Egon Garstick, Raffael Guggenheim: Die Schreibaby-Sprechstunde
Rezensiert von Deborah Metz, 15.01.2026
Egon Garstick, Raffael Guggenheim: Die Schreibaby-Sprechstunde. Eltern und ihre Kinder pädiatrisch-psychologisch begleiten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2024. 208 Seiten. ISBN 978-3-608-98094-3. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Thema und Entstehungshintergrund
Das Buch widmet sich der interdisziplinären Behandlung frühkindlicher Regulationsstörungen, mit besonderem Fokus auf exzessives Schreien sowie Schlaf- und Fütterproblemen. Anhaltendes Schreien und der damit verbundene chronische Schlafentzug führen Eltern häufig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Diese Belastung wird zusätzlich durch unverarbeitete Traumatisierungs- oder Vernachlässigungserfahrungen der Eltern in der eigenen Kindheit und Jugend verstärkt. Garstick und Guggenheim machen damit ein zentrales Versorgungsproblem sichtbar: Schreien wird in der Praxis zu oft isoliert betrachtet – als rein medizinisches oder erzieherisches Problem – obwohl körperliche, psychische und soziale Aspekte eng verflochten sind. Ihr Buch ist deshalb zugleich Praxisleitfaden und Plädoyer für eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die Symptome nicht isoliert behandelt, sondern die zugrundeliegenden Ursachen in einen familiendynamischen Fokus stellt. Auf dieser Grundlage entwickelten die Autor:innen das „Züricher Modell“, das entwicklungspädiatrische, psychodynamische und bindungsorientierte Ansätze zu einem integrativen Handlungsmodell verbindet. Ausgangspunkt sind die Erfahrungen aus dem ambulanten und stationären Schreibabyangebot an der Kinderklinik des Stadtspitals Triemli. Das Buch soll aufzeigen, wie eine transdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Entwicklungspädiatrie und psychodynamischer Psychotherapie praktisch gestaltet und gelebt werden kann.
Autor oder Herausgeber
Egon Garstick ist psychoanalytischer Sozialpädagoge und Psychoanalytiker, ferner ausgebildet in körperorientierter Psychotherapie. Er arbeitet u.a. im Verein Arche Zürich und ist Dozent am Psychoanalytischen Seminar Zürich. Dr. med. Raffael Guggenheim ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin FMH, seit 2011 Ärztlicher Leiter einer ganzheitlich arbeitenden Kinderpraxis in Zürich und seit 2005 Oberarzt an der Kinderklinik Stadtspital Triemli in Zürich. Er leitet dort das Programm für Regulationsstörungen bei Kleinkindern (Schreibabys).
Aufbau und Inhalt
Nach einer kurzen Einführung und der Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Züricher Modells fassen die Autor:innen im zweiten Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen der Eltern-Kind-Arbeit zusammen. Hierbei werden bindungstheoretische Erkenntnisse, entwicklungspsychologische Befunde, psychodynamische Konzepte sowie interaktionstheoretische bzw. intersubjektive Überlegungen miteinander verwoben. Ergänzend werden mögliche organische Ursachen für frühkindliches Schreien und Regulationsstörungen systematisch dargestellt. Ein wichtiger Bestandteil des Züricher Modells wird erläutert: „Information Therapy“. Dies meint die gezielte Aufklärung und psychoedukative Begleitung der Eltern, also die Vermittlung von Wissen über somatische Abläufe, Regulationsfähigkeit des Säuglings und handhabbare Strategien zur Entlastung. Kapitel 3 beleuchtet, wie elterliche Sensibilität, die Paarbeziehung und der Übergang zur Familie die Regulationsfähigkeit des Säuglings mitprägen. In den folgenden Kapiteln verschiebt sich der Fokus auf die praktische Umsetzung. Kapitel 4 beschreibt die gemeinsame Anamneseerhebung durch Arzt/Ärzt:in und Psychotherapeut:in in einem transdisziplinären Setting und erläutert das dort praktizierte „kreative Oszillieren“ – also das fortlaufende, situative Hin- und Herwechseln zwischen medizinischer Abklärung und psychotherapeutischer Haltung, um sowohl somatische Ursachen abzuklären als auch Beziehungsdynamiken zu erfassen. Es folgen die pädiatrisch-therapeutische Untersuchung und der daraus abgeleitete medizinische Maßnahmenplan. Kapitel 7 widmet sich besonders praxisnah der Entwicklung von Behandlungsplänen bei Ein- und Durchschlafstörungen, liefert detaillierte Anleitungen zum 24-Stunden-Protokoll, konkrete Schlaf- und Fütterungsinterventionen sowie pragmatische Strategien zur Entlastung erschöpfter Eltern. In den Kapiteln 8–10 wird die Arbeit im Rahmen der Schreibaby-Sprechstunde in breitere Kontexte gestellt. Hier wird die Bedeutsamkeit einer sicheren Bindung für die langfristige Entwicklung und Gesundheit eines Kindes herausgearbeitet, die Rolle der Eltern in der Kinderbetreuung und die damit verbundenen Herausforderungen der familienergänzenden Betreuung erörtert sowie gesellschaftskritische Aspekte diskutiert. Der Anhang bietet praxisrelevante Materialien (z.B. Protokollvorlagen, Glossar, Leitfäden für Anamnese und Untersuchung) sowie Hinweise auf digitale Zusatzmaterialien zum Download, die die Umsetzung in der eigenen Praxis erleichtern.
Diskussion
Das Buch überzeugt in mehreren Punkten: Erstens macht es die transdisziplinäre Verzahnung zwischen Entwicklungspädiatrie und Psychotherapie praktisch nachvollziehbar. Das gemeinsame Anamnesegespräch und das beschriebene kreative Oszillieren zwischen medizinischer Abklärung und psychotherapeutischem Verständnis liefern ein plausibles Vorgehen für Teams, die ähnliche Angebote aufbauen möchten. Zweitens ist die Praxisnähe hervorzuheben. Zahlreiche Fallbeispiele und Vignetten machen abstrakte theoretische Konzepte unmittelbar nachvollziehbar und erlauben ein Lernen an realen Situationen. Drittens ist die Darstellung der therapeutischen Haltung differenziert und anschlussfähig für die klinische Praxis: präsent, strukturierend, resonant und mit dem psychodynamischen Verständnis unbewusster Prozesse. Viertens bietet die Erläuterung möglicher somatischer Ursachen für frühkindliches Schreien und Regulationsstörungen (z.B. neuronale Überreizung, gastroösophagealer Reflux, Milchunverträglichkeit, Geburtsverletzungen, neuromuskuläre Gründe) eine solide Grundlage für medizinische Abklärungen. Nicht zuletzt verleiht die Einbettung in gesellschaftskritische Überlegungen dem Buch zusätzliche Relevanz. Die Autor:innen machen deutlich, dass sichere Bindung und frühe seelische Gesundheit nicht nur individuelle Aufgaben sind, sondern auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen – ein Appell, Familien mehr strukturelle Unterstützung zukommen zu lassen. Kritisch anzumerken ist, dass die kompakte Darstellung an einigen Stellen eine gewisse Vorkenntnis in Eltern-Kind-Therapiekonzepten voraussetzt. Theoretische Vertiefungen bleiben bewusst skizzenhaft und es wird auf weiterführende Literatur verwiesen. Praktisch relevant bleibt außerdem die Frage der Übertragbarkeit des Züricher Modells auf andere Versorgungskontexte. In Deutschland etwa können Abrechnungs- und Organisationsstrukturen, wie z.B. mangelnde Vergütungsoptionen für gemeinsame Sprechstunden oder unterschiedliche Trägersysteme zwischen ambulantem und stationärem Sektor, die Implementierung eines solchen transdisziplinären Angebots erschweren. Dies ist ein reales Hindernis, das die Autor:innen selbst ansprechen.
Fazit
„Die Schreibaby-Sprechstunde“ von Egon Garstick und Raffael Guggenheim ist ein gut strukturiertes, praxisorientiertes Werk, das somatische, psychodynamische und bindungsorientierte Perspektiven überzeugend verbindet. Die klinische Nähe, die klar beschriebene therapeutische Haltung und die nützlichen Anhänge machen das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre für Fachpersonen im Bereich der Frühen Kindheit. Besonders adressiert sind Entwicklungs-Pädiater:innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, Hebammen, Fachkräfte der Frühförderung, Mitarbeitende in Eltern-Kind-Ambulanzen sowie interdisziplinäre Teams, die konkrete Konzepte und reflexive Praxisbeispiele suchen. Für eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung bieten die im Anhang aufgeführten Literaturhinweise eine hilfreiche Ergänzung.
Rezension von
Deborah Metz
Tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin M.A.
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