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Thomas Auchter: Winnicott verstehen

Rezensiert von Helmwart Hierdeis, 10.03.2026

Cover Thomas Auchter: Winnicott verstehen ISBN 978-3-8379-3321-5

Thomas Auchter: Winnicott verstehen. Einführung in seine psychoanalytischen Konzepte. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-3321-5. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Autor

Thomas Auchter (1948 – 2024) war Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker in freier Praxis in Aachen sowie Lehranalytiker und Dozent am Institut der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf. Seine Publikationen umfassen ein breites Themenspektrum (Spätadoleszenz, Friedlosigkeit, Behandlungstechniken, Gewalt, Fremdheit, Bindung, Abwehr). Ihr Schwerpunkt liegt seit 1989 in der Auseinandersetzung mit dem englischen Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (1896 – 1971). Das Buch besteht aus aktualisierten Beiträgen zu dessen Leben und Werk.

Aufbau und Inhalt

„Was wir von Winnicott lernen können, ist […], wie wir als Therapeut:innen für uns selbst und unsere Patient:innen ‚lebend‘, ‚gesund‘ und ‚wach‘ bleiben […] können“ (10). Mit diesem Satz in seinem Vorwort möchte Auchter die für ihn wichtigste Botschaft Winnicotts zum Ausdruck bringen. Er kündigt an, dass er ihn an möglichst vielen Stellen wörtlich zitieren möchte, um ihn – mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod – „lebendig werden zu lassen“ (ebd.).

In der Einleitung beschreibt Auchter, der Winnicott nie persönlich kennengelernt hat, seine Annäherung an dessen Denken und Arbeiten: in den 70er-Jahren bei der Arbeit mit Borderline-Patient:innen am Institut von Johannes Cremerius in Freiburg und einige Jahre später auf der Suche nach einer „Nische zum mentalen Überleben“ (14) in den institutionellen Auseinandersetzungen um die „wahre“ Psychoanalyse in Köln. Wie bei vielen, die psychoanalytisch arbeiten, sieht er auch bei sich einen Zusammenhang zwischen theoretischer Orientierung und therapeutischer Haltung „mit persönlichen lebensgeschichtlichen Erfahrungen“ (15). Unter der Devise „Die biografische Wahrheit ist nicht zu haben“ bekennt sich Auchter im Kapitel über Leben und Werk von Donald W. Winnicott (17 ff.) – in Anlehnung an Ferenczi – ausdrücklich zum subjektiven Charakter seiner Darstellung. Konsequenterweise dürfen alle, die sie lesen, „auf ihre eigene Weise das Bild von ihm […] vervollständigen“ (17). Damit praktiziert er, was Winnicott ihm vorgelebt hat: kritische Distanz zu Autoritäten. Nur kein Epigone werden! Eine „Winnicott-Schule“ war für ihn undenkbar. Auchter führt diese Haltung auf Winnicotts frühe Auseinandersetzungen mit den Gehorsamsforderungen seines Vaters zurück, der seine eigene Lebenseinstellung für den Sohn verbindlich machen wollte (22). Die Beziehung zu seiner depressiven Mutter hat für ihn gleichfalls theoretische und praktische Folgen. Um als Kind neben ihr überleben zu können, ringt er darum, ihr etwas Leben zu entlocken (19). In der wachsenden realistischen Einschätzung des jungen Menschen, wozu seine Mutter in der Lage ist und wozu nicht, sieht Auchter den Ursprung für Winnicotts Konzept des „good enough“ (21), in das er neben den Eltern auch den Therapeut:innen einschließt. Er weiß: Idealisierungen entfremden vom Leben und schaden den Beziehungen. Nur wer Anstoß erregt, findet heraus, wer das therapeutische Gegenüber einschließt. Das sind keine Gedankenspiele, sondern Einsichten, die er im Nachdenken über seine Entwicklung und im Laufe seiner Professionalisierung als Kinderarzt und Kinderanalytiker gewonnen hat (27 f.).

Bedeutsame theoretische Konzepte (37 ff.) sieht Auchter Winnicotts Überlegungen zum „Halten“ (holding), zur Unterscheidung zwischen „äußerer“ und „innerer Realität“ mit dem „Dazwischen“ (potenzial space) und zum „Selbst“ (true self – false self) an. Die Begriffe sind im psychoanalytischen Sprachgebrauch etwas unscharf geworden. Es lohnt sich daher, Auchters Präzisierungen zu verfolgen. Das „Konzept des ‚Haltens‘“ ist für ihn eine von Winnicotts „wichtigsten Innovationen“ (39). Winnicott beschränkte den Begriff zunächst auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung, er weitete ihn aber „auch auf andere Beziehungskonstellationen und vor allem auf die therapeutische Beziehung aus“ (ebd.). Dabei unterscheidet er das „archaische Halten“ (40) im Mutterleib vom „primären Halten“ (S. 41) nach der Geburt. Zu dessen Funktionen gehören der „allgemeine Reizschutz“ (S. 43), der „Schutz vor dem Gefühl des (endlosen) Fallens“ (44) und vor dem „Gefühl des Zerfallens in Einzelteile“ (45), dazu die „Förderung der angeborenen Integrationstendenz“ (ebd.) und das „Halten als Grundlage für den Erwerb des Gefühls von Verlässlichkeit und Sicherheit“ (46). Im Hinblick auf das „sekundäre Halten“ geht es Winnicott um die „Dialektik von Bindung und Freiheit“ und die „Notwendigkeit des Widerstands“ (47 ff.). Das ganze Spektrum des Haltens zielt auf eine das ganze Lebensalter umfassende Funktion: „Hinreichendes Gehaltenwerden führt durch Verinnerlichung zu innerem Halt […] und einem Gefühl der Sicherheit […], dem großen Gegenspieler der Angst“ (54).

Die Unterscheidung zwischen „innerer“ (psychical) und „äußerer“ (actual and shared) Realität (59 ff.), deren Theoretisierung Auchter schon bei Platon (Höhlengleichnis) erkennt, verfolgt Winnicott in der Entwicklung des Kindes, wobei er insbesondere dem Spiel als „Grundform des Lebendigseins“ (60) große Bedeutung zuschreibt. Seine Aufmerksamkeit gilt aber vor allem dem „Möglichkeitsraum“ (potenzial space) (59 f.), in dem das Subjekt sich seiner selbst und seiner Welt versichert und in dem es zur Überwindung seiner Unsicherheit auf „Übergangsobjekte“ angewiesen ist. Die Rolle der Kuscheltiere oder eines Bettzipfels im Kleinkindalter übernehmen später „Rituale“ oder „Maskottchen“ (vgl. 60 f.). Für das Gelingen von Beziehungen ist entscheidend, dass die Betreffenden in der Lage sind, zwischen den Realitätsebenen angemessen zu unterscheiden und, so Winnicott wörtlich, „ein Gefühl für das eigene Selbst und ein Gefühl für sein Sein [being] zu besitzen“ (62). Denn: „Sich wirklich zu fühlen ist für mich mehr als zu existieren; es bedeutet die Entdeckung eines Weges, als Selbst lebendig zu sein, als Selbst zu Objekten in Beziehung zu treten und ein Selbst sein Eigen zu nennen“ (ebd.). Als dritte wichtige Theoriefacette nennt Auchter Winnicotts „Konzepte des ‚Selbst‘ (true self – false self)“ (63 ff.). Dabei geht es seinem Protagonisten (und Auchter folgt ihm) nicht um definitorische Feinheiten. Zum Verständnis bietet er an: Das „Selbst“ ist „die Person, die ich bin, deren Ganzheit aus der Ganzheit des Reifungsprozesses erwächst“ (64). Und: „Es ist das Selbst und das Lebendigsein des Selbst, das allein den Aktivitäten oder dem Leben des Individuums Sinn verleiht [make sense]“ (ebd.). Dieses Selbst existiert nicht für sich, sondern immer nur eingebunden in die Mitwelt. In ihr haben von Anfang an die ersten personalen Objekte die stärkste Bedeutung, weil das Kind von ihnen völlig abhängig ist. Sie halten es in physischer und psychischer Hinsicht und bewahren es davor, auf zahllose Reize reagieren zu müssen und sich damit zu überfordern. Die tätige, über den Schutz hinausgehende Sorge für den Nachwuchs wirkt sich positiv auf dessen Selbstsorge aus: „Eine gesunde Selbstfürsorglichkeit erwächst […] aus einer vorangehenden Fürsorglichkeit durch andere“ (71). Sie ist die Voraussetzung schlechthin für die Entwicklung des „wahren“ (gemeint ist „authentischen“) – „Selbst“ (75). Wie in Freuds Modell der Psyche das „Ich“ sich nicht ohne das „Es“ und das „Über-Ich“ realisiert, kann Winnicotts „wahres Selbst“ nur leben, wenn es Elemente des „falschen Selbst“ in sich aufnimmt: manche „Gesten“ (S. 78) und manche Denk‑ und Verhaltensweisen anderer. Die Kunst der Bewahrung und Weiterentwicklung des „wahren Selbst“ besteht darin, „sich anzupassen, ohne sich preiszugeben“ (71). Winnicott ist Realist genug (und die Menschen, die sich hilfesuchend an ihn wenden, bestätigen ihn lebenslang darin), um zu sehen, dass die Balance stets bedroht ist und dass sie eine fundamentale Kondition des Menschseins nicht außer Kraft setzen kann: „Obgleich gesunde Menschen kommunizieren und ihre Beziehungen genießen, ist es eine ebenso wahre Tatsache, dass jedes Individuum ein abgesondertes, ständig nicht kommunizierendes, dauerhaft unerkanntes, in der Tat ungefundenes ist“ (74).

In Anthropologische Themen (83 ff.) greift Auchter Überlegungen Winnicotts zum „Gesundsein und Kranksein“ (83 ff.), zur „Aggressionstheorie“ (101 ff.), zur „Jugendgewalt“ (118 ff.) und zur „Religion“ (137 ff.) auf. Den ersten Komplex diskutiert er mit dem Protagonisten in einem fiktiven Gespräch, in dem Winnicott „seelische Gesundheit“ und „emotionale Reife“ in eins setzt (83) und Wert auf die Feststellung legt, dass es bei „menschlichen Angelegenheiten […] nie um Perfektion gehen“ (S. 85) kann und dass daher das emotionale Wachstum nie endet (83). Die „psychotische Erkrankung“ sieht er als „Abwehrorganisation, die das „wahre Selbst“ schützen soll“, an (97).

Deutlicher als in anderen Theoriebereichen grenzt sich Winnicott in seinem Verständnis von „Aggression“ von Freud ab. Sie habe nichts mit einem „Todestrieb“ zu tun, sondern sei – zumindest in ihrer „primären“ Form – der ursprünglichste Lebenstrieb (101), ein „archaischer Liebesimpuls“ (102) – nicht immer leicht zu unterscheiden von der „sekundären Aggression“ als „Reaktion“ (109) auf Überforderungen. Diese Sichtweise erleichtert es ihm, beim Thema „Jugendgewalt“ (120 ff.) die „destruktive Aggression“ (121) als eine „lebensfeindliche Destruktion im Dienste von Wut, Hass und Grausamkeit“ (121 f.) von einer „lebensfreundlichen Destruktion im Dienste von Konstruktion und Entwicklung“ (121) zu trennen. Vorformen lägen in jeder Bemühung des Individuums vor, die „ursprünglich erlebte Verschmolzenheit zwischen Selbst und Objekt“ (ebd.) aufzulösen. Auchters Rekurs auf „Religiöse Aspekte im Leben und Werk“ Winnicotts (138 ff.) beginnt mit dessen Aufwachsen in einem methodistisch geprägten Elternhaus und der Bedeutung der Religion für die Bewältigung seiner Beziehung zur depressiven Mutter (141). Im späteren Leben entfernt sich Winnicott von den religiösen Vorschriften und bekennt sich zur Religion „als einer Möglichkeit zur Förderung einer umfassenden eigenständigen Lebendigkeit“ (138), wobei er mögliche „pathogene Funktionen“ (ebd.) nicht unterschlägt. Lebendigkeit und Liebe haben für ihn Vorrang vor dem Gesetz (148). Im abschließenden Kapitel geht es Auchter um die Anwendung der Konzepte und Theorien (157 ff.) Winnicotts. Im Zentrum steht nichts Behandlungstechnisches, sondern „das Herausarbeiten einer spezifischen psychoanalytischen Grundhaltung, eines ‚therapeutischen Milieus‘“ (157; Hervorh. i. Original). Die Anregungen sollen auch für andere therapeutische Richtungen hilfreich sein. Winnicotts Ausgangspunkte: Jedem Menschen ist eine „natürliche Heilungstendenz“ (ebd.) eigen. – Seelische Erkrankungen sind „Notlösungen für emotionale Konflikte und Entwicklungsaufgaben“ (158). – Der Therapeut hat eine wachstumsfördernde Aufgabe. Seine Beobachtungsfrage lautet: „Welche psychischen Überlebensstrategien und Lösungsversuche […] äußern sich in der szenischen Gestalt unserer Begegnung?“ (ebd.). Weil die „Szene“ den Therapeuten einschließt, hat er sich zu fragen: Bin ich „hinreichend“ fähig, im therapeutischen Prozess „lebendig“, „gesund“ und „wach“ zu bleiben“ (161)? Nütze ich die Differenz zwischen den Realitätsebenen als „Möglichkeitsraum“ (163)? Weiß ich, dass ich Fehler machen darf, weil mich das als „reale Person“ ausweist (176)? Auchter greift noch einmal die Form des fiktiven Gesprächs auf, um mit Winnicott das Thema „Lebendigkeit“ zu diskutieren. Es schließt mit dessen Verweis auf die Bedeutung des Spielenkönnens – auf der Seite des Therapeuten als Ausweis seiner Professionalität, auf der Patient:innenseite als Zeichen für einen Gesundungsprozess. Winnicott wörtlich: „Hieraus folgt, dass die Arbeit des Therapeuten dort, wo Spiel nicht möglich ist, darauf ausgerichtet sein muss, den Patient:innen aus einem Zustand, in dem er nicht spielen kann, in eine Verfassung zu bringen, in der er zu spielen imstande ist“ (221).

Diskussion

Auch wenn Thomas Auchter in seiner Charakterisierung Winnicotts dessen Distanzierung von Autoritäten positiv würdigt, so hat er selbst diesen Abstand nicht immer eingehalten. Dabei hätte es durchaus Ansatzpunkte für Kritik gegeben, etwa bei Winnicotts Begründung des Lebendigkeitsprinzips oder bei der Frage, ob das Angeborensein der „Seele“ nur als voraussetzungslose Disposition oder inhaltlich (im Sinne der vorgeburtlichen Biografie bzw. der Intergenerationalität) zu verstehen ist. Aber das sind Marginalien angesichts der Art und Weise, wie Auchter über einen Autor ordnend aufklärt, der kein Systematiker sein wollte. Er macht überzeugend deutlich, wie biografisch determiniert Winnicotts Theoriebildung sich entwickelt und wie fruchtbar die Prinzipien Lebendigkeit, Wachstum und Halten nicht nur bei der Deutung von seelischen Konflikten, sondern auch für die therapeutische Szene sein können.

Fazit

Auchters Buch ist ein gelungener Einstieg in Winnicotts theoretische Welt und in seine therapeutische Praxis. Es weckt das Bedürfnis, seine Schriften im Original zu lesen und zu überprüfen, wie es um die eigene Fähigkeit des „Haltens“ und um die Balance zwischen dem „wahren“ und dem „falschen Selbst“ steht – in der Profession wie im Leben.

Rezension von
Helmwart Hierdeis
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ISSN 2190-9245