Anne Fanenbruck, Gerhard Fatzer: Organisationsentwicklung als Kunst
Rezensiert von Prof. Dr. Paul Brandl, 16.01.2026
Anne Fanenbruck, Gerhard Fatzer: Organisationsentwicklung als Kunst. Veränderung durch Dialog und vorurteilslose Führung. Hommage an Edgar H. Schein.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2024.
300 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3303-1.
D: 39,90 EUR,
A: 41,10 EUR.
Reihe: Therapie & Beratung.
Herausgeber:innen und Autor:innen
Gerhard Fatzer leitet seit 1983 das TRIAS Institut für Coaching, Supervision und Organisationsentwicklung in Zürich und ist mittlerweile ein OE-Pionier im deutschsprachigen Raum. Er berät Unternehmen und Institutionen und widmet sich der Ausbildung von Berater:innen und Coaches. Er lernte alle wichtigen Begründer der OE kennen und arbeitete mit ihnen zusammen: Edgar H. Schein, Chris Argyris, Warren Bennis, Fred Massarik, Ed Nevis, Kathleen Dannemiller, Larry Lippitt, Peter Senge, Otto Scharmer, John Van Maanen. Er ist Gastprofessor an mehreren Universitäten weltweit. Seit 1987 ist er Gastforscher am M.I.T. Autor mehrerer Bücher wie z.B. „Kunst der Veränderung“ (2021). Er ist Kultur- und Weinliebhaber sowie Autor mehrerer Kinderbücher. Anne Fanenbruck ist Geschäftsführerin der AESOP-Consulting GmbH Entwicklungsberatung und als selbstständige Beraterin sowie als Therapeutin etabliert. Sie ist Leiterin der TRIAS Masterclass Führung und Coaching Leipzig, Keynote-Speakerin, Autorin und begleitet Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Zu ihren inhaltlichen Schwerpunkten gehören das Sichtbarmachen von Prozessen der Teamentwicklung und Unternehmenskommunikation. Mit Beiträgen von Sylvia Böcker, Ana Campos, Hans Peter Erni, Anne Fanenbruck, Gerhard Fatzer, Margret Fischer, Michael Giesecke, Peter A. Gloor, Barbara Kellermann, Tibor Koromzay, Ivana Leiseder, Matthias Ohler, Kornelia Rappe-Giesecke, Michael Rautenberg, Claus Otto Scharmer, Edgar H. Schein, Peter Schein, Daniel C. Schmid, Sabina Schoefer und Johannes Terhalle.
Thema und Inhalt
Das Buch ist Anregung, Reflexionsraum und Lesefreude zugleich und richtet sich an Führungskräfte, Berater:innen sowie an Wissenschaftler:innen, die ein noch tieferes Verständnis für die kreativen Aspekte von Veränderungsprozessen entwickeln möchten. Die Artikel des Buches rufen zu immerwährender Neugier und zum Lernen auf – ein Grundlagenwerk, das Tradition und Moderne der Organisationsentwicklung wertvoll zu verbinden mag und eine Ode an das Menschsein ist. Die Publikation enthält drei Teile: einen ersten Teil, in dem sich mehrere Autor:innen im Überblick mit der Würdigung und dem Nachruf auf das Lebenswerk von Edgar H. Schein als Vordenker im Bereich der Organisationspsychologie und -entwicklung beschäftigen und dessen Lebenswerk nachzeichnen. Gerhard Fatzer betrachtet eingangs Organisationsentwicklung als Kunst – ganz im Sinne von Edgar H. Schein, dessen bahnbrechende Arbeiten das Verständnis von Organisationskultur, Karriereentwicklung und Prozessberatung nachhaltig geprägt haben. Besonders ist dessen Auffassung von Führung, die geprägt ist von Vorurteilsfreiheit und einem tiefen Verständnis für zwischenmenschliche Dynamiken. Schein steht für diese Art bescheidener, vorurteilsloser Führung und für »Humble Leadership«. Er übertrug die Theorien von Carl Rogers in den Kontext von Organisationen und Teams und ist berühmt für seine Kulturansätze.
Im zweiten Kapitel unter der Überschrift „Classics and News“ wird Scheins Führung als eine Kunstform, die auf Beziehungen, Offenheit und gegenseitigem Vertrauen basiert, beschrieben. Dieser Abschnitt stellt Scheins zeitgenössische Ansichten zu Leadership vor und zeigt, wie seine Ideen in der modernen Führungsforschung und -praxis Anwendung finden. Es werden die Dynamiken zusammen mit der Rolle der Kunst betrachtet und die Rolle des Künstlers mit einem tiefen gegenseitigen Verständnis verbunden. Beratung wird nicht nur als Kunst, sondern auch als Handwerk gesehen. Es folgt ein Interview mit Schein, das die Einfachheit, Eleganz und Bescheidenheit, die Tiefe der vorurteilslosen Führung darstellt. Barbara Kellermann – eine weitere Autorin aus dem Kreis rund um das TRIAS-Institut – stellt ihre Überlegungen zu „Bad Followship“ sowie den Zusammenhang von „Leaders“ und „Followers“ vor. In einem weiteren Beitrag betont Scharmer den Zusammenhang mit „seiner“ Theorie U, die seiner Meinung nach die sechste Disziplin darstellt.
Im dritten Teil „Arts“ sind die Künste expliziter Bestandteil der Beiträge. Schmid/Gloor beschreiben in einer Kurzanleitung den Groove der Organisation. Rautenberg zeigt, wie Dialog, systemische Sichtweisen und Zen verwoben sein können, und Koromzay macht deutlich, wie Gestalt, systemische Organisationsentwicklung und Schein im Zusammenhang gesehen werden können – zwei gut zusammenpassende Beiträge. Im nächsten Beitrag nimmt Terhalle die neue Rolle der CEOs als oberste Kulturgestalter mit den Ansätzen von Schein zum Thema Kultur in seinem Artikel auf. So bleibt Kultur nicht nur als ein Thema der HR-Abteilungen, sondern wird zur „Chefsache“ als Gestalter aufgewertet. Nur wenn sich alle Teile einer Organisation in das Thema hineinbegeben, gibt es eine Chance auf nachhaltige Transformation. Als Kontrapunkt haben Campos/Leiseder die Managementliteratur kritisch und polemisch entzaubert. Abschließend unternimmt Erni als ehemaliger „Professor of Composition“ in seinem Beitrag „Musik als konzeptuelle Ausgangslage in der Beratung“ den Versuch, klassische Musik in Kombination mit visuellen Mustern des Films zu nehmen und anhand eines Stückes von W. A. Mozart zu exemplifizieren. Auch Verbindungen zwischen Musikalität, Gestalttheorie, Dialog und Systemtheorie in der Beratung werden hergestellt.
Der letzte Teil, betitelt „Basics and Now“, befasst sich mit grundlegenden und aktuellen Themen der Organisationsentwicklung. Rappe-Giesecke beschreibt die Vorphase eines Beratungsprozesses, in der die Triade von Prozess-, Architektur- und Grenzgestaltung als Bestandteil eines Vertrages noch vor Beginn der eigentlichen Beratung festgelegt wird. Weiters erläutert Giesecke Praxismodelle, die auf dem Neuen Triadischen Denken basieren – einem Ansatz, der Wahrnehmung, Denken und Handeln in Beratung und Humanwissenschaften in einen Zusammenhang stellt. Ein weiteres Highlight dieses Teils ist der „poetosophische Essay“ von Matthias Ohler, der die Verbindungen zwischen Philosophie, Poesie und Sprache untersucht und die Bedeutung des poetischen Denkens als reflektiertes und kreatives Nachdenken über die Welt hervorhebt. Der Beitrag von Fischer/Fatzer ist der Anfang von mehreren Artikeln, die sich mit der Zukunft des Führens und der Bedeutung von Business-Coaching in einer sich schnell verändernden Umwelt befassen. Scheins Ansatz des vorurteilsfreien Handelns in Führung und Beratung wird auch hier zugrunde gelegt. Die Publikation schließt mit einem Rückblick von Fatzer/Fanenbruck auf die behandelten Themen, wobei sie die Kunst der Organisationsentwicklung im Kontext von Leadership und Beratung unter Edgar Scheins Prämisse der vorurteilslosen Führung zusammenfassen. Schließlich bietet Peter A. Schein eine eindrucksvolle Reflexion über das Werk seines Vaters und dessen Einfluss auf die Zukunft der Organisationsentwicklung.
Diskussion
Dieser Sammelband ist eine Würdigung von Edgar H. Schein mit seiner bescheidenen und vorurteilslosen Führung (humble leadership), sodass die Inhalte die Welt ein wenig anders betrachten lassen. Die Autor:innen würdigen sein Vermächtnis und zeigen die neuen Wege für die Weiterentwicklung der Organisationspsychologie und -entwicklung auf – Wege, die von Kreativität, Offenheit und einem tiefen Verständnis für die Komplexität menschlicher Interaktionen geprägt sind. Kunst kann den Blick verändern, und die Kunst der Organisationsentwicklung will es auch. Gleichzeitig bietet das Buch auch Grundlagen für die Veränderungsarbeit, Führung und Kulturarbeit. Die Betrachtungen der OE als Kunst sind vielfältig und gönnen sich Vertiefungen in einzelnen Begriffssystemen, die sich insbesondere ins Thema einsteigende Leser:innen näher erarbeiten müssen. Es sind Einblicke in Bezugswelten aus Kunst, Musik und Poesie, die erfrischend anders den eigenen Blick befruchten und aufzeigen, dass sich die Bezugssysteme unserer Betrachtungsweisen durchaus wechseln und verändern können. So betrachtet sich der schöpferische Prozess der Organisationsentwicklung als eine Kunst, die ihre Meisterschaft durch Übung erlangt und zugleich eine Ergebnisoffenheit für den erkenntniskreierenden Prozess braucht. Die häufig nur nüchterne Betrachtung von Organisationen limitiert diese oft, denn – um einen Gedanken aus diesem Buch aufzunehmen – Menschen müssen etwas erleben, das sie bewegt, damit sie etwas bewegen.
Fazit
Das Buch würdigt das Wirken von Edgar H. Schein als Grundlagenarbeit der Organisationsentwicklung und -psychologie und lässt diese als Kunst betrachten. Es werden künstlerische Facetten der Führung dargestellt, die geprägt sind von Vorurteilsfreiheit und einem tiefen Verständnis für zwischenmenschliche Dynamiken. Zum Abschluss wird ein Schritt in die mögliche Zukunft des Business-Coachings gemacht.
Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
war Professor für Organisationsentwicklung und Prozessmanagement an der FH Oberösterreich, Department für Sozial- und Verwaltungsmanagement und ist Berater insbesondere für die prozessbasierte Optimierung und Neugestaltung von sozialen Dienstleistern
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