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Helga Krüger-Kirn: Mütterlichkeit braucht kein Geschlecht

Rezensiert von Prof. Dr. Klaudia Winkler, 19.01.2026

Cover Helga Krüger-Kirn: Mütterlichkeit braucht kein Geschlecht ISBN 978-3-8379-3315-4

Helga Krüger-Kirn: Mütterlichkeit braucht kein Geschlecht. Fürsorge als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 300 Seiten. ISBN 978-3-8379-3315-4. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.
Reihe: Sachbuch Psychosozial.

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Thema

Ist Mütterlichkeit weiblich? Nein! So kann man das Anliegen des vorliegenden Buches knapp zusammenfassen. Geschlechtergerechtigkeit – (nicht nur) im Hinblick auf Elternschaft – ist nur zu erreichen, wenn Mütterlichkeit als geschlechtsunabhängig gesehen wird. Mütterlichkeit und Verpflichtung zur Fürsorge müssen daher von Weiblichkeit entkoppelt werden, als gesamtgesellschaftliche Aufgaben verstanden werden, die nicht an biologische oder soziale Weiblichkeit gebunden sind.

Autor:in

Prof. Dr. Helga Krüger-Kirn ist als Psychoanalytikerin in eigener Praxis sowie als Honorarprofessorin an der Philipps-Universität in Marburg, u.a. am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung, tätig.

Aufbau

Das 332 Seiten starke Buch gliedert sich in acht Kapitel, in denen jeweils ein oder mehrere zentrale Gesichtspunkte für ein geschlechterunabhängiges Denken von Mütterlichkeit in den Blick genommen werden. Die Kapitel bilden thematisch abgeschlossene Einheiten und können daher, nach Angabe der Autorin, auch unabhängig voneinander gelesen werden. Dazu gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie zahlreiche Fußnoten.

Inhalt

Kapitel 1 Einleitung

Gleichberechtigung in Familien gelingt (immer noch) nicht. Aus Sicht der Autorin erschwert oder verunmöglicht die Gleichsetzung von Mutterschaft, Mutterliebe und Mütterlichkeit die Überwindung tradierter Elternrollen. Mit dem Buch soll auf theoretischer und empirischer Ebene ein Konzept von Mütterlichkeit, die kein Geschlecht braucht, begründet werden.

Kapitel 2 Zeithistorische Perspektiven auf elterliche Leitbilder und Mütterlichkeit

Auch wenn epochenübergreifende Kontinuitäten von Zuschreibungen an Mütterlichkeit zu erkennen sind, entwickelt doch jede Epoche ihre eigene Vorstellung von der „guten Mutter“. Die Autorin spannt in diesem Kapitel einen interessanten Bogen von der Entstehung der Kleinfamilien im 18./18. Jahrhundert, die erstmals die Frauen in die Privatsphäre drängte und Mutterschaft zum Ideal weiblicher Selbstaufgabe machte, über die 1920er Jahre mit den Freiräumen, die Frauen in Bezug auf Partnerschaft und Sexualität erlebten, hin zum nationalsozialistischen Mütterkult sowie den Bemühungen in der Nachkriegszeit, die traditionelle patriarchale Struktur wiederherzustellen. Sie nimmt auch die gesellschaftlichen Veränderungen in den 1960er Jahren (Bildungsreformen, Möglichkeit, ungewollte Schwangerschaften zuverlässig zu verhindern, deutliche Änderungen am Frauenbild) in den Blick, denen es allerdings bisher nicht gelang, etwas an der traditionellen Arbeitsteilung in der Familie zu erreichen.

Kapitel 3 Feministische Mutterschaftskonzepte und Forschungsperspektiven

Die erste deutsche bürgerliche Frauenbewegung wird als Wegbereiterin des Feminismus verortet, zentrale Linien gleichheits-, differenz- sowie poststrukturalistischer Ansätze werden nachgezeichnet. Kritisch hebt die Autorin hervor, dass Mutterschaft in der feministischen Forschung bislang nur unzureichend berücksichtigt wird. Insbesondere die subjektiven (v.a. körperlichen) Erfahrungen von Müttern – etwa im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt und Stillen – finden noch zu wenig Beachtung und bleiben damit weitgehend unterrepräsentiert.

Kapitel 4 Der Mutterkörper im Modell der Zweigeschlechtlichkeit

Die Wahrnehmung und Bewertung des weiblichen Körpers veränderten sich im Laufe der Zeit. Frauenkörper und Mutterkörper wurden gleichgesetzt und im Vergleich zum männlichen Körper bewertet, häufig pathologisiert. Die Autorin zeichnet in diesem Kapitel ausführlich nach, wie der weibliche Körper in der griechischen Mythologie, im Mittelalter, im 19. und 20. Jahrhundert, während des Nationalsozialismus sowie in der Nachkriegszeit betrachtet und beurteilt wurde. In der Postmoderne rückten dann neue Themen in den Vordergrund: insbesondere Schwangerschaftsvorsorge, reproduktionsmedizinische Techniken, Abtreibung, Leihmutterschaft sowie Schwangerschaften aus queerer und transgeschlechtlicher Perspektive. Schwangerschaft wird nun als körperlicher Prozess verstanden, der im Interesse der Risikominderung zunehmend medizinischer Kontrolle unterliegt. Zugleich wird die Gebärfähigkeit immer stärker zu einem „machbaren Projekt“.

Kapitel 5 Schieflagen in der Gestaltung des Familienlebens

Die hier referierten Ergebnisse einer eigenen Studie „Mutterschaft und Geschlechterverhältnisse“ (Krüger-Kirn & Tichy, 2020) zum Mutterbild in ausgewählten Elternzeitschriften machten deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel und feministische Forderungen auch in Elternzeitschriften berücksichtigt werden, die vermittelten Familienbilder aber weiterhin traditionell bleiben. Gleichberechtigung der Eltern scheint vorwiegend rhetorisch unterstützt zu werden. Mit fatalen Folgen: Wird der Eindruck erweckt, zentrale Forderungen des Feminismus seien bereits erreicht, erscheinen Transformationsprozesse, die einen grundlegenden Wandel der Geschlechterverhältnisse befördern, überholt. Elternzeitschriften vermitteln das Bild der „Do-it-all-Mother“ (S. 153 ff.), einer selbstbestimmten, selbstverantwortlichen und frei entscheidenden Mutter, die in der Lage ist, sowohl die Ansprüche an sich als Mutter als auch als Karriere-Frau zu erfüllen. Diese omnipotente „Do-it-all-Mother“ vereint moderne Konzepte von Gleichberechtigung mit traditionellen, konservativen Geschlechterrollen. Angesichts des enormen Drucks, den diese offensichtliche Unvereinbarkeit der Ansprüche erzeugt, stellt die Autorin die (berechtigte) Frage, wie es um die Solidarität der Mütter steht: Warum wenden sich Mütter nicht gemeinsam gegen diese Zumutungen? Ihre Antwort: Es sind die tradierten, normativen Erwartungen an Mütter, dem Ideal der „guten Mutter“ zu entsprechen, die den offenen Austausch und die Solidarisierung der Mütter untereinander erschweren oder sogar verunmöglichen (S. 182). Den naheliegenden und häufig vorgebrachten Vorschlägen, die Situation von Müttern durch den Ausbau institutioneller Betreuungsangebote zu verbessern und auf diesem Wege tradierte Leitbilder von Mutterschaft zu verändern, erteilt die Autorin eine klare Absage. Sie kritisiert, dass sich diese erneute Verengung der Vereinbarkeitsforderungen ausschließlich an Mütter richtet. Eine tatsächliche Auflösung des „Mütterdilemmas“ sieht sie allein in der kritischen Infragestellung und sukzessiven Aufweichung der normativen Leitbilder von Mutterschaft.

Kapitel 6 Der feine Unterschied: Mutterschaft und Mütterlichkeit

Die bisherige Umsetzung gleichstellungspolitischer Maßnahmen zeigt aus Sicht der Autorin, dass eine ausschließlich geschlechterpolitische Perspektive auf die gleichberechtigte Arbeitsteilung in der Familie zu kurz greift. Mit der Geburt eines Kindes scheinen neben den bekannten beruflichen und finanziellen Herausforderungen auch die tradierten Weiblichkeits- und Mutterschaftsvorstellungen zutage zu treten. Bedeutsamer als die Frage nach den offensichtlichen Hindernissen bei der Auflösung von Gleichstellungsfragen scheint der Autorin die Frage nach den unbewussten Idealen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu sein, welche in den subjektiven Konzepten von Elternschaft aufgerufen werden. Auch lässt sich die Verwobenheit von Mutterschaft und Mütterlichkeit nicht allein auf der individuellen Ebene erfassen. Unter Bezugnahme von Befunden aus der Säuglings-, Bindungs- und Mentalisierungsforschung betont sie, dass es weniger die Rahmenbedingungen seien, die hier wirken, als vielmehr die „tiefgreifenden historisch etablierten Positionen im System der Zweigeschlechtlichkeit“, die „im individuellen wie kollektiven Gedächtnis tief verankert“ seien (S. 206).

Kapitel 7 Tradierte und strukturelle Herausforderungen für ein Denken geschlechterunabhängiger Mütterlichkeit

Die Autorin kritisiert, dass das Bild der „guten Mutter“ als Inbegriff der Mutterliebe die Mutter nicht nur für das Gelingen einer guten Kindheit verantwortlich macht, sondern Mütterlichkeit auch eindimensional mit dem weiblichen Körper und den ihm zugeschriebenen Eigenschaften verknüpft. Damit fehlt eine Vorstellung von Mütterlichkeit, die auch Väter/Partner:innen miteinschließt. Die Autorin fordert eine Abkehr von der biologistischen Annahme, dass sich der weibliche Körper „von Natur aus“ (S. 287) auf die Elternrolle vorbereitet. Insbesondere Befunde aus der Neurobiologie unterstützen die Annahme geschlechterübergreifender Mütterlichkeit. Denn: Eine Anpassung neurologischer Prozesse an die mit der Versorgung von Säuglingen verbundenen Anforderungen ist bei allen mit den Neugeborenen intensiv interagierenden Personen zu beobachten; hier gibt es keine Beschränkung auf die biologische Mutter. Das heißt: Nicht die biologische Weiblichkeit prädestiniert zu Fürsorge, sondern die Interaktionen mit dem fürsorgebedürftigen Neugeborenen resultieren in fürsorglichem Verhalten, denn „Erfahrung und Erleben formen das Gehirn“ (S. 259). Ein anschauliches Beispiel dafür stellt die Co-Elternschaft dar: Nicht die Hormone steuern die elterliche Zuwendung, sondern die Zuwendung zum Kind löst die hormonelle Umwandlung aus. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Fähigkeit zur Mütterlichkeit nicht geschlechtsgebunden sein kann.

Kapitel 8 Ein Paradigmenwechsel zur Neubestimmung von Mütterlichkeit

Was ermöglicht nun ein gelingendes elterliches Zusammenleben und eine geschlechterunabhängige Mütterlichkeit? Aus Sicht der Autorin ist zunächst die Abkehr von der biologistischen Annahme, dass sich der weibliche Körper „von Natur aus“ (S. 287) auf die Elternrolle vorbereitet, erforderlich. Ein geschlechtergerechtes Konzept von Mütterlichkeit setzt die kritische Hinterfragung und Transformation bestehender Strukturen mit dem Ziel einer gerechteren sozialen Anerkennung der notwendigen familiären und reproduktiven Care-Aufgaben voraus. Ganz einfach wird das nicht: Janina Brodie habe bereits 2004 (S. 292) darauf hingewiesen, dass solchen Veränderungen die verdeckte Agenda des Neoliberalismus entgegensteht, der Frauen weiterhin als primäre Subjekte sozialstaatlicher Reformen betrachtet und die traditionelle Vision der ständigen Verfügbarkeit der Mutter aufrechterhalten möchte. Die Autorin betont abschließend die Notwendigkeit eines gesellschaftlich tragfähigen Konzeptes von Mütterlichkeit, das die gesellschaftlich akzeptierte berufliche Gleichwertigkeit von Frauen und Männern ergänzt. Sie fordert, geschlechterunabhängige Mütterlichkeit als zentrale Säule für das Gelingen von Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft anzuerkennen.

Diskussion

Die Autorin geht der Frage nach, wie die tradierte, als biologische Notwendigkeit betrachtete Verknüpfung zwischen weiblichem Mutterkörper und Mütterlichkeit aufgelöst werden kann. Ihr Anliegen ist es, auf diese Weise (endlich) Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, die durch die bloße berufliche Gleichstellung oder die Bemühungen zur Unterstützung von Vereinbarkeit von Familie und Arbeit nicht erreicht wurde und auch nicht erreicht werden kann. Unterstützung für ihren Ansatz, dass Mütterlichkeit nicht an die biologische Mutterschaft eines weiblichen Körpers gebunden ist, erhält sie letztlich aus der Neurobiologie: Es ist nicht die biologisch-hormonelle Prädisposition des weiblichen Körpers, die das fürsorgliche Verhalten erzeugt, es ist die tatsächliche Ausübung von Fürsorge, die die entsprechenden hormonellen und zentralnervösen Aktivitäten auslöst. Als anschauliches Beispiel wird – etwas zu knapp – das Konzept des Co-Parentings angeführt. Da es hier anschauliche Beispiele für die (erfolgreich) vollzogene Trennung von Mutterschaft und Mütterlichkeit gibt, wäre es sicher erhellend gewesen, diesem Thema mehr Platz einzuräumen und das Phänomen theoretisch einzubetten. Das Buch ist sprachlich anspruchsvoll, inhaltlich sehr dicht, kurz keine „leichte Kost“. Zusammenfassungen und Marginalien sollen den Leser:innen die Orientierung bei der Lektüre der umfangreichen Kapitel erleichtern. Die gelegentlich auftretenden inhaltlichen Redundanzen sind vermutlich dem Anspruch geschuldet, jedes Kapitel für sich allein stehen zu lassen. Das Buch kann insbesondere Leser:innen, die Freude und Interesse an feministisch-psychoanalytischen Betrachtungen der wichtigen Frage nach tatsächlicher Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft mitbringen, empfohlen werden. Sie werden das Buch mit großem Gewinn lesen.

Fazit

Krüger-Kirn geht der Frage nach, wie tatsächliche Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft erreicht werden kann, unter Bezugnahme verschiedener feministischer, soziologischer, psychoanalytischer Theorien. Sie schlussfolgert, Geschlechtergerechtigkeit kann es nur geben, wenn das Verständnis von Mütterlichkeit nicht länger an das biologische Geschlecht, die biologische Mutterschaft gebunden ist. Um dies zu erreichen, muss Fürsorgearbeit sowohl als geschlechterübergreifende Aufgabe akzeptiert als auch gesamtgesellschaftlich verantwortet werden.

Rezension von
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Es gibt 24 Rezensionen von Klaudia Winkler.

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ISSN 2190-9245