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Ralf Binswanger (Hrsg.): Reden über Trieb, Sexualität und Gender

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 31.12.2025

Cover Ralf Binswanger (Hrsg.): Reden über Trieb, Sexualität und Gender ISBN 978-3-8379-3236-2

Ralf Binswanger (Hrsg.): Reden über Trieb, Sexualität und Gender. Grundlagen für die psychotherapeutische Praxis. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 230 Seiten. ISBN 978-3-8379-3236-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Beiträge zur Sexualforschung.

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Autor:in

Ralf Binswanger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist am Psychoanalytischen Seminar Zürich als Psychoanalytiker:in, Supervisor:in und Dozent:in tätig sowie in eigener Praxis in Zürich.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt Veröffentlichungen zusammen, die der Autor:in in den letzten 12 Jahren verfasst hat und die zum Teil unverändert, manchmal umgeschrieben und weiterentwickelt wurden. Der erste Teil mit seinen Hauptthesen beispielsweise ist ein Reprint aus der Zeitschrift für Sexualforschung Nr. 34; 1/2021, in dem sich auch zwei Repliken der sexualtherapeutisch versierten Kolleg*innen Wolfgang Berner und Sabine Cassel-Bähr befinden.

Aufbau

Der Gesamttext besteht aus dem dominant sexualwissenschaftlichen Teil I (Mehr Klarheit beim Reden über Sexualität und Gender) sowie dem eher psychoanalytischen Teil II (Mehr Klarheit beim Reden über Trieb). Das Buch sei – so der Autor:in – so aufgebaut, dass man sich auf die Lektüre des ersten Teils beschränken könne, während der zweite Teil als Vertiefung für die eher psychoanalytisch interessierte Leser*innen interessant sei. Der eigene Anspruch auf „Mehr Klarheit“ sei der eigenen psychoanalytischen und sexualtherapeutischen Praxis geschuldet, die auf klare Konzepte angewiesen sei, um fruchtbar arbeiten zu können. In fast allen Kapiteln erfüllen Fallbeispiele die Funktion der Verdeutlichung des im Text elaborierten Inhalte.

Inhalt

Der Autor:in entwickelt ein methodisches Modell aus psychoanalytisch-sexualwissenschaftlicher Perspektive, das dem Zweck dient, mehr Klarheit beim Reden über Sexualität zu ermöglichen. Er betrachtet die erwachsene manifeste Sexualität unter zwei getrennten Gesichtspunkten: Sexualität per se und Sexualität in actu. Der erste Aspekt umfasst die erwachsene Sexualorganisation, die als Aspekt der Persönlichkeit stabil bzw. nur relativ flexibel festgelegt ist. Binswanger zählt dazu Heterosexualität, Homosexualität, aber auch die – bisher als pervers geltenden – Orientierungen des Fetischismus, Sadomasochismus, Transvestitismus und der Pädophilie. Die seien nicht aus frühen Konflikten oder Traumata hervorgegangen und deshalb auch nicht therapiebar. Sexualität in actu fokussiere auf die sexuelle Aktivität im Verhalten als auch in der Fantasie. Es seien bei dieser zweiten Dimension immer die als eigenständig proklamierte sexuelle Triebkonstellation „per se“ als auch nicht-sexuelle Funktionen beteiligt wie Aggression, narzisstische Stabilisierung, Bindungsbedürfnisse und Symbiosehoffnung, Trennungserfahrungen und Traumata. Wenn dabei die sexuelle Funktion, also die Triebbefriedigung, das Primat habe, sei die seelische Entwicklung weitgehend gelungen, beim Vorherrschen nicht-sexueller Funktionen könne von Leiden und Belastungen ausgegangen werden; das gelte dann im klinischen Sinne als pervers. In einzelnen Untergliederungen dieses zweiten Kapitels nach der Einleitung vertieft der Autor:in diese Grundthese in Auseinandersetzung mit den ICD-11-Leitlinien, den Konsequenzen des Modells für die therapeutische Praxis und den Einwänden, die seine Kolleg*innen in dem oben genannten Heft der ZfSF formuliert haben. Ein eigenes drittes Kapitel widmet sich den erwachsenen Sexualorganisationen „per se“ und dem Plädoyer zum Verzicht auf psychogenetische Erklärungs- und sexualtherapeutische Heilungsversuche. In Kapitel 4 überträgt Binswanger sein an der Sexualität entwickeltes Modell auf Gender und unterscheidet diverse Geschlechtsidentitäten per se als Teil der Persönlichkeit von Gender in actu mit einer integrativen als weitgehend gelungenen Entwicklung und einer Abwehrfunktion als Bewältigungsversuch von psychischem Leiden. Auch hier gilt die jeweilige Dominanz als Unterscheidungskriterium von gesunder und pathologischer Entwicklung. Es folgen in den Untergliederungen dieses Kapitels Vertiefungen und Schlussfolgerungen für die therapeutische Praxis. In Kapitel 5 bezieht Binswanger sein metatheoretisches Modell auf verschiedene Strömungen der Psychoanalyse, setzt sich im gesamten zweiten Teil (Kapitel 6–8) mit Freuds Partialtriebtheorie auseinander und präzisiert darauf aufbauend Begriffe, die bisher uneinheitlich verwendet wurden wie „Sexualisierung“; „Erotisierung“, „Sublimierung“, „latente Homosexualität“ oder „Homophobie“. Das letzte Kapitel 9 erklärt die Dynamik zwischen den Gesichtspunkten Sexualität per se und Sexualität in actu.

Diskussion

Binswanger wendet sich mit seiner Schrift gegen rein behavioristische oder rein sozialkonstruktivistische Reduktionen von Sexualität und versucht ihr eine tiefere, existentiell-psychische Dimension zuzuschreiben. Gleichzeitig ist ihm ein Anliegen, pathologisierende oder moralische Urteile über sexuelle Praxis zu vermeiden und für die therapeutische Praxis zwischen tiefliegenden sexuellen Bedürfnissen und problematischen Ausdrucksformen zu unterscheiden. Er bedient damit das zum Beispiel gerade in pädagogischen Kreisen vorhandene Bedürfnis, eine reine, ‚unschuldige‘ Sexualität von der sexuell in Dienst genommenen Aggression und Destruktion, der sexualisierten Gewalt zu unterscheiden. So verständlich und moralisch sinnvoll dieses Interesse auch ist, so umstritten bleibt, ob die Unterscheidung von einem nicht behandelbaren autonomen Triebschicksal und einer fantasierten und/oder ausgelebten Dominanz erworbener nicht-sexueller Funktionen im sexuellen Verhalten dazu zielführend ist. Schon nach den bereits erwähnten Einsprüchen von Wolfgang Berner und Sabine Cassel-Bähr in der ZfSF 2021; 43) ist eine solche saubere Unterscheidung nicht machbar und auch nicht notwendig. Statt wieder von einem engen und essentialistischen Sexualitätsbegriff auszugehen, sei es sinnvoller, von Lust zu reden, die sich mit allen möglichen Intentionen, eben auch Aggressionen, amalgamieren würde. Der Grad und die Gefahr der Selbst- und Fremdschädigung ist dann ausschlaggebend für moralisch und ethisch gebotene therapeutische, pädagogische oder präventive Maßnahmen. Die Trennung von Sexualität „an sich“ und ihren Ausdrucksformen könne als künstlich und theoretisch kaum haltbar angesehen werden. Phantasien, Affekte, Symbolisierungen und Handlungen sind selbst Konstituenten von Sexualität, nicht nur Ausdrucksformen einer dahinterliegenden „Essenz“: Zudem zeigen klinische und alltägliche Erfahrungen, dass auch grundlegende sexuelle Orientierungen, Präferenzen oder Strukturen im Laufe des Lebens veränderbar sind oder differenzieren können. Insbesondere aus einer – vom Rezensent:in präferierten – assemblagetheoretischen Perspektive wird Sexualität nicht als inneres Wesen oder stabile Identität angesehen, sondern als dynamisches Gefüge heterogener Elemente wie Affekte, Körper, Diskurse, Objekte, Praktiken, Technologien und Räume. Sexualität ist danach ständig im Werden, ist Performanz, nicht Repräsentation. Was bei Binswanger „in actu“ nennt, ist aus dieser Sicht bereits Sexualität selbst. Ähnliches gilt dann auch für das Geschlecht. Auch das ist kein inneres Sein, dass sich äußert, sondern ein kontingenter, relationaler und materiell-diskursiver Prozess, der sich im Vollzug und in der Verkörperung ständig neu hervorbringt. Körperlichkeit spielt dabei eine große Rolle, ohne dass sie aber als spezifische, schicksalhafte Ausprägung verstanden werden muss. Die Abwehr von Ausgrenzung und das Recht auf Selbstbestimmung sollte auch hier – wie bei der Sexualität allgemein – anders bewerkstelligt werden als durch die Naturalisierung einer Sexualität oder eines Geschlechts „per se“.

Fazit

So sehr die Diskussion der Position Binswangers auch die kritischen Einwände hervorhebt, lohnt sich die Lektüre des Buchs (für Nicht-Therapeut*innen vor allem der erste Teil), weil sich der Autor:in an verschiedenen Stellen mit den ihm bekannten Kritikpunkten konstruktiv auseinandersetzt und die eigene Theorie dabei differenzierend erläutert. Der Text ist in jedem Fall ein Gewinn zur Reflexion der immer nur vorläufig bleibenden Antworten auf die großen Fragen: „Was ist Sexualität“ und „Was ist das Sexuelle an der Sexualität“?

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel.
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Es gibt 14 Rezensionen von Uwe Sielert.

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ISSN 2190-9245