in/​Single-Session-Therapie in USA, Kanada, Mexiko und Australien.

Arnold Slive, Ph. D., Psychologe, Supervisor, Universität Texas. Gründer von Walk-in/​Single-Session-Beratungsdiensten in Kanada und USA.

Jeff Young, Ph. D., Psychologe und Leiter des Bouverie Centre an der La Trobe University in Melbourne.

Moshe Talmon, Ph. D., Autor des 1990 erschienenen Buches Single-Session-Therapy: Maximizing the Effect of the First (and Often Only) Therapeutic Encounter.

Pam Rycroft, Psychologin, Familientherapeutin am Bouverie Centre in Melbourne, Australien.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um eine deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen und beinhaltet u.a. eine Sammlung ausgewählter Aufsätze zahlreicher Autor:innen, die während des zweiten (Banff, Kanada, 2015) und dritten (Melbourne, Australien, 2019) internationalen Symposiums über die Single-Session-Therapie und Walk-in-Services präsentiert wurden.

Aufbau

Das Buch ist in vier Hauptteile gegliedert:

Vorwort von Jürgen Hargens und Vorwort der Herausgeber:innen

1. Einführung (20 Seiten)

Single-Session-Therapie in Theorie und Praxis: ihre globale Ausbreitung Schritt für Schritt, u.a. Geschichte, Internationale Konferenzen, mit Termin oder spontan,

Lexikon/​Terminologie

2. Orientierungen Der Single-Session-Ansatz und seine praktische Anwendung (80 Seiten) u.a.:

Hoffnung und Freude bei Single-Session-Arbeit, Möglichkeiten, Macht.

Der Single-Session-Ansatz in der Praxis: Beispiel einer Familientherapie,

Arbeit mit Familien in einer einmaligen Sitzung.

Weshalb einmalige Walk-in-Sitzungen definitiv sinnvoll sind – die drei wichtigsten Gründe, Fallbeispiel, Argumente.

Die besondere Bedeutung der Geisteshaltung des:der Therapeut:in.

Das ewige Jetzt – Wie man Single-Session-Therapeut:in wird und ist.

3. Klinische Perspektiven (105 Seiten)

Single-Session-Therapie – Geschichten, Strukturen, Themen, Warnungen, Perspektiven.

Ein, zwei, drei Arten, Ihnen heute zu helfen – Therapeutische Modelle in einem Single-Session-Therapie-Programm, u.a.:

Fallbeispiel, Kognitiv-behaviorale Therapie, Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie

Single-Session-Arbeit im kulturellen Kontext von Klient:innen – eine stärkenbasierte multikulturelle integrative Therapie. U. a.: Theoretischer Rahmen, Fallbeispiel in kleinsten Schritten des Vorgehens.

Rückkehr „zur Inspektion“ – Erfahrungen einer Familie mit einer episodischen Langzeit-Single-Session-Therapie.

Single-Session-Walk-ins als kollaborative Lerngemeinschaft.

Single-Session-Ansätze für die Arbeit mit Säuglingen: Ein kollaboratives Single-Session-Modell.

4. Supervision (30 Seiten)

Das erste Mal – Über die Vermittlung von Fertigkeiten, die Assistenzärzt:innen und angehende Therapeut:innen auf das Walk-in-Counselling vorbereiten.

In der Supervision den Augenblick nutzen.

Abschließend Literatur (28 Seiten)

Über die Autor:innen und über die Herausgeber:innen (2 Seiten)

Inhalt

Die Autor:innen leisten über das gesamte Werk Überzeugungsarbeit für den Single-Session-Ansatz, wie er in den USA, Kanada und Australien entwickelt wurde. Dabei sehen sie sich im deutschsprachigen Raum Kolleg:innen gegenüber, die das Angebot einzelner Sitzungen z.B. im Bereich von Schwangerschaftskonfliktberatung oder auch Drogenberatung kennen. Zudem sind viele Kolleg:innen aus psychotherapeutisch, sozialarbeiterischen, medizinischen und seelsorgerischen Kontexten eher skeptisch, kritisch und manchmal gar abwehrend einer Kurzzeittherapie gegenüber. Diese Therapeut:innen und Berater:innen wollen zumindest mit guten und neuen Argumenten davon überzeugt und dann eventuell dafür gewonnen werden.

Darüber hinaus geht es den Schreibenden darum zu klären, dass Single-Session-Therapie nicht grundsätzlich bedeutet, dass nur eine einzige Sitzung mit den Klient:innen stattfinden soll. Hier wird vielmehr eine Variabilität praktiziert. Dazu führen die Schreibenden zahlreiche Fallbeispiele und Hintergrundinformationen an.

Mit Hilfe einer Fallvignette aus der Familientherapie, gegliedert in drei Phasen des Vorgehens, wird sichtbar, wie sehr den Klient:innen und Patient:innen auf Augenhöhe begegnet und wie ihre Verantwortung und Lösungskompetenz angeregt wird.

Ferner werden Walk-In-Sitzungen dargestellt. Dabei handelt es sich um ein vor allem in Amerika bekannteres und erprobtes Modell, das ohne den bei uns in Deutschland gewohnten langfristigen Vorlauf kurzfristige effektive Hilfe ermöglicht. Die Schreibenden heben die Akzeptanz und Effektivität dieses Ansatzes hervor. Als Ergebnis daraus weisen sie in Kapitel II.5. auf die hohe Zufriedenheit unter sowohl den Therapeut:innen und Berater:innen (Verringerung von Überbehandlung; motiviertere Klient:innen; weniger Frustration auslösen müssen durch lange Wartezeiten) hin. Auf Seiten der Klient:innen wurde die verringerte Wartezeit, dadurch höhere Motivation aufgrund aktueller Bedürftigkeit und Notwendigkeit hervorgehoben, sowie die Förderung der Selbstständigkeit durch weniger Daueranbindung an eine:n Therapeut:in.

Die Schreibenden weisen darauf hin, dass die Therapeut:innen schon bei Beginn der Sitzungen mit einer auf Effizienz ausgerichteten Geisteshaltung agieren müssen. Dazu werden verschiedenen therapeutische Richtungen und Schulen und ihre übliche durchschnittliche Anzahl von Sitzungen für Patient:innen angeführt. Nur, wer davon ausgehe, dass auch wenige oder gar nur eine Sitzung ausreichen wird, um dem:der Klient:in oder Patient:in effektiv weiterzuhelfen, egal um welche therapeutische Richtung es sich handelt, wird auch entsprechend vorgehen und so arbeiten, dass dieses Ziel erreicht werde. So lautet das Resümee der Schreibenden.

Moshe Talmon beschreibt in Kapitel II.7. als Psychotherapeut mit jahrzehntelanger Erfahrung auf sehr persönliche Weise seine Haltung zur Psychotherapie, zur Single-Session-Therapie, zu Aspekten des Begriffs „Heilung“; über seinen Umgang mit Honorarbemessungen und zur Fragwürdigkeit von Kompetenz in psychotherapeutischem Kontakt mit Menschen.

Im III. Teil Klinische Perspektiven gibt Michael F. Hoyt ein Beispiel für ein mit Bedacht formuliertes Erstgespräch, welches dem:der Patient:in vermitteln soll, dass eine einzige Sitzung ausreichen kann, um ein Problem zu lösen; ein erforderlich werdender Prozess von mehreren Sitzungen jedoch nicht ausgeschlossen ist. Es gehe darum, die Chancen einer einzigen Sitzung zu nutzen, aber eine Beschränkung darauf nicht zu fordern. „Etwas aufzwingen ruft Widerspruch hervor. Und Drängen weckt eine Gegenreaktion.“

Des Weiteren stellt Hoyt eine mögliche Zeitstruktur einer SST aus fünf pyramidenförmigen oder epigenetischen Stufen vor, die er durch eine Grafik veranschaulicht. Für jede dieser Phasen bietet er Beispiele klassisch lösungsorientiert aufgebauter W-Fragen an.

Die Schreibenden betonen wiederholt, dass für eine effektive Anwendung der SST eine entsprechende Geisteshaltung des:der Therapeut:in eine erhebliche Rolle spiele. Diese sei, geprägt von einer Offenheit von Herz, Geist und Seele für den:die Klient:in, dem Willen, seinem:seiner Klient:in hilfreich zu sein, sowie der Überzeugung und Erwartung, dass auch die eine Sitzung etwas Gutes hervorbringen wird. Daneben gelte es, den Zeitpunkt der augenblicklichen hohen Bereitschaft des:der Patient:in zu nutzen. Seine Befähigung für eine erfolgreiche aktive Zusammenarbeit solle durch gemeinsame Definition von klaren Zielen verdeutlicht werden. Dadurch werde er von Anfang an aktiv in die Arbeit einbezogen. Ansonsten gelte wie bewährt, die Selbstkompetenz sowie Ressourcen und Stärken des:der Patient:in hervorzuheben. (vgl. Hoyt, S. 136–137).

Hoyt formuliert auch Warnungen an Therapeut:innen, wie z.B. die, nicht auf einer einzigen Sitzung zu beharren; nicht davon auszugehen, dass alle Patient:innen das gleiche, nämlich nur eine Sitzung oder zumindest eine Kurzzeittherapie brauchen; sowie nicht unkritisch, wenn auch verständlichen, kostensparenden Empfehlungen von Krankenkassen zuzustimmen.

Anhand eines Fallbeispiels wird die Anwendung verschiedener Therapiemodelle wie der kognitiv-behavioralen Therapie, der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie und ein narrativer Ansatz in Form von wörtlichen Therapieprotokollen vorgestellt. Am Ende des Textes betonen die Schreibenden nochmals, dass die Überzeugung von der Methode und das unbedingte Bestreben, für den:die Patient:in in Kürze, nämlich einer einzigen Sitzung, hilfreich zu sein, entscheidend für die Effektivität und den Erfolg sind.

Terry Soo-Hoo erläutert anhand eines weiteren Falls den Einsatz der SST unter Berücksichtigung kultureller Bedingungen und Einflussfaktoren vonseiten des:der Patient:in und seines Umfeldes. Kulturelle Kompetenz und Sensibilität des:der Therapeut:in seien beim Einsatz von SST, wie auch bei anderen Therapierichtungen und ‑Ansätzen, für den Erfolg von großem Vorteil, wenn nicht gar notwendig.

Im Weiteren werden von verschiedenen Autor:innen Fallbeispiele zu zusätzlichen Varianten vorgestellt und diskutiert. Dabei handelt es sich um Themen, wie episodische Langzeit-Single-Session-Therapie, Single-Session-Walk-ins als kollaborative Lerngemeinschaften und SST für die Arbeit mit kleinen Kindern, Säuglingen und deren Familien in Australien.

Im letzten Teil IV. Supervision beschreibt Joanna Bedgood die Ausbildung von Psychotherapeut:innen zu Single-Session-Therapeut:innen am Beispiel einer Einrichtung mit fünfzigjähriger Erfahrung in Kanada. Pam Rycroft geht abschließend auf die Nutzung des Single-Session-Ansatzes im Rahmen klinischer Supervision ein.

Diskussion

Das vorliegende Buch als Übersetzung aus dem Amerikanischen bezieht sich überwiegend auf eine psychotherapeutische und beratende Welt und Realität von Therapeut:innen, Berater:innen und Klient:innen in den USA, Kanada und Australien. Eine angenehm lesbare Sprache, anschauliche Fallbeispiele, sowie eine insgesamt praxisnahe Herangehensweise bei breiter wissenschaftlicher Fundierung zur Belegung der Wirkungsweise lassen den Inhalt dennoch als hilfreiche Anregung und auch konkrete Anleitungen für den deutschsprachigen Raum nutzen. Wenn der Schwerpunkt auch im klinischen Bereich liegt, lassen sich die Inhalte ebenso bereichernd auf die Formate von Coaching und Supervision beziehen und von möglicherweise nicht klinisch versierten Coaches und Supervisor:innen gut lesen.

In Deutschland wird die Vorgehensweise bisher in Beratungsstellen, Hochschulambulanzen oder im Selbstzahler‑ und Coachingbereich genutzt; oder wird dafür verwendet, die Zeit bis zu einer längerfristigen Behandlung zu überbrücken. Eine Einmalberatung oder Single-Session-Therapie im psychotherapeutischen Bereich ist im Leistungskatalog der Krankenkassen bisher nicht verankert. Daher wird es noch längere Zeit dauern, bis ein vergleichbar informatives und so umfassend erfahrungsbasiertes Buch, wie das vorliegende, in Deutschland erscheinen wird.

Fazit

Ein gemeinsames Werk engagierter erfahrener systemisch arbeitender Single-Session-Therapeut:innen. Es erweitert die bisherige Diskussion der Methode in Deutschland durch eine vergleichende internationale Einordnung. Die Begeisterung der Autor:innen springt auf die Lesenden über. Durch umfassende theoretische Informationen, praktische Anleitungen und anschauliche Fallbeispiele hat dieses Werk das Potenzial, auch bisher Zögernde und Zweifelnde zu einem erweiterten und vielleicht gar neuen Verständnis des Single-Session-Ansatzes zu verhelfen, und zusätzlich eine praktische Anleitungshilfe zu sein.

Rezension von
Inge-Marlen Ropers
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ISSN 2190-9245