Jacob Johanssen: Zwischen Eskalation und Selbstkontrolle
Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Hanstein, 25.03.2025
Jacob Johanssen:Zwischen Eskalation und Selbstkontrolle. Zur Ent/Hemmung im Digitalen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 150 Seiten. ISBN 978-3-8379-3280-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Gegenwartsfragen.
Thema
Die Themen Hemmung und Enthemmung, Selbstkontrolle und beschleunigte Eskalation sind wohl nirgends so relevant und virulent wie in digitalen Kontexten. Der Autor verbindet mit seinem Buch klassische soziale und personale Aspekte wie Selbstverwirklichung, Zufriedenheit, Sichtbarkeit und Gesehen werden mit speziellen, alarmierenden Phänomenen der Digitalität und Digitalisierung. In den permanenten Beschleunigungsprozessen im Digitalen sieht der Autor nichts weniger als „die pathologische Schizophrenie des Plattformkapitalismus“ (Zitat Klappentext). Diese zu überwinden, nennt er als sein Ziel. Um die Analyse der hier leitenden „Ent/Hemmungsdynamiken“ geht es ihm.
Autor
Jacob Johanssen ist Associate Professor an der St Mary’s University of London. Er forscht in den Bereichen Psychoanalyse und digitale Medien und deren psychosoziale Auswirkungen.
Entstehungshintergrund
Das Buch gründet auf den Forschungsarbeiten des Autors zu den Gebieten Psychoanalyse und digitale Medien. Mit den vorliegend bearbeiteten Themen verbindet Johanssen beide Bereiche.
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus fünf großen Kapiteln, zusätzlich eines abschließenden Fazits. Die Einleitung steigt mit der Überschrift „Enthemmung, Soziale Medien und Psychoanalyse“ steil in das Thema ein. „Klinische und kulturelle Aspekte“ (so der Untertitel) kennzeichnen das (umfangreiche) zweite Kapitel, das mit „Ent/Hemmung“ überschrieben ist. Mit „Reality-TV und Soziale Medien“ und der scharfen Kontrastierung „Peinlichkeit und Offenheit“ (so der Untertitel) wird zentral im Buch das Hauptthema der Auseinandersetzung beschritten. Dieses setzt sich im anschließenden, vierten Kapitel mit dem Thema „Hass und Dynamiken der destruktiven Affirmation“ fort. Dem Fokus auf „Digitale Sexualität im Zeitalter des Selfies“ widmet sich das fünfte Kapitel, bevor im Fazit „Neue Formen der Ent/Hemmung“ dargestellt und zusammengefasst werden.
Diskussion
Die thematische Mitte des Buches bildet die „destruktive Affirmation“. Diese rankt um Aspekte wie Destruktionsfantasien, digitale Gewalt, insbesondere in Form sexueller Belästigung, Beschämung, Trolling, regelmäßig neuen Tabubrüchen, bis hin zu Antisemitismus und Rassismus als „affirmative Destruktion“ (S. 95). Nichts davon ist von Grund auf neu im medialen Raum entstanden, aber dort haben sich diese Auswüchse schnell verbreitende Triebe gebildet und neue Blüten wachsen – Tag für Tag. Das Spiel mit Grenzüberschreitungen zeigt sich am deutlichsten im Shitstorm, bei dem es machtpsychologisch und -strategisch schlichtweg darum geht, andere durch Beschämung in die Unterlegenheit, und letztlich zum – schnellen – Schweigen zu bringen: Der Inhalt, der einmal zur Debatte stand, spielt nicht nur sehr schnell keine Rolle mehr; er ist in der rasanten Beschleunigung der Beschämungsdynamik rasch vergessen – weil unzählige medial gegangene Reaktionen auf der Ebene des Shitstorms die Botschaft hinterlassen haben: hier sitzt die Wichtigkeit. Johanssen argumentiert mit menschlichen Urgefühlen und setzt diese in den Kontext seines Buches. Dabei greift er auf Klassiker wie Freud, Jung, Sartre, Levin, Jacobson und viele andere zurück, und bettet diese Erkenntnisse in die neuartigen Phänomene ein, die beispielsweise mit dem menschlichen Schuld-Gefühl – im nicht nur öffentlichen, sondern irreversibel öffentlichen – Raum verbunden sind.
Im Besonderen zeigt sich diese Komplexität am Beispiel der „digitalen Sexualität“, in Anlehnung an die mit dem Internet Einzug gehaltene „zweite sexuelle Revolution“ (Sigusch). Nach Johanssen ist hier eine Diskrepanz zwischen Verletzlichkeit und Narzissmus erkennbar – eine Bandbreite, wie sie kaum größer sein könnte, und in die hinein sich eine Vielfalt an Phänomen ihren Platz sucht. Darunter falle beispielhaft der „ängstliche Narzissmus“ (Krüger), was eine Art Selbstdarstellung erklärbar mache, der zugleich Hemmungen und Ängsten inhärent sind. Dieses Phänomen zeige sich insbesondere im Selfie: „Mit seiner Zerbrechlichkeit markiert das Gesicht eine Dialektik von Zerstörung und Erhaltung.“ (S. 118, in Anlehnung an Levinas). Johanssen interpretiert im Selfie den medialen Versuch, „sich in seiner nackten und rohen Verletzlichkeit dem anderen darzubieten und eine Aufforderung an ihn: ‚Sieh mich und erkenne mich an!‘“ (S. 119) zu signalisieren. Dabei sind für Johanssen die Grenzen zur medialen Pornografie fließend. In der Amateurpornografie sieht er dieselbe Vulnerabilität und denselben ängstlichen Narzissmus wie im Selfie-Phänomen: Durch Mediatisierung und Digitalisierung sowie Externalisierung und Objektifizierung von Lust, Verlangen und Intimität verändert sich aber nicht nur die Sichtbarkeit – und Selbstdarstellung –, sondern diese Strategien wirken auch psychodynamisch, sowohl für das jeweilige Subjekt wie für die jeweiligen Sexualpartner/innen. Ohne seinen „moralischen Zeigefinger“ weiter auszufahren, wären es insbesondere die in diesen Kapiteln beschriebenen Zusammenhänge wert, noch vertieft zu werden. Hier bieten sich Fortsetzungen weiterer Werke an, die den Fokus auf eine „virtuelle Resilienz“ (Hanstein/Lanig) legen könnten. Ebenso wären medienethische Weiterführungen, als Ergänzung der Betrachtungen und Reflexionen des Autors, denkbar und auch wünschenswert. Insbesondere könnte dabei ein Fokus auf der ethischen Unterscheidung zwischen Reaktion und Handlung liegen. Denn mit dieser Differenzierung würde erkennbar, dass es sich um essenzielle anthropologische Fragen handelt, die Johanssen mit scharfem Blick aufwirft. Und dass durch die von ihm aufgezeigten Tendenzen, Dynamiken und Phänomene im Digitalen – seine Analyse an dieser Stelle weitergedacht – eine neue „Anthropologie des Digitalen“ (Hanstein) zu schreiben wäre – respektive ist. Anhand der offengelegten Felder ist diese mehr als Cyberanthropologie.
Johanssen beschließt sein Buch „Zwischen Eskalation und Selbstkontrolle“ mit „Formen digitaler Sexualität (…) die weniger pathologisch, risikoreich, kommerziell ausgebeutet und stereotypisiert“ sind. Sein Ziel ist es, „dass das Subjekt eigene (…) Fantasien entwickelt bzw. diese mit digitalen Inhalten anreichert und somit anders symbolisiert – anstatt komplett von Bildern und Videos kolonialisiert zu werden“ (S. 140). Diese Sorge ist durchgängig – hier und jenseits des Themas Sexualität – erkennbar. Sie prägt das Buch, sie scheint leitend für die Mission des Autors.
Fazit
Man muss sicher nicht in jedem Punkt so scharf urteilen wie der Autor, um dieses Buch wichtig und wertvoll zu finden. Wichtig, weil es aktuelle Tendenzen klar benennt. Wertvoll, weil es den Finger in die Wunden legt und – in einem positiven Sinne – provoziert. Neben den im Buch gut und zutreffend beschriebenen psychosozialen Dynamiken der „Ent/Hemmung im Digitalen“ ist „Zwischen Eskalation und Selbstkontrolle“ vor allem auch ein Werk mit einem hohen ethischen Anspruch. Es lädt zur (selbst-)kritischen Reflexion ein – zu einer Kompetenz, die umso wichtiger ist, je schneller sich Veränderungen ereignen.
Rezension von
Prof. Dr. Thomas Hanstein
Theologe und Pädagoge; Diakon und Berufsschul- sowie Hochschullehrer; wissenschaftlicher Leiter am Lehrerseminar; Studiengangsleiter; Business-, Team und Lehrcoach; Buchautor
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