Fabian Kessl, Holger Schoneville (Hrsg.): Mitleidsökonomie
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 17.04.2024
Fabian Kessl, Holger Schoneville (Hrsg.):Mitleidsökonomie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 216 Seiten. ISBN 978-3-7799-7717-9. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel. .
Thema
Die Herausgeber Fabian Kessl und Holger Schoneville versammeln Beiträge von Autor*innen, die sich kritisch mit dem Phänomen der neuen Mitleidsökonomie auseinandersetzen, wie sie in diesem Band bezeichnet wird. Kurz gefasst geht es um die Einordnung empirischer Beobachtungen, dass sich in Deutschland und international parallel zur staatlichen Armutsbekämpfung ein spendenbasiertes System der Armenhilfe ausweitet. Tafeln und Kleiderkammern vermitteln überschüssige Waren aus der industriellen Produktion an eine steigende Zahl bedürftiger Personen, die darauf angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Herausgeber vertreten dabei die These, dass dies zu einem Schatten des Wohlfahrtsstaats führt, in dem Menschen auf das Mitleid anderer angewiesen sind, ohne jedoch ein Recht auf zuverlässige Hilfe zu haben.
Herausgebende
Schoneville, Holger, Dr.; ist Juniorprofessor für Sozialpädagogik an der Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Arbeitsbereich Sozialpädagogik. In seiner akademischen Laufbahn hat er sich intensiv mit der sozialpädagogischen Armutsforschung und der Transformation des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements beschäftigt.
Kessl, Fabian, Dr.; ist Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt sozialpolitische Grundlagen an der Bergischen Universität Wuppertal, Institut für Erziehungswissenschaft. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der wohlfahrtsstaatlichen Transformation von Bildung und Erziehung sowie der pädagogischen (De)Institutionalisierung.
Aufbau und Inhalt
Der Band untersucht das Phänomen der neuen Mitleidsökonomie, welches auf Beobachtungen, Analysen und Reflexionen zur zunehmenden Präsenz von Lebensmittelausgaben, Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern basiert. Ausgehend von einer sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Perspektive werden Fragen zur historischen Genese, zur wohlfahrtsstaatstheoretischen Einordnung und zu den internationalen Dimensionen dieser Entwicklung aufgeworfen. Dabei werden die verschiedenen Aspekte des Phänomens von Autor*innen mit unterschiedlichen Fachgebieten und Perspektiven interdisziplinär beleuchtet.
Er beginnt mit einer systematischen Einordnung des Phänomens und des Begriffs durch Fabian Kessl und Holger Schoneville. Dabei erläutern die Autoren, dass sie das Phänomen vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verlagerung der Verantwortung und Zuständigkeit ehemals rechtlich zugesicherter Leistungen in die private Vorsorge als neu einstufen. Die daraus resultierende Armenfürsorge basiert auf freiwilligen Gaben und basiert nicht (mehr) auf einem rechtlichen Anspruch.
Tine Haubner und Silke van Dyk beleuchten den Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats und beschreiben eine Informalisierung der Sorgearbeit als Teil eines umfassenden Prozesses der Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage, was die Dynamik der neuen Mitleidsökonomie erklärt und einen grundlegenden Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats kennzeichnet, der durch die Indienstnahme von Freiwilligenarbeit geprägt ist.
Brigitte Bargetz und Markus Griesser diskutieren affektive Regierungsweisen als Ausdruck und Vehikel der neuen Mitleidsökonomie. Die Rolle der Helfer*innen in der politikwissenschaftlichen Reflexion der neuen Mitleidsökonomie analysieren sie aus einer emotions- und affekttheoretischen Perspektive. Dabei beleuchten sie nicht nur die staatlichen Aktivierungsstrategien, sondern auch die affektive Praxis der Helfer*innen selbst, wodurch eine erweiterte Betrachtung der Transformation gegenwärtiger Wohlfahrtsstaaten möglich wird.
Christine G. Krüger liefert eine historische Einordnung von Hilfe, Almosen und Mitleid. Sie kontextualisiert in ihrem Beitrag die neue Mitleidsökonomie innerhalb der Forschungsfelder der Voluntary Action History und der Geschichte der Zivilgesellschaft. Dabei untersucht sie die Bedeutung des freiwilligen sozialen Engagements im 19. und 20. Jahrhundert, das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft, die Historie der Spenden sowie die Rollen von Gebenden und Empfangenden unter einer mitleidstheoretischen Perspektive.
Franz Segbers präsentiert eine menschenrechtliche Kritik der Mitleidsökonomie. Er in seinem Beitrag die normative Einordnung der neuen Mitleidsökonomie aus einer menschenrechtstheoretischen Perspektive und reflektiert dabei die Bedeutung sozialer Rechte für die Armutsbekämpfung. Die neue Mitleidsökonomie wird als Teil einer umfassenden neoliberalen Transformation des Sozialstaats gesehen, die zu einer Reduktion und Verletzung sozialer Rechte führt.
Graham Riches betrachtet die unternehmerische Lebensmittelhilfe – vor allem die Entwicklungen in den USA im Zusammenhang mit der neuen Mitleidsökonomie – kritisch. Er betont die Verflechtung der Mitleidsökonomie mit den Gewinninteressen von Unternehmen und die damit einhergehende Entpolitisierung von Armut sowie die Notwendigkeit einer stärkeren Verantwortungsübernahme staatlicher Akteure für die Armutsbekämpfung.
Abschließend führen Ute Frevert und Greta Wagner im Gespräch mit Fabian Kessl und Holger Schoneville ein virtuelles Gespräch zur gesellschaftlichen und historischen Verortung des Phänomens einer neuen Mitleidsökonomie. Die Diskussion beleuchtet die Bedeutung der Bezeichnung Mitleidsökonomie für das Verständnis von Armutshilfe und berücksichtigt historische Entwicklungen des privaten Engagements für Bedürftige sowie die Veränderungen in funktional differenzierten Gesellschaften. Betont wird die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit diesem Phänomen, insbesondere durch empirische Forschung.
Diskussion
Armut wird im Band als gesellschaftliches Verhältnis verstanden. Mitleidsökonomie als eine Integration in eine Ausgrenzung, nämlich in einen sekundären Markt, der von der Abhängigkeit vom Wohlwollen der gesellschaftlich Bessergestellten gekennzeichnet ist (S. 25 ff.). Gleichsam handelt es sich beim Phänomen Mitleidsökonomie um eine Art Simulation des primären gesellschaftlichen Integrationsmodus. Allerdings findet hier die Bedürfnisbefriedigung nicht wie beim/bei der Konsument*in selbstbestimmt, sondern im Modus der Abhängigkeit statt.
Es ist vielmehr der stumme Zwang der Armut, der dazu führt, Tafeln oder Sozialkaufhäuser besuchen zu müssen. Das Gefühl der Scham, auf Hilfe angewiesen zu sein, lässt sich nur bedingt durch das Schaffen einer Willkommensatmosphäre reduzieren, die in den Sozialkaufhäusern dafür sorgen soll, dass das Selbstwertgefühl der Nutzer*innen erhalten bleibt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich die asymmetrische Beziehung zwischen Helfer*in und Nutzer*in nicht allein im mitleidigen Angewiesen-Sein auf Hilfe manifestiert, sondern auch in der Dankbarkeitserwartung der Helfenden. Diese Dankbarkeitserwartung kann dazu führen, Nutzer*in in würdige, weil dankbare, und unwürdige bzw. undankbare zu unterscheiden (S. 122). Aus menschenrechtlicher Perspektive ist daher stets kritisch zu reflektieren, dass eine Sozialleistung, die an eine Gegenleistung gebunden ist, das soziale Grundrecht aushebelt (S. 141 ff.). Schließlich können mit Bezug auf die affektiven Momente in der ehrenamtlichen Tätigkeit – Empathie, Solidarität, Zugehörigkeit, Unbehagen, Wut, Frustration oder Dankbarkeit – aus einer intersektional-kritischen Perspektive vergeschlechtlichte, rassifizierte und klassisierte Aspekte der ehrenamtlichen Arbeitenden als Teil ihrer Tätigkeit und Subjektkonstitution kritisch reflektiert werden (S. 94 ff.).
Diese kritische Perspektive auf die Helfer*innen der sogenannten Mitleidsökonomie ist auch deshalb dringend notwendig, weil der Staat im Diskurs eine romantisierte Sicht auf zivilgesellschaftliches Engagement bestärkt, indem er das Engagement moralisch aufwertet (z.B. durch Preisverleihungen), Förderprogramme aufsetzt und sich aus bestimmten Aufgabenbereichen systematisch zurückzieht. Dabei droht die politische Dimension zivilgesellschaftlichen Engagements verloren zu gehen und eine Verzivilgesellschaftung der sozialen Frage voranzuschreiten, der zufolge die Verantwortung für den Zugang zu Elementargütern und teilhabesichernden Dienstleistungen in die Zivilgesellschaft verlagert wird. Eine Politik die darauf basiert, Lösungen zu favorisieren, in denen Armutsbetroffene auf private Hilfsbereitschaft, Spenden und Almosen angewiesen sind, kontaktiert letztlich den Anspruch sozialer Gerechtigkeit als verfassungsrechtlich geschütztes Gut und Aufgabe des Staates. Zugespitzt formuliert, könnte man anmerken, dass übrig gebliebene Lebensmittel an übrig gebliebene Menschen verteilt werden (S. 166).
Die berechtigte Kritik am Rückzug des Sozialstaats aus seiner Verantwortung darf jedoch nicht dazu führen, dass die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die wichtige Arbeit leisten und zu einem solidarischen Miteinander im Gemeinwesen beitragen, allein als Teil des Problems kritisiert werden. Neben den dieser zurecht geäußerten Kritik an einer laienhaften Hilfserbringung, die sich auch in Selbstüberschätzung, paternalistischer Hilfe und mangelnder Verbindlichkeit manifestieren kann, gilt es jedoch auch die Chancen im zivilgesellschaftlichen Engagement zu sehen. So können Ehrenamtliche etwa deutlich autonomer – losgelöst aus Arbeitsbeziehungen – agieren, indem sie als kritische Wächter und unabhängige Kontrollinstanzen staatlicher Leistungserbringung dienen.
Die Verfestigung von Armut bzw. die Institutionalisierung einer Parallelgesellschaft der Armut verdeutlicht, dass die Fürsorgepflicht des Staates die Bedingung für die Handlungsfreiheit im Engagement schafft. Aktuell scheinen diese Bedingungen jedoch vor allem für große Nahrungsmittelkonzerne geschaffen zu werden, die Steuervergünstigungen erhalten, wenn etwa Nahrungsmittel gespendet werden oder umkehrt für die Entsorgung von Nahrungsmittel mit Geldstrafen belegt werden.
Der Begriff Mitleidsökonomie, wie er in diesem Band als Begrifflichkeit eingeführt wird, ist kein deskriptiver Begriff (S. 205 ff.), da er in seiner zugespitzten Kritik die Motive der Helfenden zu eng auf Mitleid reduziert. Stattdessen sollten m.E. kritische Stimmen dazu ermutigen, die strukturellen Ursachen von Armut und sozialer Ungleichheit anzugehen und gleichzeitig die Bedeutung der gemeinschaftlichen Solidarität und des Engagements der Zivilgesellschaft hervorheben. Es geht darum, sowohl die Notwendigkeit einer umfassenden politischen Verantwortung seitens des Staates als auch die Anerkennung und Unterstützung der wertvollen Arbeit der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Einklang zu bringen.
Nutzen wir die kritische Perspektive, um von einem rein romantisierenden Blick auf Zivilgesellschaft und Freiwilligenarbeit Abstand zu nehmen, so wird darin auch wieder ein Möglichkeitsraum sichtbar, sozialen Wandel durch zivilgesellschaftliches Engagement zu bewirken. Dabei wird dieses Handeln nicht primär vom Gefühl des Mitleids getrieben (dies ist selten das einzige Motiv), sondern von dem politischen Motiv, strukturelle Veränderungen herbeizuführen und Hierarchien oder Abhängigkeitsverhältnisse aufzulösen, damit der Staat seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Denn der Staat kann durchaus Bedingungen für (politische) Handlungsfreiheit im zivilgesellschaftlichen Engagement schaffen. Aktuell scheinen diese Bedingungen jedoch vor allem für große Nahrungsmittelkonzerne geschaffen zu werden, die Geldstrafen für das Entsorgen von Lebensmitteln zahlen und zugleich Steuerermäßigungen für das Verteilen von Lebensmitteln erhalten (S. 176 ff.).
Die berechtigte Kritik am Rückzug des Sozialstaats aus seiner Verantwortung, Nahrung, Teilhabe und andere grundlegende Bedürfnisse als soziale Menschenrechte zu garantieren, darf nicht dazu führen, dass die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die wichtige Arbeit in der Soforthilfe und Nothilfe leisten und zu einem solidarischen Miteinander im Gemeinwesen beitragen, allein als Teil des Problems kritisiert werden. Es ist entscheidend, dass diese Kritik am sozialpolitischen Diskurs ihre Schärfe behält, ohne dabei die wertvolle Arbeit und den positiven Beitrag dieser Initiativen herabzusetzen. Vielmehr sollte das Handeln darauf abzielen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen und eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, in der die Grundrechte aller Menschen gewahrt werden.
Der Band verdeutlicht, dass trotz bedeutender Fortschritte in der Erforschung dieses Phänomens der sogenannten Mitleidsökonomie noch einige Desiderate und offene Fragen bestehen. Insbesondere fehlt eine präzise historische Einordnung der Mitleidsökonomie, die jedoch entscheidend für ein umfassendes Verständnis des Phänomens ist. Es bleibt zu klären, inwieweit selbstorganisierte Angebote als Ansatzpunkte für eine Wohlfahrtsproduktion von unten dienen können oder ob sie eher Teil einer von oben initiierten und instrumentalisierten Zivilgesellschaft von oben sind.
Ein zentrales Prinzip, das aus dem Band hervorgeht, ist die Forderung nach strukturellen Veränderungen hin zu einer menschenrechtsbasierten Sozialpolitik. Es wird betont, dass das zivilgesellschaftliche Engagement zur Bekämpfung von Armut nicht einseitig unter dem Motiv des Mitleids kritisiert werden sollte. Vielmehr sollten alle verfügbaren Mittel genutzt werden, um den Staat als primären Garanten der Umsetzung der Menschenrechte in die Pflicht zu nehmen. Dies erfordert weitere Forschung, die zivilgesellschaftliche Lösungsideen wissenschaftlich begleitet und kritisch betrachtet.
Fazit
Insgesamt leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über die Mitleidsökonomie und regt dazu an, weitere Untersuchungen auf diesem Gebiet durchzuführen. Er bietet eine solide Grundlage für Forschende und Interessierte, die sich mit sozialpolitischen Themen und dem zivilgesellschaftlichen Engagement auseinandersetzen möchten.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
Website
Mailformular
Es gibt 26 Rezensionen von Christian Schröder.




