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Hanspeter Mathys: Mit Gott – gegen die Welt

Rezensiert von Prof. Dr. em. Joachim Thönnessen, 23.03.2026

Cover Hanspeter Mathys: Mit Gott – gegen die Welt ISBN 978-3-8379-3328-4

Hanspeter Mathys: Mit Gott – gegen die Welt. Über die Anziehungskraft des christlichen Fundamentalismus. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 200 Seiten. ISBN 978-3-8379-3328-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.

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Thema

Mit der Unterstützung durch psychoanalytische Konzepte arbeitet Hanspeter Mathys die Grundlagen und Eigenarten fundamentalistischer Glaubenssysteme heraus. Das Buch gibt Einblicke in historische Traditionslinien und aktuelle Diskurse. Es entwickelt ein Verständnis von Fundamentalismus als Versprechen der Erlösung von einem psychischen Zustand, der durch Vernichtungsangst und Zerstörungswut gekennzeichnet ist (in Anlehnung an den Klappentext verfasst).

Autor

Hanspeter Mathys, Dr. phil., ist Fachpsychologe für Psychotherapie und Psychoanalytiker in eigener Praxis. Seit 2014 leitet er die Psychologische Beratungsstelle für Studierende an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) (übernommen aus dem Klappentext).

Entstehungshintergrund

Was macht eine in so vielen Bereichen rigide Ideologie für viele Menschen attraktiv? Oder, „übersetzt“ in die psychoanalytische Fachsprache: Welche psychische Disposition begünstigt die Bereitschaft, ein fundamentalistisches Glaubenssystem als Leitlinie des eigenen Denkens auszuwählen? Für Hanspeter Mathys sind es die „stummen Massenprozesse“ (Mathys, S. 13; zit. nach Brunner, 2019), die in der Gesellschaft strukturell eingelagert sind und gerade deswegen einen prägenden Einfluss auf die Subjektwerdung haben. Derlei Entwicklungen auf den Grund zu gehen, ist das Vorhaben seiner Arbeit (Mathys, S. 13).

Aufbau

Das Buch ist unterteilt in sieben Kapitel. In Kap. 1 wird auf die Begriffsgeschichte des Fundamentalismus eingegangen. Was wir in der heutigen Gesellschaft unter dem Begriff Fundamentalismus verstehen, wird erläutert und abgegrenzt von anderen Begriffen wie Traditionalismus, Evangelikale, Radikalismus und Fanatismus. In Kap. 2 widmet sich der Verfasser der Geschichte des protestantischen Fundamentalismus. Hier geht es u.a. um die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Entstehung des Fundamentalismus oder auch um ein ganz aktuelles Thema wie „Donald Trump und die Evangelikalen“. In Kap. 3 wird Fundamentalismus in einen sozioökonomischen Kontext eingebettet (Autoritarismus, Postdemokratie, Kapitalismus, libertärer Autoritarismus). In Kap. 4 werden psychoanalytische Modelle mit dem Fundamentalismus in Beziehung gesetzt: Narzissmus, Spaltung, Paranoia, Identität und Fundamentalismus als verkappter Nihilismus. Kap. 5 geht ein auf die Objektbeziehungstheorie. Sie beschreibt, wie sich frühkindliche Beziehungserfahrungen mit „signifikanten Anderen“ – sogenannten „Objekten“ – in inneren Repräsentationen niederschlagen und die spätere Affektregulation, Beziehungsgestaltung und Ich-Struktur beeinflussen. In Kap. 6 beschäftigt der Verfasser sich mit dem Thema Symbolbildung. Dieses Kapitel wird abgeschlossen mit der Thematik: „Symbolische Gleichsetzung als Mittel der Verleugnung“. In Kap. 7 wird auf der Grundlage der dargelegten Theorieansätze herausgearbeitet, welche psychische Ausgangslage eine fundamentalistische Mentalität begünstigt.

Inhalt

Der Begriff „Fundamentalismus“ hat in den letzten 100 Jahren eine inflationäre Erweiterung erfahren. Eine Arbeit über den Fundamentalismus muss sich deshalb mit der Frage beschäftigen, was darunter zu verstehen ist (S. 15ff). Mathys zitiert die Meinungen unterschiedlicher, zumeist US-amerikanischer Autoren und kommt dabei zu der Schlussfolgerung, dass fundamentalistische Vorstellungen kein eng amerikanisches und damit protestantisches Phänomen sind, sondern dass sie sowohl im Christentum als auch im Judentum und im Islam vorhanden sind (S. 21). Für den Hinduismus und Buddhismus hingegen können nur wenige fundamentalistische Strömungen festgestellt werden. Mit seiner Diskussion fundamentalistischer Strömungen in den Weltreligionen verdeutlicht Mathys auch, dass sich der Fundamentalismusbegriff verändert hat: Von einem eher theologisch beziehungsweise religionsgeschichtlichen Begriff mit einer Entstehungsgeschichte hin zu einem Phänomen, das – als Fremdzuschreibung und ideologisch geprägter Kampfbegriff – eher eine innere Einstellung beschreibt als ein Phänomen in der Außenwelt im Sinne religiöser Gruppierungen (S. 22). Mathys gelangt damit zu einem erweiterten Verständnis des Fundamentalismus, welches in erster Linie als eine Ideologie bzw. Weltanschauung zu betrachten ist.

In der Folge grenzt Mathys den Begriff Fundamentalismus von anderen Phänomenen ab mit dem Ziel, seine inflationäre Deutung und Anwendung zu schärfen. Eine erste Abgrenzung beinhaltet, dass Fundamentalismus als Begriff religiös determiniert ist: Die religiöse Dimension ist eine unverzichtbare und zentrale Substanz seiner Beschreibung. Weitere Abgrenzungen werden in der Folge zu den Begriffen Traditionalismus (S. 23f), Evangelikale (S. 24ff), Radikalismus (S. 26ff) und Fanatismus (S. 28) vorgenommen. Im Anschluss an diese Abgrenzungen fragt Mathys nach den Charakteristika des religiösen Fundamentalismus (S. 28ff). Er benennt diese wie folgt: Fundamentalismus als Kampf gegen die Moderne und die Säkularisierung (S. 30ff), autoritär-patriarchale Strukturen (S. 33ff), das Dogma von der Irrtumsfreiheit der „Heiligen Schrift“ (S. 37ff) und Dualismus (S. 40ff), also die Aufteilung der Welt in zwei Hälften: Nur gut und nur böse, nur schwarz oder nur weiß …

Im nächsten Kapitel wird die Geschichte des protestantischen Fundamentalismus dargelegt. Sie reicht über zwei Perioden: den frühen Fundamentalismus um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts und die zweite Periode von den 1970er Jahren bis heute (S. 49ff). Ein Zitat aus dem Kapitel „Die Bedeutung des ersten Weltkriegs für die Entstehung des Fundamentalismus“ verdeutlicht, wie genau sich der Fundamentalismus entwickelt hat: „1919 war charakterisiert durch eine ganze Serie von realen oder eingebildeten Schrecken: Bolschewismus, Orientierungslosigkeit, Kriegslust und Paranoia. Es schien, als bräuchten die Menschen einen Feind. Während die Nachkriegszustände für die meisten Amerikaner eine vorübergehende Störung waren, war es für Fundamentalisten der Beginn eines Kreuzzugs. Sie begannen sich genau zu dem Zeitpunkt zu organisieren (1919/1920), und sie institutionalisierten und konservierten wichtige Aspekte der damaligen Gefühle, Einstellungen und Haltungen (Marsden, 2006)“ (S. 54).

Bei der Verbreitung des Fundamentalismus in der zweiten Phase spielt der gegenwärtige amerikanische Präsident eine wichtige Rolle. Das zugrundeliegende Narrativ lautet: Amerika wurde als eine christliche Nation von christlichen Pilgervätern gegründet. Deshalb liegt der Segen Gottes auf diesem Land, und er hat es reich und mächtig gemacht… Seit geraumer Zeit ist Amerika vom Weg abgekommen und damit auch von den Gesetzen Gottes. Deshalb müssen die gläubigen Christen das Ruder herumreißen, „to make America great again“ (S. 62).

In dem Kapitel „Der sozioökonomische Kontext“ geht es u.a. darum, dass es sich bei den 1970er/​1980er Jahren um eine Phase handelte, in der fundamentalistische Strömungen nicht nur in den USA Aufschwung erlebten, sondern erstmals auf den Islam ausgeweitet und somit zum globalen Phänomen wurden (S. 6b 5ff). Als mögliche soziale Faktoren, die das Wiedererstarken fundamentalistischer Strömungen seit den 1970er Jahren begünstigten, werden genannt: Autoritarismus (S. 66ff), Postdemokratie (S. 68ff), Sekundärer Autoritarismus: Die Rolle des Kapitalismus als Prothesensicherheit (S. 71ff), Libertärer Autoritarismus (S. 73ff) und Fundamentalismus als autoritäre Antwort (S. 83ff).

In einem weiteren Kapitel beschreibt Mathys verschiedene psychoanalytische Modelle. Sie versuchen, das Phänomen des religiösen Fundamentalismus aus psychoanalytischer Sicht zu verstehen. Im Einzelnen geht es um: Fundamentalismus und Narzissmus (S. 87ff), Fundamentalismus und Spaltung (S. 93ff), Fundamentalismus und Paranoia (S. 97ff), Fundamentalismus und Identität (S. 100ff) sowie Fundamentalismus als verkappter Nihilismus (S. 106ff). Diese Bereiche decken ein breites Spektrum psychoanalytischer Interpretationen des religiösen Fundamentalismus ab, doch mahnt Mathys, dass seines Erachtens keine ausreichende Auseinandersetzung damit stattfinde, was der Fundamentalismus ist und was nicht. Es sollte deshalb immer gefragt werden: „Was will man eigentlich untersuchen, was ist das Erkenntnisinteresse, wenn man einen psychoanalytischen Beitrag zum Fundamentalismus leisten will?“ (S. 108).

In dem darauffolgenden Kapitel wird ein objektbeziehungstheoretischer Zugang zum Fundamentalismus erarbeitet (S. 109ff). Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Ideologie des Fundamentalismus sind die Arbeiten Adornos. Adorno und Mitarbeiter untersuchten in ihren – über ein halbes Jahrhundert alten – Studien zum autoritären Charakter des Phänomen des Faschismus. Ihr Interesse war ausgerichtet auf das potenziell faschistische Individuum und die Frage, wie die psychische Struktur derjenigen Menschen beschrieben werden kann, die besonders empfänglich für faschistische, antidemokratische Propaganda sind (S. 111). Dieses Kapitel zusammenfassend wird davon ausgegangen, dass der Glaube an ein göttliches Objekt als eine prekäre Objektbeziehung verstanden werden kann. Prekär ist diese Beziehung, weil jegliche sinnliche Wahrnehmung des Objektes fehlt, weil das Objekt permanent abwesend ist und weil es ontologisch unsicher ist (S. 126).

Der Umgang mit der Abwesenheit des guten, göttlichen Objekts dient als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen im nächsten Kapitel. Dabei geht es darum, wie die Ausgangslage des abwesenden Objektes zu Übergangsobjekten führte, mit Hilfe derer die Abwesenheit auf kreative Weise überwunden werden konnte. Mit Winnicott (1987) argumentiert Mathys, dass das Übergangsobjekt das abwesende Objekt oder einen Teil dessen symbolisiere. Symbole könnten demnach als eine Weiterentwicklung von Übergangsobjekten verstanden werden. Mathys verfolgt nun genau, wie diese Entwicklung vom Übergangsobjekt zum Symbol vollzogen wird (S. 127ff). Seine ausführliche Analyse resümierend schreibt Mathys, dass der Fundamentalismus nicht nur eine Antwort neben anderen anbiete, sondern vielmehr die Erlösung aus einem Zustand verspricht, der durch Vernichtungsangst und Zerstörungswut gekennzeichnet ist: „In eine religiöse Sprache übersetzt heißt dies: Wer oder was erlöst mich von dem Bösen?“ (S. 168).

Diskussion

Das vorliegende Buch ist nicht einfach. Aber wer an der Thematik des Fundamentalismus Interesse hat, wird hier nicht enttäuscht werden. Beeindruckend ist nicht nur die Vielbelesenheit des Autors, sondern auch seine streng logische Vorgehensweise. Ein Kapitel baut auf das andere auf, was das Lesen zu einer spannenden Angelegenheit macht. Der/die Leser:in erfährt (wahrscheinlich) viele Neuigkeiten zum Thema, die ihm/ihr vor der Lektüre nicht bekannt waren oder zumindest nicht so bekannt waren, wie es von Hanspeter Mathys erläutert und in Zusammenhang gebracht wird. Die historische Aufarbeitung der Entwicklung des Fundamentalismus ist sehr detailliert und gut gelungen. Allerdings hätten die Daten zu Donald Trump (S. 60) aktualisiert werden können. Außerdem kommen die Aussagen zu den Verschwörungstheorien in Kap. 3.4 – im Gegensatz zur Anlage des gesamten Buches – in einer wilden Vielfalt einher, die einer weiteren Ordnung bedürfte. Kritisch anzumerken ist auch, dass in dem Buch überwiegend auf US-amerikanische Verhältnisse eingegangen wird, was die Frage eröffnet, inwiefern (und wenn ja, in welchen Themen/​Bereichen, mit welchen Mitteln etc.) Deutschland bzw. Europa von fundamentalistischen Strömungen betroffen ist und wo – möglicherweise – Unterschiede zu den Entwicklungen in den USA festgestellt werden können. Doch würden diese Informationen das Buch noch komplexer machen, als es ohnehin schon ist, weshalb ich sie hier ausschließlich unter dem Titel „Dokumentationspflicht des Rezensenten“ einordnen möchte.

Fazit

Das Buch ist nicht nur für Leser:innen interessant, die etwas über fundamentalistische Bewegungen erfahren wollen. Es ist auch für jene von Interesse, die sich für politische Zusammenhänge interessieren und/oder mehr über psychologische und psychoanalytische Erklärungen von Gegenwartsphänomenen erfahren wollen. Hanspeter Mathys hat sich intensiv in die Thematik des Fundamentalismus eingearbeitet und ist in der Lage, sein Wissen auf komplexe, verständliche und nachvollziehbare Weise weiterzugeben. Das Buch ist empfehlenswert, auch deshalb, weil es zum Nachdenken über die heutige Zeit anregt.

Rezension von
Prof. Dr. em. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Studium der Philosophie und Soziologie in Bielefeld, London und Groningen; Promotion in Medizin-Soziologie (Uniklinikum Giessen)
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Es gibt 60 Rezensionen von Joachim Thönnessen.

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ISSN 2190-9245