Martha Havenith, Abdellatif Nemri: Atemkraft - Das Breathwork-Handbuch
Rezensiert von Gabriele Engert-Timmermann, 31.07.2025
Martha Havenith, Abdellatif Nemri: Atemkraft - Das Breathwork-Handbuch.
Schattauer
(Stuttgart) 2024.
144 Seiten.
ISBN 978-3-608-40162-2.
D: 32,00 EUR,
A: 32,90 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608981636. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608942989. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608401394. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608984620.
Thema
Der Begriff „Breathwork“ hat sich in den letzten Jahren etabliert und schließt nach einer Definition des Oxford English Dictionary „Übungen, Techniken und Therapien ein, bei denen die Art und Weise, wie man atmet, manipuliert wird“. Breathwork entstand in den 1970er Jahren als Teil der New-Age-Bewegung. Die wichtigsten Traditionen, die beide in Kalifornien aufkamen, sind das Rebirthing (Leonard Orr) und das Holotrope Atmen (Holotropic Breathwork) von S. und C. Grof. Gemeinsames Ziel beider Verfahren ist es, nicht-alltägliche Bewusstseinszustände zu erreichen. Seit 1980 wurde der Begriff „Breathwork“ allmählich erweitert. Das vorliegende Handbuch gibt einen klaren Einblick in die vielfältigen Techniken von Breathwork und ordnet sie in den jeweiligen kulturellen Kontext ein. Anschließend stellen die Verfasser ihre Praktik des intensiven Atmens, die „Zirkuläre Atemarbeit“ vor.
Autor:Innen
Martha Havenith ist promovierte Neurowissenschaftlerin und arbeitete an der Oxford University, am Max-Planck-Institut für Hirnforschung und am University College London. Sie hat seit 2020 eine eigene Max-Planck-Forschungsgruppe. Als zertifizierte Fachkraft bildet sie Breathwork-Begleiter:innen im medizinischen Bereich aus.
Abdellatif Nemri ist ebenfalls promovierter Neurowissenschaftler und arbeitete an der Université Paris Sorbonne, an der Montreal University und auch am University College London. Er leitet seit 2019 ein Startup im Bereich Neurotechnologie. Wie Martha Havenith ist er zertifizierter Breathwork-Begleiter und bildet Breathwork-Begleiter:innen im medizinischen Bereich aus.
Entstehungshintergrund
Die Hintergründe zur Entstehung dieses Buches waren die Erfahrungen von Martha Havenith, die trotz Psychologiestudiums, jahrelanger Meditationspraxis und Beschäftigung mit Selbstentwicklung und Spiritualität in ihrem Heilungs- und Transformationsprozess nicht weiterkam, während Abdellatif Nemri sich von seinen Gefühlen abgetrennt erlebte. Durch „zirkuläre Atemarbeit“ konnten sie beide „ihren Gefühlen in ihrem natürlichen Zuhause begegnen – auf der verkörperten Ebene“ (S. 8).
Aufbau
In Teil I „Breathwork verstehen“ werden Grundzüge, Geschichte und Funktion von Breathwork aufgezeigt und in Teil II „Breathwork praktizieren“ die Vorgehensweisen erklärt. Teil III „Breathwork begleiten“ richtet sich an Begleiter:innen von Einzel- oder Gruppensitzungen.
Inhalt
Ausführlich beschäftigen sich die Autoren im 1. Kapitel von Teil I mit der Beschreibung der zirkulären Atemarbeit, ihrer Potenz und ihren Grenzen. Sie erzählen im 2. Kapitel Breathwork-Geschichte(n) und erklären im 3. Kapitel die Auswirkungen und Veränderungen, die durch die „verbundene Atmung“ im Gehirn, im Körper und in der Psyche geschehen. Geistige Wendepunkte können so ermöglicht werden. Häufige Auslöser für solche geistigen Wendepunkte, sowie Beispiele, wie sie in alten und neuen Heilungsritualen eingesetzt wurden und werden, zeigt eine Tabelle am Ende des 3. Kapitels. Teil II widmet sich ganz der Praxis. Im 4. Kapitel wird aufgezeigt, wann und wie Menschen Breathwork praktizieren können, sei es allein, mit einer Begleitperson oder in einer Gruppe. Was sind Kontra-Indikationen (!), was ist wichtig bei der Vorbereitung einer Sitzung, wie geht man mit schwierigen Erfahrungen um und wie gelingt die Integration des Erlebten ins Alltagsbewusstsein (5. Kapitel)? Außerdem werden im 6. Kapitel Breathwork-Übungen für jeden Tag vorgestellt, z.B. die Wim-Hof-Methode, das zyklische Seufzen und der kohärente Atem. Teil III behandelt im 7. Kapitel die Rolle, die ethische Haltung und die persönliche Vorbereitung der Breathwork-Begleitenden. Ein „Atlas innerer Landschaften“ wird im 8. Kapitel vorgestellt und das 9. Kapitel widmet sich ganz der Praxis: Vorbereitung, Musik, Klang und Wort, Körperarbeit und Erste Hilfe werden eingehend besprochen. Im 10. und letzten Kapitel wird ein Aspekt aus dem 8. Kapitel noch einmal aufgegriffen und vertieft: die „6 Weggabelungen“, die Möglichkeiten, wie und wohin sich eine Breathwork-Sitzung entwickeln kann und wie man als Begleiter:in damit umgeht. Vorwort, Nachwort, Dank und ein ausführliches englischsprachiges Quellenregister runden das Werk ab.
Diskussion
Dieses Breathwork-Handbuch liest sich, auch dank der Übersetzung von Cornelia Schlicht, von Anfang bis Ende flüssig und spannend. Martha Havenith und Abdellatif Nemri sprechen die Leser:innen mit „du“ an, was bei diesem Thema, das die Erfahrung tiefer, nicht-alltäglicher Bewusstseinszustände durch forciertes Atmen in Theorie und Praxis vermitteln möchte, atmosphärisch passend ist. Die wissenschaftlichen Kapitel könnten auch übersprungen werden, heißt es, doch in ihrer durchweg klaren und auch für Laien verständlichen Sprache sind sie ebenso lesenswert wie die Praxisteile. Das aufrichtige Anliegen, die Leser:innen gut abzuholen und zu führen, so wie das auch in der Breathwork-Begleitung wichtig ist, wird für mich besonders durch die kleine Vorschau „so geht"s weiter“ vor jedem neuen Kapitel deutlich. So erklären und beleuchten M. Havenith und A. Nemri ihre „zirkuläre Atemarbeit“ umfassend und überzeugend, auch weil sie immer wieder sehr persönlich von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Ein wesentlicher im Text aufleuchtender Begriff ist „Ehrfurcht“. Es werden Grenzen, Kontraindikationen und mögliche Schwierigkeiten aufgezeigt und die Wichtigkeit der Integration der Erfahrungen mit Breathwork in den Alltag betont, da die Kurz- und Langzeiteffekte in vieler Hinsicht denen durch LSD, MDMA, Ayahuasca oder magische Pilze induzierten zu ähneln scheinen. Der persönliche Selbsterkenntnis- und Weiterentwicklung-Weg der Breathwork-Begleiter:innen wird ausführlich besprochen. Ergänzend möchte ich noch anfügen, dass diese Art von Atemarbeit der gänzlich ohne Manipulation des Atmens auskommenden Atemerfahrungen z.B. nach Ilse Middendorf (Der erfahrbare Atem), Cornelis Veening oder Herta Richter gegenübersteht. Hier geht es darum, sich mit dem eigenen Atem zu verbinden, ohne ihn zu manipulieren und dadurch innere Räume aller Art zu erfahren. Das ist unspektakulärer als Breathwork, aber dem natürlichen, unbegradigten Verlauf alles Fließens näher. „Der Atem ist ein Kind der Freiheit“ ( Herta Richter).
Fazit
In dem Breathwork-Handbuch „Atemkraft“ beschreiben Martha Havenith und Abdellatif Nemri in allgemein verständlicher Sprache die von ihnen praktizierte „zirkuläre Atemarbeit“ aus neurowissenschaftlicher und psychologischer Sicht, geben Einblicke in traditionelles Wissen und beschreiben die Praxis mit Breathwork für Selbstpraktizierende und Breathwork-Begleiter:innen.
Rezension von
Gabriele Engert-Timmermann
Es gibt 1 Rezension von Gabriele Engert-Timmermann.





