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Harald Requardt: Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern

Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 27.02.2024

Cover Harald Requardt: Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern ISBN 978-3-89334-664-6

Harald Requardt: Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern. Ein Handwerksbuch für die Arbeit mit inneren Anteilen. Asanger Verlag (Kröning) 2024. 321 Seiten. ISBN 978-3-89334-664-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

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Thema

Für den Autor existieren bereits eine Reihe von fundierten Veröffentlichungen der Teilearbeit, diese hätten jedoch kaum Eingang.in psychosoziale Arbeitsfelder gefunden. Daher wird in diesem umfangreichen Übersichtswerk mit zahlreichen Fallschilderungen dargestellt, dass Teilearbeit in vielen psychosozialen Arbeitsfeldern eine wichtige Grundlage für das Verstehen der Klient*innen und die Beziehungsgestaltung darstellen kann. Fokussiert werden verschiedenste Modelle einer Teilearbeit und deren Anwendung in der Praxis. Zielgruppen der Publikation sind insbesondere Sozialarbeit*innen und Pädagog*innen.

Autor

Der Sozialpädagoge und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (VT) Harald Requardt ist zudem langjährig als Supervisor mit den Schwerpunkten Verhaltenstherapie, systemische Therapie, EMDR und Traumatherapie tätig. Er arbeitete 10 Jahre in der stationären Jugendhilfe. 1992 gründete er (zusammen mit Gaby Breitenbach) ein Institut für Systemische Therapie und Traumatherapie. Harald Requardt hat sich in seiner psychotherapeutischen Praxis seit vielen Jahren auf die Behandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit komplexen Traumafolgestörungen/​dissoziativen Störungen spezialisiert. Seit über 20 Jahren ist er zudem Lehrender für Traumapädagogik und Traumatherapie.

Aufbau

Das 321-seitige Buch gliedert sich in vier Teile, dem ersten Teil „Theorien, Modelle, Hintergrundwissen“, dem zweiten Teil „Aus der Perspektive von Betroffenen“, dem dritten Teil „Übungsanregungen“ und im vierten Teil einem Überblick über „Grenzen einer Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern“. Das differenziert strukturierte Buch beginnt mit einem kleinem Vorwort, indem der Autor ausführt, dass die Teilearbeit eine große Chance zum Verstehen vieler Klient*innen bietet. Leider sei diese Methode vielen Pädagog*innen verwehrt, da diese in der Aus- und Fortbildung oftmals nicht thematisiert werde oder weil Vorgesetzte oder Supervisor*innen die Ansichten vertreten würden, dass Teilearbeit ausschließlich Psychotherapeut*innen vorbehalten sein solle. Dies sei ein fataler Fehler, der aufgelöst werden müsste.

Inhalt

Der erste Teil beginnt mit einer Einführung, in der der Autor seinen Weg zu einer Arbeit mit Anteilen beschreibt. Requardt (2024) unterscheidet in seinem Ansatz der Teilearbeit zwischen symbolischen Anteilen und „konkreten“ Anteilen. Menschen mit einer gesunden, integrierten Persönlichkeit weisen andere Arten von Anteilen auf als Menschen mit Ich-Identitätsstörungen, die ein „Eigenleben“ führen. Bei Personen mit einer integrierten Persönlichkeit bleiben die unterschiedlichen Ich-Zustände intakt. „Wir wissen immer, wer wir sind, wie alt wir sind, wo wir sind“ (S. 9). Auch das Körpererleben und das Erleben der Außenwelt ist über die Wechsel konstant. Hingegen kann ein konkreter innerer Anteil eine völlig andere Struktur aufweisen. Ein konkreter Anteil muss z.B. mit wenig Schlaf auskommen, wenn z.B. eine psychotische Mutter mit einem Messer herumläuft. Dann muss sich der Organismus auf einer tieferen körperlichen Ebene abspalten, damit der Alltagsanteil des Kindes am nächsten Morgen aufstehen und zur Schule gehen kann. Hier ist das Alltags-Ich nicht Chef im Inneren. Wenn Menschen über diese Art von Anteilen sprechen, erscheinen Ihnen diese Seiten oft als fremd, unverständlich oder merkwürdig. Solche Anteile zeigen sich oftmals auf körperlichen Ebenen, wenn z.B. Kälte oder Hitze nicht wahrgenommen werden, eine Schmerzunempfindlichkeit deutlich wird, Kinder Ekel nicht wahrnehmen, nicht merken, wenn sie Einnässen oder Einkoten oder Klient*innen praktisch nie schlafen etc. (S. 12). Requardt betont, Innenpersonen sind keine Erfindungen, wenn es zum Überleben notwendig sei, mache dies der Organismus. Für den Autor werden konkrete Anteile eher auf der Ebene des Erlebens, des Seins beschrieben, während man bei symbolisierten Anteilen ausdrücken würde: Ich denke, ich fühle, ich bin dann losgegangen usw. Bei konkreten Anteilen sei die Möglichkeit auf das Alltags-Ich Einfluss zu nehmen reduziert oder situativ aussichtslos. Daher sei ein anderes Vorgehen in der Beratung oder Psychotherapie notwendig, bei der psychosoziale Fachleute lernen, achtsam Signale wahrzunehmen, was Hinweise eines konkreten Sprachverständnisses, eines konkreten Erlebens oder einer konkreten Erinnerung sein könnten.

Es sei wichtig, so Requardt, dass Fachkräfte in Schulen, Ausbildungsstellen, medizinischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Einrichtungen erkennen, dass sich nicht-integrierte Persönlichkeiten in ihren Institutionen aufhalten können.

Im zweiten Kapitel „Häufige Fragen von Fachleuten zu einer Teilearbeit“ thematisiert der Autor, inwieweit Teilearbeit nicht in eine Psychotherapie gehört. Selbstverständlich gehöre Teilearbeit zu den Methoden psychosozialer Fachkräfte. Für Requardt würde in den Einrichtungen auch nicht thematisiert, inwieweit, z.B. Erlebnispädagogik, tiergestützte Arbeit oder systemische Familienberatung zur Arbeit gehören würde. Es bestehe grundsätzlich nicht die Gefahr, dass Teilearbeit. Klient*innen schaden könne. Wird wohlwollend mit den Anteilen gearbeitet, vertiefe dies die professionelle Beziehung. Wenn Menschen konkrete Anteile haben, müssten wir in psychosozialen Arbeitsfeldern auch mit diesen Anteilen reden. „Alles andere macht keinen Sinn.“ (S. 29) Zusammenfassend wird betont: „Bei schweren Traumafolgestörungen wird eine Arbeit mit Anteilen zu einem >Muss<. Ohne dieses Denken, ohne unser Realisieren, dass unser Gegenüber mehr als ein>handelndes Ich<".

Im dritten Kapitel geht der Autor auf häufige Fragen von Klienten zur Teilearbeit ein. Er fokussiert zunächst die Frage „Bin ich schizophren?“, indem er auf Unterschiede zwischen dissoziativen Störungen und Psychosen eingeht. Bei einer Psychose würden die Stimmen meist als von außen kommend wahrgenommen. Diese werden oft als monoton beschrieben und wiederholen vielleicht das gerade Gesagte. Hingegen sind die Stimmen bei Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung eher dialogische Stimmen. In der Regel werden Menschen mit einer Psychose nicht einfach mit ihren Stimmen reden können. Personen mit einer dissoziativen Störung könne geantwortet werden, dass es völlig normal sei, nicht nur einen Ich-Zustand zu haben, sondern mehrere. Auf die Frage, ob man diese Anteile irgendwie wegbekomme, könne geantwortet werden, dass es wichtig sei, nicht gegen diese Anteile anzukämpfen und dass Gesundwerden bedeutet, dass die Anteile „eins“ werden.

Im vierten Kapitel beschäftigt der Autor sich mit Dissoziationen als einem Überlebensmechanismus. Dabei seien Dissoziationen im Alltag häufig nicht direkt zu beobachten. Oftmals würde dieses Störungsbild nicht erkannt und anerkannt.

Requardt stellt im fünften Kapitel den theoretischen Hintergrund verschiedener Modelle (Schulz von Thun: Das Modell des inneren Teams, Richard Schwartz: Das System der inneren Familie, Ego-State-Therapie: Teilearbeit mit Ich-Zuständen, Schematherapie, die Strukturelle Dissoziation der Persönlichkeit nach Nijenhuis van der Hart und Steeleetc.) einer Teilearbeit vor. Bezüglich der Schematherapie merkt Requardt an, dass diese durch ihre 20 Modi die Komplexität möglicher Anteile nicht erfassen könne. Zudem fänden innere Barrieren keine Berücksichtigung. Das Kapitel schließt mit einem Exkurs zur Polyvagal-Theorie.

In diesem Kapitel hätte erwähnt werden können, dass bereits früher, insbesondere in der Gestalttherapie und dem Psychodrama, vielfältig mit Anteilen gearbeitet wurde.

Im sechsten Kapitel „Aus der Praxis: Anteile unterscheiden“, wird dargestellt wie sich Anteile in der Tiefe unterscheiden lassen. Zudem wird anhand von Beispielen der Umgang mit typischen. Teilen beschreiben, um dann im siebten Kapitel auf die Anwendung der Teilarbeit in der Praxis einzugehen. Erläutert wird die Versorgung verletzter Anteile an einem inneren sicheren Ort, die Bedeutung der Psychoedukation und das Explorieren von „Lügen“/„Wahrheit“. Hilfreich ist auch der Hinweis, dass im juristischen Kontext beim Erstellen von Anzeigen oftmals Alltagsanteile aktiv sind und dass später bei einer möglichen Rücknahme der Anzeige andere Anteile Einfluss ausüben. Im Weiteren wird die Arbeit mit „inneren Störenfrieden“ fokussiert, wobei kurz auf die Arbeit mit einem Täteranteil eingegangen wird. Auch wird die Arbeit mit dem inneren Team und die Konferenzraum-Technik vorgestellt. Im Anschluss wird die Arbeit mit Visualisierungen vorgestellt und abschließend Methoden der Teilearbeit auf der inneren und äußeren Bühne, z.B. mit Stühlen, erläutert und darauf hingewiesen, dass manchmal die Arbeit in der konkreten Lebenswelt der Klient*innen stattfinden sollte, da es sinnvoller sein kann, nicht nur das Ausprobieren in der Vorstellung, sondern Live zu beobachten.

Im achten Kapitel werden Anwendungsmöglichkeiten in verschiedenen Settings problematisiert (Teilearbeit in Paarberatung, Elternarbeit und Familientherapie, im Gruppensetting, in der tiergestützten Arbeit und der Supervision.

Weitere Aspekte der Teilearbeit werden im neunten Kapitel erörtert. Im Unterkapitel „Innere Bereiche“ wird dargestellt, dass sich Anteile auf bestimmte Bereichen im Inneren beziehen. Anteile können etwa kritisieren, aber nicht direkt die Handlung bestimmen. Im Anschluss werden mit dem Grounding ergänzende Techniken diskutiert und überlegt, was das Erleben von „Normalität“ bedeuten kann. Hingewiesen wird zudem auf mögliche medizinische Komplikationen bei einer struktureller Dissoziation der Persönlichkeit, wenn z.B. Medikamente völlig untypisch wirken oder auch paradoxe Reaktionen hervorrufen. Möglicherweise könne eine Spritze beim Zahnarzt bei bestimmten Persönlichkeitsanteilen nicht wirken. Daher sollten Klienten, die von ungewöhnlichen Reaktionen, z.B. bei der Einnahme von Drogen und Medikamenten berichten, ernst genommen werden. Abschließend wird in diesem Kapitel u.a. darauf hingewiesen, dass bei manchen Klient*innen die klassischen Behandlungs- und Betreuungszeiten nicht ausreichen. Hier kann dann eine langjährige professionelle Begleitung ein Gegenmittel sein, wenn ein nicht integrierter Mensch auf eine zerstrittene Hilfslandschaft trifft (S. 224).

Im zweiten Teil II „Aus der Perspektive von Betroffenen“ werden vier Interviews mit Klientinnen wiedergegeben, um deren Innenperspektive zu verdeutlichen. Im Anschluss werden diese Interviews kommentiert.

Im kurzen Teil III vermittelt Requardt eine Reihe von Übungsanregungen. Diskutiert werden „Anregungen zum Einstieg“, Kontraindikationen und Übungen im Kontext von Fortbildungen. 

Das Buch schließt mit dem Teil IV mit Anmerkungen zu den Grenzen einer Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern, die eine Behandlung durch Spezialisten notwendig machen. Hierzu gehört die Arbeit mit Klient*innen aus Bereichen der organisierten Gewalt oder z.B. dem Menschenhandel, die besonders „programmiert“ wurden. Diskutiert wird zudem, wann eine Vermittlung in eine Psychotherapie erfolgen sollte.

Das Buch endet mit Danksagungen, einem Glossar und dem Literaturverzeichnis.

Diskussion

Den Leser*innen wird mit diesem Band eine umfassende, sehr gut strukturierte Darstellung über die Teilearbeit geboten. Auch wenn der Schwerpunkt des Buches die Teilearbeit mit schwer traumatisierten Menschen beinhaltet, ist dieses Buch auch psychosozialen Fachkräften zu empfehlen, die Techniken einer weniger tiefgehenden Teilearbeit nutzen wollen.

Kritisch ist lediglich anzumerken: Manchmal schweift der Autor vom Thema ab (z.B. im Kap. 2.2) und mir fehlen Quellenangaben bei der Beschreibung der Grundlagen im 1. Kapitel. Einzelne Aussagen sind mir zu allgemein, wenn der Autor (S. 47) z.B. ausführt: „In Psychiatrien kann der zuständige Chefarzt vorschreiben, dass in seiner Klinik weitestgehend nur die Diagnosen Depression oder Psychose vergeben werden dürfen.“

Mir fehlt lediglich auch in diesem Buch über die Traumaberatung die Thematisierung des Umgangs mit Täteranteilen.

Selbstbewusst vermittelt Requardt, dass die Teilearbeit eine nützliche Methode für psychosoziale Arbeitsfelder ist. Deutlich wird, Teilearbeit bietet nicht nur große Chancen für die Therapie, sondern auch für psychosoziale Fachkräfte.

Fazit

Sehr umfangreich und gleichzeitig differenziert und kompakt wird in diesem Werk ein Überblick über die Teilearbeit geboten. Positiv ist der schlüssige Aufbau des Buches, die hohe theoretische Fundierung des Autors und die gelungene Integration der vielen Fallbeispiele aus der langjährigen Praxis hervorzuheben. Das Buch ergänzt somit systematisch unser Wissen über die Teilearbeit.

Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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Es gibt 68 Rezensionen von Jürgen Beushausen.

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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 27.02.2024 zu: Harald Requardt: Teilearbeit in psychosozialen Arbeitsfeldern. Ein Handwerksbuch für die Arbeit mit inneren Anteilen. Asanger Verlag (Kröning) 2024. ISBN 978-3-89334-664-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31914.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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