Hauke Ritz: Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 08.10.2024
Hauke Ritz: Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas. Promedia Verlag (Wien) 2024. 208 Seiten. ISBN 978-3-85371-526-0. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR.
„Warum hasst der Westen Russland?“
Und: Warum gibt es auch in Deutschland ein so zwiespältiges Verhältnis zum größten Land der Welt? Da sind die „Russlandversteher“, wie die Fremdenfeinde am Werk. Nach der „globalen Ethik“, wie sie in der Menschenrechtsdeklaration von 1948 zum Ausdruck kommt, und nach den Aufforderungen, „Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben“, wie sie die Charta der Vereinten Nationen (1945) postuliert, sollten Ablehnung, Kriege und Gewalt zwischen Menschen und Völkern kein Motiv von Aggression sein. Weil Eigeninteressen, Macht und Ideologien aber vorherrschen, entstehen Konflikte, die gewaltsam und unmenschlich, nicht dialogisch ausgetragen werden: Macht macht Macht! Es ist das janusköpfige Gesicht, das sich im Verhältnis der Staaten zueinander zeigt: Gut und Böse, Frieden und Krieg, Paradies und Hölle, Unterwerfung und Freiheit, Fortschritt und Ideologie, Toleranz und Hegemonie. Legionen von Studien und Analysen verdeutlichen den Zwiespalt, der sich zwischen westlichem und östlichem Denken, zwischen Kooperation und Konflikt, zwischen kulturellen und philosophischen Konzepten, als historische Erinnerung und aktuelle Zustände auftun (Winfried Böttchen, Russland und der Westen, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29394.php). Es sind die Versuche, die Mentalitäten und Einstellungen des „russischen Menschen“ im „Zeitgeist“ zu verankern, Verständnis und Ausgrenzung gegeneinander zu stellen (Olga Graumann, u.a., Hrsg., Inklusion im Bildungsbereich. Streiflichter aus Russland, Ukraine und Weißrussland, 2017, www.socialnet.de/22391.php). Und es sind die Beschreibungen, wie sie sich in den aktuellen, kriegerischen Auseinandersetzungen zeigen.
Autor
Der Berliner Philosoph und Autor Hauke Ritz fragt in seiner Studie „Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas“, wie sich die Gegnerschaft und der Widerstand gegen östliches (russisches) Denken und Tun im westlichen Bewusstsein entwickelt hat und welche realen und ideologischen Gründe dies bewirken. Ist es ein Déjà-vu, wie es sich aus den kontroversen, gesellschafts- und parteipolitischen Diskursen um „Verständnis“ oder „Verdammung“ des russisch-ukrainischen Krieges, um Waffenlieferungen und/oder Friedensbemühungen herauslesen lässt? Ist es die Diskussion darüber, wie ein gemeinsames, friedliches, gleichberechtigtes Europa entstehen kann? Hauke Ritz und Ulrike Guérot engagieren sich dazu im „European Democracy Lab“.
Aufbau und Inhalt
Es ist die geopolitische, dominante Kontroverse, „russisches“ Bewusstsein und Kultur nicht als Konkurrenz und No-Go, sondern als vielfältiges, ergänzendes und bereicherndes gemeinsames Element der Conditio Humana zu betrachten, die ein Miteinander verhindern und aus der vom Westen favorisierten unipolaren in eine globale Welt zu bringen. Der Autor gliedert seine Studie in sieben Teile: Im ersten Kapitel setzt er sich damit auseinander, wie sich der von ihm diagnostizierte Niedergang des Westens und Europas vollziehen konnte. Es sind ego-, ethno- und nationale Einstellungen, die einen Common Sense verhindern. Der Autor fragt: „Wäre ein Europa denkbar, das die notwendigen Schlüsse aus seiner historischen Vergangenheit zöge, das den Untergang des Westens überlebte und sich als Zivilisation zugleich neu erfände?“.
Unverzichtbar ist die Nachschau darüber, wie sich eine unipolare Weltsicht entwickeln konnte: Der universale, dominante Machtanspruch der USA, der die Europäer nicht gegenzusetzen hatten; ebenso wenig die eigenen Kritiker, wie z.B. Jeremy Rifkin (Die dritte industrielle Revolution, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​12414.php): „Die allgemeine Atmosphäre war eindeutig vom Geist einer zwar sublimierten, aber doch realen amerikanischen Expansion und Landnahme in Europa bestimmt“.
Im dritten Kapitel werden „die machtpolitischen Implikationen einer unipolaren Weltordnung“ dargestellt. Es sind die atomaren Drohgebärden im Kalten Krieg, die Zugriffe auf die weltweit vorhandenen Rohstoffe, und nicht zuletzt die fiskalischen, finanziellen Bindungen an das Erdöl, die bewirkten, dass „die Rohstoffmacht der USA und ihre militärische Macht die beiden tragenden Säulen ihres Imperiums“ wurden.
Mit dem vierten Teil setzt sich der Autor dem „Erbe der Russischen Revolution“ auseinander. Die grundlegenden, prägenden sozialistischen Theorien stehen (weiterhin?) im Gegensatz zu den westlichen, freiheitlich-demokratischen Strukturen. Sie fanden in den antikolonialen, globalen Entwicklungen ihr Pro und Contra. Perestroika und Mauerfall, und damit die Auflösung des „Russischen Reichs“ erschienen dem Westen als Sieg und weckten in Russland Revanche- und Eroberungsgelüste.
Fünftens wird gefragt, welche „kulturelle(n) Dimension(en) des Kalten Krieges“ zu beachten seien und welche Bedeutung dabei die „Sowjetunion als Hindernis“ hat(te). Es waren (und sind) die Theorien und Ideologien, wie sie sich im Gegensatzpaar „Kapitalismus versus Sozialismus/​Kommunismus“ zeigen (siehe z.B. dazu auch: David Goeßmann, u.a., Hrsg., Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25009.php).
Sechstens stellt der Autor „die konkreten Maßnahmen im kulturellen Kalten Krieg“ heraus. Es sind die sozialistischen Unfähigkeiten, Veränderungen zu akzeptieren; und es sind die kapitalistischen Politiken, die die politischen Werteorientierungen „Rechts“ und „Links“ zementieren. Während sich lokal und global nationalistische und populistische Einstellungen bilden und Macht ergreifen, wird linke Kritik ignoriert bzw. erschwert. Das postmoderne Wertesystem nimmt – zögerlich – auf, dass im historischen, philosophischen Diskurs ein Bewusstsein und die Fähigkeit existiert, „die Werteordnung umzuwerten“ (Hans Blumenberg, 2019). „Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Natur soll zurückgenommen werden“ (Nietzsche).
Siebtens wird die Frage erneut aufgenommen, „Warum der Westen Russland so sehr hasst“. Ego-, Ethno- und Eurozentrismus sind Entwicklungen, die zur Entstehung einer „europäischen Weltkultur“ führten. An die sich aus den drei Kulturen bildenden Universalismen – den griechischen Demokratie- und Menschenrechten, den römischen Werten eines Rechtsverständnisses und der antiken jüdischen Heilsgeschichte – gilt es zu erinnern und anzuknüpfen. Es sind die Prinzipien, wie sie bereits beim „Westfälischen Frieden“ diskutiert wurden, sich als ein neues, souveränes Europa in der EINEN WELT visionierten und den Autor veranlassen, seine Utopie in neun Thesen zu formulieren: Ein post-atlantisches Europa schaffen! – Solidarische Gesellschaften bauen! – Das Freund-Feind-Denken durch Frieden durch Machtgleichgewicht ersetzen! – Ein Europa des „starken Staates“ bilden! – Kulturpolitik als Menschenpolitik erkennen! – Zivilisationsbewusstsein erzeugen! Den säkularen Wert favorisieren! – Europäischen Humanismus erzeugen! – Europa instandzusetzen, eine postimperiale und neutrale Vermittlerrolle zu übernehmen!
Diskussion
Die intellektuellen, kognitiven und emotionalen Auseinandersetzungen darüber, wie wir Menschen geworden sind, was wir sind – egoistisch und altruistisch, selbst denkend und andere denken lassen – bedingt Selbstbewusstsein und Anlehnung. Es sind anthropologische, philosophische Gedanken, die den Sinn des Lebens bilden. Es ist das Bewusstsein, dass der Mensch, als evolutionäres, verletzliches Lebewesen darauf angewiesen ist, sein endliches Leben in der Spannweite von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erkennen. Philosophinnen und Philosophen können dabei behilflich sein (siehe z.B. dazu auch: Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24111.php).
Fazit
In den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender, globaler entwickelnden Welt kommt es darauf an, Paradigmen- und Perspektivenwechsel zu vollziehen. In den Krisensituationen, wie sie sich als ökonomische, klimatische und zivilisatorische Ereignisse darstellen und sich als Kriege ereignen, ist es bedeutsam, nach Friedens- und Gerechtigkeitschancen Ausschau zu halten. Hauke Ritz geht diese Fragen politisch und historisch an, mit der „Kinderfrage“: „Warum hasst der Westen Russland so sehr?“. Er nimmt dabei nicht den allzu einfachen Weg eines „Russland“- oder gar „Putin“-Verstehers, sondern analysiert die historischen, kulturellen und zivilisatorischen Entwicklungen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1758 Rezensionen von Jos Schnurer.



