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Ernst Tradinik: Inklusive Medienarbeit

Rezensiert von Johannes Schmuck, 19.02.2025

Cover Ernst Tradinik: Inklusive Medienarbeit ISBN 978-3-86962-676-5

Ernst Tradinik: Inklusive Medienarbeit. Menschen mit Behinderung in Radio, Journalismus, Moderation und Film. Herbert von Halem Verlagsges. mbH & Co. KG (Köln) 2024. 350 Seiten. ISBN 978-3-86962-676-5.

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Thema

Wie sieht inklusive Medienarbeit im Fernsehen, im Radio, in Form von Podcasts und auf Social-Media-Kanälen aus? Der Sammelband bietet einen Überblick über inklusive Medienarbeit in Theorie und Praxis in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Der Herausgeber definiert inklusive Medienarbeit als »die Medienarbeit von und mit Menschen mit (Lern-)Behinderung und/oder psychischer Erkrankung«. Das Feld umfasst redaktionelle und journalistische Arbeit, die Arbeit mit Kamera, Audio- und Videoschnitt, Moderation und Interviewführung, die Arbeit mit der eigenen Stimme, unterstützter Kommunikation, der Gebärdensprache und die Gestaltung von Sendungen.

Herausgeber:in

Der Herausgeber Ernst Tradinik lebt und arbeitet in Wien. Er hat 30 Jahre als Betreuer, Sozialpädagoge und Trainer gearbeitet, u.a. in der ersten Psychiatrieausgliederungswohngemeinschaft in Wien. Parallel dazu fortwährende Arbeit mit Radio und redaktioneller Arbeit, Kamera und Regie. Seit 2008 setzt er inklusive Medienarbeiten in der Praxis um. Er arbeitet u.a. als Lektor (ext.) an der FH St. Pölten, SOB in Wien, PH in Graz u.a. 2019 Gründung der Firma MENSCHEN & MEDIEN. Ab 1997 Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Psychologie und Pädagogik an der Universität Wien, akad. Lehrgang Fernsehjournalismus an der Donauuniversität Krems, Lehrgang Supervision an der Universität Wien.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Inklusive Medienarbeit“ richtet sich an Medienschaffende aus Print, Radio, Film und Social Media sowie an Fachleute aus den Bereichen Publizistik, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Inklusionspädagogik und Medientechnik. Es ist zudem für Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagoginnen von Interesse, die sich mit der Begleitung und Unterstützung von Menschen mit (Lern-) Behinderung und/oder psychischer Erkrankung in der journalistischen und redaktionellen Arbeit beschäftigen.

Darüber hinaus will es wertvolle Einblicke und praxisnahe Beispiele für die Umsetzung inklusiver Medienprojekte bieten und richtet sich an Medienpädagoginnen, Journalistinnen, Studierende und Lehrende, die die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung in der Medienlandschaft fördern möchten.

Aufbau

Im Anschluss an Widmung und Dank beginnt der Sammelband mit der „Einführung“. Daran schließen sich fünf Teile an.

Der erste Teil trägt den Titel „Was ist inklusive Medienarbeit?“, der zweite Teil „Einblicke in die Geschichte der Inklusion und der inklusiven Medienarbeit“, der dritte Teil „Theoriekonzepte und Anwendungen inklusiver Medienarbeit“, der vierte Teil „Radio und Podcast“ und zum Abschluss folgt der fünfte Teil „Fernsehen, Film und Social Media“.

Alle fünf Teile sind in weitere Kapitel unterteilt, die von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst wurden. Am Schluss der Kapitel finden sich jeweils zumeist kurze Hinweise zum Hintergrund der Autorinnen und Autoren.

Der Sammelband ist mit diversen QR Codes versehen, die auf Film- und Hörproduktionen verweisen. Hinzu kommen zahlreiche, zumeist schwarz/weiße Fotos und Abbildungen.

 Inhalt

Ernst Tradinik (S. 30 – 51) stellt in „Inklusive Medienarbeit“ zuerst seine 2015 verfasste Definition von inklusiver Medienarbeit vor als „elektronische … Medienarbeit von und mit Menschen mit (Lern-)Behinderung und/oder psychischer Erkrankung. Mit oder ohne Begleitung/​Unterstützung von Expert*innen aus dem (sozial-)pädagogischen, kommunikationswissenschaftlichen oder ähnl. (Medien-)Bereichen.“ (S. 30)

Rückblickend auf die letzten 35 Jahre führt er danach jeweils zu den drei Schwerpunktländern Deutschland, Schweiz und Österreich Pioniere und Pionierprojekte ein.

In Deutschland sind das u.a.

  • Raúl Krauthausen, Sascha Lang, Mathias Klaus, Henning Schmidt
  • Projekt „Leidmedien.de“
  • „Sehen statt Hören“ vom BR
  • „Radio Durchgeknallt“ von Psychiatrieerfahrenen
  • „Radio Inklusive“ auf Leipzig

In der Schweiz sind das

  • Alex Oberholzer, Jahn Graf, Robin Rehmann
  • Radioschule klipp+klang mit „Happy Radio“ und „Radio loco-motivo“, „Radio Schrägformat“
  • „Reporter*innen ohne Barrieren“ bei Inclusion Handicap
  • Radio- und Podcastprojekte von Insieme und Pro Infirmis
  • Singularités in der Romandie

In Österreich sind das

  • TV Produktion „Am Anfang war der Schleifstuhl“
  • „Freakradio“
  • „Handbuch der Begrifflichkeiten“
  • Hartheim TV
  • „Sendung mit besonderen Bedürfnissen“, „Radiabled“, „No Handicap“, „MC Ron on air“, „Bündnis gegen Depression“, „Barrierefrei aufgerollt“, „Radio Wissensteam“
  • Gebärdenwelt TV

Im Kapitel „Teilbereich der inklusiven Medienarbeit (S. 52 – 74) von Ernst Tradinik unterscheidet der Autor folgende elf Teilbereiche der inklusiven Medienarbeit:

  1. „Geschichte der inklusiven Medienarbeit
  2. Sprache und (Nicht-)Sprechen
  3. Kompetenzen und Selbstermächtigung
  4. Teilhabe und Partizipation
  5. Anforderungen an die Begleitung und Unterstützung inklusiver Medienarbeit
  6. Technische Anforderungen an die Begleitung und Unterstützung inklusiver Medienarbeit
  7. Mediengestaltung und Medientechnik
  8. (Lern-)Behinderung und psychische Erkrankung
  9. Medienberufe am ersten und zweiten Arbeitsmarkt
  10. Öffentlichkeit und (Selbst-)Darstellung von Menschen mit (Lern-)Behinderung und/oder psychischer Erkrankung
  11. Aktuelle Produkte der inklusiven Medienarbeit“ (S. 52)

Exemplarisch wird hier das Kapitel zur Geschichte der inklusiven Medienarbeit skizziert. Tradinik schildert dabei die Entwicklung in Österreich.

Zuerst weist Tradinik auf zentrale Umweltfaktoren hin (S. 53):

  • Die Möglichkeit überhaupt in freien Medien zu veröffentlichen
  • Die Bezahlbarkeit der Produktion z.B. mit dem eigenen Handy (preiswerte Produktion)
  • Die Möglichkeit, selbst in Social-Media-Kanälen zu publizieren
  • Veränderte Seh- und Hörgewohnheiten (nicht linear; außerhalb Hauptsendezeiten)

Danach listet er beginnend mit dem Episodenfilm „Am Anfang war der Schleifstuhl“ von 1995 wesentliche Meilensteine auf (S. 53–54).

Christian Grill (S. 94 -109) schildert in seinem Beitrag „Hartheim TV und die Medienwerkstatt Hartheim (2002-2007). Eine Erinnerung“ die Arbeit der Medienwerkstatt Hartheim. Als Medienarbeitsplatz im Angebot einer Institution für die „Betreuung und Begleitung von Menschen mit kognitiver und mehrfacher Beeinträchtigung“ (S. 94) bot es neben der Einführung in die Grundlagen der Medienproduktion Möglichkeiten zur Spezialisierung in Bereiche wie Kamera, Moderation, Text- und Skriptverfassung an. Für den hauseigenen Fernsehkanal Hartheim TV wurden eigene Beiträge und die „Hartheim News“ produziert.

Die Medienwerkstatt sollte von Beginn (2002) an „keine herkömmliche, typisch institutionelle Werkstatt“ (S. 98) sein, sondern „ein vollwertiger Arbeitsplatz (…), der Bewohner*innen nicht nur Beschäftigung“ (S. 98) bietet. Themen waren neben aktuellen Begebenheiten im Institut Umfragen, thematische Beiträge wie zum Thema Sexualität oder „Wert des Lebens“ und Bewohner*innen Interviews. 2007 musste aufgrund von Kürzungsmaßnahmen die Medienwerkstatt schließen.

Cornelia Pfeifer (S. 110 - 119) reflektiert in ihrem Beitrag „45 Jahre in einer Einrichtung: Wie es damals war und wie es jetzt ist“ alltagsnah aufgrund eigener Erfahrungen die Unterschiede zwischen früherer und aktueller Betreuung und Begleitung. Früher gab es beispielsweise keine Rückzugsmöglichkeiten im Wohnbereich, keine Freiheit, Besuch einzuladen oder Wahlmöglichkeiten bei Sportaktivitäten.

Ralf Gröber (S. 172 – 185) stellt in seinem Beitrag „Partizipation in inklusiver Medienarbeit“ eine neunstufige Partizipations-Pyramide und deren Nutzen im Kontext der Medienarbeit bei den Special Olympics 2018 in Oberösterreich vor. Die Pyramide hilft dabei zu unterscheiden, bis zu welchem Grad Medienprojekte Menschen mit Behinderung eher instrumentalisieren oder ihnen die volle Entscheidungs- und Verantwortungskompetenz einräumen.

Lukas Adler stellt in seinem Beitrag „Inklusive Medienarbeit, Digitalisierung und Menschenrechte“ (S. 217 – 236) „Bezüge der Menschenrechte zur Praxis von Sozialpädagog*innen als Akteur*innen inklusiver Medienarbeit“ her (S. 217). Inklusive Medienarbeit wird als Medium zur Umsetzung von Menschenrechten verstanden. Sie soll dabei in die Gesellschaft „als digitales Werkzeug zur Verarbeitung von Information für Menschen mit (Lern-)Behinderung“ Einzug finden (S. 217).

Adler schildert die UN-Behindertenrechtskonvention als Legitimierungsgrundlage der Inklusion. Aufgabe der Medien sei es dabei,ein „Abbild aller darstellen und vermitteln" (S. 218) zu können. Die Konvention sei nicht nur die Grundlage, sondern die Zielbestimmung inklusiver Praxis (S. 219). Vor dem Hintergrund der Artikel 8, 9 und 19 der UN Behindertenrechtskonvention sieht Adler inklusive Medienarbeit gesellschaftlich in einer erzieherischen und normalisierenden Rolle (S. 221).

Digitalisierung als „Phänomen gesamtgesellschaftlicher Veränderung“ (S. 221) bietet Menschen mit Behinderung neue Teilhabemöglichkeiten (S. 221). Inklusive Medienarbeit wird zur „Teilnahme an Digitalisierung beauftragt“ (S. 221). Vor dem Hintergrund von Forschungsergebnissen zu „Nutzungsverhalten, Zugang, Barrieren und Möglichkeiten der Digitalisierung“ (S. 222) der Lebenshilfe Graz werden Chancen und Risiken der Digitalisierung z.B. bezüglich der geringeren Nutzung des Internets oder von Smartphones dargestellt. Inklusive Medienarbeit soll dabei durch Qualifizierung die Chancengleichheit erhöhen, wobei der Peerberatung eine besondere Rolle zukommt. Avatare böten in der inklusiven Medienarbeit ergänzend Chancen, da in ihnen „Zuschreibungen wie Behinderung, Ethnie und Geschlecht eine geringere Rolle spielen könnten“ (S. 225). Digitale Bildung, die das „Universelle Design“ (UN Behindertenrechtskonvention Artikel 2) berücksichtigt, kann die Teilhabe am Arbeitsmarkt stärken.

Vor dem Hintergrund der Schilderung von zwei Projekten zur beruflichen Integration aus Deutschland und Österreich kommt Adler zum Schluss, dass inklusive Medienprojekte durch die gesellschaftliche Bildung noch eine größere Anzahl von Menschen erreichen könnten (S. 228).

Zusammenfassend (S. 228 – 229) hält Adler fest, dass inklusive Medienarbeit

  • Ein Werkzeug für die Ausübung von Menschenrechten ist
  • Einen Beitrag zur Förderung der Egalität am Arbeitsmarkt darstellt
  • Fremdwahrnehmungen positiv verändern kann
  • Normalisierungstendenzen zusätzliche Möglichkeiten eröffnet
  • Gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung und Erziehung dient

Anja Thümmler (S. 237 - 246) beschreibt in „Auf Augenhöhe ist mehr als eine „“ die Entstehungsgeschichte, die Arbeitsweisen, die Herausforderungen bei der Finanzierung, dem Umgang mit der Verwaltung oder auch durch bauliche Barrieren von „Radio Inklusive“ aus Leipzig (D). Sendungen werden mindestens alle 8 Wochen produziert, im freien Radio „Radio Blau“ und im Internet-Livestream ausgestrahlt. Die Idee freier Radios „gesellschaftlich marginalisierten Menschen eine eigene Stimme zu geben“ (S. 237) bietet hier eine entsprechende Plattform. Oder, wie Thümmler schreibt: „Leute, über die in anderen Medien gesprochen wird, sollen bei uns das Wort ergreifen können.“ (S. 237)

Diskussion

Der Sammelband bietet einen vertieften Einblick in die Geschichte und den aktuellen Stand diverser inklusiver Medienprojekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es kommen sowohl Medienmachende selbst zu Wort, als auch wird sehr informativ die Historie verschiedener Medienprojekte vorgestellt. Ergänzend finden sich Ausführungen zu Grundbegriffen, wie beispielsweise zur „Partizipation in inklusiver Medienarbeit“. Die Verlinkung via QR Codes bietet einen einfachen Zugang zu Produktionen wie auch zu vertiefenden und weiterführenden Informationen. Schwerpunktmäßig werden Entwicklungen in Österreich geschildert. Aktuelle Entwicklungen, beispielsweise herum um Podcast oder YouTube-Kanäle, werden eher skizziert.

Der Sammelband beansprucht bezüglich der Projektdarstellung keine Vollständigkeit, in der Schweiz wird beispielsweise das Radio Kunterbund nicht erwähnt, welches bei RaBe ausgestrahlt wird und 2018 schon eine Sendung zum Thema „Inklusion“ gesendet hat.

Um einen besseren Überblick und eine konzeptuelle Einordnung zu gewährleisten, wären im Sammelband entsprechende Grafiken hilfreich gewesen.

Die länderübergreifend für die inklusive Medienarbeit zentrale UN Behindertenrechtskonvention wird als Referenz genutzt. Hier wäre ergänzend eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Artikel 30 zur kulturellen Teilhabe und Vorstellungen und Initiativen rund um die „Kulturelle Teilhabe“ interessant gewesen, wie sie beispielsweise in der Schweiz vom Bundesamt für Kultur unterstützt wird (Handbuch Kulturelle Teilhabe).

Nicht ganz nachvollziehbar ist die Definition der inklusiven Medienarbeit mit der Zielgruppe von und mit Menschen mit (Lern-)Behinderung und/oder psychischer Erkrankung. Warum beispielsweise Projekte von Menschen mit einer Sehbehinderung wie Radio Sichtpunkt nicht in einen Sammelband mit dem Anspruch „Menschen mit Behinderung in Journalismus, Radio, Moderation und Film“ darzustellen aufgenommen wurden, erschließt sich nicht. Der Sammelband ist in dieser Hinsicht auch nicht stringent, da er dann doch Hintergründe zur Gehörlosenpädagogik und Anstaltserziehung darstellt.

Aktuelle Frage- und Problemstellungen im Journalismus wie die Halbierungsinitiative in der Schweiz, Auseinandersetzungen um den Rundfunkbeitrag in Deutschland oder aktuelle Herausforderungen für den Qualitätsjournalismus (vergl. Jahrbuch Qualität der Medien, Hauptbefunde 2024 des fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft/​Universität Zürich) werden weniger thematisiert.

Der Sammelband bietet Interessierten einen anschaulichen Einblick in diverse inklusive Medienprojekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hindernisse, Prozesse und Erfolge werden plastisch dargestellt.

Fazit

Der Sammelband „Inklusive Medienarbeit“ gibt einen vertieften Einblick in die Arbeit und Entstehungsgeschichte einer Vielzahl von auch wenig bekannten inklusiven Initiativen und Medienprojekten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schwerpunkt sind die Entwicklungen in Österreich.

Rezension von
Johannes Schmuck
Dipl. Soz. päd.(FH); Mag. Phil (Philosophie, Psychologie und kath. Theologie); Ausbilder (FA);
Geschäftsführung Beratung Bildung Management
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Es gibt 3 Rezensionen von Johannes Schmuck.

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ISSN 2190-9245