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Marion Müller: Einführung in die Interaktionssoziologie

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 13.06.2024

Cover Marion Müller: Einführung in die Interaktionssoziologie ISBN 978-3-7799-7104-7

Marion Müller: Einführung in die Interaktionssoziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 277 Seiten. ISBN 978-3-7799-7104-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Grundlagentexte Soziologie.

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Thema

Ziel des Buches ist es, einen facheinheitlichen Interaktionsbegriff für Lehrende, Forschende und Studierende einzuführen, der die Frage beantwortet, was in sozialen Situationen passiert, wenn mindestens zwei Menschen gleichzeitig körperlich anwesend sind. Dazu wird ein Überblick über zentrale Konzepte zur Beschreibung und Analyse von Face-to-Face-Interaktionen geboten. Die theoretischen Grundlagen der Interaktionsforschung werden ins Verhältnis zu anderen grundlegenden soziologischen Konzepten wie Handeln, Kommunikation und Praxis gestellt. Der eingeführte Interaktionsbegriff wird abschließend vor dem Hintergrund zunehmend digitalgestützter Kommunikationsformen geschärft und weiterentwickelt. Der facheinheitliche Interaktionsbegriff basiert auf den Bedingungen körperlicher Anwesenheit und wechselseitiger Wahrnehmung, die über digitale Medien zeitlich versetzt und/oder ohne körperliche Anwesenheit stattfinden können.

Hintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Grundlagentexte Soziologie“ beim Beltz Juventa Verlag, die von Nicole Burzan und Ullrich Bauer herausgegeben wird. Die Reihe zielt darauf ab, mit Einführungstexten und Übersichtsbänden, den Lehrbetrieb in Soziologie an Universitäten, Universitäten für angewandte Wissenschaften, Fachschulen und anderen Bildungseinrichtungen zu erleichtern. Dabei sollen die Bände einen einführenden Charakter haben, sich als Basislektüre für Vorlesungen, Seminare und andere Lehrveranstaltungen eignen und zugleich den aktuellen Fachdiskurs widerspiegeln.

Autorin

Die Autorin Marion Müller ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung Institut für Soziologie der Universität Tübingen. Zu Ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Allgemeine Soziologie, Interaktionsforschung und die Soziologie der Personenkategorien.

Aufbau und Inhalt

Nebst zwei Vorworten, die sich an Lehrende und Studierende richten, gliedert sich der Band in vier Kapitel. Er enthält außerdem ein Glossar mit den zentralen Fachbegriffen der Interaktionssoziologie. Zunächst wird in Kapitel 1 der Interaktionsbegriff als soziologischer Grundbegriff (kurz) ausgehend von Georg Simmel und dann insbesondere mit Referenz zu Erving Goffman eingeführt, auf dessen Interaktionsbegriff aus den 1950er Jahren sich die nachfolgenden Überlegungen stützen. Mit der historischen Perspektive des Fokus auf Interaktion innerhalb der Soziologie wird aufgezeigt, wie sich Interessen an empirischen Beobachtungen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse begründen lassen. Ferner werden anhand von Beispielen die ersten Grundzüge der Interaktion illustriert. So zum Beispiel das Phänomen, dass Beteiligte in Situationen versuchen, durch Normalisierungen das unangenehme Gefühl von Verlegenheit wieder verschwinden zu lassen. Oder es wird am Beispiel des Films „Kitchen Stories“ aufgezeigt, wie das Wissen um die bloße Anwesenheit eines anderen Menschen, eines Beobachters, eine Situation von Privatheit verändert. Andere Beispiele erläutern die Begriffe des Impression Managements oder des Role-Makings.

Im Kapitel 2 werden die Grundannahmen und Konzepte der Interaktionssoziologie entlang der Frage entfaltet, was eigentlich genau passiert, wenn mindestens zwei Personen körperlich anwesend sind? Auch hierfür werden Beispiele aus Forschungsprojekten sowie aus der Literatur genutzt, um zu verdeutlichen, welcher Erkenntnisgewinn sich aus interaktionssoziologischer Perspektive aus der Analyse sozialer Situationen ergeben kann. Die doppelte Kontingenz wird beispielsweise anhand des Elfmeters beim Fußball und am historischen Beispiel des Viertelfinales der Weltmeisterschaft 2006 im Spiel Deutschland gegen Argentinien erläutert. Das Aufrechterhalten von Normalität in Situationen wird anhand des Romans Im Herzen der Gewalt illustriert und die Eigenlogik direkter Interaktion, die sich nicht immer an die Erwartungen ihrer Teilnehmenden hält, wird mit der Pressekonferenz vom 9. November 1989 erläutert, die überraschenderweise den Fall der Berliner Mauer zur Folge hatte.

Theoretische und methodologische Grundannahmen des Interaktionsbegriffs werden in Kapitel 3 erläutert, indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Begriffs Interaktion von dem der Handlung, der Kommunikation und der sozialen Praktiken herausgearbeitet werden. Hierbei wird deutlich, dass der Interaktionsbegriff zwar in Handlungs-, Kommunikations- und Praxistheorien verwendet wird, jedoch selten systematisch über deren Unterschiede reflektiert wird, wobei die Interaktionssoziologie eher den Kommunikations- und Praxistheorien als der Handlungstheorie zuzuordnen ist. Der Unterschied besteht darin, dass die Interaktionstheorie sich auf die Situation, deren Eigendynamik und die unter Anwesenden geltenden Regelhaftigkeiten konzentriert, während die Handlungstheorie von der Absicht des handelnden Akteurs (intentionales Handeln) ausgeht.

Ferner wird die Interaktionssoziologie in Typologien soziologischer Theorien nach der Unterscheidung zwischen normativem und interpretativem Paradigma sowie der Differenzierung von Mikro- und Makrosoziologie verortet. Die Ausführungen werden durch Grafiken veranschaulicht. Dabei wird konstatiert, dass die Interaktionstheorie zum interpretativen Paradigma gehört, jedoch im Gegensatz zu anderen interpretativen Ansätzen, die subjektive Sinnzuschreibungen rekonstruieren, ein spezielles Interesse an der sozialen Ordnung unter gleichzeitig Anwesenden verfolgt und dabei die Wechselwirkungen zwischen den Akteuren in den Mittelpunkt stellt. Zur Unterscheidung zwischen Mikro- und Makro-Strukturen existieren in der Interaktionstheorie unterschiedliche Vorstellungen, wie die von Goffmans loser Kopplung, Luhmanns Ebenenunterscheidung, Knorr-Cetinas methodologischer Situationalismus oder Collins' Theorie der Interaktionsritualketten. Einigkeit scheint nur darin zu bestehen, dass die kleinste Einheit von Sozialität die reziproke Begegnung von mindestens zwei Personen ist, weshalb die Situations- oder Interaktionsebene als nicht weiter reduzierbare Mikroebene gilt.

Kapitel 4 führt am Beispiel zweier aktueller Forschungsfelder der Interaktionstheorie auf, wie der Interaktionsbegriff theoretisch weiterentwickelt werden kann. Das erste Forschungsfeld betrifft die Analyse technisch vermittelter Kommunikation. Hierbei stellt sich die Frage, wie sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Kommunikationsarten wie dem persönlichen Treffen, dem Video-Meeting, dem Chat oder dem Brief begrifflich präziser erfassen lassen, ohne dabei jedoch die Grundannahmen der Interaktionstheorie vollständig aufzugeben. So ist es letztlich eine empirische Frage, ab wann man eine technisch vermittelte Kommunikation noch als Interaktion beschreiben kann und ab wann sie jeweils eigenen Regeln folgt. Am Beispiel von Corona wird zudem die Frage bearbeitet, wann Face-to-Face-Begegnungen durch Telekommunikation ersetzt werden können. Die Autorin schlussfolgert, dass persönliches Vertrauen, Kompromissfindung, Gefühlsübertragung und das körperliche Erleben einer Situation – ob beruflich oder privat – schwerer durch Telekommunikation zu kompensieren sind, während Sachfragen und längere Abwesenheiten in bestehenden Beziehungen besser kompensiert werden können, besonders wenn ein*e Interaktionspartner*in in einer vertrauten Lebenswelt verbleibt und keine unerwarteten emotionalen Herausforderungen auftreten.

Das zweite Forschungsfeld umfasst Begegnungen mit Menschen oder auch Tieren oder technischen Artefakten, in denen die von Goffman beschriebenen Interaktionsregeln nur bedingt anwendbar sind. Die Frage stellt sich, wie die Analyse direkter Begegnungen mit behinderten oder kranken Menschen bestehende interaktionssoziologische Konzepte herausfordert, da die Reaktionspräsenz im Unterschied zur Interaktion zwischen Personen ohne sensorische oder kognitive Einschränkungen erschwert sein können. Sensorische oder kognitive Einschränkungen beeinflussen den Interaktionsverlauf und führen dazu, dass Routinen wie höfliche Gleichgültigkeit oder Sprecher*innenwechsel anders oder gar nicht funktionieren, was Irritationen auslösen kann und dazu führen kann, dass Menschen mit Behinderungen oder bestimmten Erkrankungen als Interaktionsteilnehmende nicht oder nur kurzzeitig bzw. situativ anerkannt werden. Ferner zeigt die Autorin, dass Kinder und Tiere in Interaktionen ähnlich behandelt und von anderen Anwesenden nur vorübergehend als vollwertige Interaktionsteilnehmende anerkannt werden. Sie erhalten in Situation, in denen sie körperlich anwesend ist, eine Sonderrolle, eine*r nicht vollwertigen Interaktionspartner*in die Goffman als Unperson beschreibt. Auch in der Begegnung mit virtuellen Agenten oder Robotern mit künstlicher Intelligenz ist die Anerkennung als Interaktionsteilnehmer*in nicht zwangsläufig eine binäre Entscheidung, sondern es können verschiedene Grade der Anwesenheit und ein Wechsel zwischen diesen Zuständen existieren. Auch dies ist letztlich eine empirische Frage, die Anlass für weitere Forschung bietet.

Diskussion

Das Buch bietet einen faszinierenden Ansatz, indem es sich auf Situationen und ihre Menschen konzentriert, ausgehend von Goffmans wegweisenden Überlegungen. Es unterstreicht die zentrale Rolle des Interaktionsbegriffs in der soziologischen Theorie, indem es historische Kontexte bis hin zu modernen Anwendungen umfassend analysiert. Die ausgewählten Forschungsfelder, von technisch vermittelter Kommunikation bis zu Begegnungen mit besonderen Bedürfnissen, gewähren einen vielschichtigen Einblick in soziale Interaktionen. Die Autorin stützt ihre Argumente nicht nur auf theoretische Erörterungen, sondern veranschaulicht sie auch durch beeindruckende Beispiele aus Literatur, Film und Geschichte. Dieser Band trägt maßgeblich zur interdisziplinären Diskussion über soziale Interaktion bei und regt zu weiterführender Forschung an.

Im Hinblick auf die Lektüre empfehle ich, das Buch von Anfang bis Ende zu lesen, da die Kapitel sinnvoll aufeinander aufbauen. Die sorgfältig ausgewählten Beispiele sollten keinesfalls übersehen werden, da sie die Konzepte lebendig werden lassen. Didaktisch könnten Beobachtungsübungen oder Reflexionsfragen für Studierende in den Kapiteln eine wertvolle Ergänzung darstellen, um eine interaktionssoziologische Perspektive zu vertiefen und eine Verbindung zu eigenen Erfahrungen herzustellen.

Das vorliegende Einführungsbuch in die Interaktionssoziologie richtet sich gezielt an Studierende der ersten Fachsemester. Es zeichnet sich durch eine ausführliche Erklärung der präsentierten Begriffe und Zusammenhänge aus, wobei nur wenig Vorwissen vorausgesetzt wird. Besonders bemerkenswert sind die Vorschläge für eine vertiefende Lektüre, die eine wertvolle Ressource darstellen, wenn aus Platzgründen interaktionssoziologische Konzepte nur angedeutet werden können. Für ein einfaches Nachschlagen stehen am Ende des Buches ein Glossar mit wichtigen interaktionssoziologischen Fachbegriffen und Konzepten zur Verfügung.

Die Autorin hebt hervor, dass insbesondere die ersten beiden Kapitel für Studierende der ersten Semester geeignet sind, während die letzten beiden Kapitel eher höhere Semester adressieren. Trotz dieser Differenzierung erscheint der Band insgesamt gut geeignet, um im Grundstudium mit Studierenden zu arbeiten und interaktionssoziologische Perspektiven einzuführen.

Fazit

Die klare Struktur und die verständliche Darstellung machen das Buch zu einem wertvollen Werkzeug für das Verständnis sozialer Interaktion in der Grundausbildung.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Es gibt 21 Rezensionen von Christian Schröder.

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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 13.06.2024 zu: Marion Müller: Einführung in die Interaktionssoziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. ISBN 978-3-7799-7104-7. Reihe: Grundlagentexte Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31945.php, Datum des Zugriffs 16.07.2024.


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